S.P.O.N. - Der Kritiker Die Deutschen und ihr Lieblingskrieg

Es sterben viele Kinder in Konflikten weltweit, das ist dramatisch und traurig, aber nur Israel wird so etwas wie Absicht unterstellt. Der Antisemitismus - gerade auch in Deutschland - verstärkt Aggression und verhindert Frieden.

Eine Kolumne von

DPA

Es gibt einen Lieblingskrieg vieler Deutscher, und das ist der zwischen Israel und den Palästinensern.

Man sieht zum Beispiel auf dem Kurfürstendamm in Berlin keine Demonstration gegen die Islamisten vom "Islamischen Staat", bei der gerufen wird: Moslem, Moslem, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein.

Man liest auf Facebook keinen Aufschrei, wenn die Kurden mal wieder verfolgt werden; und Dieter Hallervorden sagt auch nicht, dass er davon träumt, in einem Land zu leben, in dem man Boko Haram öffentlich kritisieren darf; und kaum jemand weiß überhaupt, wo Mali liegt - es gibt so viel Krieg und Ungerechtigkeit auf der Welt, da muss man sich für einen Krieg entscheiden.

Und dieser Krieg hat den Vorteil, dass man sich, als Volk der Täter, endlich mal auf die Seite der Opfer schlagen kann: Wer Kinder tötet und Schulen bombardiert, kann kein guter Mensch sein.

Dieser Krieg hat außerdem den Vorteil, dass man den gesellschaftlich stets vorhandenen Antisemitismus delegieren kann. An die Hamas zum Beispiel, die Gaza beherrscht und in ihrer Gründungs-Charta proklamiert: "Die Stunde des Gerichts wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, sodass sich Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken und jeder Baum und Stein wird sagen: Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn".

Bequem Angriffe verurteilen

Dieser Krieg ist auch dazu da, sich im eigenen Pazifismus zu gefallen, der verdrängt, dass die Freiheit des heutigen Deutschlands erst durch einen Krieg ermöglicht wurde.

Da kann man dann als deutscher "Kulturschaffender" bequem offene Briefe schreiben und einen "Angriff" verurteilen, der eigentlich konkret eine Reaktion ist. Man kann "die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern, Krankenwagen, Spielplätzen" kritisieren, ohne zu erwähnen, dass die Hamas ihre Waffen in Wohnvierteln versteckt, und man kann von "schwersten Kriegsverbrechen" sprechen, weil "Kriegsverbrechen" nicht reicht und diese Steigerung einem selbst noch mal zusätzliche Bestätigung gibt über die eigene Empörung.

Man kann Gaza auch zum "größten Freiluftgefängnis der Welt" erklären und verschweigen, dass die Blockade dort nicht nur von Israel betrieben wird, sondern auch von Ägypten, aber das würde die Sache nur komplizierter machen und der Wut ihre strenge Kälte nehmen.

Und man kann feststellen, dass der "Schutz der PalästinenserInnen vor massiven bewaffneten Angriffen" nicht weniger wichtig sei als der "Schutz der israelischen Zivilbevölkerung", als ob die Sache dadurch besser wäre, wenn genauso viele Israelis tot wären wie Palästinenser.

Knapp 4000 Raketen hat Israel laut "New York Times" nach Gaza gefeuert, knapp 3000 Raketen wurden aus Gaza nach Israel geschossen - und sie fliegen auch jetzt wieder, weil die Hamas kein Interesse an einer Waffenruhe hat, weil sie den Krieg braucht, um Unterstützung zu mobilisieren. Weil sie weiß, dass Israel vielleicht den Kampf gewinnt, nicht aber den Krieg der Weltmeinung, und weil Hamas Verhandlungen laut Charta eh als "Zeitverschwendung" sieht: "Sogenannte Friedenslösungen" stünden "im Widerspruch zu den Prinzipien der islamischen Widerstandsbewegung".

Nur Israel wird unterstellt, mit Absicht Kinder zu töten

Kein Wunder: Die Hamas will ja auch nicht den Kampf gegen Israel, sondern gleich den "Kampf gegen die Juden". Sie will nicht ruhen, bis "Allahs Flagge über jedem Zentimeter von Palästina weht". Sie will keine Demokratie, sondern einen Gottesstaat, denn "ohne Glaube gibt es keine Sicherheit", wie es in der Charta heißt: "Wer sich entscheidet, ohne Religion zu leben, für den bedeutet Leben Vernichtung."

Dieser Konflikt hat religiöse, koloniale, politische Wurzeln - wenn man das Konzept von Nationalstaaten ganz ablehnt, kann man von einem friedlichen Arkadien träumen, in dem die Religion Privatsache ist und kein Mordgrund; wenn man ein aufgeklärt denkender Mensch ist, kann man auf eine Zwei-Staaten-Lösung hoffen; wenn man ein Jude in Deutschland ist, kann man wie Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden von der "schlimmsten Zeit seit der Nazi-Ära" sprechen.

"No trust, no peace", sagt der Literaturchef der Tageszeitung "Haaretz", was natürlich stimmt. Der bürgerliche, der muslimische, der offene und versteckte Antisemitismus dieser Tage in vielen Ländern Europas und gerade auch in Deutschland verstärkt die Angst und Aggression und verhindert Frieden.

Ein Beispiel: Es sterben viele Kinder in Konflikten weltweit, das ist dramatisch und traurig. Doch nur im Fall von Israel wird so etwas wie Absicht unterstellt, als bombardiere die israelische Armee besonders gern Schulen - was dann ja auch zum antisemitischen Klischee vom jüdischen Kindermörder passt.

So lange es Hass auf Juden gibt, wird es keinen Frieden geben.

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