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S.P.O.N. - Der Kritiker: Immer voll auf Merkel-Linie

Eine Kolumne von

Angela Merkel bei Pressetermin (Archivbild): Sprachrohr der Alternativlosigkeit Zur Großansicht
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Angela Merkel bei Pressetermin (Archivbild): Sprachrohr der Alternativlosigkeit

Die deutschen Medien unterwerfen sich in der Wirtschafts- und Finanzkrise einer Logik der Macht. Berichten sie über die Krise in Griechenland, nehmen sie die Perspektive der nationalen Politik ein und blenden Teile der Wirklichkeit aus.

Bis vor einer Weile war es noch Medienkritik, wenn man ARD und ZDF oder die großen deutschen Tageszeitungen darauf aufmerksam machen wollte, dass sie besser sein könnten und sollten. Seit aber die Systemgegner von rechts da sind und auf der Presse herumhacken, Perfida, Friedensverschwörer, Russlandverehrer, Forumsfanatiker, seitdem riskiert man Applaus von der falschen Seite.

Aber das kann ja nicht heißen, dass man auf einmal nicht mehr kritisieren darf, weil es einen medialen Burgfrieden gibt: Es ist ja nicht besser geworden, es hat sich ja nichts verändert.

Was man machen muss, ist im Gegenteil härter, präziser kritisieren, den eigenen Standpunkt klarer machen, die Dinge auseinanderhalten und nicht so mauschelig vermischen, wie es die "Zeit" in dieser Woche getan hat mit der Titelgeschichte "Hauptsache, dagegen!" - als ob Syriza eine linke Pegida wäre.

Die "Zeit" ist aber eben das wöchentliche Therapeutikum des Justemilieu, deshalb darf sich dort der Rechte Peter Gauweiler mit dem Sehr-Rechten Alexander Gauland in lodenhafter Länge über all das unterhalten, was sie auch bei einem Bier zu zweit besprechen könnten - während Syriza vor allem als eine Drohung für die bisherige Politik der EU angesehen wird.

Ist Syriza wie Pegida?

Warum das aber nun genau eine Position ist, welche die Redaktion der "Zeit" beunruhigt, wird nicht recht klar - es ist ja nicht so, dass die Haltung der "Zeit" mit der der Bundesregierung identisch wäre. Oder sein sollte. Oder ist sie das doch?

Sie wäre damit jedenfalls nicht allein: Der Trend geht zum Verstehen, wenn es sich um Opposition von rechts handelt, der Trend geht zum Verdammen, wenn es um Opposition von links handelt - die einen, Syriza, sind "Populisten", die anderen, "Pegida", sind "besorgte Bürger".

Da werden die Griechen, von der "Frankfurter Allgemeinen" über die "Süddeutsche Zeitung" bis hin zu SPIEGEL ONLINE, wahlweise als Ziegenherde, Kindergarten oder finanzpolitischer Erziehungsfall betrachtet - die gleiche volkspädagogische Rhetorik, die aufs Verstehen von Pegida angewendet wird, nur umgekehrt.

Es ist Volkserziehung, was so ungefähr das Gegenteil von Politik ist: Prinzipien anstatt von Praxis, Rigorismus anstatt von Pragmatismus.

Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise ist eine Logik der Macht und der angeblich notwendigen Maßnahmen entstanden, fast ein Maßnahmenstaat, der seine Entsprechung findet in einer Publizistik, die in ihrer Argumentation immer enger, egoistischer, nationaler geworden ist und damit zu einem Sprachrohr der Alternativlosigkeit.

11 Prozent fürs Volk, 89 Prozent für die Banken

Wie sonst wäre es etwa zu erklären, dass in angelsächsischen Medien sehr realitätsnah darüber diskutiert wird, wie es in Griechenland weitergehen soll, warum ein Schuldenschnitt nicht nur notwendig, sondern im System angelegt ist und wie etwa die Deutschen selbst von einem solchen Schuldenschnitt profitiert haben - 1953 war das, Griechenland war eines der Länder, das auf seine Ansprüche teilweise verzichtete, das "Wirtschaftswunder" wäre sonst kaum passiert.

Damals war es eine Vorgabe, dass die jährlichen Rückzahlungen Deutschlands maximal drei Prozent des Exportvolumens ausmachen durften - IMF und Weltbank halten dagegen heute im Fall von Griechenland zwischen 15 und 25 Prozent für "tragbar".

Überhaupt, darauf hat der Chefökonom der "Financial Times", Martin Wolf, hingewiesen, kamen bislang nur elf Prozent der "Hilfszahlungen" bei der griechischen Regierung an. Der Rest ging mehr oder weniger direkt an die Banken, die einen Bailout bekamen, auf den die Bevölkerung seit Jahren wartet.

Man kann sich also schon mal die Frage stellen, ob ein Krisenmanagement, das mehr als 25 Prozent Arbeitslosigkeit und mehr als 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit produziert, ein echter Erfolg ist - oder der direkte Weg zu extremen Verhältnissen.

Darüber kann man jetzt natürlich trefflich lamentieren, und es ist ja wirklich eher scheußlich, dass Syriza mit antisemitischen Nationalisten paktiert - aber erstens ist das Politik und kein Ponyhof, also get over it; und zweitens ist es ergiebiger, sich Gedanken über die Ursachen zu machen.

Griechenland zappeln lassen

Stattdessen beharren nicht nur die meisten deutschen Politiker auf der Austeritätspolitik, die zur Zerstörung der demokratischen Mitte in vielen Ländern Europas geführt hat, und auch die meisten deutschen Medien fabrizieren sparfixierte Schablonengedanken am Stück.

Dabei ist es ja interessant, wenn etwa der frühere IMF-Chef für Europa, Reza Moghadam, dafür plädiert, den Griechen im Gegenzug zu Reformen die Hälfte der Schulden zu erlassen.

Es ist interessant, wenn auch der Chef der Bank of England davor warnt, Griechenland weiter in der Schuldenfalle zappeln zu lassen.

Es ist interessant, wenn ja schon ein klein wenig Logik ausreicht, um zu verstehen, dass es kein guter Weg sein kann, wenn die Konsumausgaben der Griechen in den vergangenen Jahren um mehr als 40 Prozent geschrumpft sind und die Staatschulden sogar noch zugenommen haben, weit über das im "Rettungskonzept" vorgesehenen Rahmen.

Aber was machen daraus etwa die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF? Sie haben keine Bilder für die Krise gefunden und damit auch keine Haltung. Immer nur sind die hektischen Krisenmanager in Brüssel zu sehen, wie sie dicken Autos entsteigen oder in dicke Autos einsteigen - eine Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen.

In der BBC dagegen, ich erinnere mich noch fast an jedes Bild, an jeden Satz, gab es schon sehr früh in der Krise einen Bericht über ein älteres italienisches Ehepaar, das sich erhängt hatte, weil es seine Schulden nicht mehr zahlen konnte.

Der Reporter stand vor dem Schuppen, wo es passierte, er öffnete die Tür, ging dann hinein.

Klingt das voyeuristisch?

Es war nicht voyeuristisch. Es war die Wahrheit über Europa am Beginn des 21. Jahrhunderts.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 252 Beiträge
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1. Eigene Nase...
saffrongurski 30.01.2015
Mindestens beim Thema Griechenland und Ukraine sehe ich persönlich den Spiegel in genau der selben Ecke wie die gescholtenen Medien. Naja, ist eben ein harter Kampf um die Klicks oder ein linientreu besetzter Rat bei den ÖR. Scheint so, daß eine umfassende Meinungsbildung für den Otto Normalbürger genauso aufwendig und schwierig ist, wie in Zeiten ohne digitale Medien.
2. durchgehender Fehler
j.c78. 30.01.2015
Herr D. macht bei der Würdigung der Wirksamkeit der Rettungsmaßnahmen einen entscheidenden Fehler. Ein Schuldenschnitt - quasi der bedingungslose Transfer von Geld (=schenken) - war seinerzeit, insbesondere von den Wählern der Geberländer, nicht gewollt. Selbst die Rettungspakete schrammen an der äußeren Grenze des verfssungsrechtlich erlaubten, nicht nur in Deutschland. Die Alternative wäre eine Staatspleite gewese. Die Auswirkungen einer Staatspleite auf ein Land, dass nahezu alle lebensnotwendigen Güter importierensind muss, sind ungleich schlimmer als das derzeit erlebte. Um zu bewerten ob die Konsolidierung ein Erfolg ist, muss der Vergleich mit einem Bankrott gezogenen werden. Bisher gibt es zu den Auswirkungen nur Studien. Der neue Regierungschef in Griechenland scheint einen Feldversuch jedoch geradezu herbeizusehnen.
3. ??
LouisWu 30.01.2015
Zitat: "..Der Trend geht zum Verstehen, wenn es sich um Opposition von rechts handelt, der Trend geht zum Verdammen, wenn es um Opposition von links handelt - die einen, Syriza, sind "Populisten", die anderen, "Pegida", sind "besorgte Bürger". Ich weiß ja nicht in welchem Land Sie leben, Herr Diez, aber in D ist es tatsächlich genau umgekehrt. Während der bundesdeutsche Mainstream-Journalist das Wort "Rechtspopulist" sofort parat hat, schon wenn jemand mit einem Schäferhund über die Straße geht, scheint der Begriff "Linkspopulist" dagegen überhaupt nicht zu existieren. Ich habe ihn jedenfalls im SPIEGEL bisher noch nicht gelesen...
4. Nur eine Bankenrettung!
fliegender-robert 30.01.2015
Das ganze abgekartete Spiel war doch nur eine Bankenrettung. Eigentlich war der Absturz schon vor Jahren klar - nur hätte es damals die kreditgebenden Banken getroffen. So wurde einfach Zeit geschunden. "Alternativlos", "Es wird uns nicht wirklich etwas kosten - sind nur Kredite" usw.. Die Banken haben diese Zeit genutzt und ihre Außenstände drastisch verringert (stand letztens auch im Spiegel). Nun ratet mal, an wen der kommende Verlust verkauft wurde...
5. Die
VacekKacek 30.01.2015
Deutschen Medien verfallen im Grunde seit dem Ausstieg von Augstein senior aus dem Spiegel. Seitdem wird vor allen Dingen bei den öffentlich- rechlichten ein strammer Marsch auf die Gleichschaltung angestrebt. Kritische Blätter oder Kanäle werden als Spinner oder Verschwörungstheoretiker belächelt und der Konsument mit Dreck ala Dschungelcamp bedröhnt und ruhig gestellt. Das ist alles so gewollt und wir sind auf einem guten Weg.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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