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Antisemitismus oder Israel-Kritik? Ein deutsches Problem

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Propalästinensische Kundgebung in Berlin: Pauschale Kritik Zur Großansicht
DPA

Propalästinensische Kundgebung in Berlin: Pauschale Kritik

Der Meinungskampf um Gaza findet auch auf deutschen Straßen statt. Dabei gehen Kritik an Israel und Antisemitismus ineinander über. Wo muss man die Grenze ziehen?

Yakov Hadas-Handelsman dürfte bislang wenigen bekannt gewesen sein. Seit 2012 israelischer Botschafter in Deutschland, ist er, anders als prominente Vorgänger wie Avi Primor, in der bundesdeutschen Öffentlichkeit bis jetzt nicht sonderlich hervorgetreten. Welchen Anlass sollte die "Berliner Zeitung" haben, ihn um einen Gastbeitrag zu bitten?

Den Antisemitismus in diesen Tagen. In Berlin skandierten Demonstranten "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein". In Essen wird wegen der Vorbereitung eines Anschlags auf die Synagoge ermittelt. In Hannover und Hamburg wurden proisraelische Demonstranten mit Tritten und Schlägen angegriffen. Handelsman zeigt sich über all diese Aktionen entsetzt. Sie sind aber kein israelisches Problem, sondern ein deutsches.

Es hat in Deutschland - womöglich gut gemeint - Tradition, wann immer es um Antisemitismus geht, die Vertreter Israels zu befragen. Doch die Juden sind nicht die Israelis, Deutsche jüdischer Konfession nicht nur "Mitbürger", sondern ganz einfach Deutsche.

Auch Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, hat sich zu den Angriffen geäußert. Wenn die deutsche Öffentlichkeit aber Stellungnahmen zum Antisemitismus vor allem dessen Opfern überlässt, verkommt der Umgang damit zum leeren Ritual.

"Wie die Nazis"

An dieser Stelle hört man häufig eine Kette von Vorwürfen: Aber was ist mit den Israelis? Haben sie nicht die Bewohner von Gaza "zusammengepfercht", haben sie nicht spielende Kinder auf dem Gewissen, sogar einen Rachemord an einem palästinensischen Teenager? Behandeln sie nicht die Palästinenser, wie "die Nazis die Juden behandelt haben"?

Davon ausgehend hat sich in Deutschland eine Solidaritätsbewegung mit Palästina entwickelt. Eine Allianz, die sowohl Rechte als auch Islamisten als auch Links-Alternative vereint. Kritik an Israel und gewalttätiger Antisemitismus gehen dabei mitunter, wie die jüngsten Angriffe zeigen, ineinander über.

Antisemitismus ist, wie Umfragen zeigen, in Deutschland weit verbreitet, immerhin aber in der Öffentlichkeit geächtet. Mit der Israel-Kritik verhält es sich anders. Sie wirkt sachlich, scheint auf Argumenten zu beruhen - ist dabei allerdings häufig ebenso pauschal.

Nicht nur, dass in Deutschland Juden allzu oft mit Israelis gleichgesetzt werden. Noch viel häufiger werden Israelis mit dem Vorgehen der Regierung Netanjahu oder dem der israelischen Armee gleichgesetzt.

Es mag, wie der frühere israelische Geheimdienstchef Yuval Diskin in einem Interview im aktuellen SPIEGEL sagt, fraglich sein, ob das Vorgehen Netanjahus klug ist. Und selbstverständlich muss man das Vorgehen der israelischen Armee kritisieren dürfen und über die zivilen Opfer ihrer Aktionen sprechen.

Aber pauschale Kritik oder die Dämonisierung Israels bedienen antisemitische Reflexe. So hat die Beschreibung des Juden als Kindermörder, wie man sie jetzt in abgewandelter Form auf Palästina-Solidaritätskundgebungen sieht, eine uralte Tradition.

Reaktion auf den Holocaust

Wenn auch "die Juden" nicht "die Israelis" sind - einen Zusammenhang gibt es doch: Der Staat Israel wurde auch als Reaktion auf den Holocaust gegründet. Er bietet denjenigen Zuflucht, deren Vorfahren seit zwei Jahrtausenden allein aufgrund ihrer Religion verfolgt und ermordet wurden.

Israel ist ein wehrhafter Staat, wohl auch, weil man sich dort geschworen hat, nie wieder Opfer zu sein - und weil dieser Staat von seiner Gründung an so bedroht ist, wie kaum ein anderer in der Welt. Weil ihm in vielen islamisch geprägten Nachbarländern das Existenzrecht abgesprochen wird. Eine Geisteshaltung, die in antiisraelischen Kundgebungen auf deutschen Straßen ihren Widerhall findet.

Wer Israel kritisiert, sollte sich gründlich damit auseinandersetzen, was er sagt, gerade als Deutscher. Allein aufgrund seiner Vergangenheit ist Deutschland in diesem Konflikt keine neutrale dritte Partei - und dürfte von vielen Nachfahren der Holocaust-Überlebenden auch nicht als solche wahrgenommen werden.

Wenn wir eine Debatte über die Politik Israels führen, sollten wir uns auch mit den bis zum Hass reichenden Vorurteilen im eigenen Land auseinandersetzen. Und deren Verurteilung nicht dem israelischen Botschafter oder dem Zentralrat überlassen.

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