Gaza-Krieg bei Plasberg Schlamassel mit der deutschen Schuld

Mutig, der Mann. Als erster prominenter TV-Talker hat Frank Plasberg den Gaza-Krieg zum Thema gemacht. Seine Runde brachte zwei Erkenntnisse: Nein, es gibt kein Tabu in Deutschland, Israel zu kritisieren. Und dennoch gleitet die Kritik allzu oft unbewusst in Antisemitismus ab.

Von Reinhard Mohr


Eines muss man Frank Plasberg zugestehen: Feige ist er nicht.

Schon Tage, bevor seine Talkshow "Hart aber Fair" mit dem Thema "Blutige Trümmer in Gaza – wie weit geht unsere Solidarität mit Israel?" auf Sendung ging, schwappte eine großenteils braune Flut von Zuschauerpost ins elektronische Gästebuch.

"Hart, aber Fair"-Gäste Friedman (l.), Kienzle: Längst überfällige Diskussion
WDR

"Hart, aber Fair"-Gäste Friedman (l.), Kienzle: Längst überfällige Diskussion

Viele von ihnen mussten anonymisiert werden, und es ist zu vermuten, dass Sätze wie "Die Medien sind alle von den Zionisten gleichgeschaltet", die am Ende doch noch eingeblendet wurden, zu den harmloseren Formulierungen dieser Gattung zu zählen sind.

Gleichwohl: Den Versuch war es wert. Es war die erste prominente und längst überfällige Diskussion im deutschen Fernsehen über den fast vierwöchigen Krieg in Gaza, in der es gleich um Zweierlei gehen sollte: Um den Konflikt im Nahen Osten selbst und um die spezifisch deutschen Verrenkungen, wenn über ihn geredet wird. Ganz unverblümt sprach Plasberg den unvermeidlichen und immer wieder geäußerten Generalverdacht an, in Deutschland gebe es ein Tabu, Israel zu kritisieren.

Andersherum: Wie stark ist der notorische Antisemitismus, gar eine neue Judenfeindlichkeit geworden? Wieder anders formuliert: Hängt sie über "uns", die Empörungskeule?

Selbstverständlich ist der tapfere Laborversuch im Fernsehstudio ebenso grandios wie krachend gescheitert. Seine emotionalen Verpuffungen aber, die brodelnden Reagenzgläser voller Ressentiments, die biochemische Erregung des kollektiven Unbewussten boten vielfältiges und lehrreiches Anschauungsmaterial.

Das prekäre Experiment brachte schon in den ersten Minuten ein wissenschaftlich unzweideutiges Ergebnis: Es gibt kein Tabu in Deutschland, Israel zu kritisieren. Im Gegenteil. Nachdem das Stichwort vom "Ghetto Gaza" gefallen war, legte Ex-Minister und Vollblutrentner Norbert Blüm, 73, der offenbar für alle Fragen zwischen Orient und Okzident zuständig ist, lautstark los. Die Abriegelung des Gazastreifens durch Israel sei ein Verbrechen und eine kollektive Haft. Vor Jahren hatte er einmal vom israelischen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser gesprochen, was ihm unter Hinweis auf die millionenfachen Kriegsgräuel von Wehrmacht und SS in Polen und der Sowjetunion, die unter genau diesen Begriff subsumiert werden, einigen Ärger einbrachte.

Nun bekennt er maliziös, er sei ja "kein Spezialist für Philologie", aber gerade weil "wir Deutschen" ebenjene Verbrechen begangen haben, müssten wir umso klarer anprangern, wie die Palästinenser heute von Israel "schikaniert, gequält und gedemütigt" werden.

Blüm bemerkt offenkundig gar nicht, dass er damit nicht nur Nazis und Israelis gleichsetzt, sondern eine gleitende Schuldübertragung betreibt, die einer unerhörten Relativierung des Nazi-Terrors in ganz Europa nahe kommt.

Unverdrossen wandte er sich immer wieder an seinen Talk-Kombattanten Michel Friedman, ehedem Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den er offenbar als eine Art inoffiziellen Botschafter Israels betrachtete.

Von Anfang an fiel auf, mit welcher Verve, Leidenschaft, ja Erbitterung sich die sonst so routiniert abgeklärten TV-Talker gegenseitig beharkten. Der ehemalige TV-Reporter Ulrich Kienzle schrie fast, als er Friedman ins Gesicht schleuderte: "Die Israelis haben die Palästinenser vertrieben!" Auch der Islamwissenschaftler Udo Steinbach wirkte wie ein aufgedrehtes Rumpelstilzchen, als er über Palästina sprach, das seit "vierzig Jahren besetzt und vergewaltigt" werde.

Von Tabu konnte also keine Rede sein. Was war es aber dann? Und worum ging es wirklich?

Wären die Aufwallungen nur aus der Sache selbst zu erklären, dann hätte man als Zuschauer gar nichts dagegen gehabt. Wir wissen: The Show must go on. Doch es war unverkennbar, dass sich die Erregung aus ganz anderen Quellen speiste. Weder über Afghanistan oder den Irak und schon gar nicht über Somalia oder Zimbabwe, wo wegen des schwarzen Diktators Robert Mugabe Tausende Menschen einen lautlosen Cholera- und Hungertod sterben, wäre man derart außer Rand und Band geraten.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Geysire des Unbewussten exakt zwischen "Tabu" und "Tabubruch" liegen, zwischen Schuldgefühlen und dem Drang, sie zu überwinden – dass es also doch untergründige Verbindungen zwischen Israel-Kritik und einem Antisemitismus gibt, der aus den Untiefen der Geschichte kommt und sich immer wieder neu auflädt.

Nazi-Vergangenheit als Alibi?

Der "Duisburger Flaggenskandal" – deutsche Polizisten hatten gewaltsam zwei israelische Fahnen vom Balkon eines Hauses entfernt, durch die sich ein Protestzug der türkisch-islamistischen Gruppe Milli Görus "provoziert" fühlte – warf noch einmal ein grelles Schlaglicht auf die deutschen Verwicklungen von Vergangenheit und Gegenwart, nicht zuletzt auf das historische Bewusstsein eines deutschen Polizeipräsidenten.

Am deutlichsten widersetzte sich der Orientalist Udo Steinbach dieser komplizierten Doppelthematik – er wollte nur über den Gaza-Krieg sprechen. Die Nazi-Vergangenheit werde immer nur als Alibi benutzt, um der schlimmen Gegenwart im nahen Osten auszuweichen. Seine eigenen Schüler und Studenten interessierten sich jedenfalls "mehr für Gaza als für Auschwitz".

Gewohnt furchtlos setzte sich auch Ulrich Kienzle der "Antisemitismuskeule" (zu Friedman gewandt) aus und stellte die für ihn zentrale Kernfrage: Welchen Unterschied es mache, ob die Hamas mit Raketen oder Selbstmordattentaten israelische Zivilisten töte oder Israel mit Panzern und Bomben palästinensische Kinder und Frauen? Auf den Hinweis Rudolf Dreßlers, ehedem deutscher Botschafter in Israel, die Hamas plaziere ihre Kämpfer und Waffenlager gern in zivilen Einrichtungen, entgegnete Kienzle: "Ist deshalb Israel alles erlaubt?"

Kienzles Eindruck: "Die Israelis wollen keinen Frieden mehr."

Noch einmal redete sich Norbert Blüm in Rage und erzählte von eigenen Erlebnissen an israelischen Checkpoints der Westbank, wo Palästinenser "tagtäglich drangsaliert" werden. "Ist das der Kampf gegen Terror?", rief er in die Runde.

Schlamassel des Unbewussten

An dieser Stelle offenbarte sich die Schwachstelle der Friedman'schen Argumentation. Die "Verteidigungsmaßnahmen gegen den Terror" seien nötig, sagte er, so furchtbar etwa die große Mauer sei, die nun das Westjordanland durchziehe. Ob der Krieg in Gaza zu diesen Maßnahmen gehöre, sagte er allerdings nicht.

Er ging auch nicht auf die drängende Frage ein, ob Hunderte zerfetzter palästinensischer Kinder und Frauen unter den annähernd 1400 Todesopfern der israelischen Luftangriffe ein angemessener oder irgendwie sonst tolerierbarer Preis für die Sicherheit Israels seien.

Mehr noch: Ob die massiven Zerstörungen, von denen inzwischen die internationalen Journalisten berichten können ( inklusive der Uno-Vorwürfe in Sachen Phosphorbomben), irgendeine "Verbesserung" der Lage bewirkt haben oder ob die islamistische Hamas am Ende womöglich moralisch und politisch gestärkt aus dem Waffengang hervorgehen könnte.

Es sind notwendige Fragen, die in der ganzen Welt diskutiert werden, auch in Deutschland. Allerdings zeigte die Auseinandersetzung bei "Hart aber Fair" sehr deutlich, dass diese schmerzliche Debatte von jenen Deutschen erschwert wird, die Kritik in der Sache mit Ressentiments im Bauch vermischen, für die alle Juden in der Welt Israelis sind und alle Israelis Juden.

Wer etwa, wie Norbert Blüm, einen völlig unsinnigen Satz äußert wie "Christen können keine Antisemiten sein!", verliert seine Glaubwürdigkeit.

Und wer, wie Udo Steinbach, den Israelis gleichsam vorwirft, nichts aus dem Holocaust gelernt zu haben – Motto: Wer so Schreckliches erlebt hat, muss doch für immer gegen alles Böse gefeit sein –, steckt derart tief im Schlamassel des Unbewussten, dass er gerade kein Beispiel für das ist, was wir brauchen: Eine freie, mutige und zugleich selbstkritische Diskussion, die nicht "Tabu!" ruft, wo sie offene Türen einrennt.



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