St. Pauli nach G20 "Gewalt hinterlässt Narben"

Auch drei Wochen nach G20 ist der Gipfel immer noch Thema, vor allem für die Bewohner von St. Pauli. Im Interview spricht die Hamburger Schriftstellerin Simone Buchholz über einen verwundeten Stadtteil.

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Nach den Ausschreitungen zum G20-Gipfel in Hamburg wurde über viel gesprochen - außer darüber, wie es den Anwohnern geht, die unmittelbar von der Gewalt betroffen waren. Die Schriftstellerin Simone Buchholz lebt seit 20 Jahren auf St. Pauli, wo auch ihre Kriminalromane spielen.

Auch unser Autor Marcus Müntefering lebt dort. Er und Buchholz kennen sich seit zwei Jahren, seit einem Jahr moderieren sie gemeinsam den Literatur-Talk "Trio mit 4 Fäusten" in der Bar "439".

Zur Person
  • Achim Multhaupt
    Simone Buchholz, 45, ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg St. Pauli. Sie absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule und arbeitete als Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin. Heute schreibt sie Regionalkrimis aus Hamburg.

SPIEGEL ONLINE: Am G20-Wochenende warst Du nicht in Hamburg. Bereust Du diese Entscheidung?

Buchholz: Ich habe schon das Gefühl, St. Pauli im Stich gelassen zu haben. Als ich in meinem Exil an der Ostsee saß und es anfing zu knallen, dachte ich, dass ich jetzt gern zu Hause wäre. Nicht um mitzumischen, sondern um da zu sein, Haltung zu zeigen. Und man hört in den Straßen immer wieder diesen Satz: Wäre der Stadtteil in der normalen Besetzung gewesen und nicht halb leer, hätte man dem Chaos vielleicht etwas mehr entgegensetzen können. Aber für mich gab es keine Alternative. Ich habe einen neunjährigen Sohn, den ich nicht in Gefahr bringen wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wann bist Du zurückgekommen?

Buchholz: Am Sonntag, und ich musste abends sofort raus an den Tresen, an dem meine Freunde sitzen. Ich wollte bei ihnen zu sein, mit ihnen reden. Viele von ihnen hatten sich im Vorfeld für friedlichen Protest engagiert. Die waren nach den Gipfeltagen ziemlich angeschlagen, aber nicht entmutigt.

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Proteste gegen G20-Gipfel: Hamburg, 7. Juli

SPIEGEL ONLINE: Viele waren vor allem sehr wütend.

Buchholz: Es ist, als würdest du vor jemandem stehen, dem Gewalt angetan wurde, und du würdest ihn gern trösten. Aber von überall kommen permanent diese Stimmen, die sagen: Alles wird gut, wird schon alles wieder gut. Damit der, der den Schmerz hat, aufhört sich zu beschweren. Seine Schrammen und Wunden sollen einfach weggewischt werden. Ich habe den Eindruck, die meisten Hamburger hätten gern, dass das alles ganz schnell wieder gut wird. Aber so einfach ist das nicht. Gewalt hinterlässt Narben.

SPIEGEL ONLINE: Warst Du überrascht, wie heftig die Auseinandersetzungen waren?

Buchholz: Nein, mir war wie vielen anderen vorher klar, was passieren würde. Aber keiner hat im Vorfeld mit uns geredet, keiner wollte unsere Bedenken hören. Stattdessen waren wir wochenlang einer massiven Polizeipräsenz ausgesetzt. In der Woche vor dem Gipfel war es ja fast so, als hätte Einsatzleiter Dudde die Regierungsgeschäfte übernommen. Man hatte das Gefühl, permanent von der Polizei misstrauisch beäugt zu werden, nur weil man wohnt, wo man eben wohnt.

SPIEGEL ONLINE: Olaf Scholz wird teilweise heftig kritisiert für seine mangelnde Bereitschaft, eigene Fehler zuzugeben. Wie ordnest Du in die Rhetorik der vergangenen Wochen ein? Es fallen ja immer wieder Begriffe wie Mordbrenner und... …

…Buchholz: ... Denunzianten. Dieses Phrasengedresche finde ich sehr unangenehm. Wenn ich den Begriff "bürgerkriegsähnliche Zustände" höre, kriege ich einen Rappel. Oder wenn Scholz Polizeigewalt als linken Kampfbegriff bezeichnet. Da geht es doch nur darum, die Macht über die Sprache, die Deutungshoheit zu erobern. Und damit zementiert man die Verhältnisse - was übrigens für beide Seiten gilt. Als ich mich bei mir in der Straße mit Polizisten unterhalten habe, bei denen ja auch gewaltiger Redebedarf besteht, fuhr jemand mit dem Fahrrad an uns vorbei und rief mir über die Schulter "Verräterin" zu. Was für ein Schwachsinn. Als wäre es verwerflich, miteinander zu reden.

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G20-Gipfel: Polizei stoppt Demonstration

SPIEGEL ONLINE: Davon, haben viele Hamburger das Gefühl, ist man ganz weit entfernt, gerade bei der SPD. Warum hört man keine anderen Stimmen aus der Fraktion?

Buchholz: Ich glaube, dass Olaf Scholz wie ein König regiert, und dass es schon verdammt viel Mut braucht, um den Mund aufzumachen. Ich finde das befremdlich. Und wenn ich höre, dass sich die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete, die seit Jahren auf St. Pauli gute Arbeit leistet, im Supermarkt anspucken lassen muss und sich im Viertel eigentlich kaum noch blicken lassen kann, finde ich es umso seltsamer, dass alle strammstehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kreative haben allerdings keine Lust mehr auf den Stadtteil und ziehen weg. Kannst du das verstehen?

Buchholz: Klar, denn es ist ja wirklich, wie Rocko Schamoni einmal gesagt hat: "Alles, was scheiße ist und Geld bringt, wird hier gemacht." Und dass hier Menschen leben, ist denen, die dann Autos anzünden oder uns vor die Tür kotzen, völlig egal. Aber das hat vor allem viel mit einem Senat zu tun, der den Stadtteil mit Großveranstaltungen pflastert und die Bedingungen schafft, dass es immer mehr Massenbesäufnisse gibt.

SPIEGEL ONLINE: Aber liegt nicht ein Teil der Faszination St. Paulis darin, dass hier der Exzess erlaubt ist?

Buchholz: Natürlich, ich male ja auch gern mal über den Rand. Was aber bei vielen verloren geht, die hierherkommen, um es krachen zu lassen, ist der Respekt. Das Bewusstsein dafür, dass St. Pauli schon immer auch ein Wohnviertel der bunten Menschen und Freigeister war. Stattdessen herrscht eine Scheiß-egal-Haltung, sowohl bei den Besuchern als auch bei der Politik oder der bürgerlich-konservativen Presse. Das erlebe ich selbst, und das höre ich, wenn ich mit Freunden, Polizisten oder Türstehern auf dem Kiez rede.

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Seite 1
wallaceby 03.08.2017
1. Was für eine weinerliche Selbstbemitleidung...
Ich kann dieses unsägliche auf alle Anderen ständig zu zeigen nicht mehr ertragen! Die Leute in St. Pauli, bzw. diejenigen welche als ach so lustiges Partyvölkchen sich am Steinewerfen und Eskalationsrausch gegen die Polizei mitbeteiligt haben, sind eben der Hauptgrund, daß dieser Stadtteil jetzt seinen Ruf noch schlimmer beschädigt sieht, als er vorher eh schon war! St. Pauli ist ja so stolz auf seine "Typen"... Und jetzt weiß eben der letzte Mensch in Deutschland, daß damit in der Regel eine ziemlich unkontrollierbare Masse an sogenannten "Linksautonomen" gemeint ist, die vor blinder Gewalt keinen Halt macht. Und das verweisen auf den sicherlich auch dabei vorgekommenen linken Gewalt-Tourismus aus anderen europäischen Ländern mag ja stimmen, aber die Hamburger haben dabei zugesehen und applaudiert, wie diese Menschen dann die Geschäfte geplündert haben, und haben Nichts dagegen getan! Wer wie diese linken Chaoten die Gewalt sät, dann ausschließlich auch noch der Polizei die Schuld dafür gibt, der kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben! Und der Rest der deutschen Bevölkerung ist diese Hamburger Nabelschau ja eh schon vollkommen überdrüssig geworden! Wir hier in Bayern können über ihre Hamburger katastrophalen Verhältnisse eh nur noch schmunzeln. Es mag ja überall krasse Aussetzer mal geben, aber was in Hamburg bei Linken und dann auch noch bei der unfähigen SPD-geführten Polizei dort abgeht, geht schon lange auf keine Kuhhaut mehr! Verschont uns doch bitte mit eurem Selbstmitleid! "Bürgerkriegsähnliche Zustände"... Oh mein Gott! Dann haben sie dort oben im Norden den wahren Begriff von Krieg scheinbar immer noch nicht verstanden!
B!ld 03.08.2017
2. @1 - wallaceby
Zitat von wallacebyIch kann dieses unsägliche auf alle Anderen ständig zu zeigen nicht mehr ertragen! Die Leute in St. Pauli, bzw. diejenigen welche als ach so lustiges Partyvölkchen sich am Steinewerfen und Eskalationsrausch gegen die Polizei mitbeteiligt haben, sind eben der Hauptgrund, daß dieser Stadtteil jetzt seinen Ruf noch schlimmer beschädigt sieht, als er vorher eh schon war! St. Pauli ist ja so stolz auf seine "Typen"... Und jetzt weiß eben der letzte Mensch in Deutschland, daß damit in der Regel eine ziemlich unkontrollierbare Masse an sogenannten "Linksautonomen" gemeint ist, die vor blinder Gewalt keinen Halt macht. Und das verweisen auf den sicherlich auch dabei vorgekommenen linken Gewalt-Tourismus aus anderen europäischen Ländern mag ja stimmen, aber die Hamburger haben dabei zugesehen und applaudiert, wie diese Menschen dann die Geschäfte geplündert haben, und haben Nichts dagegen getan! Wer wie diese linken Chaoten die Gewalt sät, dann ausschließlich auch noch der Polizei die Schuld dafür gibt, der kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben! Und der Rest der deutschen Bevölkerung ist diese Hamburger Nabelschau ja eh schon vollkommen überdrüssig geworden! Wir hier in Bayern können über ihre Hamburger katastrophalen Verhältnisse eh nur noch schmunzeln. Es mag ja überall krasse Aussetzer mal geben, aber was in Hamburg bei Linken und dann auch noch bei der unfähigen SPD-geführten Polizei dort abgeht, geht schon lange auf keine Kuhhaut mehr! Verschont uns doch bitte mit eurem Selbstmitleid! "Bürgerkriegsähnliche Zustände"... Oh mein Gott! Dann haben sie dort oben im Norden den wahren Begriff von Krieg scheinbar immer noch nicht verstanden!
Oops, da hat Ihnen aber jemand ein komisches Bild von der Lage in den Kopf gesetzt. Wer eine Horde Haie in eine Badebucht lockt, sollte eigentlich nicht davon ausgehen, dass diese dann nicht beissen. Die Polizei hat zwar ganz schön gestümpert, ist aber letztendlich mit politisch missbraucht worden, so erkläre ich mir jedenfalls deren blinde Wut, mit der schon Wochen vorher die Menschen hier unter Druck gesetzt wurden. Dass es dann knallt, war offenkundig politisch beabsichtigt, auch um Irreführungen wie die Ihrige zu erzeugen. Ihr Hass auf die Hamburger ist leider nur ein Luftschloss. Aber über die Bayern, voran den ständig zugekifften Seehofer, schmunzeln wir ja auch viel und gern.
spmc-12355639674612 03.08.2017
3. Wenn Sie
Zitat von wallacebyIch kann dieses unsägliche auf alle Anderen ständig zu zeigen nicht mehr ertragen! Die Leute in St. Pauli, bzw. diejenigen welche als ach so lustiges Partyvölkchen sich am Steinewerfen und Eskalationsrausch gegen die Polizei mitbeteiligt haben, sind eben der Hauptgrund, daß dieser Stadtteil jetzt seinen Ruf noch schlimmer beschädigt sieht, als er vorher eh schon war! St. Pauli ist ja so stolz auf seine "Typen"... Und jetzt weiß eben der letzte Mensch in Deutschland, daß damit in der Regel eine ziemlich unkontrollierbare Masse an sogenannten "Linksautonomen" gemeint ist, die vor blinder Gewalt keinen Halt macht. Und das verweisen auf den sicherlich auch dabei vorgekommenen linken Gewalt-Tourismus aus anderen europäischen Ländern mag ja stimmen, aber die Hamburger haben dabei zugesehen und applaudiert, wie diese Menschen dann die Geschäfte geplündert haben, und haben Nichts dagegen getan! Wer wie diese linken Chaoten die Gewalt sät, dann ausschließlich auch noch der Polizei die Schuld dafür gibt, der kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben! Und der Rest der deutschen Bevölkerung ist diese Hamburger Nabelschau ja eh schon vollkommen überdrüssig geworden! Wir hier in Bayern können über ihre Hamburger katastrophalen Verhältnisse eh nur noch schmunzeln. Es mag ja überall krasse Aussetzer mal geben, aber was in Hamburg bei Linken und dann auch noch bei der unfähigen SPD-geführten Polizei dort abgeht, geht schon lange auf keine Kuhhaut mehr! Verschont uns doch bitte mit eurem Selbstmitleid! "Bürgerkriegsähnliche Zustände"... Oh mein Gott! Dann haben sie dort oben im Norden den wahren Begriff von Krieg scheinbar immer noch nicht verstanden!
von "wir hier in Bayern" sprechen (wen auch immer Sie mit "wir" meinen - hoffentlich nicht auch mich!), hätte ich doch gerne gewusst, welchen genauen Bezug Sie eigentlich zum Hamburger Stadtteil St. Pauli haben, dass Sie meinen, sich in dieser arroganten Weise über dessen Bewohner auslassen zu müssen? Seien Sie lieber froh, dass der G20-Gipfel nicht in München stattfand!
semitone 04.08.2017
4. @wallaceby
Was reden sie hier für einen Unsinn! Sie kennen St.Pauli nicht und ich glaube kaum das sie die Aussagen von Frau Buchholz verstehen noch richtig einordnen können. Aber Hauptsache mal ordentlich pöbeln oder wie? So langsam verstehe ich warum so viele bayerische Freigeister in meinem Viertel wohnen und nicht in München. Viele Grüße aus St.Pauli
opagila 04.08.2017
5.
Ich finde den ersten Beitrag gut. Diese ständige Jammerei, die böse Polizei und die lieben linken, die allein gelassen Chaoten und vor allem der seltsame Anwalt, der die Gewalt in der eigenen Wohnung doof findet aber in besseren Wohngegegenden klasse. Die linken haben genug seit den 68ern angerichtet. Die ganzen Morde, und keiner von den noch lebenden Terroristen will's gewesen sein. Der Augstein findet links ja auch klasse.
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