Geheimpolizeiprotokoll Streit um Spitzel-Verdacht gegen Milan Kundera

Nicht nur in Prag herrscht Bestürzung über den Spitzel-Verdacht gegen Milan Kundera. Jetzt entbrennt ein Streit über die Echtheit des Dokuments, das ihn belasten soll. Denn unterschrieben wurde das Geheimpolizeiprotokoll nie.

Von Kilian Kirchgeßner, Prag


Es war ein schwacher Moment vor fast 60 Jahren, der den tschechischen Schriftsteller Milan Kundera jetzt möglicherweise um sein Lebenswerk bringt – wenn denn die Anschuldigungen stimmen, die in Prag gegen ihn erhoben werden. Einen antikommunistischen Studenten soll er im März 1950 bei der Staatssicherheit denunziert haben, geht aus den Unterlagen des tschechischen Geheimdienstes hervor. Sein mutmaßliches Opfer entging nur knapp der Todesstrafe und verbrachte 13 Jahre in tschechoslowakischen Arbeitslagern.

Schriftsteller Kundera: Soll einen Studenten verraten haben
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Schriftsteller Kundera: Soll einen Studenten verraten haben

Der heute 79-jährige Milan Kundera bestreitet die Vorwürfe. Von einem "verdächtig perfekt vorbereiteten Attentat" gegen seine Person spricht er. Dass sein vermeintlicher Verrat gerade zur Frankfurter Buchmesse aufgedeckt werde, könne kein Zufall sein.

Es ist ein vergilbtes Blatt Papier, auf dem die Vorwürfe beruhen: Ein Protokoll der tschechoslowakischen Geheimpolizei, in dem der Fall Kundera minutiös nachgezeichnet ist. "Am heutigen Tag um 16 Uhr kam in die hiesige Abteilung der Studierende Milan Kundera, geboren am 1.4.1929 in Brünn", so beginnt das Schriftstück aus dem Jahr 1950, das dem inzwischen weltberühmten Schriftsteller jetzt zum Verhängnis werden könnte.

In dem Protokoll geht es um einen Mann namens Miroslav Dvoracek, der damals 22 Jahre alt war und für eine antikommunistische Exilbewegung arbeitete. Er war als Spion in Prag, wollte Informationen sammeln und ins Ausland bringen – ein Plan, der für die noch unsicheren kommunistischen Machthaber das schwerste Verbrechen darstellte. An der Stelle kommt Milan Kundera ins Spiel: Über einen Freund soll er erfahren haben, dass der gesuchte Miroslav Dvoracek bei einer Bekannten im Studentenwohnheim untergeschlüpft ist – und genau das, so steht es in dem Protokoll der damaligen Staatssicherheitsbehörde, soll er gemeldet haben. Noch am gleichen Abend wurde Dvoracek verhaftet.

"Welche Motive Kundera damals gehabt hat, wissen wir nicht", heißt es beim staatlichen Institut zum Studium von totalitären Regimen in Prag, das in Tschechien die Akten der Staatssicherheit aufbereitet und auch das belastende Material über Kundera gefunden hat. Tatsächlich war Kundera, damals 20 Jahre alt, in seiner Jugend ein überzeugter Kommunist. Erst die brutalen Schauprozesse gegen Regimegegner und die Geschehnisse um den Prager Frühling entfremdeten ihn. 1975 emigrierte er nach Paris und wurde zu einem der profiliertesten Kritiker des kommunistischen Systems.

In seinen Romanen, von denen vor allem "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" berühmt geworden ist, thematisiert er immer wieder den entwürdigenden Alltag im Sozialismus. Von seiner tschechischen Heimat distanzierte er sich vollkommen: Er schrieb seine Romane auf Französisch und verhinderte selbst nach der politischen Wende die Übersetzung ins Tschechische. Nach Prag reist er äußerst selten und nur inkognito, tschechischen Medien gewährt er aus Prinzip keine Interviews. Dass ausgerechnet er ein Denunziant sein soll, löst in seiner Heimat Bestürzung aus.

"Ich bin völlig überrumpelt von etwas, das ich nicht erwartet habe, von dem ich noch gestern nicht einmal etwas wusste und das nicht passiert ist", sagte Kundera in einer ersten Reaktion gegenüber der tschechischen Nachrichtenagentur ctk. Wie sein Name in das belastende Protokoll der Staatssicherheitsbehörde kommt, könne er sich nicht erklären. Tatsache ist, dass bei dem Material die Unterschrift von Milan Kundera fehlt, unterzeichnet ist das Papier lediglich vom diensthabenden Beamten der Geheimpolizei. Darauf stützt sich jetzt Milan Kundera: "Ob sich jemand anderes hinter meinem Namen versteckt hat, weiß ich nicht."

Der Fall des berühmten Schriftstellers wirft auch ein Schlaglicht auf die Vergangenheitsaufbereitung in Tschechien. Das Institut zum Studium der totalitären Regime geht dabei nämlich einen ganz eigenen Weg: Die Namen von Spitzeln, Zuträgern und Mitarbeitern der damaligen Staatssicherheit werden im Internet veröffentlicht, inklusive Geburtsdatum und Deckname. Weil die systematische Erfassung der kilometerlangen Aktenregale erst in diesem Jahr begonnen hat, geraten immer wieder prominente Figuren ins Scheinwerferlicht; bislang waren es vor allem Politiker. Wie zuverlässig die Akten sind, ist allerdings umstritten. So gilt es als erwiesen, dass einige belastete Personen ohne ihr Wissen ausgehorcht worden sind – auch sie tauchen als Zuträger in den Dokumenten auf.

Im Fall von Milan Kundera liegen die Dinge nach Angaben des zuständigen Instituts anders. "Am Ablauf des Geschehens haben wir keine Zweifel", sagt Sprecher Jiri Reichl auf Anfrage. Wie der verhaftete Student Miroslav Dvoracek auf die Nachricht reagiert hat, dass ausgerechnet Milan Kundera ihn verraten haben soll, ist noch unklar. Der heute 80-Jährige emigrierte nach seiner Haftentlassung nach Schweden. Zu den neuen Enthüllungen hat er sich noch nicht geäußert.



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