Begriffschaos Nicht alles, was brennt, ist Anarchie

90 Prozent der Politik besteht aus Wortgefummel. Nach dem G20-Elend hoch im Kurs: das Rumgeschmeiße mit dem Anarchie-Begriff. Keine gute Idee.

Graffiti in Hamburg
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Ich möchte nicht klugschnacken, aber können wir kurz über Anarchie reden? Anarchie ist ein anziehend wilder Begriff, so sieht es aus, aber eben auch ein politischer Begriff, mit dem man nicht rumschmeißen sollte, wann immer irgendwo Chaos ist.

Rumgeschmissen wird mit dem Anarchie-Begriff derzeit aus allen möglichen Richtungen: "Die Nacht, in der im Schanzenviertel die Anarchie ausbrach", titelte "Welt Online" über das G20-Elend, die "NZZ" schreibt über "Das süsse Gift der Anarchie", die "taz" nennt ihren Bericht "Der Abend der Anarchie". "Focus Online" meint: "Die Schanze brennt! Aufnahmen zeigen Anarchie, Gewalt und Plündereien in Hamburg". Und Donald Trump twitterte nach der Randale in Hamburg, die Polizei hätte einen guten Job gemacht: "Law enforcement & military did a spectacular job in Hamburg. Everybody felt totally safe despite the anarchists." "Bild Online" zeigt sich fast schon serviceorientiert: "Der große Anarcho-Check".

Süße Unwissenheit, die Metaphern sprudeln lässt oder unmetaphorisch gemeinte Beschreibungen, aber leider: falsch. Sollte man so nicht stehen lassen.

Es ist kompliziert mit dem Begriff der Anarchie: Obwohl das Anarchie-Zeichen wohl das am häufigsten irgendwo hingesprühte oder -geritzte politische Symbol ist, ist der Begriff des Anarchismus den allermeisten Leuten notorisch unklar. Auf der einen Seite gibt es Leute, die Anarchie eine attraktive Vorstellung finden, eine utopische Idee, die irgendwas mit Punk oder Ton Steine Scherben zu tun hat, sich aber irgendwann verwächst, sobald man vernünftig geworden ist. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, für die Anarchie nur ein Synonym für Eskalation oder Apokalypse ist. Für sie ist Anarchie der Zustand, in den alles versinkt, sobald die öffentliche Ordnung auseinanderfällt: vorzivilisatorische Zustände, Willkür und Gewalt.

Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie Anarchie für Chaos halten. Entgegen dieser Vorstellung geht es allerdings im Anarchismus sehr wohl um Ordnung, die nicht auf Herrschaft, Ausbeutung, Konkurrenz und Egoismus basiert, sondern auf Gleichberechtigung, Vereinbarungen, Hilfe und Solidarität. Gewalt ist kein Teil dieser Theorie, ganz im Gegenteil.

"Anarchismus ist die Philosophie einer neuen Gesellschaftsordnung, die auf Freiheit basiert, welche nicht durch von Menschen gemachte Gesetze eingeschränkt ist", schrieb Emma Goldman, "die Theorie, dass jede Form von Regierung auf Gewalt beruht und deshalb überflüssig, falsch und schlecht ist." Wären die Leute, die in Hamburg die Geschäfte geplündert haben, Anarchistinnen und Anarchisten gewesen, hätten sie die Läden nicht zerstört, sondern beispielsweise in Genossenschaften übernommen, die Preise und Löhne angepasst und als ausbeutungsfreie Unternehmen geführt. Bisschen was anderes.

Anarchie basiert auf Gleichberechtigung, nicht auf Chaos

Anarchie ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Nur wenn man glaubt, dass Herrschaft von oben nach unten die einzig mögliche Ordnung ist, ist Anarchie Unordnung. Ansonsten ist es eine ziemlich klare, auf Abmachungen beruhende Sache. Mir ist keine einzige anarchistische Theorie bekannt, in der brennende Autos vorkämen. Für den sozialen Zustand, in dem keine Ordnung mehr vorhanden ist, gibt es auch einen Begriff: Anomie. Kennt aber keine Sau.

Im Namen der Anarchie wurden zugegebenermaßen auch schon Leute umgebracht, aber im Namen der meisten guten Dinge ist auch schon Scheiße passiert. Muss man halt gucken, dass man sich distanziert und differenziert - wichtiges Doppel-D generell -, kriegt man ja wohl hin als erwachsener Mensch.

Es ist eine seltsame Ironie, dass Ereignisse wie die G20-Proteste so sehr als Bullshit-Fabriken in gesellschaftlichen Diskursen wirken: Hier liegt ja wohl kein Stein mehr auf dem anderen, komm, wir beschreiben das Ganze mit politischen Begriffen, die auch nicht passen. - Keine gute Idee. Man kann das für Wortgefummel halten, aber, na ja, 90 Prozent der Politik besteht aus Wortgefummel. Es macht schon einen Unterschied, wie man Dinge benennt.

Wenn in dieser ganzen G20-Sache etwas anarchistisch war, dann die Aufräumaktion der Leute, die sich hinterher auf den Straßen zum Aufräumen trafen: Gegenseitige Hilfe ist ein Prinzip des Anarchismus, blinde Zerstörungswut ist es nie gewesen.

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