Eine Kolumne von Georg Diez
Es war nur ein Satz. Aber das ganze Wowereit-Drama, die ganze Berlin-Krise, die ganze Farce des unfertigen Flughafens und der unfertigen Staatsoper und überhaupt des mittelmäßigen Durchwurstelns in dieser Stadt steckte darin, in diesem schlaffen Schulterzucker-Satz, der ja eigentlich Stärke demonstrieren sollte: Einmal die Woche, sagte Wowereit, bestelle er seinen zuständigen Senator ein wegen all der Baustellen, die nicht fertig werden, die immer neu auftauchen auf den Straßen, die den Verkehr blockieren und die Nerven zerfetzen und ja auch irre viel Geld kosten, nicht nur, weil sie nie fertig werden, sondern auch, weil sie einen Stau produzieren, der Zeit frisst, die wiederum Geld ist. Und einmal die Woche antwortet ihm sein Stadtbaudirektor, da könne er leider auch nichts machen, die Baufirmen hätten die Konventionalstrafen für die Verzögerungen schon einkalkuliert.
Ja, da kann man natürlich wirklich nichts machen, als ihn jede Woche wieder einzubestellen.
Ich liebe dieses Wort, einbestellen, ordentlich auf den Tisch zu hauen, dem Herrn Senator einmal gepfeffert seine Meinung zu sagen, dass das so nicht geht. Und sich dann seinen Weg zu suchen hinaus aus dem Roten Rathaus, das seit Monaten, seit Jahren schon umgeben ist von einem schier undurchdringlichen Dickicht von Zäunen und Gräben, von Hügeln, die mal aufgeschüttet werden und mal abgetragen, von Baggern und Betonmischmaschinen und Planierraupen umstellt, mit denen man das Rathaus in dieser Zeit auch einmal komplett hätte abtragen und wieder aufbauen können - aber vielleicht ist das ja auch passiert, so genau kann man das in der Verwirrung all der Baustellen gar nicht sagen.
Ist das wirklich nur Unfähigkeit? Oder schon mehr? Das Geld, das das alles kostet, Konventionalstrafen etc., das versickert ja nicht irgendwo. Das Geld bleibt ja. Irgendjemand verdient an diesem System. Und in Berlin hat das eine lange Tradition, dieses Geldvernichten, das auch Geldmachen ist, dieses Sich-in-die-Tasche-Stecken und dieses Anderen-in-die-Tasche-Stecken - es ist eine spezifische BRD-Geschichte, weil mit den Subventionen und dem schlechten Gewissen und dem politischen Willen und der Enge dieser einst abgeschlossenen Stadt eine Mentalität wuchs, die Korruption ermöglichte, und ein Milieu entstand, das an der Korruption verdiente.
Die wichtigste Personalie
Berlin, könnte man also sagen, ist eine verkommene Stadt, und irgendwie lieben es dafür ja auch all die Menschen, die hierher ziehen aus allen Teilen der Welt: Weil es eben nicht so viel golden geschleckte Vergangenheit hat wie Paris. Weil es eben nicht so ganz den Reichen zum Fraß vorgeworfen ist wie London. Weil es anarchisch wirkt und offen und doch irgendwie funktioniert, Flughafen-, S-Bahn-, Straßenchaos hin oder her. Berlin versinkt nicht im Müll, Berlin versinkt nicht im Verbrechen, Berlin versinkt im Mittelmaß. Die Hauptstadt des Landes, vor dem ganz Europa zittert, wird von einem Mann geführt, der es schon für Politik hält, wenn er keine Krawatte trägt. Berlin braucht einen Regimewechsel. Die Stadt steckt tief in der alten Zeit, im alten Denken, in der alten Selbstgefälligkeit. Es reicht schon, dass wir von einer entscheidungsschwachen Kanzlerin regiert werden. Was Berlin braucht, ist ein Rudy-Giuliani-Moment.
Giuliani hat damals New York aus den siebziger Jahren in die neunziger Jahren befördert, hat das trudelnde New York im Grunde neu erfunden, hat, bei aller Kritik, aus einer gefährlichen, gefährdeten Stadt eine moderne Metropole gemacht. Und auch Berlin braucht so einen Zeitsprung, Berlin muss von den neunziger Jahren in die Gegenwart befördert werden. Die Baustellen auf den Straßen sind ja nur das deutlichste Zeichen dafür, dass nichts passiert, dass nichts vorangeht, weil es dauert, dauert, dauert.
Auch die Kulturinstitutionen zum Beispiel hängen ja fest, verwandeln sich zu Mausoleen, driften, dümpeln. Wie lange ist Claus Peymann am Berliner Ensemble? 13 Jahre. Wie lange ist Thomas Ostermeier an der Schaubühne? 13 Jahre. Wie lange ist Frank Castorf an der Volksbühne? 20 Jahre. Die Staatsoper: Jürgen Flimm und Daniel Barenboim, die 69 und 70 Jahre alt sind. Dieter Kosslick leitet die Berlinale auch schon seit elf Jahren. Und warum Berlin kein anständiges Museum für Gegenwartskunst hat, ist bei all dem auch schon wieder vergessen worden.
Man muss das Ganze großflächig angehen. Deshalb hier mein Plan für Berlin: Matthias Lilienthal übernimmt das Berliner Ensemble, und Claus Peymann geht in der Uckermark spazieren. Thomas Ostermeier übernimmt die Festspiele in Avignon und das Théâtre de L'Odéon in Paris und die Oper dort auch gleich und gibt die Schaubühne frei. Frank Castorf wird heilig gesprochen, heiratet die Wagner-Enkelin, zieht nach Bayreuth und übergibt an René Pollesch, damit sich nicht zu viel ändert. Tom Tykwer darf die Berlinale machen, weil Christoph Schlingensief ja leider schon tot ist. Carolyn Christov-Bakargiev übernimmt die Staatsoper, weil die Documenta so gut und so theatralisch ist und Christoph Schlingensief ja leider schon tot ist. Jonathan Meese muss die Stadt verlassen und darf auch nie mehr zurückkommen, weil er ständig so einen Unsinn redet, aber er wird das verstehen, er mag ja Diktaturen. Und Nicolas Berggruen baut den Galeria Kaufhof am Alexanderplatz zur Kunsthalle um.
Aber die wichtigste Personalie ist natürlich die des Regierenden Bürgermeisters. Klaus Wowereit darf sich für den Rest seines Lebens als Kanzlerkandidat fühlen. Sein Amt übernimmt Klaus Biesenbach, der kann das, da bin ich sicher. Er kommt aus New York zurück, ist endlich jemand für dieses neue Berlin, das von Mitte und Südstern, das der globalisierten Jugend und der klugen Kreuzberger, das des neuen alten Westens und des weiten, weiten Ostens. Er tritt an für die SPD und hält damit die Piratenpartei unter 30 Prozent.
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