Gentrifizierung auf St. Pauli: Kampf ums Hamburger Kiez-Biotop

Von Christoph Twickel

Die berühmteste Tankstelle Deutschlands, die Esso-Station an der Hamburger Reeperbahn, steht vor dem Abriss - und mit ihr die zugehörigen Wohnblocks aus den Sechzigern. Im Rotlichtviertel regt sich Protest. Es geht auch um die Frage: Wie kann man sozialen Neubau und Milieu-Schutz verbinden?

Esso-Häuser an der Reeperbahn: "Das bisschen Karies im Keller" Fotos
Christoph Twickel

"Na klar nervt das, wenn die hier um 5 Uhr morgens besoffen rumstreiten" sagt Julia Priani, 26 Jahre. "Aber mir gefällt's trotzdem hier. Ich will nicht weg." Die Psychologiestudentin, 1992 mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, wohnt über Deutschland berühmtester Tankstelle: der Esso an der Reeperbahn in Hamburg St. Pauli. Auch "Kiez-Kult-Tanke" wird sie genannt und ist Objekt unzähliger Fernseh- und Zeitungsreportagen, weil es so einen Ort in der Republik eben nur einmal gibt: Hier treffen sich Luden und Tätowierer, pensionierte Türsteher und Prostituierte, besoffene Kiezgänger und die Teilnehmer von Junggesellenabschieden. Seit 1949 versorgt die Esso-Tanke an 365 Tagen 24 Stunden lang das Reeperbahn-Publikum mit Bier, Benzin und Lebensmitteln - und auch die Autowaschstraße, die erste im Nachkriegsdeutschland, ist noch in Betrieb.

Aber nicht mehr lange - jedenfalls nach den Plänen der Gesellschaft Bayerische Hausbau, die das gesamte Tankstellenareal mitsamt den dahinter liegenden Wohnhäusern 2009 gekauft hat. Der Münchner Konzern, der den Gesamtwert seiner Immobilien mit 2,1 Milliarden Euro angibt, entwickelt neue Büro-, Shopping- und Wohnquartiere im großen Stil: In Berlin entsteht am Zoobogen das "Bikini Berlin" ("immer hochwertig und außergewöhnlich") und in direkter Nachbarschaft zu Stuttgart 21 bauen die Bayern das "Quartier am Mailänder Platz", mit Shopping Mall, Hotels, Büros und Wohnungen.

Und jetzt ist der Hamburger Kiez dran? Nicht, wenn es nach den Bewohnern der Esso-Häuser geht, den beiden aus den frühen Sechzigern stammenden, sechsstöckigen Wohnblöcken hinter der berühmten Tanke, die einst für das "moderne St. Pauli" standen, wie es auf einer alten Postkarte heißt. "Ein Abriss wäre reine Spekulation", steht auf dem Transparent, das Julia Priani aus dem Fenster ihrer 28-Quadratmeter-Wohnung gehängt hat. 12,50 Euro warm kostet hier der Quadratmeter - nicht gerade billig. Aber weil die Wohnung so winzig ist, kann Priani es sich leisten, mitten auf dem Kiez zu wohnen. "So zentral finde ich zu dem Preis hier nie wieder eine Wohnung." Ihre Freundin Oxana, die auf der anderen Seite des Flurs wohnt, nickt zustimmend.

"Ein kultiger Laden kann sich nicht im Neubau entfalten"

Julia und Oxana haben sich mit anderen Bewohnern und den ortsansässigen Gastronomen zur "Initiative Esso Häuser" zusammengeschlossen. Etwa hundert Mietparteien wohnen hier - zu Preisen zwischen 4 und 12,50 Euro den Quadratmeter. Dazu kommt St.-Pauli-typisches Gewerbe - darunter der Musikclub "Molotow" und die darüber liegende "Meanie Bar", Urgesteine der hamburgischen Subkultur. Zlatko Bahtijarevic, 42 Jahre alt und Betreiber des Clubs "Planet St. Pauli", hielt am Mittwoch bei der Pressekonferenz der Initiative eine leidenschaftliche Rede: "Ich brenne mit jeder Faser meines Körpers dafür, dass wir unsere Ziele erreichen", tönt er mit rollendem "R".

Das Ziel ist klar: Kein Abriss. Stattdessen fordern die Bewohner den Erhalt der etwas angestoßenen Nachkriegsmoderne-Bauten. Die Initiative hat die von den Investoren in Auftrag gegebenen Gutachten durch einen Statiker und einen Architekten überprüfen lassen. Es gebe einen "Instandsetzungsstau" sagt der Architekt, aber die Substanz sei nicht gefährdet.

Und wenn man ihm an derselben Stelle einen modernen Club anböte? Für Zlatko keine Alternative: "Das hat doch kein Flair, das sieht man ja an den Neubauten hier auf St. Pauli. Ein alter, kultiger Laden kann sich nicht in einem Neubau entfalten." Das Alte, Kultige wird in der Tat langsam rar auf St. Pauli. In Wurfweite zu den Esso-Häusern wachsen auf dem Gelände einer ehemaligen Bowling-Bahn die "Tanzenden Türme" in die Höhe. Der "Mojo Club", in den Neunzigern Hamburgs einzig international bekannter Club, soll im Souterrain der in etwas einfältiger Motto-Architektur designten Hochhäuser wieder auferstehen. Und vis-à-vis der "Kult-Tanke", wo einst die Astra-Brauerei das Rotlichtviertel mit Bier versorgte, stehen jetzt modernistische Klinker-Appartementbauten und Büroetagen, aus denen Art-Direktoren auf den einstmals verruchten Stadtteil blicken. Die Prostituierten, die in der Nachbarschaft ihre Dienste anboten, sind mittlerweile verschwunden - die Neubewohner hatten sich beschwert, die Polizei verjagte sie aus den Fenstern.

"Bei euch gehen ja eh bald die Lichter aus"

So gesehen müsste die bunte Mischung aus Kiez-Rentnern und -Gastronomen, osteuropäischen Studentinnen, tätowierten Junggesellen und lärmtoleranten Tresenkräften tatsächlich unter Milieuschutz gestellt werden. "Das hier ist ein Biotop!", ruft Andreas, ein älterer Bursche mit langem Grauhaar im breiten St.-Pauli-Slang. Eine derart gute Nachbarschaft mit so vielen unterschiedlichen Menschen auf so engem Raum, argumentiert er, "da finde ich das bisschen Karies, das hier im Keller ist, doch überhaupt nicht schlimm."

Das sieht man bei der Bayerischen Hausbau ganz anders: Kult hin, Milieu her - die Häuser seien marode und es bedürfe "eines erheblichen Aufwands, um die Gebäude zu sanieren." Stattdessen will man abreißen und eine "ausgewogene Mischung aus frei finanziertem und sozial gefördertem Wohnungsbau" schaffen. Sprich: Ein gewisser Anteil von Sozialwohnungen soll durch teurere Miet- und Eigentumswohnungen gegenfinanziert werden.

Festlegen wollen sich die Münchner allerdings nicht - weder auf die Anzahl der Sozialwohnungen, noch auf die Länge der Mietpreisbindung, noch auf ein Rückkehrrecht der Kiezmieter. Man werde sich "bemühen, Ersatzwohnungen für die Zeit der Bauarbeiten zur Verfügung zu stellen" und bei der Neuvermietung "die jetzigen Mieterinnen und Mieter berücksichtigen." Im direkten Kontakt schlagen die Investoren auch mal einen etwas raueren Ton an: "Bei euch gehen ja eh bald die Lichter aus", habe der Projektleiter ihm gesagt, erzählt Zlatko, der Gastronom.

"Der am meisten verdichtete Stadtteil"

Das klingt nicht unbedingt vertrauenerweckend in den Ohren von Eveline Madjeski, 65, die im vierten Stock mit ihrem Enkel wohnt und Wert darauf legt, "dass das hier nicht so schickimicki ist". Aus ihrer 30 Quadratmeter großen Kiezbutze will sie auf keinen Fall ausziehen - "der Junge ist voll integriert im Stadtteil und ich find' doch hier nichts mehr zu dem Preis".

Die regierende SPD will die Investoren in die Pflicht nehmen: "Bevor nicht alle Zusagen rechtsverbindlich auf dem Tisch liegen, gibt's keine Abrissgenehmigung", verspricht Andy Grote, SPD-Fachsprecher für Stadtentwicklung. Den Neubau werde man nur genehmigen, wenn Ersatzwohnungen und ein Rückkehrrecht garantiert seien und der Altbestand ersetzt werde durch sozial geförderte Wohnungen in mindestens gleichem Umfang. Wenn sich Zuschnitte oder Wohnungsgrößen verändern, könne die Zahl etwas abweichen, aber die Fläche insgesamt müsse gleich bleiben. Dann allerdings kann Grote, der die Esso-Tanke auch "kultig" findet, in einem Abriss nichts Schlechtes sehen. "Wenn die Stadt hundert alte, marode und nicht eben günstige Wohnungen gegen hundert neue Sozialwohnungen tauschen kann, dann ist das doch ein ganz erheblicher Beitrag zur sozialen Stadtentwicklung", argumentiert der 43-jährige Rechtsanwalt.

Sozialwohnungen versus Milieuschutz: Die Esso-Häuser bescheren der neuen SPD-Regierung in Hamburg einen neuartigen Konflikt. Die Sozialdemokraten haben angesichts von Wohnungsnot und galoppierenden Mietsteigerungen versprochen, jährlich 6000 neue Wohnungen in Hamburg zu bauen - sowie einen Anteil von 30 Prozent sozial gefördertem Wohnraum bei Neubauvorhaben. Um hier Erfolgsmeldungen zu produzieren, muss geklotzt werden - auch gegen die gewachsenen Strukturen.

"St. Pauli ist der am meisten verdichtete Stadtteil von Hamburg. Sollen die doch mal Sozialwohnungen in den Vierteln bauen, in denen sie wohnen!", ärgert sich Ted Gaier, semiprominenter Unterstützer der Esso-Häuser-Initiative, über die SPD-Politiker. Der Musiker (Die Goldenen Zitronen) wohnt direkt gegenüber dem bedrohten Areal an der Reeperbahn. Vom Balkon seiner WG flattert ein phosphorgrün bespraytes Bettlaken im Wind. "Esso Häuser bleiben - Investoren geht kacken!" steht darauf.

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1.
Schah.Wenzel 16.06.2011
Zitat von sysopDie berühmteste Tankstelle Deutschlands, die Esso-Station an der Hamburger Reeperbahn, steht vor dem Abriss - und mit ihr die zugehörigen Wohnblocks aus den Sechzigern. Im Rotlichtviertel regt sich Protest.*Es geht auch um die Frage: Wie kann man*sozialen Neubau*und Milieu-Schutz verbinden? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,768699,00.html
Das ich nicht lache. Es gibt kaum einen Ort über 1.000 Einwohnern in D, den ich in meinem bisherigen Leben noch nicht bereist hätte. Von einer berühmten Tankstelle auf der Reeperbahn habe ich allerdings noch nie gehört, nirgends, niemals. Hanseatisches Eigengebauchpinsel? Um ehrlich zu sein, es ist schon ein gutes Jahrzehnt her, daß ich das letzte Mal in Hamburg gewesen bin; wenn allerdings die Fotostrecke auch nur halbwegs repräsentativ ist, dann kann ich nur folgendes empfehlen: *Abriss* -- *sofort* -- *möglichst rückstandslos*. Gibt wenig, was mir dazu spontan in den Sinn schiesst, Offenbach am Main etwa, Hanau, Wuppertal, große Teile Kaiserslauterns, Bremerhaven... Wegsprengen, den Müll, vorher noch Photographieren und allen Architekturstudenten als 'So-verliert-man-seine-Berufslizenz' verbindlich zeigen, so in etwa wie Alexander DeLarge (Malcolm McDowell) die Gewaltszenen während seiner Therapie wie in Uhrwerk Orange.
2. Mieter Buy-out?
vegefranz 16.06.2011
die Mieter könnten dem Investor das Objekt abkaufen. allerdings wird man das Geld schwerlich zusammenbekommen, wenn man nächtens immer in den Bars "abfeiert" und tagsüber schlafen muss.
3. Gentry gegen Gentry
querollo 16.06.2011
So, so, ein Musiker und eine Studentin sprechen sich aber mal mit aller Macht dagegen aus, dass auf dem Kiez ausser Seeleuten, Fischhändlern, leichten Mädchen und schweren Jungs keiner wohnen darf. In welche Kategorie fallen die beiden denn? Es wäre ja ganz schön, wenn man sich einfach mal darauf einlassen könnte, dass sich Dinge eben verändern - zum Guten wie zum Schlechten und ich würde mich auch freuen, wenn jemand einfach mal sagen würden: "Ich möchte ganz eigennützig hier wohnen bleiben, weils mir hier gut geht. Es gibt kein höheres Ziel im Sinne einer positiveren Gesellschaftsordnung. Mir gehts gut, und das soll so bleiben." Auf dem Kiez gibt es etliche Wohnungen, die kaum mehr bewohnbar sind. Und irgendwie fühlt sich da keiner von den Studenten und Musikern aufgerufen, der greisen Nachbarin mal freundlich den Schimmel von der Wand zu kratzen - weil man eben zusammengehört auf dem Kietz. Sicher.
4. Abriss,
lofojo, 16.06.2011
und zwar sofort. Wer will, kann sich im Osten anschauen, wie man so etwas macht. Was bitteschön ist daran denn Kultur oder auch nur erhaltenswert. Es werden allerorts bessere, das Stadtbild prägende Gebäude abgerissen.
5. ...
UdoL 16.06.2011
Zitat von Schah.WenzelDas ich nicht lache. Es gibt kaum einen Ort über 1.000 Einwohnern in D, den ich in meinem bisherigen Leben noch nicht bereist hätte. Von einer berühmten Tankstelle auf der Reeperbahn habe ich allerdings noch nie gehört, nirgends, niemals. Hanseatisches Eigengebauchpinsel? Um ehrlich zu sein, es ist schon ein gutes Jahrzehnt her, daß ich das letzte Mal in Hamburg gewesen bin; wenn allerdings die Fotostrecke auch nur halbwegs repräsentativ ist, dann kann ich nur folgendes empfehlen: *Abriss* -- *sofort* -- *möglichst rückstandslos*. Gibt wenig, was mir dazu spontan in den Sinn schiesst, Offenbach am Main etwa, Hanau, Wuppertal, große Teile Kaiserslauterns, Bremerhaven... Wegsprengen, den Müll, vorher noch Photographieren und allen Architekturstudenten als 'So-verliert-man-seine-Berufslizenz' verbindlich zeigen, so in etwa wie Alexander DeLarge (Malcolm McDowell) die Gewaltszenen während seiner Therapie wie in Uhrwerk Orange.
Nö, Spiegel-TV. Da kommt das doch immer. Also weniger rumreisen und lieber die wichtigen Sendungen gucken. ;-)
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