G20-Ausschreitungen Die Linke muss sich entscheiden

Die Gewalt in Hamburg gefährdet eine Widerstandskultur, die kreativ und friedlich, solidarisch und demokratisch ist. Will sie überleben, darf sie sich nicht aufreiben in Solidaritätsgefechten für Idioten der Gewalt.

Schwarze Rauchschwaden über Hamburg am 7. Juli 2017
Getty Images

Schwarze Rauchschwaden über Hamburg am 7. Juli 2017

Ein Kommentar von Elke Schmitter


Ja, man kann für fast alles unter der Sonne Begründungen finden. Auch wenn sie nicht scheint.

Es war politisch fahrlässig und falsch, den Gipfel in Hamburg auszurichten. Und der entfesselte Kapitalismus ist brutal, zerstörerisch und zu bekämpfen.

Aber er wird nicht daran zugrunde gehen, dass ein paar Hundertschaften gut genährter und trainierter Jungmänner ihm den militanten Kampf ansagen, indem sie Supermärkte plündern, Kleinwagen in Brand setzen und sich eine Schlacht mit Polizisten liefern. (Die sie natürlich sofort anriefen, würden sie mit ihrer Freundin in der Innenstadt von Rostock von Neonazis angegriffen.)

Er wird, im Gegenteil, dadurch erstarken.

Denn nichts taugt ihm besser als eine Opposition, die sich um Scharmützel bekümmern muss. Die unaufhörlich beschäftigt ist mit taktischen und moralischen Fragen dieser Art: Ist es noch "links", mit Pflastersteinen auf Polizisten zu werfen, hört das Linkssein auf, wenn man Kitas oder Altenheime demoliert, wer gehört da zu wem, und wo steht der Feind?

Das Gewaltmonopol des Staates ist eine feine Sache, wenn man ihm denn vertrauen kann. Man kann aber auch die Polizei, die Bundeswehr, die Organe der Sicherung von Vertrauen, von der Feuerwehr bis zum medizinischen Noteinsatzpersonal, so konsequent in die Rolle der Büttel und Ausputzer drücken, dass eine absurde Feindschaft entsteht.

Fotostrecke

52  Bilder
Proteste gegen G20-Gipfel: Hamburg, 7. Juli

Was Hamburg gezeigt hat: Die Linke muss aufhören zu lavieren. Es geht nicht nur, aber auch um den beschämenden Effekt, dem man nicht entkommen wird: Dass Putin wie Erdogan auf Deutschland herablassend lächelnd zeigen, wann immer die deutsche Diplomatie daran erinnert, dass Protest zur Demokratie gehört: Ihr wollt uns belehren, wie man mit Randale umgeht, was habt denn ihr getan?


Im Video: G20-Krawalle in Hamburg

Es geht auch, und vor allem, um die Rettung einer Widerstandskultur, die kreativ und friedlich, solidarisch und demokratisch ist. Die derzeit in der Zwickmühle ist zwischen einer hochgerüsteten, auch fehlgesteuerten Polizei und einem apolitischen schwarzen Block - und in dieser öden, destruktiven Schlachtordnung buchstäblich verschwindet: Physisch in die Flucht geschlagen und paralysiert durch Wasserwerfer, Hubschrauber und Pfefferspray, politisch aufgerieben und zersplittert durch Solidaritätsgefechte für Idioten der Gewalt.

Bei der nächsten Demo dieser Art würde ich, und sei's mit Blumen im Haar und dem kommunistischen Manifest in der Hand, lieber mich wehrlos-schützend vor die Polizisten stellen als vor vermummte, austrainierte Dunkelmänner der Apokalypse.

Meine Freunde seid ihr nie gewesen, aber jetzt seid ihr meine politischen Gegner geworden.

insgesamt 230 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Actionscript 08.07.2017
1. Wortspiele
Hier wird in der Überschrift schon ein gefährliches Wortspiel betrieben. "Die Linke muss...". "Die Linke" ist auch die Partei "die Linke". Soll also die Überschrift übergreifend auf die Stimmung gegenüber der Partei auch Einfluss nehmen? Und abgesehen davon, wer ist denn ansonsten "die Linke", SPD, die Grünen, die Linke, die Piraten? Da wird alles in einen Topf geworfen. Congratulations, Frau Schmitter, sie machen gerade Wahlkampf für die CDU/CSU vielleicht auch ein bisschen für die AFD, die sich händereibend im Hintergrund hält und deren Zahlen vermutlich bald wieder ansteigen werden. Denn "links" kann man ja jetzt nicht mehr wählen. Da stellt man sich ja mit den Chaoten auf eine Stufe.
speedy 08.07.2017
2. Das ganze Bild bitteschön!!!
Sie können nicht einfach mit Freitag anfangen,es ist für eine Journalistin ein Armutszeugnis. Wenn sie die Gewalt von der gesamten Vorwoche wie die Wasserwerfer gegen ein friedliches Fest, oder das rechtswidrige vorgehen gegen das vom BVG genehmigte Protest-Camp.Dann kam der Donnerstag wo die Polizei friedliche Demonstranten einkesselte gegen Hindernisse drängte und Panik auslöste (alles im Livestream zu sehen). Das in einer situation in der die Veranstalter mit den Personen schon einig war das sie die Vermmung ablegten,es aber der Polizie nicht schnell genung ging.Wenn wir diese Situation betrachten gab es bis dahin keinerlei Gewalt von Zivilisten/Bürger gegen diese Polizei. Ab dann wurde die Provokation (auch durch Provokateure des Verfassungsschutzes und der Polizei in dem Schwarzen Block) nicht mehr hingenommen.Ich bin davon überzeugt das der Staat dies wieder benutzt die restliche Verfassung abzuschaffen und das unter tatkräftiger Unterstützung wie von ihnen.Es ist mittlerweile nur noch einen Gewinner und das ist der Polizei- und Überwachungsstaat,jedes Versagen dieser Kräfte wird mit einer Belohnung durch mehr Rechte und weniger Bürgerrechte beantwortet.Der bisherige Bürgerrechtsabbau hat die Regierung Merkel nicht daran gehindert die Gewalttäter ins Land zulassen oder war es eine Geheimdienstoperation die genau diese Krawalle erzeugen sollten.Sie schreiben über etwas und waren nicht einmal Vorort,aber wenn linksradikale Markenklamotten tragen dann stimmt an dieser Geschichte etwas nicht.
AlBundee 08.07.2017
3. So ein Quatsch
"Die Linke muss sich entscheiden" oder "Das linke Lager muss seine Haltung zur Gewalt überprüfen". Ein letztens oft geäusserter, sehr sinnvoller Satz. Etwa so tiefschürfend wie "Das Unternehmerlager muss seine Haltung zur Steuerehrlichkeit prüfen" oder "Gewerkschaften müssen ihre Haltung zum Fleiss prüfen" oder "Der Fussball muss seine Haltung zum Prügeln prüfen". DIE Gelegenheit, alles wogegen man schon immer war, in einen Sack zu stecken und mit der Keule draufzuhauen. Aber trotzdem völlig daneben. Unternehmer sind Opfer einer unfairen Steuerbelastung und eines unfairen Wettbewerbs gegen steuerbefreite Konzerne. Deutsche Arbeitnehmer werden durch Chinesen, Indier, Software und Roboter ersetzt. Die Bilder von Autonomen zu Zeiten von Startbahn-West Protesten in den 80ern sahen genauso aus, wie die heutigen Bilder aus Hamburg. Mitglieder "Der Linken" waren damals noch Regimefunktionäre oder Bespitzelte in der DDR. Heute stellen die Grünen in einer Koalition mit der SPD den Hamburger Senat und sind somit VORGESETZTE der Hamburger Politzei. Wen wählen Molotovcocktails schleudernde Autonome? Ich vermute mal, sie wählen überhaupt nicht, schon gar nicht die spiessigen Grünen. Das sind durchgedrehte Knallerbsen, verkrachte Existenzen mit Spass an Gewalt und Anarchie. Sie leben ihre Freude an der Destruktion im Durcheinander grosser Demonstrationen aus. Genau wie Hooligans explizit nur zu Fussballspielen reisen, um sich möglichst viel zu prügeln und alles kurz und klein zu hauen, völlig schnurz, wie das Spiel ausgeht. Schaffen wir deswegen jetzt den Fussball ab, oder verbieten die Grünen, die Linken und die SPD, alle, je nach Definition, Mitglieder des Linken Lagers? Und schaufeln Merkel gleich mit in den Knast, da sie in einigen Entscheidungen linker handelt als SPD und Grüne? Ich glaube, die korrekten Schlussfolgerungen wären eher: 1) das Dilettantenstadl, das für die G20-Planung zuständig war, zur Verantwortung zu ziehen. Was schwierig sein wird, da SPD/Grüne (Hamburg), ein idiotisches Verwaltungsgericht (Hamburg) und CDU/SPD (Bund). Man hat den Ablauf friedlicher Proteste nicht nur nicht koordiniert, sondern unterdrückt und mit unnötig hektischen Verwaltungsakten (to camp or not to camp, so als ob der G20 in diesem Moment bekannt geworden wäre) in einen Haufen zu recht verärgerter, in der gesamten Stadt herumvagabundierender Gruppen verwandelt. Ideal für Autonome, um hier unterzutauchen und ein Horror für die Polizei, die nunmal nicht an allen Orten gleichzeitig sein kann. 2) Künftig bei solchen Veranstaltungen auf frühere Erfahrungen zurückzugreifen (hat man nicht gemacht) und friedlichen Protesten einen Ort zu geben. Dann muss man die Polizei nicht auf 100 Orte auseinanderziehen 3) Autonome künftig dingfest zu machen. Verhaften, registrieren, mehrjährige Haftstrafen. Mit Betäubungsgewehren, wenn nötig. Niemand kann mit bürgerkriegsähnlichen Handlungen völlig unbeteiligte zu Geiseln des G20 machen. Deutschland ist nicht der Islamische Staat.
kleinsteminderheit 08.07.2017
4. Untrennbar verbunden
Jede Widerstandsbewegung hat ihre Gewalttäter. Egal ob es Kapitalismusgegmer, Islamisten, Nazis oder Tierschützer sind. Sie distanzieren sich nur halbherzig von der Gewalt, relativieren , erklären und suchen die Schuld beim System, welches Wut und Gewalt provoziert. Bullenwannen und Banken abfackeln ist irgendwie cool, brennende Bioläden werden Trittbrettrandalietern zugeordnet. Die Gewalttäter brauchen ihre gewaltfreien Unterstützer, die ihnen Deckung, Obdach, Logistik und notfalls einen Anwalt stellen. Die Gewaltfreien brauchen die Gewalt, weil diese ihren Anliegen eine hohe Medienpräsenz garantiert.
Cyberfeld 08.07.2017
5. Schock
Ist mal wieder ein bisschen Esoterisch aber praktisch gesehen sollte man sich von Gewalt distanzieren. Leider war das ganze vorhersehbar und die Realität wurde mal wieder ihn den Mühlen der Politik ignoriert oder als mittle der Abgrenzung genutzt. Die Hamburger und Hambugerinnen werden sicherlich sauer sein auf alle 3 Autonome, Polizei und Politik. Insgesamt würde ich sagen , die Wahl für den Austragungsort der G20 , die Aggressivität der Polizei und der Autonome , aber auch die blauäugigkeit der Politik in Punkto Globalisierung trotz massiven Gegenwindes aus der Bevölkerung ihm G20 gipfel und auch davor das EU-Japan Freihandelsabkommen All das war schockierend und Sprachlos machend. Die Frage ist wenn alle sich wieder gefunden haben wird das alles noch schlimmer werden ? Die Spaltung der Gesellschaft und das nicht miteinander reden kann nicht die Antwort sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.