Geometrie-Ausstellung: Mathe für alle

Von Ingeborg Wiensowski

Wie bitte? "The Persistence of Geometry"? Das klingt ja nun nicht gerade wie der Titel einer Rekordausstellung. Dennoch stehen in Madrid die Besucher Schlange, um eine Schau zu sehen, die schön, lustig und lehrreich ist.

Schon in der Eingangshalle des Madrider CaixaForum herrscht Gedränge. Schulklassen erhalten, auf dem Boden sitzend, von ihren Lehrern einen Schnellkurs in zeitgenössischer Kunst seit den sechziger Jahren. Damals begannen Künstler, geometrische Formen für ihre Skulpturen und Installationen als pures Kompositionsprinzip zu benutzen, ohne damit Bedeutung und Utopien transportieren zu wollen. Minimalismus oder Konzept-, Body- oder Land-Art hießen die neuen Richtungen, die mit alten Kunstformen brachen, weil Künstler zum Beispiel mit Raum und Zeit experimentierten, neue Materialien in die Kunst einführten und den Betrachter aktiv in ihre Arbeit mit einbezogen. "The Persistence of Geometry" lautet der trockene Titel dieser gar nicht trockenen, wunderbaren Ausstellung über die Bedeutung der Geometrie für die Kunst.

Geometrie als Symbol für Perfektion, Klarheit und Intelligenz

In den ersten beiden Räumen der Schau sind die revolutionären Gedanken noch nicht so recht sichtbar. Klassisch sind in drei Glasvitrinen eine weiße Stele, eine Kugel und ein an den Ecken abgerundeter Würfel platziert - schön, streng und minimalistisch. Dem Künstler James Lee Byars ging es mit seinen drei geometrischen Figuren aus Marmor um die "Metaphysik der Geometrie", und wie schon Künstler im antiken Griechenland sah er in der Geometrie Perfektion, Klarheit, Intelligenz und ein Symbol für Schönheit, Erhabenheit und Ausgewogenheit. Zu der bis heute in der westlichen Welt gültigen Symbolik kam die wissenschaftliche Bedeutung, denn Geometrie ist die mathematische Disziplin, mit der man viele praktische Sachverhalte sowohl analytisch wie auch grafisch beschreiben kann - von der Konstruktion einer Autokarosserie bis zur virtuellen Welt im Cyberspace.

Auch im zweiten Raum "Essential Forms" geht es puristisch zu: An der Wand hängen vier Aluminiumkuben von Donald Judd, der über seine Arbeit gesagt hat, sie sei deshalb geometrisch, weil er wolle, dass sie einfach ist, gleichzeitig nicht naturalistisch, nicht bildhaft und nicht expressionistisch sein soll und ohne kulturelle und symbolische Bedeutung.

Vom Land-Art-Künstler Richard Long ist auf dem grauen Boden ein Viertelkreis mit acht Streifen aus kleinen weißen Marmorsplittern ausgeschüttet, während sich in einem großen Plastikwürfel von Hans Haacke Kondenswasser an den Wänden niederschlägt. Ein simples Experiment, so Haacke, "in dem sich etwas verändert und worauf das Environment wie ein lebender Organismus reagiert".

Schwebt da ein roter Würfel, oder ist es eine Lichtprojektion?

Im nächsten, völlig dunklen Raum drängen sich die Besucher, und viele gehen rein und raus und wieder rein, um zu kontrollieren, ob sie ein zweites Mal einen roten Würfel unter der Decke des Raumes schweben sehen oder ob es bloß eine rote Lichtprojektion ist. Verstand steht gegen Wahrnehmung und optische Täuschung, denn der Betrachter kann die Lichtquelle sehen und weiß daher, dass daraus einfach nur eine rote, flache Projektion kommt. Und trotzdem sieht er einen dreidimensionalen Würfel. "Afrum Red" heißt die kleine Arbeit von James Turrell von 1967, die viel klarer und gleichzeitig verwirrender ist, als die riesigen Illusions-Lichträume, die der Künstler heute produziert.

Kunst mit Luftballons und Booten und Tanz auf dem Quadrat

Nicht nur US-Künstler sind neuen Konzepten gefolgt, auch in Spanien bekannte (und bei uns eher unbekannte) Künstler wie Àngels Ribé, Carles Pujol, Francesc Torres oder Josep Ponsatí waren Body-, Konzept- und Land-Art-Künstler und haben genau wie ihre Kollegen aus Übersee mit Fotografie und Videos ihre vergänglichen Aktionen und Transformationen in der Landschaft, im Wasser oder auf den Straßen festgehalten. In dem Kapitel "Geometry in Action" drängen sich die Besucher vor einem Video mit einer Aktion von Ponsatí, in dem er eine riesige Luftkissen-Schlange auf dem Wasser mit seinem Boot so anzieht, dass sie in die Luft steigt wie ein großer beweglicher Turm. Von Robert Smithson ist der Film über seine legendäre Aktion "The Spiral Jetty" in voller Länge zu sehen, und Bruce Naumans drei Videos von 1967/68 sind in seinem Atelier entstanden, wo er ein auf den Boden geklebtes Quadrat betanzt, extrem langsam über dessen Ecke schreitet und es mit zwei Bällen bespielt.

Zeichnungen aus Schatten

In der nächsten Abteilung "Drawing in Space" wachsen Linien zu Netzen zusammen und bilden komplexe Systeme, Mario Merz oder Waltercio Caldas bringen durch Schatten immaterielle Zeichnungen an die Wand, die 1912 in Hamburg geborene Künstlerin Gego hat aus Luft, Raum, Vacuum, Licht und seriellen Dreiecken eine endlose Säule gebaut. Die "Poetische Geometrie" beherrscht allein der Italiener Ettore Spalletti mit zwei großen skulpturalen Formen, die er mit zartfarbenen Pigmenten bemalt hat.

Und dann kommen Arbeiten einer jüngeren Generation, die den Minimalismus erweitert. Geometrie ist bei ihnen nicht länger abstrakt, sondern bezieht sich auf tägliche Gegenstände wie bei Rachel Whiteread oder bei José Dávila. Andere Künstler kommentieren kritisch oder ironisch, wie wir unseren Lebensraum konstruieren und benutzen.

Kunst und Kollaps

Am Ende folgt unter dem Titel "Geometric Strategies" der Zusammenbruch: Damián Ortega hat auf einem öden Grundstück Ziegelsteine nebeneinander zu neun Kreisen oder zu Reihen aufgestellt und gefilmt, wie sie nach dem Anschubsen umfallen und jeweils den nächsten Stein umkippen lassen - der Fall eines einzigen Moduls bringt den Kollaps des gesamten Systems.

Für die meisten Besucher hat damit die Ausstellung ein passendes Ende gefunden, kaum einer schaut sich noch in einem Nebenraum die "Intersections in Architecture" an. Was könnte auch schon das Geklapper der umfallenden Ziegelsteine toppen.

Erwähnt werden sollte noch, dass die Ausstellung ohne teure Leihgaben und lange Transporte auskommt - alle 96 Werke von 31 Künstlern stammen aus den Sammlungen des CaixaForum Madrid und des beteiligten MACBA in Barcelona. Natürlich ist auch der Eintritt frei. Wer nicht nach Madrid reisen kann, für den steht der gesamte Katalog zum kostenlosen Herunterladen aus dem Netz bereit.


The Persistence of Geometry. Arbeiten aus der "La Caixa" Foundation und dem MACBA. Madrid, CaixaForum. Bis 25.3.
Katalog.

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