"Game of Thrones" als politische Krisenerzählung Wo sich Frauke Petry und Daenerys Targaryen treffen

"Game of Thrones" ist die beliebteste Serie des sogenannten postfaktischen Zeitalters. Kein Zufall, denn "GoT" greift Ressentiments auf, die auch AfD und Donald Trump gegenüber dem politischen System befeuern.

Frauke Petry auf dem Thron (Montage)
[M] SPIEGEL ONLINE; HBO/ Sky; imago/Future Image

Frauke Petry auf dem Thron (Montage)

Ein Essay von Sebastian Dümling


Vielleicht sollte man, wenn man über die AfD, Trump und Co. spricht, endlich auch über die Serie "Game of Thrones" ( "GoT" ) reden. Schließlich wird in "GoT" Politik und Kultur auf eine Weise dargestellt, wie man sie auch - aber nicht nur! - in den Erzählungen der AfD und ihrer globalen Verbündeten wiederfindet: "GoT" erzählt von einem universalen Unbehagen gegenüber der gegenwärtigen politischen Kultur.

Und möglicherweise ist "GoT" derzeit eine der erfolgreichsten Serien der Welt, weil hier auch diejenigen ihr politisches Unbehagen bestätigt und kompensiert sehen, die niemals AfD, Le Pen oder Trump wählen würden.

Die mittelalterliche Fantasy-Welt von "GoT" kann als Projektionsfläche verstanden werden, die sich aus gegenwärtigen Empfindungen, Stimmungen, aber auch Ressentiments und Sehnsüchten hinsichtlich Politik zusammensetzt. Dafür ist "GoT" besser geeignet als andere der gegenwärtigen Großserien - gerade weil die Geschichte in einem weit entfernten, nur schwerlich für "real" zu haltenden Fantasialand spielt: In "GoT" beobachtet sich die westliche Gesellschaft in ihrer Krisenhaftigkeit und formuliert zugleich Programme, um diese Krisenhaftigkeit hinter sich zu lassen.

"GoT" artikuliert einen globalen Vertrauensverlust, also nicht nur, dass der Politiker, die politische Institution nicht mehr vertrauenswürdig ist, sondern, dass der öffentlichen und privaten Sphäre jegliche Erwartbarkeit abhandengekommen ist.

Begierden sprengen Regeln

Dabei geht sie weiter, als ihr Titel ankündigt. Spiele sind regelgeleitet; sie funktionieren, indem man sich auf die Regelkonformität seiner Mitspieler verlassen kann, sonst sind Spiele Chaos. Das Spiel um die Throne ist daher kein Spiel, weil es keine Regeln gibt, weil das Einzige, was die Handelnden über die möglichen Handlungen ihrer Mitspieler wissen, ist, dass sie falschspielen.

Selbst der gegen politische Funktionäre ja häufig - sowohl in der Popkultur, als auch in der sogenannten "realen" Welt - gerichtete Vorwurf, diese seien nur an der Macht interessiert, geht in der Serie nicht auf: Für die einen ist politische Macht nur Mittel zum Zweck, nämlich verbotene Leidenschaften - Inzest, Sadomasochismus - ungestört auszuleben, für die anderen kompensiert politische Macht Kindheitstraumata. Man kann sich also nicht einmal mehr darauf verlassen, dass die politischen Eliten schlicht machtgierig sind - sie sind lust-, gewalt-, ehr- und liebesgierig, Begierden, die mithilfe politischer Macht erfüllt werden sollen.

Normalerweise leben mediale Darstellungen des Politischen auch davon, den letzten Beweger politischer Macht benennen zu können: den Imperator in Star Wars , den Sheriff von Nottingham in den Robin-Hood-Erzählungen. So können erzählerische Antagonisten auch sehr eindeutig mit der Idee einer korrumpierten Macht zusammengebracht werden.

Alles Marionetten - wie bei Xavier Naidoo

Dies fehlt in "GoT": In King's Landing, der Hauptstadt des Reichs, die leicht mit New York oder Washington zu übersetzen ist, treffen sich verschiedene dynastische Koalitionen und Verpflichtungen, und selbst die scheinbar allmächtigen Lannisters erweisen sich als Bittsteller der nebulösen 'Iron Bank'.

Der stärkste Vorwurf, den die Serie an ihre Eliten richtet, ist deshalb, dass die scheinbar Mächtigen gar nicht so mächtig sind, sondern vielmehr, um Xavier Naidoo zu zitieren, "Marionetten". Genauso wie Rechtspopulisten der Vorstellung anhängen, dass "die da oben" eigentlich geheimen Instanzen dienten, die noch einmal höher stehen, so entpuppen sich die "GoT"-Eliten als Abhängige höherer Kreise.

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Die wichtigste Lektion, die Zuschauerinnen und Zuschauer aus "GoT" lernen, ist also, dass es nicht nur eine Krise von Vertrauen in die Politik gibt, sondern eine Vertrauenskrise hinsichtlich der Repräsentation von Politik: Nichts ist, wie es scheint. Eindeutige, vor allem normative Zuordnungen, sind nicht mehr möglich, weil systemische Identifizierungen scheitern: Wir wissen nicht, ob eine Figur im System Politik, im System Familie oder im System der Liebe operiert.

Darin sieht im Übrigen Georg Seeßlen in seinem Buch "Trump!" den zeichentheoretischen Grund für den Erfolg von Donald Trump: Dieser oszilliere ständig zwischen den Systemen Popkultur und Politik. All seine Ausfälle und politischen Regelverstöße seien problemlos anschlussfähig, weil Trump eben nicht nur im Referenzsystem des Politischen, sondern in dem des Popkulturellen rezipiert werde. Von dieser referentiellen Unsicherheit erzählt "GoT" schon seit sechs Jahren.

Zwei Weltentwürfe

In "GoT" gibt es nun zwei Personengefüge, denen unsere Sympathie gilt: Dies sind zum einen die Stark-Figuren, die sich zu Beginn in die Hauptstadt aufmachen, und zum anderen Daenerys Targaryen und ihre Gefolgsleute, die von einem anderen Kontinent aus versuchen, King's Landing einzunehmen. Diese zwei Personengefüge bebildern zwei alternative Weltentwürfe, die der korrupten Elitenwelt in der Königsstadt King's Landing entgegensetzt sind - und die sich erzählgeschichtlich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.

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Die Starks stehen für die bürgerliche Familie, in der alles eindeutig, diszipliniert und vor allem moralisch organisiert ist: Sexualität, Körperpolitik und Herrschaftspraxis. Lord Stark führt seine Familie als treusorgender Patriarch, der als Ratgeber des Königs in King's Landing scheitern muss, weil Eindeutigkeit, Disziplin, Moralität und Treue hier schlechte Ratgeber sind. Die korrumpierte Elite in King's Landing ist insofern auch dezidiert antibürgerlich.

Unsere Hoffnung als Zuschauer, dass sich die getrennte Familie Stark wiederfindet, verbindet sich mit der Hoffnung, dass bürgerliche und familiäre Erwartungssicherheiten in die "GoT"-Welt zurückfinden, dass die Welt wieder von der Trias aus starkem Vater, liebender Mutter und zu erziehenden Kindern beherrscht werde.

Stadt gegen Land

Dabei ist wichtig, dass die Starks aus der Peripherie, vom Land kommen: Nur hier, so die dahinterstehende Vorstellung, kann die Sozialstruktur Familie zur vollen Entfaltung kommen, nur hier wirkt das antiharmonische Prinzip Stadt nicht. In King's Landing verkehren schließlich Geschwister miteinander, herrschen Sadisten, bieten männliche Huren ihre Dienste an. "GoT" erzählt also auch vom Konflikt zwischen dem ländlichen und dem urbanen Raum - ein räumliches Gegeneinander, das uns vertraut ist: Viele Kommentatoren haben Trumps Wahlsieg als Aufbegehren der ruralen, abgehängten Gebiete gegen die Vorherrschaft der Metropolen interpretiert.

Dieses Erzählprogramm wird anhand der Daenerys-Figur noch einmal verstärkt: Während die Starks das Modell der "bürgerlichen Familie" in die Serie tragen, verkörpert Daenerys das Modell des "edlen Wilden". Die Drachenmutter - der Drache als Zeichen des Archaischen schlechthin - verkörpert die romantische, zivilisationskritische Hoffnung, dass nur in der Natur die moralische Reinheit liege, die Ansicht, dass Zivilisation nichts anderes als menschliche Dekadenz darstelle.

Daenerys' Herrschaftsprogramm baut dementsprechend darauf auf, dass sie als Naturwesen von sich aus weiß, was gerecht und ungerecht ist; in der Wüste, in der Nicht-Zivilisation erfährt sie absolute Einsicht in Gerechtigkeit und Güte. Dieses utopische Bildprogramm ist spätestens seit der deutschen Romantik bekannt, wo Dichter - etwa Novalis - das unschuldige, urzeitliche Menschenkind besangen, das anders als die Männer in den Parlamenten gewusst habe, was Recht und Unrecht sei, weil es am Anfang der Zeiten nur Recht und Unrecht gegeben habe - nicht komplexere Differenzsysteme, wie sie in King's Landing, aber auch in unserer Gegenwart gelten.

Verunsicherungen der bürgerlichen Mittelschicht

Es wird noch sehr spannend sein zu beobachten, wie diese Einfachheitsutopie namens Daenerys auf das reale Widersprüchliche in King's Landing reagieren wird - hat Daenerys eigentlich eine Idee, wie sie den arg reformbedürftigen Föderalismus in Westeros neugestalten wird? Eher nicht.

Was lernen wir also aus dem Spiel der Projektionen in "GoT"? "GoT" artikuliert die Verunsicherungen einer bürgerlichen Mittelschicht hinsichtlich politischer Komplexität, in der Rechte den Freihandel und die Nato abschaffen wollen, Sozialdemokraten für die Globalisierung kämpfen und eine CDU-Kanzlerin als letzte Hoffnung der freien Welt gelten soll. Mittels des politischen Koordinatensystems der Neunziger- oder Nullerjahre ist das nicht zu verstehen. Als Einhegungsstrategien dieser Verunsicherungen bedient sich "GoT" dann zweier Programme, die im westlichen Erzählgedächtnis als große Sicherheits- und Vereinfachungsimaginationen abgespeichert sind: der stabilen Organisationskraft der Familie und der Eindeutigkeit des Naturhaften.

Der Erfolg von "GoT" liegt nun darin, dass die Serie im gleichen Maße, wie sie eine politische Welt ohne Haltungen vorführt, selbst ohne Haltung bleibt. Die Versicherungsstrategien, die die Serie anbietet, erweisen sich nämlich als politisch vielseitig anschlussfähig. Sie lassen sich problemlos in das AfD und Co.-Ressentiment überführen, nach dem unsere Welt dem ganzen Gender-Multikulti-Mischmasch, der die Welt angeblich bedrohe, entkommen könne, wenn wieder Stark'sche Familienwerte gälten, wenn dem gesunden Menschenverstand einer Daenerys und nicht abgehobenen Experten- und Expertinnen-Ratschlägen gefolgt würde.

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Doch genauso kann der liberale Zuschauer darauf hoffen, dass mit Daenerys wieder humanitäre Moral in die politische Welt einzieht, sie mit dem Heer der von ihr befreiten Sklaven die Grenzen der "GoT"-Welt niederreißt, sich mit den Stark-Kindern verbündet, die sich ja längst, wenn auch unfreiwillig, von Mutter und Vater emanzipiert haben, und eine Regierung der Jugend und ästhetischen wie moralischen Schönheit installiert - also einen Gegenentwurf zu den Lannisters, Gaulands und Trumps.

Und genau deswegen ist "GoT" das größte Popkulturereignis unserer Zeit: Sie holt ihre ZuschauerInnen aus deren jeweiligen Filterblasen heraus und versammelt sie alle, ob rechts, links, liberal oder konservativ auf der Fernsehcouch. Denn: Wir alle sind Daenerys, wir alle sind die Starks.

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Leser161 15.07.2017
1. Sehr interessant und witzig
Beginnt gut. Aber witzig gen Ende. Denn Daenerys Tagaryen ist Trump ist Erdogan ist Autokratin. Sie entscheidet. Sie entscheidet zwar moralisch richtig und gestehtauch ihre eigenen Fehler ein. Aber sie bleibt autokratisch. Wenn Daenerys dem Wahnsinn ihrer Vorfahren anheimfallen würde, würde die GoT-Welt brennen. Sprichwörtlich. Sie hat Superwaffen, sie hat bis in den Tod ergebene Soldaten. Wer sollte sie stoppen? Und deshalb ist GoT so beliebt. Die Serie spiegelt den Wunsch der Menschen nach korrekter Führung wieder. Wir sollten uns fragen wie die Akteure des demokratischen System (das ich für das beste halte) es geschafft haben den Ruf des demokratischen Systems so zu ruinieren, dass sich die Menschen wieder nach Alleinherrschern sehnen.
paulpuma 15.07.2017
2.
Ist es vielleicht so, dass mit dem politischen System was faul ist? Könnte es sein, dass alle normalen Menschen das merken, nur die, die in ihrer geistigen Paprallelwelt leben, kriegen es nicht mit? Könnte es sein, dass Trump so gehasst wird, weil er recht hat?
nochfragen? 15.07.2017
3. Hmm...
Könnte es wohl sein, dass GoT einfach nur eine verdammt gute Geschichte mit vielen Wendungen erzählt, die völlig unberechenbar bleiben? Man kann nämlich auch alles totinterpretieren.
syracusa 15.07.2017
4.
Zitat von paulpumaIst es vielleicht so, dass mit dem politischen System was faul ist? Könnte es sein, dass alle normalen Menschen das merken, nur die, die in ihrer geistigen Paprallelwelt leben, kriegen es nicht mit? Könnte es sein, dass Trump so gehasst wird, weil er recht hat?
Auffällig ist doch, dass besonders die Nicht-Normalen sich gerne als die Normalen sehen. Das ist im Kern faschistisch, denn es öffnet die Tür zur Diskriminierung aller, die nicht als "normal" deklariert werden. Und wie sich das in unserer deutschen Vergangenheit ausgeprägt hat, ist auch Ihnen bekannt. Aber das kümmert Sie nicht. Und genau deshalb bekämpfen alle Demokraten Leute wie Sie, die sich selbst für normal und Demokraten für nicht-normal halten.
freekmason 15.07.2017
5.
Zitat von paulpumaIst es vielleicht so, dass mit dem politischen System was faul ist? Könnte es sein, dass alle normalen Menschen das merken, nur die, die in ihrer geistigen Paprallelwelt leben, kriegen es nicht mit? Könnte es sein, dass Trump so gehasst wird, weil er recht hat?
nein. und kann es sein, dass die normalen menschen, die das merken, genau die sind, die für Sie in einer prallelwelt leben? ich frage mich schon seit langem, wo für so viele leute der reiz dieser game-of-thrones-romantik ist. dieser hang zum mittelalterlichen, pre-humanistischen totallitarismus mit häusern/nationen, die alle verfeindet sind und barbarisch und unredlich im kampf sind, notfalls vereint gegen die fremden, dort eiszombies, hier ausländer. gegen vernunft und anstand, für den könig/führer und immer für sich. besorgniserregend.
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