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Gebetsverbot an Berliner Schule: Die Freiheit von Religion

Ein Kommentar von

Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden: Der junge Muslim Yunus M. darf an seiner Schule nicht demonstrativ gen Mekka beten. Eine richtige Entscheidung, auch wenn sie nur den Einzelfall betrifft. Tatsächlich sollte an keiner staatlichen Schule gebetet werden - egal zu welchem Gott.

Pause ohne Gott: Darf Yunus beten? Fotos
DPA

Religion kann eine Quelle großer Kraft sein, das wird niemand bestreiten wollen, der schon einmal in die glänzenden Augen eines Gläubigen geblickt hat. Allerdings, und das ist das Problem, hat sich das jeweils verehrte höhere Wesen offenbar nicht festgelegt, ob aus dieser Kraft Gutes oder Schlechtes folgt.

Im Namen der Religion wird Kultur geschaffen, werden barmherzige Werke getan, finden Millionen von Menschen einen Sinn im immer unübersichtlicheren Alltag, einen Halt in der allgemeinen Haltlosigkeit. Im Namen der Religion werden aber auch Kriege angezettelt, es werden Attentate begangen, oder, viel alltäglicher, sie wird als ganz weltliches Druckmittel eingesetzt, um gottesfürchtigen Menschen Angst zu machen, um sie gefügig zu machen.

Schwierig wird es immer, wenn unterschiedliche Religionen auf engem Raum aufeinander treffen, nicht nur im Nahen Osten, sondern auch mitten in Deutschland, zum Beispiel am Diesterweg-Gymnasium in Berlin-Wedding, wo der junge Muslim Yunus M. für sein Recht kämpfte, auf dem Schulgelände gen Mekka zu beten, wie es seine Pflicht als Gläubiger ist.

Demonstrative Gebete dienen nicht dem Schulfrieden

Leider haben insbesondere die Vertreter der drei abrahamitischen Religionen wenig aus Lessings "Ringparabel" gelernt, die besagt, dass jene die beste Religion sein soll, die sich bei den anderen beiden durch besonders gute Werke so beliebt macht, dass sie von diesen aus freien Stücken anerkannt wird. Ein schöner Gedanke. In der Realität halten sich Judentum, Christentum und Islam für alleinseligmachend, nicht nur in Konkurrenz zueinander: Auch intern sind ihre Linien und Konfessionen oftmals mehr oder weniger heillos - oder sogar blutig - zerstritten. Und wer beispielsweise glaubt, dass sich Hindus und Buddhisten stets in innerem Frieden gegenseitig und untereinander zugeneigt wären, hat sich nie mit deren Geschichte und Gegenwart auseinandergesetzt.

Am Diesterweg-Gymnasium sind, so sagt es die Schulleiterin, fünf Weltreligionen vertreten. Wenn die Angehörigen der einen beten dürfen, für ihre Religionsausübung sogar einen eigenen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, dann ließe sich schwer gegen ähnliche Ansprüche der anderen argumentieren. Und was ist mit jenen Schülerinnen und Schülern, die mit Religion wenig am Hut haben?

Demonstrative Gebete, egal welcher Glaubensrichtung, dienen nicht dem Schulfrieden. Sie teilen die Schulfamilie in Glaubensrichtungen auf, in Gruppen von Zugehörigen und Ungläubigen, in ein ungutes "Wir" und "Ihr".

Kein Urteil gegen den Islam

Konsequent in diesem Sinne wäre es, auch den glaubensgemeinschaftlich gebundenen Religionsunterricht an den deutschen Schulen einzustellen. Unterricht über Religionen ist sinnvoll und notwendig, weil sie ein weltumspannendes Phänomen sind, über das junge Menschen aufgeklärt werden sollten. Aber eben besser nicht aus der Perspektive einer einzelnen Religion - das ist das Gegenteil von Aufklärung.

In dem Moment, in dem sich auch nur eine Person durch die Glaubensbekundungen der anderen gestört fühlt, sind diese Bekundungen in staatlichen Einrichtungen zu untersagen. Denn der Staat gewährt zwar Religionsfreiheit, aber eben auch in der negativen Variante der Freiheit von Religion. Deshalb war es richtig, als das Bundesverfassungsgericht 1995 in seinem "Kruzifix-Urteil" die Vorschrift zur Anbringung von Kreuzen in bayerischen Klassenzimmern verwarf. Und deshalb ist es jetzt richtig, dass das Bundesverwaltungsgericht entschieden hat, die Schule sei nicht dazu verpflichtet, Yunus M. das Gebet in der Schule zu erlauben. Das ist kein Urteil gegen den Islam. Es ist ein Urteil für die sinnvolle Trennung von Staat und Religion.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
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1. alle religionen sind an schulen falsch!
Gebetsmühle 30.11.2011
Zitat von sysopDas Bundesverwaltungsgericht hat entschieden: Der junge Muslim Yunus M. darf an seiner Schule nicht demonstrativ gen Mekka beten. Eine richtige Entscheidung, auch wenn sie nur den Einzelfall betrifft. Tatsächlich sollte an keiner staatlichen Schule gebetet werden - egal zu welchem Gott. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,800910,00.html
so ist es richtig. für gebete gibts die dafür zuständigen räume. schulen gehören nicht dazu. an schulen hat religion nix zum suchen - gar nix und keine!
2. Ist nur konsequent
Gnossos 30.11.2011
Ich finde die Entscheidung nur konsequent und erinnere an die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Kruzifix: Az: 1 BvR 1087/91. Damals hat das BVerfG festgestellt: .... Angesichts der allgemeinen Schulpflicht seien die Schüler während des Unterrichts von Staats wegen und ohne Ausweichmöglichkeit mit diesem Symbol konfrontiert und gezwungen, "unter dem Kreuz" zu lernen. Das Kreuz habe appellativen Charakter und weise die von ihm symbolisierten Glaubensinhalte als vorbildhaft und befolgungswürdig aus..... Das Kreuz sei das spezifische Glaubenssymbol des Christentums. Es sei sinnbildlicher Ausdruck des Kerns christlicher Glaubensüberzeugungen. Für den gläubigen Christen sei es in vielfacher Weise Gegenstand der Verehrung und der Frömmigkeitsübung. Für den Nichtchristen oder Atheisten sei es daneben auch das Symbol der missionarischen Ausbreitung des Christentums. Entgegen der Auffassung der Gerichte im Ausgangsverfahren könne man das Kreuz nicht der in ihm symbolisierten Glaubensinhalte entkleiden und auf ein bloßes Zeichen abendländischer Kulturtradition reduzieren; eine solche Profanisierung des Kreuzes laufe auch dem Selbstverständnis des Christentums zuwider. .... Der Staat dürfe ferner auf die Religionsfreiheit derjenigen Eltern Rücksicht nehmen, die eine religiös geprägte Erziehung ihrer Kinder wünschten. Das Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen religiös-weltanschaulichen Überzeugungen sei unter Berücksichtigung des Toleranzgebotes dahingehend zu lösen, daß keine der widerstreitenden Positionen bevorzugt, sondern alle einem möglichst schonenden Ausgleich zugeführt würden. Die Grenzen zulässiger religiöser Bezüge im Schulwesen habe das Bundesverfassungsgericht in den Entscheidungen aus dem Jahre 1975 zur badischen und bayerischen Volksschule gezogen. Solche Bezüge dürften nur ein unerläßliches Minimum an Zwangselementen enthalten; die Schule dürfe keine missionarische Schule sein und keine Verbindlichkeit für christliche Glaubensinhalte beanspruchen. Die Bejahung des Christentums beziehe sich auf die Anerkennung seines prägenden Kultur- und Bildungsfaktors, nicht aber auf bestimmte Glaubenswahrheiten. Die Anbringung von Kreuzen in Schulräumen rechtfertige sich auch nicht aus der Glaubensfreiheit der Eltern und Schüler christlichen Glaubens. Der Grundrechtskonflikt zwischen Schülern und Eltern verschiedener Glaubensrichtungen lasse sich nicht nach dem Mehrheitsprinzip lösen, weil das Grundrecht der Glaubensfreiheit in besonderem Maße dem Minderheitenschutz diene. Art. 4 Abs. 1 GG verleihe dem Einzelnen keinen uneingeschränkten Anspruch darauf, seine Glaubensüberzeugung im Rahmen staatlicher Institutionen zu betätigen. Soweit die Schule für eine Betätigung von Glaubensüberzeugungen Raum lasse - wie beim Religionsunterricht, beim Schulgebet oder anderen religiösen Veranstaltungen -, müßten diese vom Prinzip der Freiwilligkeit geprägt sein und Andersdenkenden zumutbare Ausweichmöglichkeiten lassen. Dies sei beim Kreuz im Klassenzimmer, dessen Präsenz und Anforderung sich der Andersdenkende nicht entziehen könne, nicht der Fall."
3. gutes Urteil
Chris110 30.11.2011
Das Gericht hat entschieden, dass die freie Religionsausübung in Deutschland eingeschränkt werden kann zugunsten anderer Werte, wie der ungestörte Schulbetrieb. Das ist das, was wir seit Jahren sagen. Ein anderer Wert wäre z.B. der Tierschutz. Allerdings gut möglich, dass das BVerfG dies ganz anders sieht.
4. Recht so...
Zappa_forever 30.11.2011
Zitat von sysopDas Bundesverwaltungsgericht hat entschieden: Der junge Muslim Yunus M. darf an seiner Schule nicht demonstrativ gen Mekka beten. Eine richtige Entscheidung, auch wenn sie nur den Einzelfall betrifft. Tatsächlich sollte an keiner staatlichen Schule gebetet werden - egal zu welchem Gott. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,800910,00.html
...und gut is. Keine Revision. Ende der Debatte. Wie war der Slogan? Religion privatisieren! ...ab in die eigenen vier Wände.
5.
Wigers7 30.11.2011
"Denn der Staat gewährt zwar Religionsfreiheit, aber eben auch in der negativen Variante der Freiheit von Religion." Dem ist nichts hinzuzufügen.
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