Rheims-Fotoserie "Gender Studies": Das Geheimnis des Genitals

Von Karin Schulze

Viel Sex, viel Haut - aber kein klares Geschlecht: Die berühmte Aktfotografin Bettina Rheims, eine Meisterin des Edelkitschs, porträtiert für "Gender Studies" androgyne Schönheiten, die sie via Facebook gefunden hat. In Düsseldorf zeigt sie ihre Bilder jetzt zum ersten Mal.

Dass ihr neues Werk etwas Besonderes werden würde, fiel Bettina Rheims beim Skypen auf. Über Facebook hatte sie Menschen kontaktiert, "die sich anders fühlen, nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig". Bevor sie zum Shooting nach Paris einlud, hat sie sich dann via Internet mit ihnen unterhalten. Und dabei berührte sie nicht das Aussehen ihrer künftigen Modelle am meisten, sondern deren Stimmen. "Denn für das Skypen", so Rheims, "konnten sie ihren Look wählen, sie konnten auch versuchen, ihre Stimme höher oder tiefer wirken zu lassen, aber wenn sie dann über ihre Gefühle, ihre Familie, ihre Freunde sprachen, dann brach ihre Stimme und wurde wieder, wie sie eben war."

"Gender Studies" nennt die Fotografin ihr Projekt, kein komplett neues Terrain für sie. Bereits Anfang der Neunziger machte Rheims die Serie der "Modern Lovers": Porträts von Androgynen und Transsexuellen. Eine von ihnen war Kim Harlow. Rheims denkt oft an sie, an die erste Transsexuelle, die sie näher kennenlernte und mit der sie befreundet war, bis Kim 1992 an Aids starb. Ein Porträt von ihr hängt noch heute in ihrem Pariser Studio.

Dorthin lud sie im vergangenen Jahr die 27 für die "Gender Studies" gecasteten Modelle ein. Einige waren gerade unterwegs von einem Geschlecht ins andere, nahmen Hormone oder waren operiert. Und viele weigerten sich, sich zu entscheiden: "Einen Tag betonen sie ihre femininen Züge, am nächsten kommt ihre maskuline Seite zum Vorschein. Das hat mich total verblüfft."

"Das ultimative androgyne Model"

Für das Shooting wurden Rheims' Models hautfarben gestylt: ein zartes Hemd mit überlangen Trägern, ein Schal, ein Höschen. Ihre Oberkörper sind meist nackt, manche tragen Narben von Brust-OPs. Ihr Intimbereich aber ist verdeckt, als sollte ihr Genital ein Geheimnis bleiben. Und selbst wenn sie sich für ein Geschlecht entschieden haben, betonen die Fotos die Uneindeutigkeit ihrer Körper.

Die Kamera lässt ihre Haut blass wie Porzellan aussehen, vor weißem Hintergrund wirken sie verletzbar, zerbrechlich, nicht von dieser Welt. Einige strahlen Beklommenheit aus, andere posieren professionell wie das Wesen, das Rheims mit zerzauster Mähne und Madonnenblick festgehalten hat: Andrej Pejic arbeitet als Model, läuft für Herren- wie Damenkollektionen über die Laufstege und durfte bei Gaultier sogar beim Finale das Brautkleid vorführen. Für Rheims ist er "das ultimative androgyne Model".

Wenn die Porträtierten direkt nach dem Shooting nicht viel am Leib trugen, einen Bademantel vielleicht, wenn sie etwas fröstelten, aufgewühlt waren, dann wurden sie in einem improvisierten Tonstudio zu ihrer Geschichte, ihren Gefühlen, ihren Träumen befragt.

Geschlecht X

Für die Aufnahmen ihrer Stimmen hat Rheims Frédéric Sanchez engagiert. Der Klangmagier macht Soundtracks für die Schauen von Margiela, Prada oder Marc Jacobs und hat mit Künstlern wie Louise Bourgeois oder Francesco Vezzoli gearbeitet. Seine Soundcollage hat Rheims vergangene Woche erstmals gehört: "Es ist etwas wie eine Symphonie dabei entstanden, eine Symphonie aus Worten, die in einer Kirche aufgeführt werden sollte."

Erst mal aber werden die "Gender Studies" im NRW-Forum in Düsseldorf uraufgeführt. Die Porträts werden ringsherum an den Wänden des Ausstellungsraums hängen. Blicke fixieren den Betrachter, Stimmen verfolgen ihn und in der Mitte des Raumes überlagert sich alles: "Dann hört man sie nicht mehr einzeln, sondern endlich die Stimme des dritten Geschlechts, eine neue Generation."

Während der Aufnahmen kam die Nachricht aus Australien, dass dort jetzt ein X zur Angabe des Geschlechts in Pässen akzeptiert wird. "Darin liegt ein Stück Anerkennung. Diese Menschen wollen nicht marginalisiert werden. Sie wollen einen Platz in der Gesellschaft. Das ist tapfer und muss unterstützt werden", sagt Rheims.

"Ich werde eine Weile brauchen, das zu verdauen"

Wobei Rheims sich die Frage gefallen lassen muss, warum sie selbst oft genug herkömmliche Männerphantasien bedient, meist mit einträglichen Auftragsarbeiten: Mode, Werbung, Porträts. Und nicht immer sind diese Bilder frei von Klischees. Die Nacktfotos der schönen Russin aus Rheims' "Book of Olga" etwa.

"Ja, absolut", gibt sie zu. Das sei aber eine sehr ungewöhnliche Situation gewesen. Ein russischer Oligarch spazierte in ihr Studio mit der großen, auffälligen Olga am Arm. Erst wollte er nur ein paar Porträts von ihr, dann immer mehr. Irgendwann langweilte Rheims sich und fing an, Klischees durchzuspielen: Frau und Motorrad. Frau und Auto. Frau und S/M. "Und manchmal gelang es mir, das Stereotyp durch Witz zu unterwandern. Manchmal nicht. Diese Bilder sind dann einfach nicht gut. Das ganze Buch aber, 'The Book of Olga', ist eben doch ziemlich verrückt und gelungen."

Rheims hat die letzten der Gender-Porträts im Dezember gemacht - und in diesem Jahr bisher kein einziges Foto. Vielleicht kein Zufall, dass sie nach der neuen Serie nicht einfach weitermachen will wie zuvor. "Allein zu sehen, wie sich Frauen, um zum Mann zu werden, die Brüste abschneiden lassen und dann riesige, quer über die Brust gehende Narben haben... Ich werde eine Weile brauchen, das zu verdauen." Jedenfalls legt sie jetzt eine Pause ein. "Ich mache ein Sabbatical", erklärt sie. "Ich will zu totaler Frustration kommen und sehen, was dabei herauskommt - gewissermaßen ein Experiment mit mir selbst."

Ob sie das durchhält? Keine Ahnung. Man könne ja am Ende des Jahres noch mal sprechen, sagt sie: "Vielleicht rufe ich dann ja weinend nach der Kamera."


Gender Studies, NRW Forum, Düsseldorf, 21.4.-17.5. 2012

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Neu?
Mo2 20.04.2012
Zitat von sysopViel Sex, viel Haut - aber kein klares Geschlecht: Die berühmte Aktfotografin Bettina Rheims, eine Meisterin des Edel-Kitsches, porträtiert für "Gender Studies" androgyne Schönheiten, die sie via Facebook gefunden hat. In Düsseldorf zeigt sie ihre Bilder jetzt zum ersten Mal. Rheims-Fotoserie "Gender Studies": Das Geheimnis des Genitals - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828477,00.html)
"Kein klares Geschlecht" ist doch bei "weiblichen" Models schon lange der Regelfall. Man sieht viel Haut & Knochen, aber keine geschlechtsspezifischen Rundungen - leider!
2. Hm
felisconcolor 20.04.2012
Zitat von sysopViel Sex, viel Haut - aber kein klares Geschlecht: Die berühmte Aktfotografin Bettina Rheims, eine Meisterin des Edel-Kitsches, porträtiert für "Gender Studies" androgyne Schönheiten, die sie via Facebook gefunden hat. In Düsseldorf zeigt sie ihre Bilder jetzt zum ersten Mal. Rheims-Fotoserie "Gender Studies": Das Geheimnis des Genitals - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828477,00.html)
nette Fotos. Aber was sie mit der Arbeit ausdrücken will ist mir immer och nicht ganz klar. das es Menschen gibt die im richtigen falschen oder falschen richtigen Körper sitzen ist ja nun bekannt. Das es die Möglichkeit zu wechseln gibt auch. Sie gehören halt auch zu unserer Spezies. Ich denke mal wer sich damit nicht abfinden kann, sollte mal sein Geschlechter und Rollenverständnis überdenken. Aber sonst? Ok ich bin ein Kulturbanause, zugegeben. Manchmal
3.
user@zeitz 20.04.2012
auch wenn mein erster Beitrag bereits übersehen wurde, probiere ich es gern nochmal. Denn es herrscht ja in Deutschland Meinungsfreiheit... Meiner Meinung nach ist an diesen Bildern nichts Schönes oder ästhetisches zu entdecken. Diese Menschen wirken auf mich unglücklich, unnatürlich und krank. Das hat in meinen Augen nichts mit Kunst zu tun. Es sind kranke Seelen, die Versuchen ihr Leid durch Schönheits-OP´s und äußere Veränderung zu überspielen oder zu wandeln. Traurig...
4. ...
Barath 20.04.2012
Zitat von felisconcolornette Fotos. Aber was sie mit der Arbeit ausdrücken will ist mir immer och nicht ganz klar. das es ....
So wie ich die Gender Studies verstehe geht es darum, daß das was wir als "Männer" und "Frauen" verstehen erstmal nur wenig mit dem biologischen Geschlecht zu tun hat. Deswegen ja auch das Wort "Gender". Im Englischen gibt es (anders als im Deutschen) zwei Worte für Geschlecht: "gender" für das grammatische Geschlecht (maskulin, feminin, neutrum); und "sex" für das biologische Geschlecht (männlich, weiblich). Die Gender-studies haben dabei die Bedeutung des Begriffes "gender" erweitert, und ihn auf nicht biologische (sondern kulturelle) GEschlechtsmerkmale ausgedehnt. Z.B. Rosa für Mädchen und Blau für Jungen. Das hat rein gar nichts damit zu tun, daß die einen einen Penis haben und die andere eine Vagina. Die Frage die die Gender-studies dann im Zuge der Frauen-Bewegung gestellt haben ist die, was für "männliche/weibliche" Eigenschaften auf die Biologie zurückgehen und was eben nicht. Die These war dann, daß viele negative "weibliche" Eigenschaften (z.B. Häsulichkeit) in Wirklichkeit rein kulturelle Konstruktionen sind, und zudem noch solche, welche einen Teil der Bevölkerung (meist die Frauen) benachteiligen. Und diese Dinge zeigen sich dann natürlich primär in unseren Schönheitsidealen (denken sie zum Beispiel an "Germanys next Topmodel"). Ich vermute nun, daß diese Photos die klassischen Schönheitsideale durchbrechen und Verwirrung hinsichtlich des Geschlechts der Model stiften sollen. Dadurch würde man den Menschen womöglich zeigen können, daß vieles von dem was wir als typisch Mann/Frau ansehen nur "Show" ist (z.B. die Langen Haare und das Make-up). So gibt es ja auch "weibliche" Topmodels, die biologisch gesehen eindeutig Männer sind (auch nicht operiert oder mti hormonstörungen etc.) diese aber auf den Bilder ziemlich sicher für "biologisch" Frauen halten würden. Diese "subversiven Störungen" der Geschlechtsidentität sind soviel ich weiß ein beliebtes Mittel der Gender-studies. Vielleicht hilft ihnen diese Erklärung weiter, ich bin selbst aber auch alles andere als ein Experte für Gender-Studies.
5. ...
Barath 20.04.2012
Zitat von user@zeitzauch wenn mein erster Beitrag bereits übersehen wurde, probiere ich es gern nochmal. Denn es herrscht ja in Deutschland Meinungsfreiheit... Meiner Meinung nach ist an diesen Bildern nichts Schönes oder ästhetisches zu entdecken. Diese Menschen wirken auf mich unglücklich, unnatürlich und krank. Das hat in meinen Augen nichts mit Kunst zu tun. Es sind kranke Seelen, die Versuchen ihr Leid durch Schönheits-OP´s und äußere Veränderung zu überspielen oder zu wandeln. Traurig...
Ihr Schönheitsideal ist ihre Sache, aber ihre Pathologisierungen (unnatürlich, krank) können sie sich sparen. Wenn sie ein "ganzer Kerl" oder ein Weibchen mit Cola-Figur sein wollen ist das ihre Sache, aber ihr BEitrag erweckt den Eindruck, als wollten sie nicht, daß man ihnen MEnschen zumutet bei denen das nicht so eindeutig ist. Und das hat dann nichts mehr mit MEinungsfreiheit zu tun.
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