"Gay Pride"-Pionier Bürgerrechtler Harry Hay ist tot

Harry Hay gilt als Begründer der schwulen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der Aktivist verstarb im Alter von 90 Jahren an Lungenkrebs.


Pionier der Schwulen-Bewegung: Harry Hay mit Lebensgefährten Burnside
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Pionier der Schwulen-Bewegung: Harry Hay mit Lebensgefährten Burnside

San Francisco - Es war 1948, als Harry Hay begann, sich für die Rechte und Bedürfnisse der Homosexuellen einsetzte. 1912 in England als Kind wohlhabender Eltern geboren, führte der Mittdreißiger ein nach außen normales Leben mit seiner Frau und zwei Töchtern in San Francisco. Hay verdiente seinen Lebensunterhalt als Gelegenheits-Schauspieler und Musiker, engagierte sich nebenbei aber auch in der politischen Linken. Tatsächlich waren es die strengen, antihomosexuellen Richtlinien der kommunistischen Partei Amerikas, die dazu führten, dass Hay Anfang der vierziger Jahre Anita Platzky, eine befreundete Aktivistin, heiratete, um in die Partei eintreten zu können.

1948 rief Hay die "Mattachine Society" ins Leben, der erste Zusammenschluss homosexueller Männer in den USA. Den Namen "Mattachine" entlieh Hay dem Französischen, im Mittelalter bezeichnete man so männliche maskierte Tänzer, die öffentlich Tänze und Pantomimen aufführten. Zu jener Zeit war Homosexualität in der amerikanischen Gesellschaft stigmatisiert. Wer als schwul denunziert wurde, konnte seinen Arbeitsplatz verlieren, Einwanderern mit homosexueller Neigung wurden Visa verweigert. Sich zu "outen" bedeutete, gesellschaftlichen Selbstmord zu begehen. Die Vereinigung amerikanischer Psychologen bezeichnete Homosexualität bis in die frühen sechziger Jahre hinein als "mental illness", als Geisteskrankheit.

Zwar tauchte der Begriff "gay rights" erst Ende der Sechziger in den Medien auf, als sich mehr und mehr Homosexuelle solidarisierten und gegen die gesellschaftliche Unterdrückung rebellierten, doch ohne Hays Untergrund-Bewegung hätte es einen solchen Fortschritt so schnell nicht gegeben. Die "Mattachine Society", ein Geheimbund, in dem sich Homosexuelle austauschen und organisieren konnten, sorgte erstmals für ein gemeinsames Bewusstsein unter Schwulen, die sich ebenso wie Afro-Amerikaner als eigene, kulturell unterdrückte Minderheit betrachten sollten.

Lange blieb der Gründer nicht an der Spitze seiner Bewegung. Als der konservative Senator Joseph McCarthy Anfang der fünfziger Jahre begann, eine öffentliche Hexenjagd auf "anti-amerikanische" Aktivisten zu initiieren, entschloss sich die inzwischen über zahlreiche Mtglieder verfügende "Mattachine Society", ihren kommunistisch geprägten Anführer auszuschließen. Trotzdem engagierte sich Hay weiterhin für seine Überzeugungen und wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einer festen Größe in der liberalen Politikszene an der amerikanischen Westküste. Hay beteiligte sich an diversen Antikriegs-Kampagnen und engagierte sich unter anderem während des Vietnam-Krieges im "Women's Strike for Peace", später wurde er aktives Mitglied im Komitee für "Traditional Indian Land and Life".

Auch wenn es nach seinem Ausschluss aus seiner eigenen Organisation zumeist andere waren, die später als Pioniere der Homosexuellen-Szene gefeiert wurden, so war es dennoch Harry Hay, der in den sechziger Jahren in Los Angeles die ersten Aufsehen erregenden "Gay Pride"-Paraden veranstaltete, ohne die es etablierte Volksfeste wie den global begangenen Christopher-Street-Day wohl nicht geben würde.

Nach amerikanischen Medienberichten litt der 90-Jährige an Lungenkrebs, dem er nun in seinem Haus bei San Francisco erlag. Harry Hay hinterlässt seinen langjährigen Lebensgefährten John Burnside sowie seine beiden Adoptiv-Töchter Kate Berman und Hannah Muldaven. Noch eine Woche vor seinem Tod hatten sich Burnside und Hay ganz offiziell als Lebensgemeinschaft registrieren lassen.



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