Mit Geisteswissenschaften gegen rechts Nazis weglabern

Das Problem an den Rechten ist, dass sie eben nicht dumm sind. Sie sind eloquent und sagen dabei doch nie genau das, was sie wirklich meinen. Umso wichtiger ist es, sie richtig zu verstehen.

AFP

Eine Kolumne von


Vor knapp elf Jahren habe ich an der Uni eine Klausur in Logik geschrieben, in der man unter anderem folgendes Problem erklären sollte: "Keine Katze hat zwei Schwänze. Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze. Also hat eine Katze drei Schwänze." Die Aufgabe war, aufzuschreiben, warum das eine Schlussfolgerung ist, die nicht funktioniert. Der Tag der Klausur war auch der Tag, an dem meine Philosophielehrerin beerdigt wurde. Wegen ihr hatte ich das Studium angefangen. Und dann saß ich da mit dieser dreischwänzigen Katze und wusste nicht, ob das alles nicht vielleicht doch ein einziger riesiger Quatsch war.

Heute lese ich Nachrichten und habe das Gefühl, es gibt im Moment außerordentlich viele Erzählungen über dreischwänzige Katzen und zu wenig Leute, die erklären, was daran nicht stimmt. Spätestens mit Trumps Wahlsieg, aber eigentlich schon die ganze Zeit, seit die Rechten so sehr im Aufwind sind, ist die Zeit von dem gekommen, was gerne als "Laberfächer" bezeichnet wird.

"Laberfächer" sind Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaften, von denen oft behauptet wird, man würde da eigentlich nichts lernen, außer eben zu labern. Sie gelten als weltfremd und elitär. Wenn im Moment von "weltfremden" und "elitären" Leuten die Rede ist, dann oft in Angriffen von rechts: Dann heißt es zum Beispiel, Linke würden die wirklichen Probleme der Leute nicht erkennen, die Nöte des kleinen Mannes, das alles.

Das ist kein Zufall. Abgesehen davon, dass die Bezeichnung "weltfremd" nicht unbedingt eine Beleidigung sein muss, weil man in den Welten mancher Leute echt nicht heimisch sein möchte, liegt diesen Vorwürfen eine ähnliche Abwehrreaktion zugrunde. Es ist die Angst, in einer vielfältigen und sich verändernden Welt nicht mehr mitzukommen, und die Angst, dass einfache Erklärungen nicht ausreichen. Sie reichen selten aus. Mündig zu sein heißt auch, zu sehen, dass die Welt kompliziert ist.

Ein Laberfach studiert zu haben, bedeutet, das Gelaber von anderen zu erkennen

Das Problem mit den Rechten ist meistens nicht, dass sie Logikfehler machen oder dumm sind oder zu wenig Geisteswissenschaften studieren. In den oberen Reihen der AfD hängen haufenweise studierte und promovierte Leute rum. Björn Höcke war Geschichtslehrer, bevor er Rechtsaußen einer rechten Partei wurde. Er weiß, wovon er redet, und er weiß auch sehr genau, wie er seine Reden auf den Millimeter genau im Rahmen der Meinungsfreiheit platzieren muss, damit es einen Skandal gibt, aber ein Prozess unwahrscheinlich ist.

Was man in den sogenannten Laberfächern unter anderem lernt, ist, auch schlauen Nazis etwas entgegenzusetzen. Ein Laberfach studiert zu haben, bedeutet auch, das Gelaber von anderen zu erkennen. Denn die neue Rechte sagt nicht: "Wir sind zutiefst menschenfeindlich und hassen Minderheiten, wir wollen uns einkapseln in eine Welt in der Größe des Uterus, aus dem wir kamen, Mamiiii." Sie sagen das jedenfalls nicht wörtlich. Sie sagen es viel eloquenter und verdeckter und so, dass sich sehr viele Leute nicht schämen, ihnen hinterherzurennen.

Ich will, dass überall da, wo die Rechten stärker werden, Leute, die die sogenannten Laberfächer studiert haben, sich daran erinnern, was sie da an der Uni eigentlich die ganze Zeit gelernt haben. Einiges von dem, was Rechte sagen, lässt sich mit gesundem Menschenverstand entkräften, aber auch der lässt sich schulen und ist nicht vor Fallen gefeit. Wir haben gelernt, Argumente und Metaphern auseinanderzunehmen, wir wissen, warum Begriffe wichtig sind und nicht Schall und Rauch, wir kennen historische Beispiele dafür, wo bestimmte Entwicklungen hinführen können, wir kennen andere, mögliche Gesellschaftsmodelle, und am besten kennen wir auch noch ein paar Utopien. Wir sollten das alles benutzen und zwar jetzt.

Es ist zurzeit viel von Wahrheit die Rede. "Fake News", "alternative Fakten" und dem entgegengesetzt: die Wahrheit. Als wäre so klar, was das ist. Nichts daran ist klar, denn es gibt mehr Wahrheitstheorien als Finger an einer Hand. Vielleicht ist ein Satz wahr, wenn er abbildet, wie die Welt ist, aber vielleicht geht das gar nicht. Vielleicht ist ein Satz wahr, wenn sich sehr viele Leute auf ihn einigen können, aber da kennen wir schlimme Gegenbeispiele. Vielleicht ist ein Satz wahr, wenn man ihn per Erleuchtung geliefert kriegt, aber das passiert selten. Vielleicht ist ein Satz wahr, wenn er sich mit möglichst wenig anderen Sätzen widerspricht, aber Widersprüche kriegt man nie ganz weg aus dem Leben. Der Witz daran ist: Es gibt sehr viele Wahrheitstheorien, und in einigen davon ist es möglich, von "meiner Wahrheit" und "deiner Wahrheit" zu sprechen, aber das macht den Bullshit, der mit "alternativen Fakten" gemeint ist, nicht besser.

Trump stampft die Geisteswissenschaften ein - weil sie ihn bedrohen

Es gibt Grenzen, und die müssen wir aufzeigen, bevor es salonfähig geworden ist, sie nicht zu sehen. Es stimmt zwar, dass Nazideutschland nicht durch Argumente gestoppt wurde. Aber vielleicht haben wir ja etwas gelernt, das wir anwenden können, bevor es wieder so weit kommt.

Gerade wird wieder diskutiert, ob man Nazis verprügeln kann oder sogar sollte. Richard Spencer ist der Anführer der sogenannten "Alt-Right"-Bewegung, einem Haufen Neonazis, der nicht Neonazi genannt werden will, und er wurde während der Proteste gegen Trump von jemandem geschlagen, während eines Interviews. Das Video davon ist, dutzendfach mit Musik unterlegt, ein Hit geworden. Es wird nicht besser davon. Es befriedigt ein paar niedrige Triebe von Leuten und bringt im Zweifel die Rechten dazu, sich noch stärker zu radikalisieren. Glückwunsch. Bevor wir Nazis angreifen, sollten wir die maximale Bandbreite von Möglichkeiten ausnutzen, sie auf andere Art unschädlich zu machen.

Der neue US-Präsident Trump hat sich zu dem geboxten Nazi nicht öffentlich geäußert. Aber kurz nach seiner Amtseinführung wurde bekannt, dass Trump offenbar plant, die staatliche Förderung von Geisteswissenschaften und Kunst zusammenzustreichen. Ein Schachzug, den man von autoritären Regimen kennt. Trump macht das wohl nicht, weil sie ihn langweilen. Sondern weil er sich von ihnen bedroht fühlt, viel mehr als von einem Schlag ins Gesicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
dasbeau 24.01.2017
1. Geisteswissenschaften
Wissen Sie eigentlich, was alles zu den Geisteswissenschaften gehört? Z.B. auch so etwas wie Rechtswissenschaft, gemeinhin Jura genannt. Das will Trump "einstampfen"? Lesen Sie doch einmal den von Ihnen verlinkten Artikel im Tagesspiegel genau. Das Wort "Geisteswissenschaften" taucht dort überhaupt nicht auf. Nicht, dass ich gutheiße, was Trump dort initiiert, im Gegenteil. Aber unnötiges Aufbauschen hilft dagegen auch nicht. Wenn die Trump-Administration bereits mit "alternativen Fakten" operiert, sollte man sich als Trump-Gegner erst recht ausschließlich an Fakten halten. Ansonsten wird der Protest unglaubwürdig.
Mister Stone 24.01.2017
2.
Das Problem an den Rechten ist, dass sie eben nicht dumm sind. Sie sind eloquent und sagen dabei doch nie genau das, was sie wirklich meinen. Der zweite Satz beschreibt exakt das, was ich bei unserer Bundeskanzlerin regelmäßig zu erkennen glaube. Und auch die ist gewiß nicht dumm.
tim_van_beek 24.01.2017
3. Wahrheitstheorien...
"Nichts daran ist klar, denn es gibt mehr Wahrheitstheorien als Finger an einer Hand." Da denken Sie wirklich viel zu kompliziert (hätte nicht gedacht, dass ich das zu dieser Kolumne nochmal so sagen könnte :-) Die Frage, ob Obama ein Muslim ist oder nicht (um mal ein konkretes Beispiel zu nennen), spielt auf einem ganz anderen Niveau als dem eines philosophischen oder erkenntnistheoretischen Proseminars...
joes.world 24.01.2017
4. Ein wirklich netter Beitrag
Ein wirklich netter Beitrag. Ich mag es, wenn so herum philosophiert wird. Nicht als Wissenschaft a la Erkenntnistheorie (das wäre hier kaum möglich). Sondern mehr im Plauderton wie eben. Man merkt auch, dass dieses Thema der Autorin ein großes Anliegen ist. Und Höcke als das zu bezeichnen, was er ist - ist einfach vernünftig. Wer Ausschnitte seiner Reden im Fernsehen gesehen hat, dieses verzerrte Gesicht - der hätte perfekt in die 30er Jahre gepasst. Meine Meinung. Ihr Fehler passiert leider am Ende. Wenn sie wirklich gegen Extremismus ankämpfen wollen, durch Worte, muss man ihre Worte ernst nehmen. Wenn sie einem US-Präsidenten unterstellen, rechtsextrem zu sein, unterstellen sie 50% der US-Wähler rechtsextrem gewäht zu haben. Wer also hat in diesem Fall recht? Ganz logisch betrachtet. Ist es wahrscheinlicher, dass 60 Millionen Amis rechtsradikal sind oder dass sie sich hier massiv irren? Übrigens macht es keinen Sinn, dass Trump die Geisteswissenschaften deshalb kürzt (weiß auch gar nicht woher sie das haben, denn die Uni-Besuche in den USA finanzieren die Studenten so und so mit unheimlich viel Geld ihrer Eltern. Wo da ein Präsident eingreifen soll, weiß ich nicht), weil er Angst vor deren Absolventen hat. Denn bis die absolviert haben, ist mal seine erste Amtszeit vorbei. Dennoch, ein netter Beitrag, den ich gerne gelesen habe. Nur am Ende, fand ich, sind sie über das Ziel hinausgeschossen. Denn wie wollen sie gegen Radikalismus vorgehen, wenn sie die auch nicht-Radikalen dazu zählen? Dann glauben ihnen viele Leser einfach nicht mehr. Und ihre Worte erreichen zu wenige. Zumindest viel weniger, als sie es wollen.
jolahl 24.01.2017
5. laber
Ich habe eben Ihren Artikel gelesen und gespannt darauf gewartet, wann jetzt die Dechiffrieranleitung für rechtes Gelabere kommt. Kam aber nix, nur ein weitschweifiges Vorwort dazu. Also labern über labern. Absicht? Nebenbei bemerkt: in dem Durcheinander von post-und alternativ- faktischen Wahrheiten finde ich es echt nicht so leicht, klaren Kurs zu halten. Im Übrigen ist selbst Trump langweilig in Echtzeit und als live blog, Vielleicht sinken ja die Einschaltquoten bald. Das dürfte ihm den Schlaf rauben...
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