Britisches Ehrenamt: Lang lebe King John und die Wiese

Von Heike Sonnberger

Ein junger Historiker übernimmt ein verstaubtes britisches Heimatmuseum. Sein Ziel: aus dem Seniorentreff eine moderne Lernstätte zu machen. Sein Glück: Auf einer Wiese nebenan unterzeichnete König John vor 800 Jahren eines der wichtigsten Dokumente der britischen Geschichte.

Englisches Heimatmuseum: Zehn Minuten Fußmarsch zum Glück Fotos
Marcel Klovert

Für König John war es eine Schmach, dass er im Juni 1215 sein Siegel auf einen Vertrag setzen musste, der seine Macht als Monarch beschnitt. Doch wie sollte er sonst die aufsässigen Barone besänftigen, die es leid waren, seine erfolglosen Schlachten zu finanzieren? Für Matthew Smith ist es ein Glücksfall, dass der König damals einknickte, ausgerechnet auf einer Wiese an der Themse etwa zehn Minuten Fußmarsch von seinem Museum. Denn wie hätte sich sonst der britische Verteidigungsminister je für das Museum interessiert, das der 31-Jährige umkrempeln wollte, ehrenamtlich und frustriert davon, nach einer Stelle als Geschichtsdozent zu suchen?

Dies ist die Geschichte von einem, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und außerdem die richtigen Ideen hatte.

Das Museum von Egham liegt im Südosten Englands neben der Ringautobahn M25 um London. Es teilt sich das Haus mit einem Café, einer Tanzschule und einer Notunterkunft für Obdachlose. Es wäre ein Heimatmuseum wie so viele andere in Großbritannien, etwas schäbig, eng und meistens geschlossen, wenn nicht König John in der Nähe sein Siegel auf die Magna Carta gedrückt hätte.

Von der Magna Carta hat nicht nur jedes britische Kind schon gehört, sondern auch jedes amerikanische, sie hat die Gesetzgebung im Vereinigten Königreich und die Verfassung der USA geprägt. Kein freier Mann soll verhaftet, ins Gefängnis geworfen oder verbannt werden, wenn es das Urteil von Seinesgleichen oder das Gesetz des Landes nicht gebieten, steht in schwarzen Lettern auf Kalbshaut. Es war das erste Mal, dass sich auch der König dem Gesetz beugen und bestimmte Rechte seiner Untertanen anerkennen musste.

Im Juni 2015 jährt sich die Unterzeichnung der Magna Carta zum 800. Mal und die Vorbereitungen laufen seit Monaten. Dutzende Konzerte, Ausstellungen und Vorträge sind geplant, eine Oper soll komponiert, ein Gedicht verfasst und Gedenkmünzen geprägt werden, es soll vielleicht einen neuen Nationalfeiertag und eine neue Buslinie zwischen Windsor und Egham geben... und spätestens bis dahin will Matthew Smith das Museum flottgemacht haben.

"Das Museum ist nicht wiederzuerkennen", sagt eine Freiwillige

"Hier wollen wir die Geschichte Eghams von der Altsteinzeit bis zur Nachkriegszeit zeigen." Smith steht im Treppenhaus des Museums und deutet die Wände entlang bis zur Dachbodentür. Ein paar Schrauben ragen aus dem gelb gestrichenen Putz, weiter unten hängen eine Tafel über die Tudors und ein Wandteppich aus der US-Partnerstadt Herndon, es riecht nach Großmüttern und altem Papier.

Als der blonde Historiker aus der Kleinstadt Godalming vor zwei Jahren hier anfing, hatte er einen Stapel Bewerbungen zurückbekommen und jonglierte drei Nebenjobs gleichzeitig. Das Museum kannte er von früher, seine Universität war nicht weit, und es hatte sich seit Jahren nicht verändert. Immer noch treffen sich hier einige Senioren aus der Nachbarschaft dreimal in der Woche zum Tee, stöbern in alten Zeitungen und lassen Besucher ein.

"Milch und Zucker? Wie viele Löffel? Einen Ingwerkeks?", fragt Joy Whitfield, 76. Sie kommt seit zwei Jahrzehnten jeden Dienstag ins Museum. Wenn die Eingangstür knarzt, horcht sie auf und schaut nach, ob sie einmal auf den silbernen Handzähler drücken kann, wie sie das bei jedem Besucher tut und auch bei Smiths Frau, die den neuen Kurator manchmal abholt. "Das Museum ist nicht wiederzuerkennen", sagt Whitfield. "Hier war es muffig und altmodisch und ich bin froh über den Fortschritt." Allein, die Akten hätten neuerdings die Angewohnheit zu verschwinden. "Wir können einfach nichts mehr finden."

Das Museum besteht aus zwei Räumen, dem Treppenhaus und einem Dachboden und Smith gab sich anfangs Mühe, alles so behutsam umzuräumen, dass es die Senioren nicht vor den Kopf stößt. Einen Flachbildschirm hat er schon angebracht mit einer Diashow über die Fundstücke in der Vitrine davor, und die meisten Freiwilligen wissen inzwischen, wie man ihn morgens an- und abends ausschaltet.

Drei Griffe für die Toilettenspülung und Zugtickets von 2001

Ein besonders heikles Thema hat Smith noch nicht angesprochen: Neuzugänge in der Kollektion. Wenn ein neues Objekt eintrifft, füllt einer der Senioren meist eine Karteikarte mit einer kurzen Beschreibung aus, wickelt das Stück in Papier und verstaut es in einem Karton auf dem Speicher. Neulich zog Smith aus einer der vielen Kisten einen Kleiderbügel, einige Tierknochen, eine 90 Jahre alte Blechdose mit Babynahrung, drei Griffe für die Toilettenspülung und einen Flaschenöffner.

"Unsere Freiwilligen finden, dass Geschichte gestern begann", sagt Smith und seufzt. Das mache es schwer, einen sinnvollen Bestand aufzubauen. Tanzmusik dringt durch die Dielenritzen auf den Dachboden, der aussieht wie ein Flohmarktlager. Auf einem Regalbrett liegt ein Packen Zugtickets von 2001 neben Tassen und Pokalen, an einer Wand lehnt ein Straßenschild neben einem zerrupften, künstlichen Raben und einer Elektroheizung. Um den Trödel wieder loszuwerden, müsste Smith ihn eigentlich zuerst den Museen in der Nachbarschaft anbieten und wenn die ihn nicht wollen, dürfte er die Sachen entsorgen, so verlangen es die musealen Standards.

Einige Erfolge kann Smith immerhin schon verbuchen. Er hat den Verteidigungsminister Philip Hammond, in dessen Wahlbezirk Egham liegt, als Schirmherr für das Museum gewonnen. Und er hat mit seinen Plänen fürs Magna-Carta-Jubiläum die Mitarbeiter des Heritage Lottery Fund überzeugt, die Projekte mit Geld aus der nationalen Lotterie unterstützen. Über etwas mehr als 100.000 Euro kann Smith bis 2015 verfügen, auch ein kleines Gehalt springt für ihn heraus.

Dafür hat er versprochen, eine Ausstellung, Vorträge und Darbietungen rund um den Gedenktag zu organisieren, eine Webseite aufzubauen, Lehrmaterialien für die Schulen in der Gegend zusammenzustellen und Touren anzubieten.

"Geburtsort der Demokratie", heißt es pompös auf dem Eingangsschild

Noch gibt es allerdings nicht viel, was man am historischen Schauplatz vorzeigen könnte. Nebel wabert über die Wiese, auf der King John und die rebellierenden Barone einst zusammentrafen. Autos rauschen die nahe Straße entlang, auf den Parkplatz biegen Hundebesitzer und manchmal auch Touristen ein. Sie rollen vorbei an dem Schild "Geburtsort der Demokratie", dessen Aufschrift pompös klingt, das aber nur so groß wie zwei Schulhefte ist.

Das einzige Denkmal steht hinter einem Holzgatter zwischen knorrigen Eichen, ein kleiner Rundbau aus Stein, erbaut 1957 mit Geld der Amerikanischen Anwaltskammer. Deren Name ist so oft in den Stein gemeißelt wie die Wörter Magna und Carta. Flechten machen die Gehwegplatten rutschig.

Auf der anderen Straßenseite will die Gemeindeverwaltung von Runnymede bis 2015 ein acht Millionen Pfund teures Besucherzentrum bauen. Es soll der Heuwiese am Flussufer endlich den Rang in Reiseführern bescheren, den die Magna Carta in britischen Geschichtsbüchern hält.

Den Besitzer des Magna Carta Tea Room, einem Café am Wiesenrand, ärgern die Pläne. "Hier ist in den letzten Jahren nichts passiert und nun muss es so ein Firlefanz sein", sagt Richard Knight, 47. Das sei nicht fair gegenüber den Steuerzahlern. Er hätte lieber kleine, regelmäßige Investitionen: größere Hinweisschilder, eine neue Broschüre, einen gepflasterten Fußweg. "Jetzt dreht sich alles um das Jahr 2015, aber was kommt danach?"

Das fragt sich auch Matthew Smith. "Nach den Gedenkfeiern müssen wir andere Wege finden, um herauszuragen, sonst sind wir wieder nur ein weiteres winziges Heimatmuseum." Doch die Chancen stehen gut, dass das gelingt: Auf einem Hügel außerhalb von Egham hat ein reicher Salbenfabrikant vor rund 130 Jahren einen Campus gegründet. An der Royal Holloway University hat auch Smith studiert. Die Geschichtsfakultät hat gerade ein neues Institut eröffnet, das Centre for Public History. Historiker wollen gemeinsam erforschen, wie man Geschichte einer breiten Öffentlichkeit präsentieren kann - zum Beispiel in Museen.

Smith fällt es seither leicht, Freiwillige unter den Studenten zu rekrutieren, die das Durchschnittsalter seiner Crew dramatisch senken, und bei den Professoren kann er sich jederzeit Rat holen. Wieder einmal liegt der glückliche Zufall nur zehn Minuten Fußmarsch vom Museum in Egham entfernt.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Wozu die MC wir sind doch eh nur Sklaven der Elite
truthful 25.11.2012
Es keimt der Verdacht ein junger Historiker hat wieder eine Tür geöffnet. Die Tür zu der Staatskasse. Mit ein bisschen Wind über ein angebliches Dokument (keine Fälschung dieses Mal?) schon eine Geldquelle angebohrt. Warum sind denn die Engländer nicht so scharf auf ihre Geschichte? Das hat Gründe. Man will diese dunklen Jahrhunderte endlich vergessen. Man hat genug andre Sorgen. Was die Leute wirklich wollen ist ein grösseres Stück vom Kuchen. So simpel und einfach ist das
2. König John?
bewarzer-fan 25.11.2012
'König John' hieß Jean Plantagenêt, vulgo John Lackland bzw. Johann Ohneland. Er war Bruder Richard Löwenherz' und Schwiegervater Kaiser Friedrichs II. (HRR). Allen einen schönen Sonntag :-)
3. Heimat? Ein Seniorenbegriff????
pejoachim 25.11.2012
Zitat von sysopein verstaubtes britisches Heimatmuseum. Sein Ziel: aus dem Seniorentreff eine moderne Lernstätte Gedenktag für Magna Carta: Museum in England kommt groß raus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gedenktag-fuer-magna-carta-museum-in-england-kommt-gross-raus-a-866405.html)
Liebe Spiegel-Redaktion, warum lassen Sie denn immer Ihre Altenfeindlichkeit durchschimmern? Heimat und Museen sind etwas für Alte? Modern steht im Gegensatz zu alten Menschen? Ein wenig Sprachbewusstsein wäre auch für einen Journalisten vielleicht nicht ganz unnütz!
4. Empfehlenswerter als manch Brimborium
albert schulz 25.11.2012
Die verächtliche und völlig sinnfreie Art, mit der hier über das kleine Heimatkundemuseum hergezogen wird, erstaunt nicht sonderlich. Der Autor tappt wahrscheinlich von einem Welt-klassemuseum ins andere. Für ein Museum in London braucht man allerdings jeweils eine Woche, und nach zwei Stunden ist die Konzentration futsch. In England gibt es unzählige kleine Dorfmuseen, in denen heimatkundlich die unterschiedlichsten Themen aufbereitet wer-den, wohl immer ehrenamtlich von pensionierten Lehrern, aber auch Handwerkern und Ge-schäftsleuten. Die Darbietung ist ungemein gegenständlich, verrät viel Fleiß und Mühe, Liebe zur Originalität bis ins Detail. Der Besucher erfährt viel, und nach zwei Stunden ist er durch, muß also nicht mit exzessiver Kulturbeflissenheit eine mörderische Tortur durchstehen wie in einem British Museum. Und man nimmt etwas mit wegen der konkreten Anschaulichkeit, was bei großen Museen selten der Fall ist. Ganz nebenbei sei erwähnt, daß auch die großen Muse-en in Deutschland sehr häufig nur noch von Ehrenamtlichen funktionstüchtig erhalten werden, nicht nur das Lindenmuseum in Stuttgart (Völkerkunde und Religionen), ein Traum mit fast ganz ohne Besucher. Diese kleinen Museen habe ich in Jugoslawien, Holland, Württemberg besucht, und ich habe es nicht einmal bereut. Oft schellt man an einem Nachbarhaus, und bin-nen kurzem wird einem aufgetan. Mit Ruhe und Zeit im Mantelsack kommt man zu einem beschaulichen Gewinn. Daß hier ein arbeitsloser Historiker und eine kleine Gemeinde auf Anerkennung, Besucher und Geld spekulieren ist nicht gerade schädlich. Irgendwas wird bei den Mühen herumkom-men. Die Magna Charta ist ja alles andere eine Kleinigkeit, England war an dieser Stelle den anderen Ländern weit voraus, auch wenn man das neue Recht insofern einschränken darf, als daß „freie Männer“ nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachten, ähnlich wie im anti-ken Athen oder in mittelalterlichen Städten Mitteleuropas. Man darf allerdings annehmen, daß dies erläutert wird. Britische Museen waren früher den deutschen in didaktischer Hinsicht um Jahrzehnte voraus. Es gibt dort weit weniger Tabus und Bildungsvorbehalte als hierzulande. Und auch sehr einfache Bürger besuchen Museen, der Eintritt ist zumeist gratis oder sehr bil-lig zu haben, und nebenbei ist häufig eine Selbstbedienungstheke, deren Preise einem deut-schen Frittenkönig die Tränen der Bestürzung ins Auge treiben würden.
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