S.P.O.N. - Der Kritiker: Volkserziehungs-TV mit der "Tagesschau"

Eine Kolumne von Georg Diez

Ist die ARD-"Tagesschau" ein Leuchtturm im Nebelmeer der Nachrichten? Oder ein Nebelscheinwerfer, der eine klare Sicht auf die Dinge behindert? Befragt man die Systemtheorie und Jürgen Habermas, lautet die Antwort: Die Sendung informiert nicht. Sie stabilisiert.

Am 27. Dezember 2012, einen Tag nach ihrem 60. Jubiläum, berichtete die "Tagesschau" um 20 Uhr, dass die "Ursache für die Brandkatastrophe in der Schwarzwaldgemeinde Titisee-Neustadt" auch vier Wochen danach "nicht eindeutig geklärt" sei. "Die Staatsanwaltschaft Freiburg erklärte", dass es nicht ausgeschlossen werden könne, "dass ein Gasofen falsch bedient worden sei". Nach Recherchen des Südwestfunks soll eine Betreuerin das Unglück ausgelöst haben. "Ein offizielles Gutachten" aber "liegt noch nicht vor".

Der Beitrag dauerte 29 Sekunden. Zuvor hatte Judith Rakers mit gewohnt stoischer Miene und im tonlosen Singsang minutenlang andere Nicht-Nachrichten vorgelesen: Da gab es ein "Positionspapier" von FDP-Rösler, das die Opposition überraschenderweise ablehnte, da gab es ein "Europa-Papier" der CSU, vor dem Brüssel sicher schon zittert, da gab es eine "Studie zur Altersvorsorge" und die "Wirtschaftsprognose 2013" - ein einziges Papiergeraschel in dieser papierraschelnden Sendung, in der die Sprecherinnen und Sprecher immer noch symbolisch Zettel vor sich liegen haben, die sie zur Seite schieben, ohne auch nur einmal darauf geschaut zu haben.

Nebelscheinwerfer der Demokratie

Aber womöglich geht es längst nicht mehr um Nachrichten in dieser angeblichen Nachrichtensendung, diesem Leuchtturm der Objektivität, diesem Anker im Meer der Unübersichtlichkeit, diesem Nebelscheinwerfer der Demokratie - falls es jemals darum ging: Von heute aus betrachtet wirkt es fast so, als habe diese Sendung immer schon vor allem der Objektivierung jener Macht gegolten, die ihr das Geld garantiert. Also dem Erhalt und der Förderung jener Parteiendemokratie, die uns Politik als Placebo und als Abwesenheit des Politischen präsentiert.

Denn was soll man, zum Beispiel, ernsthaft mit einer Meldung anfangen wie der vom 28. Dezember, Seite eins, Aufmacher der "Süddeutschen Zeitung": "Die zum Jahresbeginn eingeführte Pflegezeit für Familien findet in den Unternehmen bislang kaum Anklang", steht da, in den "ersten zwölf Monaten" sei diese mit hohem, bürokratischem Aufwand geschaffene Möglichkeit "in nicht mehr als 200 Einzelfällen" genutzt worden. Ist das Sozialpolitik oder schon Satire? Oder meint Jürgen Habermas das, wenn er sagt, dass "Politik als Mittel der demokratischen Selbsteinwirkung ebenso unmöglich wie überflüssig geworden" sei?

Die Welt im Sofakissenformat

Habermas referiert in seinem aktuellen Buch "Nachmetaphysisches Denken II" (Suhrkamp Verlag) durchaus zustimmend das, was die Systemtheorie als Bild der gesellschaftlichen Modernisierung entworfen hat: "Die autopoietisch gesteuerten Funktionssysteme, die ihrer jeweils eigenen Logik folgen und füreinander Umwelten bilden, haben sich gegenüber den unterkomplexen Netzwerken der Lebenswelt angeblich längst verselbständigt."

Angeblich? Habermas versucht immerhin noch, "das Politische" gegen "die Politik" zu positionieren und setzt sich dafür sogar mit dem ihm eher feindlichen Denken Carl Schmitts und seiner Politischen Theologie auseinander. Letztlich bleibt ihm aber nicht viel mehr als festzustellen, dass es die Funktion des Politischen ist, die "symbolische Darstellung und kollektive Selbstvergewisserung eines Gemeinwesens" zu fördern.

Die "Tagesschau" wäre demnach, ganz konsequent im Sinne der Politischen Theologie, die gemeinschaftlich verabredete Abschaffung der Politik mit den Mitteln der Autopoiese. Das vorrangige Ziel ist der Selbsterhalt eines wie auch immer definierten und gesteuerten Systems: Konkret bedeutet das, dass die "Tagesschau" Nachrichten durch Statements ersetzt, Wirklichkeit durch Floskeln, Konflikte durch Zahlenschemata. Es ist die Simulation von Information, die Antäuschung von Aufklärung, das Verwalten von Sachzwängen.

Was die "Tagesschau"-Macher als Objektivität preisen, wäre demnach eher Opportunismus. Die Sendung ist längst so sehr Teil des Systems, über das sie berichtet, dass es kein Außen mehr gibt, keine Unabhängigkeit, die einen wenigstens ansatzweise objektiven Standpunkt zuließe.

Mediales Täuschungsmanöver

In der Innenpolitik, die ja eh und immer mehr den dominierenden Teil der Sendung ausmacht, wird das besonders deutlich: Meldung, Filmbeitrag, Reporter vor dem Reichstag. Das ist der vorgegebene Rhythmus, die Bilder langweilen sich schon mit sich selbst. Der Zuschauer hat gar keine Möglichkeit mehr, nicht auch ein Beckettsches Gähnen zu bekommen: Erst steht jemand auf einer Brücke oder vor einer Fahne. Dann sagt Ulrich Deppendorf alles noch mal mit Schnurrbart.

Politik wird hier reduziert auf eine Aneinanderreihung von Sprechakten von Menschen, die erst einmal wie Verwirrte an der Kamera vorbei laufen, bevor sie doch noch den Weg davor finden. Dort dürfen sie dann, wie in der Sendung vom 27. Dezember Philipp Rösler, Gesine Lötzsch und ein Mensch, den niemand kennt, ein Statement abgeben: "Ich finde", "man sollte", "wir sind dagegen". Die Welt schrumpft so auf Sofakissenformat.

Und das ist das eigentliche, das "politische" Problem der Sendung. Wo wäre denn etwa der "Tagesschau"-Reporter in Syrien oder in Gaza? Wo Bilder, die überraschen oder berühren? Wo wären denn - gerade in der Euro-Krise - die Sätze, Haltungen, Informationen, die sich aus dem Brei der Bejahung erheben und nicht nur rhetorische Laubsägearbeiten der Regierung als eigene Recherche präsentieren?

Die "Frankfurter Allgemeine" hat zum Jubiläum von der "Parodie einer Nachrichtensendung" gesprochen, die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" sah "Starrheit", "Stillstand" und ein "Sinnvakuum" - aber den "Tagesschau"-Machern ist solche Kritik egal. Sie bauen sich erst einmal für 24 Millionen Euro ein neues Studio, aus dem sie irgendwann 2013 die neuen Nachrichten genauso altmodisch senden werden wie bisher. Dieses Blau im Aquarium der Politik, dieses Blubbern der Sätze als Hintergrundgeräusch der globalen Riesenkrisen, diese Ich-sitze-hier-und-ihr-sitzt-dort-Haltung - eine Erziehungsmaßnahme in einer Demokratie der Volksschullehrer.

Wollen wir das aber wirklich immer noch so? Brauchen wir Fernsehen als Volkserziehung? Als Therapeutikum? Als Heilung von der Politik? Habermas jedenfalls, der in seinem Buch von der postdemokratischen "Staatsanstalt" spricht, ist da schon auf dem richtigen Weg. Die ARD heißt wohl nicht zufällig "Sendeanstalt": Sie bildet in Vielem das ab und bildet eben auch das heraus, was sie für Politik hält und was wir für Politik halten sollen - ein mediales Täuschungsmanöver mit öffentlichen Geldern.

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insgesamt 116 Beiträge
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1. Tagesschau oder "Warum es bei uns so schön ist"
Absurdistan-Veteran 28.12.2012
So ist es leider und darum sollte diese Sendung endlich den Titel bekommen, den sie sich ehrlich verdient hat: "Aktuelle Kamera"
2.
skylarkin 28.12.2012
Zitat von sysopIst die ARD-"Tagesschau" ein Leuchtturm im Nebelmeer der Nachrichten? Oder ein Nebelscheinwerfer, der eine klare Sicht auf die Dinge behindert? Befragt man die Systemtheorie und Jürgen Habermas, lautet die Antwort: Die Sendung informiert nicht. Sie stabilisiert. Georg Diez kritisiert die ARD-Tagesschau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-kritisiert-die-ard-tagesschau-a-874972.html)
Guter Artikel! systemkritische, unbequme Analysen in der Hauptnachrichtensendung?Fehlanzeige!unbequeme Wahrheiten/ Meinungen?Keine! Man fühlt sich teilweise verschaukelt, kaum informiert aber irgendwie sediert... das ist so gewollt.
3. Sehr gut!
kahabe 28.12.2012
Ich finde die News von VOX auch besser, ersatzweise DAS VIERTE.
4. Kritische Betrachtung
hubertrudnick1 28.12.2012
Zitat von sysopIst die ARD-"Tagesschau" ein Leuchtturm im Nebelmeer der Nachrichten? Oder ein Nebelscheinwerfer, der eine klare Sicht auf die Dinge behindert? Befragt man die Systemtheorie und Jürgen Habermas, lautet die Antwort: Die Sendung informiert nicht. Sie stabilisiert. Georg Diez kritisiert die ARD-Tagesschau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-kritisiert-die-ard-tagesschau-a-874972.html)
Richtig ist es, dass man nicht alles immer nur hinnehmen sollte, man muss auch kritisieren dürfen, was einem nicht gefällt und das sollte man auch in einer Demokratie sagen dürfen. Aber wenn man über andere Medien herfällt, dann sollte man doch auch mal seinen eigenen Bereich etwas sorgfältiger betrachten und sich da um Veränderungen bemühen und gerade das kan ich bei den privaten Medienen eben nicht erkennen, ihre Nachrichtenteile sind einfach der Erwehnung nicht wert. Medien wollen nicht nur aktuelle Nachrichten bringen, sie wollen immer zuerst ein Meinungsmacher sein und da sind sich dann alle, ob öffentlich, oder privat gleich.
5. früher nannte man das
Horst Dettweiler 28.12.2012
Nachrichten. Gab es natürlich nur im Ostblock, wo ja keine freie Meinung zugelassen war. Das beste ist, auf Tagesschau, Tagesthemen, heute oder heute-journal ersatzlos zu verzichten (Ausnahme: heute-show). Nachrichten im eigentlichen Sinne lassen sich heutzutage schneller, einfacher und objektiver gewinnen. Das proporz-gequirlte Gutmenschen-Gelaber sollen sich Mutti und Konsorten selber antun.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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