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09. Mai 2007, 16:45 Uhr

G-8-Protest als Pop-Event

Voll auf den G-Punkt

Stell dir vor, es ist G8 und alle gehen hin: Der Gipfel in Heiligendamm provoziert Widerspruch bei den üblichen Verdächtigen, ruft aber auch dummschwätzende Popstars wie Jan Delay auf den Plan. Reinhard Mohr über politischen Protest, der zur bloßen Performance und Gutmenschen-Pose verkommt.

Wenn es Horst Schlämmer, der zerknitterten Kunstfigur von Hape Kerkeling aus dem schönen Grevenbroich, körperlich nicht gut geht, dann röchelt er durch Mund und Nasenflügel: "Ich hab' Kreislauf, weisse Bescheid, Schätzelein!" Manchmal hat er dazu noch "Rücken" und "Bandscheibe". Das nennt man Diagnose. Kurz, knapp und treffend. Kein Wort zuviel.

Wenn man sich, derart geschult, im Lande umhört, ist klar: Ein großer Teil der deutschen Pop-, Promi- und Medienszene hat derzeit gerade, alle Jahre wieder, G8. Rücken und Bandscheibe kommen - viele Protestresolutionen, Talkshows und Solidaritätskonzerte später - womöglich noch dazu.

Vier Wochen vor dem G-8-Gipfel der sieben wirtschaftsstärksten westlichen Nationen plus Russland Anfang Juni im Ostseebad Heiligendamm schwillt der lange angekündigte Protest mächtig an. Schon 117 Organisationen zählt die Kampagne mit dem sinnfälligen Namen "Block G8", die darauf zielt, die Gipfelkonferenz durch Blockaden zu stören, wenn nicht zu verhindern. Sympathisierenden Journalisten bietet man sogar ein begleitendes "Blockadetraining" an. Dafür müssen sie aber "aktiv an den Rollenspielen teilnehmen."

Kein Zufall, dass heute 900 Polizeibeamte und 20 Staatsanwälte etwa 40 Büros und Privatwohnungen militanter G-8-Aktivisten durchsucht haben, um möglicherweise geplante Gewalttaten zu verhindern. Die Temperatur steigt. Wie es aussieht, wollen fast alle mitmachen beim großen Halali auf Bush und Merkel, Sarkozy und Blair - von der Grünen Jugend Aachen bis Pax Christi, von der Radikalen Linken in Nürnberg bis zur IG Metall Jugend Berlin. Die Parole heißt: "Wir stellen keine Forderungen an die G8, sondern sagen ganz klar nein."

An vorderster Front marschiert wie stets Attac, die schon etwas in die Jahre gekommene und ein wenig stumpf gewordene Speerspitze der Globalisierungskritiker. Und selbst der heilige Geist des Protestantismus ist schon total fixiert auf den G-Punkt des unseligen Globalisierungsgipfels: Norbert Schneider, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, rief vergangene Woche zu einem "Heiligen Damm des Gebets" auf und hat sich damit schon jetzt den Gerhard-Polt-Preis 2007 für die stabilste Metapher im Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Welt verdient.

Auf einer Demonstration Ende März in Berlin - Motto: "Nein zum Europa des Kapitals" - hatten bereits Antifas und Autonome intellektuell aufgerüstet: "Bald sind die G-8-Fürsten 'zu Gast bei Freunden'. Die Welt in der Hand von Gangstern." Jetzt gelte es, den "verbrecherischen Plänen" zur "imperialistischen Weltherrschaft" entschlossen entgegenzutreten. Ja, klar.

Diesen Ruf hat längst auch die Pop- und Promiszene vernommen, die durch die einschlägigen Aktivitäten von Herbert Grönemeyer ("Deine Stimme gegen Armut"), Bono ("Live 8") und Bob Geldof ("Band Aid", "Live Aid") bewusstseinsmäßig schon voll sensibilisiert ist. Anfang Mai trafen sich Sir Bob Geldof, Ex-Talkmaster Alfred "Bio" Biolek, der Comedian Michael Mittermeier, die Schauspielerin Katja Riemann und viele andere Berufene zu einem "Intellectual Live 8 - Forum für Afrika" in der Berliner Hertie School of Governance.

"Grundsätzlich Scheiße"

Für den 7. Juni ist in Rostock ein großes Popkonzert "Music & Messages", unter anderem mit Bono, Geldof und Grönemeyer geplant, und am vergangenen Wochenende erschien im Rahmen der gleichnamigen Künstlerkampagne die Sampler-CD "Move against G8" mit Songs von Kettcar, Wir sind Helden, Gentlemen, Tomte, Die Toten Hosen, Madsen, Blumfeld, Tocotronic, Jan Delay und anderen.

A propos Jan Delay: "Ich finde es grundsätzlich Scheiße, dass die Herrscher der acht reichsten Nationen festlegen, wie die Welt auszusehen hat", empörte sich der Hamburger HipHopper ("Söhne Stammheims") unlängst im Interview mit der "taz". "Es darf kein Diktat von acht selbsternannten Weltherrschern geben."

Differenzierungen zwischen Angela Merkel und George W. Bush lässt er nicht gelten: "Beide sind Lakaien". Wir vermuten mal: Lakaien des US-Imperialismus. Deshalb "muss man da mit der Faust reinhauen", konkretisiert der 30-jährige "Schöngeist" (Delay) mit der Schwäche für Nike-Schuhe und findet "brennende Autos" eine "super Aktion". Andererseits: Die Uno ist auch "ne gute Sache" und Kofi Annan "einer der respektabelsten Menschen in der Politik". Dass seit Dezember 2006 Ban Ki Moon Uno-Generalsekretär ist, macht nichts. Der ist sicher auch nett, wenn auch nicht so perfekt angezogen wie Kofi.

"Aber Andreas Baader hat gute Klamotten getragen", beharrt der Turnschuhdandy im Angesicht der vollen Gnade seiner erfreulich späten Geburt. Wir verstehen: Nicht alles war schlecht damals in den wilden Siebzigern. Zum Beispiel der Terrorismus: "Die dritte RAF-Generation ist eine Erfindung", enthüllte Delay an anderer Stelle - also auch das Attentat auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen: "Wieso hätten die RAF-Leute jemanden töten sollen, der sich als erster Bankchef für die Entschuldung der Drittweltstaaten stark gemacht hat?"

Wahrscheinlich war es einer von den G8, die damals noch unter dem Tarnnamen G7 ihre Verbrecherversammlungen abhielten. Nur eine Frage bleibt offen: Woher kommt bloß so viel intime politische Einsicht, so viel staunenswertes historisches Wissen? "Eigentlich", gesteht Delay, vermutlich nur halb im Scherz, hat er "gar keine Ahnung von G8". Ganz anders bei der Klimakatastrophe. Da hört er immerhin auf Mutti: "Ich mache jetzt die Sachen, die mir meine Mutter seit 25 Jahren sagt: die Scheiß-Stand-by-Geräte ausmachen oder alle Heizungen, wenn ich gehe."

Global denken, standby handeln. Wer solche Theoretiker hat, kann praktisch machen, was er will. Wer so einfach gestrickt ist, findet immer Gleichgesinnte. Hauptsache, der Move stimmt - und der Groove -, die CD läuft, Marketing und PR-Profil passen zusammen.

Wem die Mimikry des kalendarischen Protests alles ist, der muss nicht mehr selber denken. Wenn heute schon ein Kasten Bier den Regenwald rettet, wieso nicht auch ein cooler Gig am Maschendrahtzaun von Heiligendamm? G8 - mehr muss man gar nicht sagen, um einen schwer gesellschaftskritischen und Talkshow-reifen Eindruck zu machen.

G8 als Fetisch

Vorbei die Zeiten, als wenigstens noch ein rasch angelesener Vulgärmarxismus kursierte, der die Welt perfekt zu erklären suchte. Heute klammert sich der pseudokritische Weltgeist des Pop nur noch an ein Kürzel des Bösen. G8. Zu Adornos Zeiten hätte man das einen lupenreinen "Fetisch" genannt. Zwischen angesagtem Polit-Chic, Pop-Pose und Widerstandsritual entfaltet sich das globalgute Gemeinschaftsgefühl dann wie von selbst.

Pierre Bourdieu, der verstorbene Vordenker der Anti-Globalisierungsbewegung, erklärte im Sommer 2001 in einem SPIEGEL-Gespräch: Nein, dies sei keine revolutionäre Bewegung, "es handelt sich eher um eine Gegenreformation. Man sehnt sich nach wahrer Politik - so wie damals nach wahrer Religion." Die Wirklichkeit in ihrer irritierenden Vielfalt und Widersprüchlichkeit stört da nur.

So ist auch nachvollziehbar, warum man im medialen Hype des bevorstehenden Pop-Events praktisch nichts hört über Putins reaktionäres Russland, in dem Pressefreiheit mörderische Folgen hat, über China, die aufstrebende kommunistisch-kapitalistische Weltmacht, über Indien als neuer Global Player, aber auch nichts über Robert Mugabe, Zimbabwes blutrünstigen Tyrannen im südlichen Afrika, der sein Volk ermordet, nichts über das islamistische Terrorregime in Sudan, nichts (oder bloß etwas in Form einer Fußnote) über den Völkermord in Dafur, und nur sehr wenig über die groteske Korruption afrikanischer Regimes, in deren Folge beinah jede Art von Entwicklungshilfe in den Taschen von Despoten landet.

Dass einige schwarzafrikanische Experten inzwischen sogar einen kompletten Stopp der klassischen Entwicklungshilfe fordern, die letztlich nur Schaden anrichte, ist für viele der Pop- und PR-Moralisten gewiss eine Neuigkeit. Dann erst wäre dringend zu sprechen über den Wahnsinn, dass staatlich subventionierte Lebensmittel - oft sogar gut gemeinte kostenlose Hilfslieferungen von Überschüssen aus der westlichen Welt - die lokalen Märkte Afrikas zerstören. Und vieles andere mehr.

Aber das ist vermutlich alles viel zu kompliziert für die weltweite Gemeinde der Michael-Moore-Linken, die sich nur zu gerne Lügenmärchen auftischen lässt, wenn dadurch aus dem schlechten Gewissen im Handumdrehen eine coole und unterhaltsame Performance wird, der gefühlte Protest der Popkultur.

Zitat aus dem Pressetext zur oben genannten Sampler-CD : "Ya basta! Join the rebel side! Move against G8!"

Oh yeah, man!

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