Gedenken Stein oder nicht Stein?

Eine Ein-Mann-Mission gegen das Vergessen bewegt die Republik: Der Künstler Gunter Demnig verlegt Tausende Steine zum Gedenken an deportierte Juden. Doch nicht jeder möchte erinnert werden. Manche Städte sperren sich gegen das Projekt, ewig Gestrige ziehen vor Gericht oder reißen die Steine wieder heraus.

Von Per Hinrichs


Stolpersteine (im Berliner Scheunenviertel): "Das sind keine Grabsteine"
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Stolpersteine (im Berliner Scheunenviertel): "Das sind keine Grabsteine"

Erinnern bedeutet manchmal Schwerstarbeit. Gunter Demnig kniet auf dem Bürgersteig, nimmt den eisernen Kuhfuß, stemmt die 40 Kilo schwere Betonplatte aus dem Pflaster und wuchtet den Quader an einen Gartenzaun. Der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Aus dem 50 mal 50 Zentimeter großen Loch kratzt der gelernte Bildhauer den Sand heraus und verteilt Estrich, den er zuvor im Heck seines Lieferwagens angerührt hat. Mit Klinkern füllt er die Lücke auf, bis ein kleines Quadrat von zehn Zentimetern Kantenlänge übrig bleibt. Dann setzt der Künstler zwei Steine ein, auf denen je eine Messingplatte funkelt. "Hier wohnte Elsbet Flora Götz, Jg. 1901, Deportiert 1942 Theresienstadt, 1944 Auschwitz" ist auf der goldglänzenden Oberfläche eingraviert. Daneben platziert er einen Stein für ihre Mutter Friederike Götz.

Demnig, 57, verteilt mit einem Handfeger trockenen Estrich in den Fugen und schüttet den zuvor herausgekratzten Sand über die neuen Steine. "Sonst legt sich der Zement als trüber Schleier darauf." Dann wischt er noch einmal über die Oberfläche. Fertig: In Hamburg liegt jetzt der 1000. Stein, der einem Nazi-Opfer gewidmet ist, im Bürgersteig. Republikweit leuchten mehr als 6500 Messingplatten über 90 Städten und Gemeinden aus dem Boden; eine Erfolgsgeschichte in der an Gedenkstätten und Erinnerungsplätzen nicht eben armen Republik, zustande gekommen ganz ohne historische Kommission, öffentliche Zuschüsse und Bundestagsdebatte.

Jeder einzelne Stein erinnert an das Schicksal eines ermordeten Juden oder Widerstandskämpfers - und hinter jedem der kleinen Betonquader steht ein Pate, der 95 Euro an Demnig bezahlt hat, damit einem Holocaust-Opfer ein kleiner Gedenkstein gesetzt werden kann. Frau L. allerdings hätte lieber keinen vor ihrem Haus an der Agnesstraße im vornehmen Stadtteil Winterhude liegen.

Künstler Demnig: "Sollte ich denn aufhören? Geht doch jetzt nicht mehr"
Matthias Jung

Künstler Demnig: "Sollte ich denn aufhören? Geht doch jetzt nicht mehr"

Kurz bevor Demnig sein Stemmeisen auspackt, spricht sein Hamburger Mitstreiter Peter Hess mit der Frau, die sich schon im Vorfeld über die kleinen Quader beschwert hatte. "Freuen Sie sich jetzt nicht, dass der Familie Götz ein Gedenkstein gesetzt wurde?" "Nein, denn ich habe jetzt zwei Grabsteine vor der Tür liegen." "Das sind keine Grabsteine, die beiden haben kein Grab, sie sind in Auschwitz ermordet worden." "Ich werde mich beim Senat der Stadt Hamburg beschweren." "Das können Sie gerne tun, der Bürgermeister Ole von Beust hat gerade gestern einen Stolperstein vor dem Rathaus eingeweiht - für einen ehemaligen sozialdemokratischen Senator." "Das muss er tun, er ist dem Zeitgeist verpflichtet. Hätte ich gewusst, dass hier Juden gewohnt haben, hätte ich das Haus nicht gekauft. Ich rufe jetzt beim Senat an." Frau L. schließt die Tür.

Bundesverdienstkreuz am 4. Oktober

Es sind solche Begegnungen, die aus einer einfachen Steinverlegeaktion das wohl ungewöhnlichste und zugleich anschaulichste Denkmal für die Ermordung der deutschen Juden und anderer Widerstandskämpfer gemacht haben. Ob in Hamburg, Rheine, Köln oder Freising - wo immer Demnig den Bürgersteig aufhebelt, diskutieren Stadt- und Gemeindeparlamente, beschäftigen sich Tiefbauämter mit dem "Vorgang" (und erteilen in der Regel eine Genehmigung), erkundigen sich Anwohner nach einer Patenschaft oder ziehen gegen die Steine vor Gericht. In Stadt- und Staatsarchiven schwärmen Lokalhistoriker ortsansässiger Initiativen in Archive aus, um die Wohnadressen von Nazi-Opfern zu recherchieren, Deportationslisten zu überprüfen und die Geschichte verschleppter und ermordeter Juden oder anderer Verfolgter zu rekonstruieren. Aus anonymen, scheinbar längst vergessenen Opfern werden ehemalige Mitmenschen und Nachbarn.

Doktortitel auf den Steinen verraten Berufszugehörigkeiten, die Ortsbezeichnungen Fluchtgeschichten: Viele Juden gingen in den dreißiger Jahren nach Holland ins Exil ("geflohen nach Amsterdam") und wurden nach dem Überfall der Wehrmacht Opfer der SS-Schergen. Manchmal verraten gleich ein Dutzend gelber Platten vor einem Haus, dass eine ganze Familie auf einen Schlag in ein Vernichtungslager deportiert wurde.

Nach Berichten in Zeitungen oder im Fernsehen melden sich stets Anwohner, die weitere Details zum Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn beitragen - oder bestreiten, dass es überhaupt welche in "ihrem" Haus gegeben habe. "Uns ist allerdings kein Fall bekannt, in dem sich so ein Vorwurf bestätigt hat", sagt Hess. Viel Lob bekommt der Kölner für seine Arbeit: Die israelische Gedenkstäte Yad Vashem lobt die Stolpersteine als "wonderful project", eine amerikanische Stiftung hat Demnig im Frühjahr den "Obermayer German Jewish History Award" verliehen, die "New York Times" veröffentlichte einen langen Artikel, und zunehmend stellen sich Bürgermeister zum Künstler auf die Fotos, die in den Lokalberichten über die Aktion erscheinen. Am 4. Oktober wird ihn Bundespräsident Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnen.

Schweigen in den feinen Hamburger Clubs

Doch manche Städte tun sich mit den Gedenksteinen für die ermordeten Einwohner schwer. Die hannöversche Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit kritisiert die Steine, weil "nicht auf den Köpfen und Namen der Opfer herumgetreten" werden soll. Im CDU-regierten Hamburg, der Hauptstadt der Stolpersteine, stellt sich zwar Bürgermeister Ole von Beust demonstrativ hinter die Aktion. Sie erinnere daran, dass "wir durch Duckmäuserei dem Terror den Weg geebnet haben", so von Beust. Doch in den feinen hanseatischen Clubs etwa, dem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, schweigt man auch heute noch lieber über den Verbleib der ermordeten jüdischen Mitglieder.

Stolpersteine in Hamburg: Unterstützung vom CDU-Bürgermeister
DPA

Stolpersteine in Hamburg: Unterstützung vom CDU-Bürgermeister

So findet sich in der Festschrift des noblen Hockey- und Tennisvereins "Club an der Alster" zwar die Notiz über die Turniersiege im Tennis-Einzel 1935/36 des Mitglieds Hans-Vincent Scharlach. Dass der halb jüdische Mann aber wegen "staatsfeindlicher Hetze" denunziert und am 23. April 1945 im KZ Neuengamme gehenkt wurde, bleibt unerwähnt. Einen Stein zu stiften sah sich der Club bislang auch nicht in der Lage. Einen Schritt weiter ist immerhin der Norddeutsche und Flottbeker Reiterverein gegangen. Sein prominentes Mitglied der dreißiger Jahre, Eduard Pulvermann, nach dem das Sprung-Hindernis benannt ist, wurde am 2. Februar 1944 in Neuengamme ermordet. Erst auf Anfrage von Hess entschied sich der Club, einen Stolperstein zu stiften. Ende August wurde der Stein eingeweiht, die Töchter und Enkel Pulvermanns waren zugegen, es gab Tee bei Familie Bardehle, den neuen Eigentümern, die alten Damen erzählten von früher. Vom Club kam auf die Einladung zur Einweihung nicht einmal eine Absage.

Widerstand in München

Im Streit "Stein oder nicht Stein" lassen sich kaum klare Trennlinien ziehen: Ablehnende Bescheide gibt es in allen Teilen der Republik, bisweilen reißen Gegner die Steine auch wieder heraus, wie in Halle, oder beschmieren sie gar mit Hakenkreuzen, wie jüngst im mecklenburgischen Pasewalk. "Im Osten tut man sich oft schwerer mit dem Gedenken", hat Demnig erfahren. Die unmittelbare Erfahrung mit der Deportation und dem Mord an einem Menschen, die der Gedenkstein vermittelt, scheint auch in vermeintlich weltoffenen Städten wie München für Verwirrung zu sorgen. Dort sperrt sich SPD-Oberbürgermeister Christian Ude, einst als Freund von Kunst und Kabarett bekannt, gegen das Projekt, das von der örtlichen Initiative "Stolpersteine für München" angeschoben worden ist. Mittlerweile engagieren sich Autoren wie Amelie Fried und Uwe Timm sowie der Schauspieler Josef Bierbichler für das Projekt. Doch der Bürgermeister bleibt dabei: Er befürchte eine "Inflation von Gedenkstätten".

Die Vorsitzende der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, nennt die Mitglieder der lokalen Initiative "Gedenk-Täter", was sie später nicht so gemeint haben wollte. Und als Demnig zwei Steine für das ermordetete jüdische Ehepaar Siegfried und Paula Jordan ins Pflaster der bayerischen Landeshauptstadt setzt, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, lässt das Tiefbauamt die Platte wenige Tage später wieder entfernen - um sie dann auf dem jüdischen Friedhof zu verpflanzen, wo die Überschrift "Hier lebte" reichlich zynisch wirkt. "Eine zweite Deportation" sei das, kann sich Demnig noch Monate nach dem Vorfall erregen.

Stolperstein-Verteilung (in Köln): Unnachgiebiger geworden"
Matthias Jung

Stolperstein-Verteilung (in Köln): Unnachgiebiger geworden"

Manchmal leistet er sich solche schrägen Vergleiche, auch wenn der Künstler sich dadurch angreifbar macht. Die Beschäftigung mit den Biographien der Opfer hat bei ihm auch nach dem 6000. Stein nur Routine bei der Produktion in seinem Atelier eingeschliffen. Dort, in der etwa 80 Quadratmeter großen ehemaligen Autowerkstatt eines Kölner Hinterhofs, stanzt Demnig jeden einzelnen Buchstaben mit einem Meißel in die Messingplatten, schneidet mit der Blechschere Dreiecke in die Seiten, biegt die Kanten im Schaubstock um, rührt Beton an, legt je vier Tafeln mit der Schrift nach unten in eine Form und gießt etwa 20 Zentimeter hoch den Mörtel hinein. Nach wenigen Tagen ist der Beton ausgehärtet und der Stein fertig. "Ich bin unnachgiebiger geworden", sagt Demnig. "Früher habe ich 'gestorben' auf den Stein geschrieben. Jetzt steht da häufig nur noch 'tot'."

Einfach will er es sich nicht machen. Hilfe beim Produzieren oder Verlegen der Steine lehnt er ab; das "geht auch so". Mit seinem bordeauxroten Renault Kastenwagen juckelt Demnig lieber allein quer durch die Republik, stemmt auf, setzt ein, versiegelt. Der Rücken rebelliert, er ignoriert es. Einmal fuhr er wegen eines Steines auf die Nordseeinsel Föhr, da "nahm ich mir dann auch einen halben Tag Urlaub". Demnig diskutiert mit Schulklassen, hält Vorträge in Dorfgemeinschaftshäusern, setzt sich mit Kommunalparlamentariern auseinander und gibt Interviews, ein rastloser Wanderprediger seines Erinnerungsprojekts.

Zeit für andere Projekte bleibt schon lange nicht mehr; Demnig lebt von den 95 Euro, die jeder Stein kostet. Warum tut er sich das an, diese Ein-Mann-Mission gegen das Vergessen? Die Frage versteht er nicht. "Sollte ich denn aufhören? Geht doch jetzt nicht mehr."

Messingplatten-Fertigung in Demnigs Werkstatt: Erinnern bedeutet manchmal Schwerstarbeit
Matthias Jung

Messingplatten-Fertigung in Demnigs Werkstatt: Erinnern bedeutet manchmal Schwerstarbeit

Der gebürtige Berliner hat sich stets als politischer Künstler verstanden. Nach dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien entschied sich der Jung-Lehrer (Bildende Kunst und Werken) gegen eine Schulkarriere und studierte Kunst in Kassel, wo er von 1980 bis 1985 im akademischen Mittelbau arbeitete. Einmal erregte Demnig während des Vietnam-Kriegs Aufsehen, als er auf einer amerikanischen Flagge die 50 Sterne durch Totenköpfe ersetzt hatte; er wurde verhaftet. Schon in den achtziger Jahren beschäftigte er sich mit der Deportation von Sinti und Roma in Köln und zeichnete ihre "Spur der Vertreibung" in der Innenstadt mit Kreide nach. An 21 Punkten liegen an Stelle des schnell verwaschenen weißen Strichs nun Messingplatten, die heute noch an die Deportation erinnern. Sie sind die Vorläufer der Stolpersteine.

Als er 1997 in Berlin-Kreuzberg den ersten Stein illegal ins Pflaster einsetzte, ahnte Demnig nicht, was für eine Dynamik diese Aktion entfalten sollte. "Ich hatte zwar ein Konzept überlegt, bin aber davon ausgegangen, dass es bei ein paar Beispielen bliebe." Die Organisation der Verlegungen übernimmt mittlerweile Uta Franke, seine Lebensgefährtin. Sie nimmt Anfragen entgegen, spricht mit örtlichen Initiativen, koordiniert die Verlegungen, stellt Routen für Demnig zusammen.

Überlebende und Nachfahren der Opfer aus aller Welt bedanken sich in dutzenden Briefen bei den beiden Kölnern;auch bei Peter Hess in Hamburg füllt sich der Korrespondenz-Ordner. "Viele können gar nicht fassen, dass die heutigen Deutschen so engagiert den ermordeteten Verwandten gedenken. Das zeigt, dass die Stolpersteine auch das Bild eines anderen Deutschlands im Ausland vermitteln". Die Tochter des ehemaligen Hamburger Rabbiners Joseph Carlebach, Miriam Gillis-Carlebach, ist "sehr dankbar für das Projekt, so schmerzhaft es auch ist". Vera Lychenheim schreibt, dass Projekt sei "für die Holocaust-Überlebenden eine sehr ermutigende Erscheinung nach diesen vielen Jahren".

Mehr als tausend Patenschaften hat das Duo auf der Warteliste, manche Spender fragen schon ungeduldig nach, wann "ihr" Stein verlegt wird. Gunter Demnig mag diese Frage. "Es hat mehr als 60 Jahre gedauert, bis die ersten Steine lagen", sagt er dann gern und lächelt. "Da stören die paar Monate doch auch nicht mehr."



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