Generation Golf zwei Der Leidartikel

Der Journalist Florian Illies legt die Generation Golf wieder auf die Couch. Denn die steckt nach Börsencrash, 11. September und Irak-Krieg in der Krise. Einst der Gleichgültigkeit schuldig gesprochen, wird sie jetzt politisiert - durch Selbstmitleid. Genug Stoff für ein neues Buch und Lebensgefühl.


Florian Illies: Ein Buch wie ein Trostpflaster

Florian Illies: Ein Buch wie ein Trostpflaster

Berlin - So sieht das aus, wenn es uns nicht gut geht: Der Autor trinkt Champagner, die Literaturagenten tragen kurze Haare und weiße Hemden, der Chefredakteur schwitzt, weil er gerade wieder ein paar Leute rausgeworfen hat, ungekündigte Journalisten reden betroffen über freigestellte Schreiber, der Ex-Moderator lästert über die (Ent-)Kernerisierung des TV-Talks, der Internetbeauftragte der CDU trägt lächelnd sein Hemd offen - und über allem schwebt die Angst.

Zur Premierenfeier des Buches "Generation Golf zwei" trafen sich Fans und Freunde des Autors Florian Illies in einem Berliner Café, fast alle Angehörige der Peergroup, die nun erneut auf der Couch des Autoren befragt wird - mit einem kleinen Unterschied: Sie haben alle einen Arbeitsplatz oder andere Luxusgüter, die erstens das Überleben ermöglichen und zweitens das Nachdenken über sich selbst erübrigen.

"Uns ging es nicht so gut", lautet der erste Satz in dem Buch "Generation Golf zwei" von Florian Illies. "Mir geht es gut", behauptete er noch zum Auftakt des Vorgängermodells "Generation Golf". Ab Donnerstag liegen 80.000 Kopien Startauflage der Golf-Fortsetzung aus dem Blessing-Verlag in den Buchläden.

Wie ernst die Pegelstandmeldungen von Florian Illies mittlerweile genommen werden, zeigt die erstaunliche Tatsache, dass über das Buch bereits breit diskutiert wurde, obwohl es noch gar nicht erschienen war. Als Pressesprecher einer Generation werde er missverstanden, fürchtet Illies. Jener Generation, die hedonistisch durch die neunziger Jahre taumelte und nun Formulare im Arbeitsamt ausfüllt, anstatt in Feuilletonartikeln ihre Seele zu massieren oder in Start-up-Unternehmen das Ersparte von Kleinanlegern zu verbrennen. Rezession verwandelte sich bisher lächelnd in Rezension.

Bin ich noch cool?

Ihre Angst beim Aufwachen ist heute nicht mehr die Frage "Bin ich noch cool?, sondern: "Wo kriege ich das Geld her für den Latte im Straßencafé, von dem aus ich der Generation Golfkrieg beim Demonstrieren zugucke?" Denn das ist der zentrale Vorwurf, den Illies den Menschen zwischen 25 und 35 macht: Sie seien unpolitisch. Nachdem sie die Deutsche Einheit verschliefen, hatten sie nun mit dem 11. September und dem Irakkrieg die zweite Chance für ein Erweckungserlebnis. "Wir ahnen, dass wir das Beste schon hinter uns haben", sagt Illies. Das Ende der Gewissheiten, vor allem der Sicherheit. "Risiko", lernt der Mensch, ist mehr als eine Fragekategorie aus Wim Thoelkes "Der große Preis".

Es hätte keinen besseren Tag geben können für die Golf-zwei-Premierenfeier im kleinen Kreis: Robbie Williams war in der Stadt und sang "Let Me Entertain You", Cameron Diaz stellte die neuen "Engel für Charlie" vor und antwortet auf die Frage nach dem Sinn der Geschichte: "Die Leute wollen keine Handlung. Die wollen uns in Bikinis von Brücken springen sehen". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", einst mit den von Illies erfundenen Berliner Seiten die Spielwiese der Golfer, setzt wieder mal ein paar Topjournalisten vor die Tür und im fernen Frankfurt streut sich Michel Friedman Asche aufs gegelte Haar, wodurch er sicher sein darf, dass von seinen Drogen- und Sexausflügen einiges hängen bleibt, weil sich die Generation Golf eher über Friedmans Fall als den Fall Friedman freut.

Tatsächlich verlassen einige Gäste die B(a)uch-Nabelschau früher, weil sie nicht verpassen wollen, was Harald Schmidt, ihr Fixstern im Universum der Unsicherheit, über Friedman sagt. Auch Friedman bittet um eine zweite Chance, spricht zerknirscht davon, dass es schlimm war, kein Vorbild für Kinder zu sein und plant sogar Zukunft - mit einer Frau. Das dürfte den Golfern vertraut sein: Sie sind auch vorbestraft, schuldig gesprochen der Gleichgültigkeit. Theoretisch können sie auch unbemerkt ihr Leben vor dem Fernseher fortsetzen. Einen Tag nach der Premiere saß bei Schmidt auch Illies. Das System ernährt sich selbst und findet für das neue unheimliche heimelige Gefühl gleich wieder ein Logo: Homing.

Alte Werte

Auch wenn der SPIEGEL die alten Werte wieder entdeckt und der "Stern" die Entschleunigung empfiehlt. Allzu viel Vertrauen in die Ernsthaftigkeit oder den "neuen Realismus" (Illies) dieser Generation will nicht jeder setzen. In den nächsten 20 Jahren werden in Deutschland 20 Billionen Euro Privatvermögen vererbt. Und man darf sicher sein, dass die Generation Golf das Geld nicht in "Stiftungen für Friedensforschung" steckt, neue Parteien gründet oder Attac spendet.

Was sie politisiert, ist nicht der Golfkrieg - dagegen gingen ihre jüngeren Geschwister und die Eltern auf die Straße. Sie verachten die Politikinszenierung eines Gerhard Schröder und den Weltverbesserungs-Impetus eines Joschka Fischer. Weil sie glauben, beides besser zu können. Was sie politisiert, ist das Selbstmitleid. Es dämmert ihnen, dass sie sich demnächst ziemlich krumm machen sollen, um den verhassten 68ern, von denen sie gerade regiert werden, die Rente zu finanzieren. Sie spüren: Sich apolitisch zu verhalten ist ziemlich politisch. Aber Skepsis gegenüber jeglicher Utopie ist halt noch kein wirklich eigener Entwurf. Und jetzt müssen sie sich entscheiden: Den Kopf einziehen und mit ein wenig Ironie bewaffnet überwintern, bis es irgendwie besser wird. Oder rausgehen und mitmachen. "Ich glaube, es reift in der Generation Golf die Erkenntnis, dass man etwas tun muss für sein Leben", sagt Illies. Fort, die tun was!

Weisheiten aus dem Nutella-Glas

So brillant Illies in seiner erzählerischen Analyse der Gegenwart ist, in der er aus dem Knacken beim Öffnen eines Nutella-Glases tiefenpsychologische Erkenntnisse ableitet, so bemüht schenkelklopfend ist sein Blick in die Kristallkugel. Er sieht es kommen: Martina Effenberg als Bundestrainerin, Franz Beckenbauer als Ministerpräsident in Bayern, Dieter Bohlen veröffentlicht den 14. Teilabschnitt seiner Autobiografie und die WM 2006 in Deutschland muss ausfallen, weil die Stadien nicht fertig werden, nachdem Gewerkschaften die 9,5-Stunden-Woche durchgesetzt haben. Das klingt nicht wie Harald Schmidt. Eher nach Stefan Raab. Wär' echt blöd, wenn diese Generation auch noch ihren Humor verliert.

"Generation Golf zwei" ist ein Leidartikel im Buchformat. Dass zumindest Illies davon und damit sehr gut leben kann, ist einer dieser seltsamen Vorwürfe, die er sich in diesen Tagen wieder anhören muss: Kann und darf einer, dem es gut geht über die schreiben, denen es gerade dreckig geht? Wenn man das mit Nein beantwortet, muss man alle Zeitungen und Magazine einstampfen. In der "Welt" wird breitgetreten, dass dem Autor üppige Vorauszahlungen auf das Jammerbuch das Selbstmitleid ziemlich versüßen und im Übrigen diese Generation "auf den Müllhaufen der Geschichte" gehört. Der SPIEGEL krittelt, dass Illies fein beobachtet, aber keine Lösungen vorschlägt. Der "Stern" erkennt: gut dass wir darüber geredet haben, aber es ändert ja mal wieder nichts. Und die "taz" sieht schadenfroh die Heiapopeia-Jugend im Golf gegen die Wand fahren.

Ein Pflaster mit lustigen Motiven

Stimmt alles, verkennt aber ein Detail. Illies schreibt weniger über die Generation Golf als für sie. Das unterscheidet seine Werke von der Flut der Generationenbücher. Das Buch ist ein Trostpflaster, eines dieser schnellen Helfer mit lustigen Figuren drauf, die Eltern ihren Kindern auf das aufgeschlagene Knie pappen, damit sie wieder lachen. Ihm selbst dämmert erst langsam, was er mit seinem ersten Buch ausgelöst hatte und was es bedeutet, nun für den Klassensprecher gehalten zu werden: "So lange ich als Journalist gearbeitet habe, war ein Nachdenken darüber gar nicht nötig". Jeden Tag schrieb er als Chef der Berliner Seiten in der "FAZ" sozusagen die Fortsetzung. Die wurden vor einem Jahr eingestellt. Und kurz darauf kündigte Illies von sich aus auch beim Ersatzplatz, der Sonntagszeitung der "FAZ". Er hatte zwar keine finanziellen Sorgen, aber nobel war das dennoch, weil mit dem eingesparten Lohn andere Arbeitsplätze weiterbezahlt wurden, wie sein Ex-Chef Frank Schirrmacher gerne erzählt.

Die Geschichte der Generation Golf ist noch nicht geschrieben, bisher sind es nur Geschichten. "Im Idealfall ist es unsere Bestimmung, eine Zwischengeneration zu sein", sagte Illies der "Neuen Zürcher Zeitung", die bisher das einzige nachdenkliche Interview mit dem Autor brachte. Sie befindet sich in einer Zwischenzeit, in der sie entscheiden muss, wie es weitergeht. Illies spricht von einem Zeitfenster, das jede Generation hat für Gestaltungsmöglichkeiten - und einen Gestaltungsauftrag. Da erinnern sie unfreiwillig an jene Sponti-Sprüche und Weisheiten, die sie hinter sich lassen wollten: Du hast keine Chance, also nutze sie.



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