S.P.O.N. - Der Kritiker Deutschland baut lieber Mittelmaß

Wie wollen wir künftig wohnen, wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Der deutschen Politik ist das offenbar egal, wie das Beispiel Berlin zeigt. Dabei gibt es großartige Ideen, vielleicht sogar Visionen: pragmatische, menschliche, schöne Metropolen für das 21. Jahrhundert.

Eine Kolumne von

Jérome Gerull/ jeromegerull.de

Der Kampf um die Stadt hat gerade begonnen. Er wird erst einmal nicht mit Waffen ausgetragen, sondern mit Worten, mit Bauplänen, mit Geld, denn es geht um das Eigentum an dem, was allen gehört. Das ist ja die Utopie der Stadt: die Gemeinschaft - es geht um die Frage, wie wir leben und wie wir leben wollen und welche Kluft da besteht und wie wir diese Kluft überwinden können.

Es ist also ein Kampf der Ideen, erst einmal. Es geht darum, wie man die Stadt des 19. Jahrhunderts, die die Stadt der Bürger war und der weiten Wohnungen mit Stuck und Parkett, und die Stadt des 20. Jahrhunderts, die die Stadt der Massen war und der engen Wohnungen mit kleinen Fenstern, langen Gängen, Miniküche und Minibad, zur Stadt des 21. Jahrhunderts macht. Die eine Stadt der Vielen sein wird, die kommen und gehen und bleiben, aus Marokko, Mannheim oder Manila; eine Stadt des Hybriden, Fragmentarischen, Vorläufigen, wo sich Wohnen und Arbeiten vermischen, wo sich die Fragen nach dem Öffentlichen und dem Privaten durch das Internet ganz anders stellen und auch das Innen und das Außen durchlässig werden; eine Stadt für eine Zeit, die sich erst in Umrissen andeutet. Eine Stadt also, die im besten Fall das Ideal einer offenen Stadt verwirklicht.

Aber sagen Sie das mal den Leuten, die heute für die Stadt verantwortlich sind. Den Abgeordneten im Berliner Parlament zum Beispiel, die gerade mal wieder gezeigt haben, dass sie eine ganz spezielle Art haben, mit Problemen umzugehen: Erst Entscheiden, dann Nachdenken, erst Machen, dann Reflektieren. Tatsachen vor Gedanken. Nennen wir es "The Berlin Way of Dilettantismus".

Konkret ging es um die Frage, wie in Berlin gebaut werden soll. Eine Frage, die ja einen Symbolwert hat oder haben könnte, eine Frage, an der man all das diskutieren könnte, wie Stadt, wie Wohnen, wie Bauen in unserer Zeit und in der nahen Zukunft aussehen sollte. In Berlin wollen sie jetzt panisch und planlos bauen, 320 Millionen Euro haben sie für dringend nötige neue Wohnungen gerade genehmigt. Obwohl die öffentlichen Baugesellschaften seit zehn Jahren keine neuen Wohnungen mehr gebaut haben. Obwohl selbst die Verantwortlichen im Senat zugeben, dass sie das auch nicht können. Obwohl man bei allem Druck der steigenden Mieten die Chance hätte, dieser Stadt, die sich gerade in ein einziges großes Hostel verwandelt, ihre Zukunft zurückzugeben.

Stattdessen: Bauen für ein Phantom. Bauen wie in den fünfziger Jahren, Bauen für die Familie von Vater, Mutter, Kind - obwohl gerade mal ein Viertel der Menschen noch in dieser Kristina-Schröder-Welt lebt, obwohl die Biografien der Menschen so brüchig geworden sind, dass sich das Bauen dem anpassen sollte. Und wenn aus dem festangestellten Single ein freiberuflicher Vater und dann ein arbeitsloser Scheidungsfall wird, dann ist es natürlich ein gesellschaftlicher und auch marktwirtschaftlicher Unsinn, wenn er deshalb dreimal umziehen muss.

Über all das könnte man ja mal nachdenken. Für all das wäre eine Internationale Bauausstellung gut. Aber das Geld dafür haben die Abgeordneten natürlich gestrichen. Die IBA 2020 ist tot - 50 Millionen Euro und die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, das ist natürlich nicht mehr drin, wenn man ein Flughafen-Desaster produziert und ein Stadtschloss baut, das niemand will und keiner finanzieren kann. Das alles zeigt mal wieder, dass nicht nur das Bauen verwahrlost ist, sondern auch das Denken. Was fehlt, ist irgendein utopischer Horizont und die Vorstellung davon, wie ein besseres Leben in der Stadt aussehen könnte.

Steingewordenes Zwangsregime

Und deshalb heißt mein neuer Held Jean-Philippe Vassal: Er hat schwarze, etwas struppige Haare, er hat ein paar Bartstoppeln im Gesicht und die blasse, müde Haut eines Mannes, der gerade in Lagos war und auf dem Weg nach Indien, China oder auch nur Paris mal kurz in Berlin vorbeischaut, um zu erklären, wie sie aussehen könnte, die Stadt von morgen: pragmatisch, menschlich, schön.

Jean-Philippe Vassal ist Architekt und damit im besten Fall auch Visionär, denn das Bauen war immer mehr als nur vier Wände und ein Dach: Es war entweder eine Art Verbindung zum Himmel, weil der Mensch sich so gern über sich selbst erhebt. Oder es war eine Art Verbindung zur Hölle, weil der Mensch sich so gern über andere Menschen erhebt: ein steingewordenes Zwangsregime, die beiläufigste Bevormundung, die man sich denken kann, eine Bestrafungsphantasie für die unteren Schichten.

In Mulhouse etwa hat er mit seiner Partnerin Anne Lacaton für den sozialen Wohnungsbau Häuser entworfen, die so elegant mit den einfachen Mitteln und dem wenigen Geld umgingen, dass man sich fragt, wer eigentlich so stinkreich wird an dem Mittelmaß, der deutsche Städte so verödet. Vor allem aber hat er, etwa im französischen Druot, gezeigt, wie man bestehende Hochhäuser aus den Sechzigern so verändert, dass sie nicht mehr wirken wie ein in Beton gegossenes Kapitel aus Michel Foucaults "Überwachen und Strafen".

Wie groß tatsächlich die Menschenverachtung des gegenwärtigen Bauens ist, das zeigt Vassal: Mit sehr leichter Hand und mit erstaunlich wenig Geld schafft er es, aus den Häusern einer gescheiterten Moderne, die das Leben der Menschen in die Geometrie der Gedanken presst, etwas zu machen, das frei ist und die Menschen atmen lässt. Das ihnen Respekt zurück gibt und das Selbstvertrauen, das auch die haben sollten, die von Hartz IV leben - Vassal schenkt ihnen Wintergärten und Licht, er bricht die Grundrisse auf und öffnet die Häuser, er schafft Kommunikation und schiefe Ebenen und fließende Übergänge und schaut so freundlich auf die Bewohner, dass man fast weinen möchte.

Warum genau ist das nicht möglich bei uns? Warum setzen sich die Menschen selbst Zwänge, die sie dann erfüllen müssen und die sie unausweichlich unglücklich machen? Warum denken sie nicht mal vom guten Leben aus? Warum streichen sie noch den letzten Gedanken zusammen, bis er zur Zahl verkommt?

Was ist am Glück so gefährlich?

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Kritiker


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dragonborn 28.06.2013
1. Super!
Super Beitrag muss ich sagen. Ist echt nicht mehr zu verantworten, wie mit öffentlichen Geldern und unserer Gesellschaft umgegangen wird. Irgendwo fehlt da die Organisation, und zwar schon in der Basis. Denn anscheinend mangelt es ja bei Politikern von A bis Z. Irgendwas am System kann da ja nicht stimmen, ob das jetzt der Berliner Senat ist oder die bayerische Landesregierung. Stümpertum durch die Bank weg.
outwiper 28.06.2013
2. in deutschland
kann schon aus dem grund nichts mehr anständig in grossem stil gebaut oder geplant werden - selbst wenn man mal das hirn anstrengen würde, da man heutzutage gleich ein halbes dutzend bürgerinitiativen an der hacke hat, die IHR wäldchen, IHREN spielplatz, IHR viertel, oder nur IHRE runtergekommene bruchbude behalten wollen. solange in deutschland immer noch die kirche das höchste gebäude der stadt zu sein hat wird das nichts mit schöner, grosszügiger und moderner planung. wie würde ich mir als architekt doch mal ein klein wenig new york oder dubai in einigen deutschen städten wünschen. frankfurt ist ja ein kleiner anfang, aber mehr nicht. architektur und städtebau ist in deutschland einfach nur winzig und piefig.
Robert_Rostock 28.06.2013
3.
Zitat von sysopJérome Gerull/ jeromegerull.deWie wollen wir künftig wohnen, wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Der deutschen Politik ist das offenbar egal, wie das Beispiel Berlin zeigt. Dabei gibt es großartige Ideen, vielleicht sogar Visionen: pragmatische, menschliche, schöne Metropolen für das 21. Jahrhundert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-kolumne-deutschland-baut-mittelmass-a-908380.html
In der Photostrecke zum Beitrag auch die im Beitrag so gelobten Projekte von Jean-Philippe Vassal zu finden, ist sicher zu viel verlangt...
aristo32 28.06.2013
4. Zwar schöner Artikel
Zitat von sysopJérome Gerull/ jeromegerull.deWie wollen wir künftig wohnen, wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Der deutschen Politik ist das offenbar egal, wie das Beispiel Berlin zeigt. Dabei gibt es großartige Ideen, vielleicht sogar Visionen: pragmatische, menschliche, schöne Metropolen für das 21. Jahrhundert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-kolumne-deutschland-baut-mittelmass-a-908380.html
Es ist zwar ein schöner Artikel, aber ganz ehrlich, es ist völlig nutzlos darüber zu reden. Denn die Deutschen sind so Mediengesteuert, dass die Politiker machen können was sie wollen und trotzdem wiedergewählt werden. Angeblich das kleinste Übel! Wenn die Medien nur einmal eine andere Parteien nicht gleich zerschlagen würden, weil die CDU stimmen verlieren könnte, dann wäre alles anders. Die Menschen sind zu Medienabhängig! Fast alle Minister der CDU sind eine Katastrophe, diese Regierung macht gar nichts außer unser Geld zu verschwenden oder verfassungswidrig zu handeln. Und trotzdem reicht ein Bild der Murksel auf irgendeiner Veranstltung aus um Wähler zu gewinnen!! Unglaublich..
mailwegenpoker 28.06.2013
5. Im Kern das Thema getroffen
aber die Verbesserungsvorschläge im konkreten münden dann leider in erstklassigem unpräzisem Geschwafel ("bestehende Strukturen aufbrechen", "Kommunikation ermöglichen mit schiefen Ebenen") wie man das häufig in Projektbroschüren von Bauträgern und Architekten lesen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.