S.P.O.N. - Der Kritiker Die Fälschung der Welt

Die deutsche Politik betreibt die Verfälschung der Realität: In ihrem System der Selbstbespiegelung kommt das Ausland nur in Form von Sündenböcken vor - die wirklichen Katastrophen werden ausgeblendet.

Eine Kolumne von


Ich habe geträumt, dass Angela Merkel in einem griechischen Schulzimmer steht und jeden einzelnen Schüler vortreten lässt, ihn so freundlich anschaut wie ein großes Stück Kuchen und ihm dann eine Ohrfeige gibt, nicht so hart, dass es richtig wehtut, aber hart genug, dass man gedemütigt wieder an den Platz schleicht.

Ich habe geträumt, dass Angela Merkel nachts am Hafen von Piräus steht und eigenhändig all die Bildungssysteme entlädt, die sie exportieren will, in kleine Pappkartons verpackt sind diese Bildungssysteme, nicht sonderlich kompliziert zusammenzubauen und wie so vieles aus Deutschland natürlich "das beste der Welt".

Ich habe geträumt, dass Angela Merkel die Erziehung des Südens zu besseren Europäern sehr ernst nimmt, es wird nicht leicht sein, deshalb ist es besser, früh zu lernen, was Schmerz ist, und so macht es Angela Merkel wie die Mutter in der Verfilmung von Charlotte Roches "Feuchtgebiete", sie streckt die Arme aus und sagt zu dem Kind, das auf der Mauer steht und sich nicht traut: Spring! Und dann springt das Kind, und die Mutter zieht die Arme weg, und das Kind schlägt auf den Asphalt, und die Mutter sagt: Vertraue niemandem.

Öffentliche Auspeitschung anderer Nationen

Ich habe geträumt, dass ich aufwache, und alle um mich herum schlafen, es ist wie im neuen Roman von Daniel Kehlmann, "F", sie lächeln vor sich hin im Schlaf, der eigentlich kein Schlaf ist, sondern eine Hypnose, sie lächeln, weil sie denken, dass sie in der besten aller Welten leben, das hat ihnen die Merkel-Maschine immer und immer wieder gesagt, sie hatten gedacht, es sei ein Versprechen, dabei war es eine Drohung, alles wird so weitergehen wie bisher, wir retten die Banken, die Banken retten die Unternehmen, die Unternehmen retten den Export, der Export rettet uns, und alles ist gut.

Wer braucht schon Politik, wenn er Interessen hat? Wer braucht schon Wahlen, wenn er eine starke Wirtschaft hat? Wer braucht schon Argumente, wenn er Umfragen hat? Wer braucht schon europäische Ideale, wenn es Deutschland gutgeht? Wer braucht schon Visionen, wenn gerade alles so schön übersichtlich ist? Wer braucht schon Angst, wenn die Autos rollen? Wer braucht schon Gerechtigkeit, wenn es die FDP gibt? Wer braucht schon eine Vorstellung von der Zukunft, wenn der Laden brummt?

"F for Fake", so heißt der letzte Film von Orson Welles, auf den auch Daniel Kehlmann in seinem Roman anspielt: Es geht um Kunstfälscher, es geht aber auch, wie bei jeder Fälschung, um einen metaphysisch motivierten Akt der Selbstermächtigung, eine Art Gottessturz.

Was haben wir also gesehen, beim Nicht-Ereignis, das alles mögliche war, nur kein TV-Duell - was haben wir gesehen: Außer einem Oppositionsdarsteller und einer kalten Kanzlerin, die keine Geduld mehr hat mit Versagern, die keine Gnade mehr kennt mit Eseltreibern, Olivenbauern und Schulschwänzern, die eine Art Genugtuung zu verspüren scheint beim öffentlichen Spanking anderer Nationen?

Zombiehafte Wesen

Wir haben die Fälschung der Welt gesehen und die Fälschung der Politik, weil die Welt mit ihren Millionen von Migranten, die in der Wüste verdursten, nicht vorkam, weil die Welt mit den Umweltkatastrophen der Zukunft, den Verteilungskriegen und den Fragen nach Gerechtigkeit nicht vorkam, weil es keinen Krieg in Syrien gibt und keinen Angriff auf unsere Identität, Freiheit, Bürgerrechte durch die NSA, weil es überhaupt kein Außen mehr gibt in diesem hellblauen System der permanenten Selbstbespiegelung, dieser heilen Alptraumwelt der deutschen Politik.

Und so bleibt, als Erinnerung, diese neue Angela Merkel, die wahrscheinlich gar keine neue ist, nur im Alter, da zeigt sich eben das Wesen eines Menschen sehr viel unverstellter. Und so war sie, alt, in ihrem Denken, in ihrem Machtpragmatismus, unverstellt in ihrem Durchsetzungswillen. Das Zeichen dafür war ihre Hand, die sie immer wieder vorschob, wie eine Waffe, seltsam hektisch, herrisch, autoritär - und wie sie immer und immer weiterredete, wenn ihr mal jemand eine Zwischenfrage stellen wollte, da sah man ihr auf einmal auf den Grund, da wurde klar, wie grausam diese Frau sein kann.

Deshalb habe ich auch so schlecht geschlafen.

Mutti?

Wer hat sich denn den Unsinn ausgedacht?

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insgesamt 149 Beiträge
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agua 06.09.2013
1.
Die portugiesische Tageszeitung "I"widmet dem deutschen Wahlkampf nun jeden Tag eine Seite.So sah ich das Foto des Riesenplakates mit den Händen.Alle nach Frau Merkels Vorbild zum Symbol des Diamanten geformt.Mir wurde anders.Beim Lesen Ihres Artikels Herr Dietz,verspüre ich ebenfalls eine leichte Gänsehaut.Kompliment und einen lieben Gruß aus Portugal(ein kleines Land am Rande des Unterganges,ganz im Verborgenen)
stefananton 06.09.2013
2. Angela Merkel
Zitat von sysopDie deutsche Politik betreibt die Verfälschung der Realität: In ihrem System der Selbstbespiegelung kommt das Ausland nur in Form von Sündenböcken vor - die wirklichen Katastrophen werden ausgeblendet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-angela-merkel-und-das-tv-duell-a-920774.html
Leider, leider kein Traum sondern die Realität...... Wer gebietet dieser Frau endlich Einhalt. Meines Erachtens kann dies nur der Souverain...das Volk. Die Bundestagswahl ist die Möglichkeit dazu. Diese Dame ist nicht alternativlos. Rot,Grün,Rot ist eine Alternative.
zynik 06.09.2013
3.
Leider wird ein wesentlicher Teil des Innern ebenso ignoriert, wodurch die Wahrnehmung der Realität noch mehr begrenzt wird. Man schottet sich nicht nur nach aussen ab, sondern trägt auch zur inneren Spaltung des Landes bei.
clausbremen 06.09.2013
4. Die Träume dieses Kolumnisten ...
... sind in keinster Weise meine Träume. Entweder die maroden Euro-Länder reformieren ihre Strukturen nachhaltig oder es gibt in absehbarer Zeit keine Euro-Zone mehr. Eine dauerhafte Fremdfinanzierung von strukturellen Missständen durch die Mehrheit der soliden Volkswirtschaften ist ausgeschlossen.
carsten.bruchhardt 06.09.2013
5. Danke...
...für den Kommentar, der mir aus der Seele spricht. Schade... ...dass ihn die Mehrheit ignorieren wird. Mir graut es vor den nächsten (4?) Jahren.
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