Gehry-Tower in New York Meter-Monster in Manhattan

Der US-Star-Architekt Frank Gehry hat das höchste Wohnhaus der westlichen Hemisphäre errichtet. Der Luxusturm soll das Ende der New Yorker Architekturflaute markieren. Doch er enttäuscht nicht nur Kritiker, er könnte sich auch als Finanzproblem erweisen.

AP

Von , New York


"Was Frank gefällt", sagt Maryanne Gilmartin, "das gefällt auch uns." Sie steht in einem langen Hausflur und zeigt auf die Neonröhren unter der Decke, die nicht gerade ausgerichtet sind, sondern eine Schlangenlinie bilden bis zum Fenster am Ende, durch das der Blick auf Lower Manhattan fällt, 36 Etagen weiter unten.

Kunst am Hochbau: Es war, natürlich, Franks Idee, die Röhren so anzubringen. Denn Frank ist Frank Gehry - der schlagzeilenträchtige Stararchitekt, der mit dem Guggenheim-Museum die Stadt Bilbao weltbekannt gemacht und dem Disney-Konzern mit seiner Konzerthalle in Los Angeles einen Hauch von Hochkultur verliehen hat.

Aber erst jetzt, im Alter von 81 Jahren, nach Prestigeprojekten auf fast allen Kontinenten, erobert Gehry Manhattan, den Spielplatz internationaler Architektur.

Sicher, ein Geschäftsgebäude hat er hier schon entworfen, außerdem die Cafeteria des Condé-Nast-Verlags am Times Square und den Flagship-Store des japanischen Modedesigners Issey Miyake in Tribeca. Doch das waren Industriejobs, kühle Auftragsarbeiten, unsichtbar in der Skyline.

Was dagegen jetzt über dem Gassengewirr des Financial Districts stahlsilbern in den Himmel sticht, 265 Meter und 76 Stockwerke hoch, ist etwas ganz anderes. Es ist nicht nur der erste Wolkenkratzer Gehrys (der Architekt leidet unter Höhenangst). Es ist nicht nur, mit 903 verschachtelten Mietwohnungen, der höchste und ungewöhnlichste Luxuswohnturm der westlichen Hemisphäre. Es ist, wie Nicolai Ouroussoff, Architekturkritiker der "New York Times", befindet, "der feinste Skyscraper in New York seit Eero Saarinens CBS-Haus", jenem Fanal des Modernismus von 1965.

New Yorks lange Architektur- und Bauflaute findet also hier an der Spruce Street ihr Ende, im Dreieck zwischen City Hall, Brooklyn Bridge und Wall-Street-Viertel und auch nur wenige Schritte von Ground Zero entfernt.

"Linkische Schönheit"

"New York by Gehry" heißt dieser Apartmentriese unbescheiden: New York, wie Gehry es sieht. Auch das natürlich eine Auftragsarbeit, diesmal für den Immobilien-Milliardenkonzern Forest City Ratner. Doch wer da für wen gearbeitet hat, bleibt erfrischend unklar.

"Wir ließen ihm freie Hand", sagt Gilmartin, die Entwicklungschefin von Forest City Ratner, während sie den Besucher durch die teils noch im Rohbau befindlichen Innereien steuert - eine "vertikale Stadt", wie sie sagt, mit mehr als 100.000 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche. "Die einzigen Bedingungen: Es musste schön sein und Rentabilität versprechen."

Und so entwarf Gehry jedes Detail selbst, von der Glas- und Edelstahl-Außenhaut bis hin zu den Türknöpfen und Wasserhähnen - schließlich ist dies sein Einzug in den Pantheon Manhattans. Beim Richtfest Ende 2009 blickte er in die Höhe und juxte: "Ganz ohne Viagra!"

Gehrys Stil ist unverkennbar, allein an der am Computer entstandenen Kräuselfassade aus mehr als 10.500 Einzelteilen ist kaum ein Teil wie das andere. Über das architektonische Stehvermögen dieser "Mammut-Erektion" ( so der Immobilienblog "Curbed") lässt sich dennoch streiten - und nicht nur, weil der Bau kein Öko-Siegel trägt, wie sonst heute üblich.

"Traurig und unbeeindruckend", schreibt etwa James Gardner im Immobilienmagazin "The Real Deal". Auch James Russell vom Wirtschaftsdienst Bloomberg bleibt unschlüssig: "Eine linkische Schönheit." Und Schnellbauer Donald Trump ist sowieso kein Fan - was aber wohl daran liegt, dass seine eigene Penthouse-Monstrosität an der Uno, bisher New Yorks höchstes Wohnhaus, von Gehrys Goliath nun um 30 Zentimeter überragt wird. So ein Meter-Macho hat schließlich auch seinen Stolz.

Schöner wohnen für die Rezessionssieger

Der Gehry-Tower soll Symbol sein für das Ende der Bau-Baisse und den Beginn eines neuen Überschwangs. Eine durchschnittliche Drei-Zimmer-Wohnung kostet hier 7000 Dollar Monatsmiete. Für den Preis gibt es ein Fitness-Studio dazu, einen Filmsaal, eine Gourmetküche, eine Bibliothek, eine Terrasse mit eigener Hütte und Barbecue-Grill sowie einen glasüberdachten 15-Meter-Swimming-Pool: Schöner wohnen für die Rezessionssieger.

Dabei hätte die Rezession beinahe alles verdorben. Forest City Ratner hatte das Grundstück 2003 vom benachbarten Downtown Hospital gekauft und sich sowohl die Höhenrechte gesichert, im Gegenzug für einen Park vor der Tür, wie auch 200 Millionen Dollar steuerfreie Kredite, im Gegenzug für eine Schule direkt im Haus. Das führte zu einem ästhetischen Kompromiss: Der Turm steht nun auf einem Ziegelklotz, in dem sich die Schule und eine Kliniketage befinden und der wie ein Fremdkörper wirkt.

Baubeginn war 2006. Dann kam die Krise. "Wir nahmen etwas Abstand", sagt Gilmartin. "903 Wohnungen loswerden zu müssen, das machte uns Angst." 2009 wurde der Bau gestoppt. Ein halbes Jahr lang erwogen sie, den Turm bei 38 Stockwerken zu kappen, erst dann rangen sie sich zum Weiterbau durch. "Es war hart."

Gespart haben sie dann letztlich an nichts. Die Lobby ist mit Douglasfichtenholz vertäfelt, der Boden mit Kalkstein belegt, der Concierge-Tresen mit handgemeißeltem Beton verkleidet, dessen Puzzlestücke eigens aus Kalifornien auf dem Landwege herbeigekarrt wurden.

Im Westen Ground Zero

Mit einer Geschwindigkeit von 426 Metern pro Minute saust der Aufzug so schnell nach oben, dass einem der Druck das Ohr verstopft. "Höher wohnt keiner", prahlt Gilmartin, als sie im 76. Stock auf die Innenbaustelle tritt. Acht Penthouses entstehen hier unterm Dach. Der Panorama-Blick umspannt Manhattan, vom Empire State Building übers Chrysler Building bis hinaus zum Ende des Central Parks, zwölf Kilometer entfernt. Auf der anderen Seite öffnet sich der Hafen mit der Freiheitsstatue.

Zum Westen hin, tief unten, Ground Zero. Dort wächst das Reißbrettmonster des vormaligen Freedom Towers aus der Grube - ein scharfer Kontrastpunkt, der Gehrys Vision eines Tages um mehr als das Doppelte überragen wird.

Von hier oben schaut man sogar dem greisen Cousin des Gehry-Towers aufs Kupferdach. Das Woolworth Building von 1913, jenseits des City Hall Parks und etwa 25 Meter niedriger, war mal das höchste Bauwerk der Welt. Und so wie es einst den Beginn einer neuen Ära markierte, so will nun auch Gehry den Weg in die Zukunft weisen.

Gilmartin präsentiert die Muster-Wohnungen, möbliert in jenem Faux-Bauhaus-Stil, der bei Manhattans Modernisten so beliebt ist. Die Ein-Zimmer-Zelle für Singles (46 Quadratmeter, 2700 Dollar im Monat), die Zwei-Zimmer-Wohnung für "das aus Los Angeles verpflanzte Pärchen" (70 Quadratmeter, 5000 Dollar), die "family unit" mit Kinderzimmer (102 Quadratmeter, 7000 Dollar).

Fast keine Wohnung ist wie die andere, insgesamt gibt es mehr als 200 verschiedene Grundrisse. Alle irgendwie gleich und irgendwie konventionell - trotz Edelstahl-Armaturen, trotz Eichenparkett, trotz Gehry.

115 Wohnungen sind bisher zur Vermietung freigegeben. "Wir werden von Interessenten belagert", behauptet Gilmartin. Auf der Liste stünden bereits 1300 Namen. Am Donnerstagnachmittag freilich wandert nur ein russisch sprechendes Paar durch die Werbegalerie im 37. Stock, wo Brötchen und Frischobst gereicht werden.

Dass Gehrys Höhenluft-Apartments vermietet statt verkauft werden, offenbart denn auch, dass sich der Immobilienmarkt noch nicht wirklich erholt hat. "Es gibt zu viele Eigentumswohnungen", gibt Gilmartin zu. Selbst um die Luxusmieter muss gebuhlt und geschachert werden: Wer einen Mietvertrag für 13 Monate unterschreibt, bekommt einen Monat umsonst. Man will ja nicht knauserig sein.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Mr Bounz 18.02.2011
1.
Das Woolwoth Building hat Klasse und sieht auch heute noch hervorragend aus. Wie ein Architekt behaupten kann er hätte sich daran orientiert und dann so etwas abliefert ist mir unverständlich! Das Ding sieht unmöglich aus und die Wohnungen .... untere Mittelklasse. Hauptsache ne fette Lobby .... Amis eben.
founder 18.02.2011
2. Kein einziges mal erwähnt
Energie, Klima, Solar konnte ich in dem Artikel nicht finden. Also denke ich, daß da keine Glanzleistungen bezüglich Energie, Klimatisierung und Solarenergie vorhanden sind. Wenn man das mal vergleicht mit neuen Hochhäusern in China, was da alles steht bezüglich dieser Themen, ist die USA der kulturelle Absteiger des Jahrtausends.
sverris 18.02.2011
3. pfff
indertat sind die zeiten, wo gehry noch intressant war, lange vorbei. wie immer, wenn leute anfangen, erfolg zu haben: bei architekten großes büro, riesenprojekte, keine zeit mehr für inhalte, verflachung, abhängigkeiten vom geld, besonders bei diesem hochhaus auch sichtbar: die fassade ist so ziemlich nur deko. im übrigen sei dem artikelautor empfohlen, den term "star-architekt" in anführungsstriche zu setzen.
nutsinho 18.02.2011
4. Blabla
Finde den Bau recht gelungen. Das Woolworth Building ist übrigens ~25 Meter kleiner und nicht 125 Meter. Und 100 m² für 7000$ hört sich für die dortigen Verhältnisse gar nicht so teuer an. Der Artikel erweckt insgesamt nicht den Eindruck als wäre er gur recherchiert.
easystreets 18.02.2011
5. Fairy-Tower
Zitat von sysopHöhenrausch*in Manhattan:*Der US-Star-Architekt Frank Gehry hat das höchste Wohnhaus der westlichen Hemisphäre errichtet.*Der*Luxusturm*soll das Ende der New Yorker Architekturflaute markieren - doch er enttäuscht nicht nur architektonisch, sondern könnte sich auch als Finanz-Flop erweisen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,746246,00.html
Ist doch hübsch. 900 Wohnungen bei einer Stadt mit 8 Millionen Einwohnern ist doch nichts. 600 Dollar Monatsmiete für ein Zimmerchen von 10 Quadratmetern ist in Manhattan Standard, was sind da schon 2700 Dollar für knapp 50 Quadratmeter in einem x-ten Stockwerk? Gut bürgerlich. Gehry macht keine kalte Architektur, und Kompromisse sehe ich auch nicht gemacht. Was will man mehr im Meer der Technokraten? New York ist erschüttert nach den Anschlägen auf das World Trade Center, und Gehry setzte etwas Ambitionsloses nach Manhattan. @founder: Wo, außer im Reichstagsgebäude, sehen Sie denn in Deutschland Solar und Erdwärme als Aushängeschild illustriert verbaut? Das dürfte weiterhin Neuland sein für so manches Architekturbüro. Mit einer Photovoltaikfassade hätte Gehry sicher ein Zeichen gesetzt allerdings.
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