Gender-Klischees Unnötigen Müll vermeiden

Was haben Plastikmüll und reaktionäre Rollenvorstellungen gemeinsam? Beide sind schlecht für die Welt. Und trotzdem greifen wir Menschen aus Gewohnheit immer wieder auf Wegwerfgabeln und Stereotype zurück.

Picknick-Müll
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Die EU will gegen Plastikmüll vorgehen. Eine sehr gute Idee, bei der es mich nur ein kleines bisschen erstaunt, dass noch niemand vor einer "Hexenjagd gegen Plastik" gewarnt hat, und das könnte man zwar mit guten Gründen für bescheuert halten, aber seit Horst Seehofer letzten Sommer von einer "Hexenjagd gegen das Auto" gesprochen hat, halte ich vieles für möglich.

Bei der Frage, ob Menschen sich von allein so benehmen, dass der Planet noch eine Weile hält, scheint es einen ziemlichen Konsens zu geben: Sie tun es nicht. Es gibt ein paar Plastikteller-Ultras, die jetzt auf ihr Recht bestehen, weiterhin Kadaverteile von Kunststoff zu essen. Aber selbst Günther Oettinger hat erklärt, "ich habe in meiner Jugend mein Saitenwürstchen immer auf dem Papierteller gegessen", und man könnte darüber reden, wie vorbildlich das ist, solange es kein Seitanwürstchen ist, aber alles in allem muss man sagen: Die Richtung stimmt. Die meisten Leute verstehen, dass Plastik zwar eine gute Erfindung ist, aber eine, mit der man verantwortungsvoll umgehen sollte.

Gute Arbeit von Frauen wird nicht als gute Arbeit erkannt

Wer sich jetzt fragt, wie Frau Stokowski noch den Dreh zu Gendergeschwurbsel hinkriegt, möge sich anschnallen, denn neulich hat sich mein Kollege Harald Martenstein unter dem Titel "Gute Nacht, Abendland" über die Ausbildung von Philosophinnen und Philosophen beschwert, die in Oxford in ihrem Studium jetzt geballte 40 Prozent Texte von Frauen lesen sollen. Das gruselt ihn. "Bekanntlich waren fast alle großen Philosophen der Vergangenheit männlich", weiß der "Zeit"-Kolumnist.

"Dies hängt natürlich mit Chancenungleichheit und dem Patriarchat zusammen. Nun werden die Studentinnen für das Patriarchat bestraft, weil sie weniger Kant, Leibniz oder Hegel lesen dürfen und stattdessen mit den vergleichsweise mediokren Hervorbringungen von Zeitgenossinnen zugemüllt werden. Gute Philosophinnen würden ja hoffentlich ohnehin auf der Lektüreliste landen."

Seine Hoffnung in allen Ehren, aber es stimmt leider nicht. Gute Arbeit von Frauen wird nicht immer automatisch als gute Arbeit anerkannt, und wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der der Wikipedia-Artikel über Genies ganze 31 Männer als Beispiele für Universalgenies aufzählt, aber keine einzige Frau, dann kann man schon mal fragen, wie automatisch sich Menschen eigentlich daran gewöhnen, dass Frauen auch Gehirne haben.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass Frauen an Unis in denjenigen Fachbereichen unterrepräsentiert sind, von denen viele Leute glauben, man bräuchte eine Art natürliches Genie dafür. Apropos Genie: Die neue Regelung in Oxford besagt, dass 40 Prozent der Texte auf den Lektürelisten von Philosophinnen sein sollen. Weil man Listen verlängern kann, muss man überhaupt keinen Mann dafür wegstreichen, sondern kann die Frauen einfach dazuschreiben. Habe Zweifel, wie sehr dadurch das Abendland untergeht.

Durch Regelungen nachhelfen

Ich habe nicht mitgezählt, wie viele von Frauen geschriebene Texte ich in meinem Philosophiestudium gelesen habe, aber ich würde diverse lebenswichtige Organe darauf verwetten, dass die Quote im unteren einstelligen Prozentbereich lag. Nachdem ich meinen Master in diesem Fach gemacht hatte, fragten mich mehrere Leute sehr amüsiert, ob ich jetzt Philosophin sei, haha, und ich fand es nur so mittellustig.

Auch, weil der Gegensatz etwas groß war zu meinen männlichen Kommilitonen, die bereit waren, sich schon nach einem halben Proseminar zu Kant als Kantianer zu bezeichnen, und ich auch im dritten Semester noch nicht wusste, ob es nicht übertrieben ist, mich überhaupt schon Studentin zu nennen, wo ich doch gerade erst angefangen hatte.

Ich würde aus den homöopathischen Mengen, in denen Philosophinnen in meinem Studium vorkamen, nicht folgern, dass man bis in alle Ewigkeit eine 50-Prozent-Quote für Texte von Autorinnen festlegen sollte, aber ich bin sehr überzeugt davon, dass es in einigen Fällen sinnvoll ist, durch Quoten nachzuhelfen und einen sanften Ausgleich zu schaffen; etwa zu dem von Martenstein offenbar so geschätzten Hegel, der schrieb: "Stehen Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in Gefahr, denn sie handeln nicht nach den Anforderungen der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und Meinung." Oder auch: "Frauen können Einfälle, Geschmack, Zierlichkeit haben, aber das Ideale haben sie nicht. Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und der Pflanze."

Apropos Geschmack und Ideale: Es ist interessant, wie schnell beim Thema Plastikgabeln und -teller allgemeiner Konsens darüber herrscht, dass die Leute ihren Konsum nicht immer nach objektiven Kriterien ausrichten, sondern aus Gewohnheit und Faulheit auch Dinge kaufen, die schlecht für die Welt sind - und dass es vernünftig ist, da durch Regelungen nachzuhelfen.

Kaum jemand dreht jetzt durch und erklärt: "Wenn Holz/Papier/Alu so gut wäre, würde es sich von allein durchsetzen!" Dabei wollen wir alle doch nur unnötigen Müll vermeiden, und wenn es mehr Einigkeit darüber gäbe, dass Sexismus auch Müll ist, hätten wir alle viel mehr Zeit zum Grillen.

Video: Ökofimmel - Wer schützt die Umwelt vor den Umweltschützern?

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Seite 1
Tobbe 29.05.2018
1.
"Es ist wissenschaftlich belegt, dass Frauen an Unis in denjenigen Fachbereichen unterrepräsentiert sind, von denen viele Leute glauben, man bräuchte eine Art natürliches Genie dafür." In diesem einen Satz liegt das große Hindernis der letztendlichen Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Wie sollen Frauen in wissenschaftlichen Listen groß genannt werden, wenn deren prozentuale Anteil in den MINT-Fächern verschwinden gering ist? Aber den kleinen Mädels wird heutzutage ja immer noch die Barby in die Hand gedrückt, während dem Jungen die Spielzeugbohrmaschine gekauft wird. Daran ist keine Regierung Schuld, sondern letztlich der durchschnittliche Bürger.
GinaBe 29.05.2018
2. Glückwunsch!
Der Spagat zwischen EU- Überlegungen, Plastikprodukte einzuschränken und der Frauenquote auf der Uni ist beachtlich und lädt fürwahr zum Schmunzeln ein, Frau Margarethe! Wenn sie das noch weiter ausarbeiten, könnten Sie damit die Doktorarbeit einreichen...thematisch bin ich ganz bei ihnen und versuche immer sanft, einen Studienkollegen aus Wiener Zeiten, der gerade den Master in Philosophie (Heidelberg) macht, darüber auszuklären, daß nicht die Wiedergabe des Wissens der alterwürdiger Platon- und Aristoteles- Weisheiten sowie deren Nachfolger -Nachfolger jemanden zum Philosophen kürt, sondern erst in der Übersicht aller und eigene Gedanken gegenwärtig aufgegriffen den Menschen aus dem Stadium des Studium hervortreten lassen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter wird erst dann möglich sein, wenn alterwürdige Patriarchen und Philosophiegötter auch quasi via #metoo enttarnt werden, wie sie derartige schwurbelige Vorurteile gegen weibliche Intelligenz erfolgreich über Jahrhunderte unter das Volk mischen konnten in eigener treuen Gefolgschaft der römisch katholischen Kirche, der Könige und Kaiser, eingesetzt von gottes Gnaden. Da steht dem Plastikbesteck noch was bevor...
Crom 29.05.2018
3.
Bezüglich Genies sei gesagt, dass der Mittelwert beim IQ zwischen Männern und Frauen zwar gleich ist, die Varianz sich aber doch deutlich unterscheidet. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn es mehr männliche Genies gibt.
citizen01 29.05.2018
4. Alles etwas durcheinander, aber die Hitze ...
Daß keine Frau als Universalgenie gelistet ist, nun ja, gut verständlich. Bis mindestens zum 20. Jahrhundert waren sie für Kinder und Küche zuständig und nicht für Wissenschaften. Von den privilegierten Damen aus den Kirchen- und Adelskreisen hat sich ja auch kaum eine um die MINT Fächer gekümmert, da ging es ebenso um Politik, Macht und Einfluß wie bei den Männern.
WilliWinzig11 29.05.2018
5. Ja, ja liebe Frau Stokowski,
keine einzige Frau auf der Liste, da da kann man sich schon mal fragen, wie automatisch sich Menschen eigentlich daran gewöhnen, dass Frauen auch Gehirne haben. Ich habe auch ein Gehirn, bin ich dadurch jetzt schon ein Universalgenie? Da halte ich es doch gerne mit Hegel. Und Ihr politisch Korrekten kommt mir jetzt nicht wieder mit meinem Forennamen.
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