Folgen der Euro-Krise Neues Deutschland - totes Europa

Angela Merkels taktische Spielchen beim Euro-Gipfel haben gezeigt, was für ein Trugbild die europäische Solidarität ist, die berechenbare deutsche Europapolitik ist Geschichte. Wir erleben eine Zeitenwende, an die wir uns später einmal erinnern werden. Vermutlich mit großem Bedauern.

Eine Kolumne von


Später mal werden wir sagen, dass das ja eh alles klar war. Später mal werden wir uns fragen, warum wir nicht gesehen haben, dass es gar nicht anders kommen konnte. Später mal werden wir klüger sein.

Wir leben in einer Zeit des Später-Mal. Wir erleben eine Gegenwart, die schon Vergangenheit ist, das ist das Kennzeichen von Krisenzeiten. Wir ahnen, dass wir an den Fehlern, am Taktieren, an der Politik dieser Wochen noch lange laborieren werden. Kein gutes Gefühl.

Wir hören, dass es auf die "nächsten drei Tage" ankommt. Wir sind erleichtert, wenn jemand sagt, "die nächsten drei Monate sind entscheidend", weil das etwas besser klingt. Wir behandeln die Zukunft, die uns bleibt, mit einer Mischung aus Skepsis, Fatalismus und kontraintuitivem Optimismus.

Aber was sollen wir auch machen, wenn die Frau, die uns regiert, Politik in Seifenoper verwandelt, indem sie einen Satz sagt, der einerseits grotesk ist, weil sie ihre eigene Existenz in die Waagschale wirft, ohne es zu meinen - und der andererseits so dubios ist, weil ja das Wesen der Politik gerade nicht die Dauer des Lebens, sondern die Dauer der Amtszeit ist: "Solange ich lebe" ist ein Satz für alte Tanten und nicht für eine Bundeskanzlerin.

Die Konturen des neuen Deutschland zeichnen sich langsam ab

Aber was soll man auch machen, wenn die Frau, die uns regiert, Europa im Grunde egal ist - erst hat sie Kanzler Kohl gestürzt, jetzt gefährdet sie dessen großes Projekt, das hat schon eine gewisse Logik. Die letzten Jahre haben das Reden und Denken über Europa entscheidend verändert, gerade Merkels Taktieren hat gezeigt, was für ein Trugbild europäische Solidarität im Grunde ist: Und eine Volksabstimmung über Europa würde in Deutschland nur ergeben, dass wir längst nicht mehr wissen, was uns Europa bedeutet.

Das ist ein Bruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte, den man ja mal festhalten kann - anders gesagt, die Nachkriegsgeschichte ist wohl vorbei. Der Kollege Augstein hat Angela Merkel vor ein paar Tagen fast schon rührend beschworen, sie solle sich besinnen, sie solle sich ändern. Aber wie würde das gehen? Soll sie ihre Biografie ändern, die ihr Denken so stark prägt? Augstein hätte sich genauso gut in Sylt an den Strand stellen können und in den Wind rufen: Sie wird sich nicht ändern. Es ist das Land, das sich längst geändert hat.

Wir leben in einem neuen Deutschland, dessen Konturen sich erst langsam abzeichnen. Wolfgang Schäuble, den der Spekulant George Soros den "letzten Europäer" in Merkels Kabinett genannt hat, sitzt dort auch wie der letzte Dinosaurier der BRD - ein Land, das immer darauf achtete, berechenbar zu sein. Das neue Deutschland nun ist gerade nicht berechenbar, jedenfalls nicht im Sinn der BRD. Es stellt sich gegen die EU, es provoziert, so hat es Soros recht drastisch ausgedrückt: "Hass".

Das Vokabular wird martialischer

Dieses Wort hat eine neue Dimension dieser Krise eröffnet. Es fiel in der Woche, als Angela Merkel über ihr Leben und damit implizit ihren Tod spekulierte - es war ein deutliches Später-Mal, ein Menetekel für das, was diesem Kontinent, so fürchtet Soros, alles noch drohen könnte. Das Vokabular wird martialischer. Das Narrativ der EU wird nicht mehr das gleiche sein.

Es gab ja verschiedene Narrative der EU, die in dieser Form immer ein rechtsliberales Projekt war, was auch erklärt, warum die Linken bis heute keine eigene Haltung haben außer einer gewissen idealistischen Ergebenheit: Nach dem Krieg war das pragmatische Ziel eine Wiedereinbindung Deutschlands in die europäische Wirtschaft, die ohne Deutschland nicht funktioniert hätte - so entstand die EU. Nach der Wiedervereinigung war das genauso pragmatische Ziel eine Bändigung des neuen Superstaates, vor allem Frankreich wollte das - so entstand der Euro.

Die EU, kann man sagen, war kein Fehler. Der Euro in dieser Form aber war ein Fehler - und jetzt, wo wir erleben, wie sich der Euro langsam vor unseren Augen auflöst, löst sich auch die eigentlich so perfekte PR-Konstruktion der EU und damit Europas auf: Es ging um den Markt, aber das konnte man gut verschleiern, weil man auch so gut über Kultur reden konnte. Materialismus und Idealismus gingen eine Verbindung ein, die sich gut präsentieren ließ.

Aber wenn das mit dem Geld nicht mehr klappt? Dann ist man wieder beim Später-Mal. Die Fakten sind ja da, man muss nicht Geschichte studieren, um zu verstehen, dass diese Fakten nicht förderlich sind für die Demokratie: Eine erdrückende Schuldenlast in fast allen Ländern Europas, Massenarbeitslosigkeit und eine ganze Generation von Jugendlichen ohne Perspektive, die ins Ausland, in die Abhängigkeit oder in den Selbsthass getrieben werden.

Später-Mal: In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten sie ein Wort, einen Namen, der das ganze Unglück der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts erklären sollte. Versailles.

Später-Mal: Was werden wir in den zwanziger und dreißiger Jahren des 21. Jahrhunderts über diese Wochen, diese Monate des Jahres 2012 denken?

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