Geopolitik nach 9/11 Die Lüge vom humanitären Krieg

Mit den Anschlägen von New York begann der Kolonialismus des 21. Jahrhunderts, erklärt der britische Intellektuelle Tariq Ali in einem Debattenbeitrag für SPIEGEL ONLINE. Ob Afghanistan-Krieg oder Libyen-Einsatz - die vorgeblich humanitären Interventionen sollen nur die Dominanz der USA und ihrer Verbündeten sichern.

US-Truppen beim Einsatz in Afghanistan: "Man muss wachsam sein"
AFP

US-Truppen beim Einsatz in Afghanistan: "Man muss wachsam sein"


Ein Jahrzehnt nach den Attentaten vom 11. September sitzen die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten in der Patsche - und die Mehrheit der euro-amerikanischen Bürger in moralischer Hinsicht auf dem Trockenen, nun unzufrieden mit den Kriegen, resigniert und per Propaganda dazu gebracht, zwischen guten und schlechten Kriegen zu differenzieren, was in Wahrheit einer übergreifenden imperialen Strategie folgt. Und der US-General Petraeus, amtierender Kommandeur der CIA und ehemaliger Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, teilt uns das Folgende mit: "Ich glaube nicht, dass man diesen Krieg gewinnen kann. Ich glaube, wir kämpfen immer weiter. Es ist eigentlich ein bisschen wie im Irak… Ja, es gab enorme Fortschritte im Irak. Aber es gibt nach wie vor furchtbare Anschläge im Irak, und man muss wachsam sein. Man muss am Ball bleiben. Dies ist die Art des Kampfs, den wir für den Rest unseres Lebens erleben werden und wohl auch noch unsere Kinder." So spricht die Stimme einer souveränen Macht, die in diesem Fall bestimmt, dass die Ausnahme zur Regel wird.

Die USA und ihre europäischen Verbündeten haben die Ereignisse des Jahres 2001 lediglich als Vorwand benutzt, um die Welt neu zu ordnen und diejenigen Staaten abzustrafen, die sich nicht fügen wollten.

Zehn Jahre nach 9/11 geht der Krieg in Afghanistan weiter - in einer blutigen und brutalen Pattsituation, mit einem korrupten Marionetten-Regime, dessen Präsident und seine Familie sich die Taschen mit unrechtmäßig erworbenen Einnahmen füllen und mit einem US- bzw. Nato-Militär, das nicht in der Lage ist, einen Sieg über die Aufständischen zu erringen. Letztere schlagen nach Belieben zu, ermorden die korrupten Geschwister Karzais, schalten seine führenden Weggefährten aus und nehmen Schlüsselpersonal der Nato-Nachrichtendienste mit Selbstmordanschlägen unter Beschuss oder mit Raketen, die Hubschrauber vom Himmel holen. Währenddessen findet schon seit Jahren hinter den Kulissen eine Reihe von langwierigen Verhandlungen zwischen den USA und den Neo-Taliban statt. Das Ziel enthüllt die Ausweglosigkeit: Nato und Karzai sind verzweifelt bemüht, für eine neue Staatsregierung die Taliban zu rekrutieren.

Euro-amerikanische liberale und konservative Politiker, die das Rückgrat der regierenden Eliten bilden, behaupten einerseits, an Mäßigung und Toleranz zu glauben, und andererseits führen sie Kriege, um den neokolonisierten Staaten ihre Werte aufzuzwingen. Trotz ihres frommen Verzichts auf terroristische Gewalt haben sie kein Problem damit, Folter zu rechtfertigen, Menschen zu verurteilen, gezielt anvisieren und ermorden zu lassen - und auch nicht mit postlegalen Ausnahmezuständen im Inneren, die es ermöglichen, jeden ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit inhaftieren zu können.

Währenddessen wenden die braven Bürger von Euro-Amerika, die die von ihren Regierungen geführten Kriege ablehnen, ihren Blick von den Toten, Verwundeten und Waisen im Irak und in Afghanistan, Libyen und Pakistan ab... die Liste wird ständig länger. Krieg - jus belli - gilt heute als ein legitimes Instrument, solange man es mit Zustimmung der USA oder vorzugsweise durch die USA selbst anwendet. Heutzutage kommt es als "humanitäre" Notwendigkeit daher: Die eine Seite begeht emsig Verbrechen, während die von eigenen Gnaden moralisch überlegene Seite lediglich notwendige Strafmaßnahmen anwendet - und dem zu unterwerfenden Staat wird man seine Souveränität absprechen. Seine Erneuerung wird sorgfältig überwacht - sowohl mit Militärstützpunkten als auch mit einer Kombination von NGO und Geld. Dieser Kolonialismus des 21. Jahrhunderts, diese Dominanz, wird durch die globalen Mediennetzwerke unterstützt, eine wichtige Säule, um politische und militärische Operationen durchzuführen.

Politik und Macht setzen alles andere außer Kraft

Beginnen wir mit der inneren Sicherheit, der sogenannten "Homeland Security" in den Vereinigten Staaten. Im Gegensatz zu den Hoffnungen, die sich viele Liberale im November 2008 gemacht hatten, schreitet die Entwertung der politischen Kultur in Amerika voran. Statt den Trend umzukehren, hat Präsident Obama diesen Prozess weiter beschleunigt. Es sind mehr Abschiebungen von Einwanderern an der Tagesordnung als noch unter Bush. Weniger ohne Prozess festgehaltene Gefangene wurden aus Guantanamo entlassen - eine Institution, die der Präsident, immerhin ein Rechtsanwalt, zu schließen versprach. Der "Patriot Act", der festlegt, wer als Freund und als Feind zu gelten hat, ist neu aufgelegt worden. In Libyen hat man ohne Zustimmung des Kongresses einen neuen Krieg begonnen - auf der fadenscheinigen Grundlage, dass die Bombardierung eines souveränen Staates nicht als feindlicher Akt verstanden werden muss.

Politik und Macht setzen alles andere außer Kraft. Liberale, die immer noch glauben, dass die Regierung Bush das Gesetz missachtet habe, während die Demokraten sich vorbildlich an den normativen Ansatz halten, sind geblendet von politischer Lagerbildung. Bis auf die windige Rhetorik Obamas trennt diese Regierung mittlerweile wenig von ihrer Vorgängerin. Führen Sie sich nur einmal für einen Moment vor Augen, welche Macht Politiker und Propagandisten haben, ihre Tabus und Vorurteile in der amerikanischen Gesellschaft als Ganzes durchzusetzen - eine Macht, die oft rücksichtslos und rachsüchtig eingesetzt wurde, um die Opposition von allen Seiten mundtot zu machen. Whistleblower wie Bradley Manning und Thomas Drake, der erst nach einem enormen Aufschrei in den liberalen Medien freigelassen wurde, Stephen Kim oder WikiLeaks-Gründer Julian Assange, die derzeit wie Verbrecher und Staatsfeinde behandelt werden, wissen das besser als die meisten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
leobronstein 07.09.2011
1. und in Zukunft?
Nun, vieles davon ist zwar richtig, aber sicher nicht neu. Trotzdem ein bedenkenswerter Beitrag. Interessant gerade für Afghanistan ist sicher, wie es dort in Zukunft weitergeht. Spätestens 2014 werden die westlichen Truppen ja größtenteils (oder auch komplett) abgezogen sein. Gibt es dann wieder die Taliban? Oder Bürgerkrieg? Eine Analyse dazu findet man hier: http://dasdossier.de/presseschau/geopolitik/kriege-konflikte/viele-optionen-wenig-hoffnung
Zyklotron, 07.09.2011
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopMit den Anschlägen von New York begann der Kolonialismus des 21. Jahrhunderts, erklärt der britische Intellektuelle Tariq Ali in einem Beitrag für SPIEGEL ONLINE. Ob Afghanistan-Krieg oder Libyen-Einsatz - die*vorgeblich humanitären Interventionen sollen nur die Dominanz der USA und ihrer Verbündeten sichern. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,784452,00.html
Ich musste schmunzeln, als ich die Artikeleinleitung las. Das haben wir doch alle immer schon gewußt. Der einzig positive Nebeneffekt dieser Konflikte ist, dass einige Menschen vielleicht wirklich die Gelegenheit finden, ihr Leben freier zu gestalten.
dioco 07.09.2011
3. Abwarten" - oder "warten" auf Saudi-Arabien...
Zitat von sysopMit den Anschlägen von New York begann der Kolonialismus des 21. Jahrhunderts, erklärt der britische Intellektuelle Tariq Ali in einem Beitrag für SPIEGEL ONLINE. Ob Afghanistan-Krieg oder Libyen-Einsatz - die*vorgeblich humanitären Interventionen sollen nur die Dominanz der USA und ihrer Verbündeten sichern. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,784452,00.html
Dem Artikel ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen... ... es sei denn: "Abwarten, ob das kommt, was der Autor ausdrückt!"...
ich_bins, 07.09.2011
4. Verbündete?
Die USA haben keine Verbündeten, sondern nur Vasallen. Und es geht nicht um alle, sondern nur um die USA. Die anderen sollen bezahlen, die USA will nur kassieren.
munkelt 07.09.2011
5. x
Zitat von ZyklotronIch musste schmunzeln, als ich die Artikeleinleitung las. Das haben wir doch alle immer schon gewußt. Der einzig positive Nebeneffekt dieser Konflikte ist, dass einige Menschen vielleicht wirklich die Gelegenheit finden, ihr Leben freier zu gestalten.
Ich finde den Artikel ziemlich einseitig. Dass sich in den besagten Ländern die Einheimischen gegenseitig seit Jahren umbrachten und noch umbringen, daran ist auch nur der Westen bzw. USA schuld? Und der Wunsch nach Öl? Der Westen sollte sich aus den erwähnten Ländern zurückziehen, Geschäfte kann man sehr gut ohne Soldaten und Bomben nur mit Geld und ein paar schönen Projekten machen. Da haben dann alle was davon.
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