S.P.O.N. - Der Kritiker: Brei und Sülze

Eine Kolumne von Georg Diez

Schauen Sie mal, dann verstehen Sie nichts: Gerade jetzt in Krisenzeiten müssten ARD und ZDF Stellung zum Weltgeschehen beziehen und Widersprüche deutlich machen. Stattdessen verharren "heute" und "Tagesschau" in Nachrichtenroutine.

Das deutsche Nachrichtenfernsehen ist der Tetrapak des Journalismus: Die Welt wird ordentlich, quadratisch und schmutzfrei verpackt, damit sie länger hält.

Hellblau ist diese Verpackung bei der "Tagesschau", mittelblau bei "heute" - Blau beruhigt, Blau schafft Vertrauen, Blau will nichts verändern, Blau ist sachlich, offen, gut: Es kann dir nichts passieren, das ist die blaue Botschaft.

Präsentiert werden die Tetrapak-Nachrichten von Tetrapak-Menschen, die zwar aussehen wie Menschen, sich aber nicht verhalten wie Menschen, nicht reden wie Menschen, nicht denken wie Menschen. Sie sind die Sachwalter unserer Panik.

Und das, was sie sagen, ist ja auch immer schrecklich: Kriege, Massaker, Krisen, Entführungen, Missbrauch. Irgendwer muss mal entschieden haben, dass das Nachrichten sind, das tragische Unglück neben der Parlamentsdebatte: Es herrscht im Grunde der permanente Notstand.

Die Aufgabe der Nachrichten ist es nun, diesen Notstand einerseits zu inszenieren und andererseits zu meistern: Die Kluft ist groß zwischen der offensichtlichen Irrationalität von vielem, worüber sie berichten, und der vorgeschobenen Objektivität, mit der sie das tun. Es herrscht, mit anderen Worten, eine große Diskrepanz zwischen dem, was sie sagen, und dem, wie sie es sagen. Genau um diese Diskrepanz geht es.

Ein Zittern auf der Oberfläche der Dinge

Sie ist das merkwürdige Machtmittel dieser Art von Nachrichten, bei denen es nicht um das Neue geht, sondern um das Alte, das Erwartbare, das Immergleiche - den steten Strom von Kriegen und Katastrophen. Sie sind ein Ritual, diese Nachrichten, sie sollen Ruhe schaffen, was auf widersinnige Weise gerade durch die Aneinanderreihung von möglichst viel Unglück geschieht.

Wir gondeln am Rande der Rationalität, sagen diese Nachrichten, und wenn wir nicht aufpassen, reißt alles auf, bricht alles ein, endet die Welt, wie wir sie kennen. Dagegen setzen sie ihr Weltbild der Neutralität, was natürlich auch nur eine Ideologie ist wie alle anderen, dieser Gleichmut, mit der hier noch das Schlimmste verkündet wird: Objektivität, Schimäre der Moderne.

Vertrauen geht da in jedem Fall vor Veränderung - als ob sich die Bürger fürchten müssten, wenn sie die Wahrheit erfahren. Aber was wäre denn diese Wahrheit? Im Fernsehen haben sie eine einfache Antwort: Die Wahrheit ist, wenn ein Politiker aus einem Auto steigt, in Brüssel oder in Berlin zum Beispiel, wenn er mit ernstem Gesicht und am besten mit ein paar Akten unter dem Arm auf die Kameras zugeht und ein paar Worte sagt. Die Wahrheit ist ein Zittern auf der Oberfläche der Dinge.

Es ist eine weitgehend geschlossene Geschichte, die da präsentiert wird mit der größtmöglichen Autorität - gerade bei der "Tagesschau", die fast schon einschüchtert: Der Zuschauer weiß nicht genau, was für eine Geschichte da erzählt wird, er kennt den Anfang nicht und auch nicht das Ende, er versucht, ein paar Worte und Wendungen zu verstehen, aber vor allem nimmt er die geschlossene Form wahr, die ihn in die Passivität drängt und in die Rolle des Rezipienten.

Wahrheit auf Wahrheit prallen lassen

Wenn der Bundespräsident also sagt, die Bundeskanzlerin müsse ihre Politik besser erklären jetzt in der Krise, klarmachen, was sie will für Deutschland und Europa, dann ist das natürlich einerseits richtig: Er meint damit vor allem Merkel, er meint sicher auch sich, er meint aber auch die Medien, die besser erklären müssen, die eine Erzählung finden müssen für das, was gerade passiert. Aber die Herausforderung speziell für die Medien besteht in diesem Fall ja darin, dass sie diese komplexe Geschichte so erzählen müssen, dass die Widersprüche deutlich werden. Eine Geschichte also mit vielen Brüchen und vielen Perspektiven.

Im Grunde müssen sie Wahrheit auf Wahrheit prallen lassen, weil ja gerade diese Krise gezeigt hat, dass weder die Wahrheiten der Ökonomen noch der Politiker Bestand haben. Aber was machen speziell die Fernsehnachrichten? Sie türmen Zahlen auf Zahlen, sie zeigen Rationalität simulierende Diagramme von Geldströmen, sie verwenden Worte wie Rettungsschirm, die ihnen von der Politik vorgesagt werden, sie reden immer mit den gleichen Leuten, sie sind starr fixiert auf Politiker, obwohl die doch gerade reagieren und nicht agieren - diese Nachrichten denken viel zu sehr in der Logik derer, über die sie berichten.

Warum gibt es eigentlich nicht ganz andere Nachrichten, auf 3sat zum Beispiel, das ja nicht auch noch die "Tagesschau" zeigen müsste? Warum dürfen dort nicht all die Praktikanten und die Redakteure, die noch nicht so verbraucht sind vom Alltag in den Sendeanstalten, die eine Sprache verwenden, die noch nicht tetraverpackt ist, warum dürfen die nicht mit ein paar Millionen der GEZ-Milliarden eine Nachrichtensendung machen, die so ist wie die Krise, über die sie berichten: überraschend, krass, verunsichernd, polarisierend, meinungsstark, subjektiv. Mit anderen Stimmen, weniger Katastrophen, mehr echten, bleibenden Veränderungen, gern auch mal aufrüttelnd, positiv, vorwärtsgedacht. Mit anderen Gewichtungen also und Beiträgen, die nicht daraus bestehen, dass die Anmoderation schon das sagt, was im Beitrag zu Bildern noch mal gesagt wird, bevor sich ein Journalist vor den Reichstag stellt und das Gleiche noch mal mit unwesentlich anderen Worten sagt: die Dreieinfältigkeit des heutigen Nachrichten-Einmaleins.

Keine Staatstreue bitte

Gerade hier, wenn die Journalisten selbst kommentieren oder einschätzen sollen, zeigt sich ja, wie wenig nachgedacht wird. Und wenn man dann noch Politiker hat, die alle dasselbe sagen, kommt eben nur konformistischer Brei heraus. "Scheitert der Euro, scheitert Europa", das hat doch wirklich in dieser Woche auch noch der Grüne Volker Beck gesagt, als vor dem Bundesverfassungsgericht begonnen wurde mit der Prüfung, ob der ESM mit dem Grundgesetz vereinbar ist - die gleichen Worte wie die Kanzlerin.

"Staatstreue Opposition" hat das Gerhard Schröder genannt, der Ex-Kanzler, der schon so seltsam vergessen ist, in einem Fernsehinterview diese Woche mit dem Bayerischen Rundfunk, vor idyllischer Seekulisse. Es war ein gutes und angenehmes Interview, weil da jemand saß, der ein bisschen nachdachte, bevor er antwortete, dem man seine Schlitzohrigkeit immer noch ansieht, der immer noch von Eitelkeit und Machtwillen erfüllt ist, der das wenigstens zeigt, der natürlich entspannter über die Dinge urteilen kann - er kriegt ja auch Geld von Gazprom -, der aber vor allem zeigte, dass man mit anderen Worten über diese Krise reden kann, als das sonst gerade so geschieht.

Gaucks Mahnung traf also alle: Wenn die Macht schon schweigt, und wenn wir eine erstarrte, staatstreue Opposition haben, sollten die Nachrichten wenigstens nicht staatstreu sein.

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1. Mit Beispiel voran ...
coyote38 13.07.2012
Ich warte auch bei den PRINTmedien (z.B. dem SPIEGEL) seit MONATEN auf eine inhaltlich-kritische Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen der Zeit. Ich kann mich NICHT erinnern, dass ich hier (oder auch auf dem Cover des Wochenmagazins am Kiosk) JEMALS eine Schlagzeile "Mit dem ESM in die EU-Diktatur - Verliert Deutschland die Demokratie ?" gelesen hätte. Ansonsten ist es nämlich nicht zu erklären, dass die große Masse der Menschen noch IMMER keine Ahnung davon hat, was unsere Volksvertreter zur Zeit versuchen. "Tagesschau" und "heute" für die mangenlnde Information der Menschen und journalistischen "Einheitsbrei" anzuklagen, ist zu dünn, wenn man selbst nicht mit kritisch-investigativem Journalismus vorangeht. Mein Gott, das waren noch Zeiten, als Zeitungen sich trauten, die "Pentagon Papers" zu veröffentlichen. Heute verschenken unsere Politiker die Demokratie und niemand hat auch nur das Rückgrat, die entsprechenden Vertragstexte abzudrucken und Stellung dazu zu beziehen.
2.
miss_moffett 13.07.2012
Zitat von sysopSchauen Sie mal, dann verstehen Sie nichts: Gerade jetzt in Krisenzeiten müssten ARD und ZDF Stellung zum Weltgeschehen beziehen und Widersprüche deutlich machen. Stattdessen verharren "heute" und "Tagesschau" in Nachrichtenroutine. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,844225,00.html
Fernsehnachrichten von Praktikanten in schlampigem Deutsch? Das bieten die Privaten doch zur genüge. Informationen zum Weltgeschehen in 15 Minuten reichen mir. Die Meinung der Vorleser dazu interessiert mich nicht. Sonst verkommen diese Nachrichtensendungen irgendwann zur parteiischen Wahlsendung (je nachdem wer gerade vorliest) oder zur Sendung mit einer nackten Mausi auf Malle-Animationsniveau.
3. optional
spon-facebook-10000385159 13.07.2012
Ich schätze es sehr, wenn ich nicht von einem Standesbeamten getraut werde, der mir um den Hals fällt und mich umarmt und in Tränen vor Rührung ausbricht, weil er so glücklich ist, auch einen Pfarrer, dem bei einer Trauerfeier die Stimme versagt und der heulend in der Sakristei verschwindet, ist mir lästig. Und ich sehe absichtlich keine Nachrichten im Privatfernsehen, weil ich die Vermengung von Nachrichten, Meinung und Kommerz nicht ausstehen kann. Die Mischung hat etwas sehr Manipulatives, dem wir uns alle nicht entziehen können. Deshalb danke ARD und ZDF, dass Ihr Euch bemüht, dieses säuberlich zu trennen. Selbst wenn es kein Müll sein sollte, was Ihr berichtet.
4. aber aber aber
gonzago.mabuse 13.07.2012
Zitat von coyote38Ich warte auch bei den PRINTmedien (z.B. dem SPIEGEL) seit MONATEN auf eine inhaltlich-kritische Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen der Zeit. Ich kann mich NICHT erinnern, dass ich hier (oder auch auf dem Cover des Wochenmagazins am Kiosk) JEMALS eine Schlagzeile "Mit dem ESM in die EU-Diktatur - Verliert Deutschland die Demokratie ?" gelesen hätte. Ansonsten ist es nämlich nicht zu erklären, dass die große Masse der Menschen noch IMMER keine Ahnung davon hat, was unsere Volksvertreter zur Zeit versuchen. "Tagesschau" und "heute" für die mangenlnde Information der Menschen und journalistischen "Einheitsbrei" anzuklagen, ist zu dünn, wenn man selbst nicht mit kritisch-investigativem Journalismus vorangeht. Mein Gott, das waren noch Zeiten, als Zeitungen sich trauten, die "Pentagon Papers" zu veröffentlichen. Heute verschenken unsere Politiker die Demokratie und niemand hat auch nur das Rückgrat, die entsprechenden Vertragstexte abzudrucken und Stellung dazu zu beziehen.
das können sie nicht erwarten, wo es doch wichtige/drängende themen wie antimaterie gibt, welche dringend mal wieder populärwissenschaftlich abgehandelt werden mussten.
5. Tagesschau
Dio_genes 13.07.2012
Jaa, seriös ist das Staatsfernsehen. Das ist seine Stärke. Langweilig ist es aber auch. Das ist gar nicht gut. Ich bin - wie die meisten hier - permanent am Weltgeschehen interessiert. Was gibt es Neues aus Deutschland, Europa, dem außereuropäischen Ausland z. B. aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur? Hier könnte man vieles und interessantes berichten. Selbst in der kurzen Zeit von 15 Minuten. Und wenn es nur kurz angerissen wird (um es an anderer Stelle im Programm ausführlicher zu behandeln). Leider gelingt das dem Staatsfernsehen tatsächlich nicht. Und so schalten zwar noch die Leute routinemäßig ein, aber ich ertappe mich immer öfter, dass ich nebenbei anderes mache oder aus dem Zimmer gehe. Viele sehen sich das auch gar nicht mehr an. Geschweige denn, dass man bildungsferne Schichten mit der langweiligen Routine (jede Sendung ist fast identisch - selbst die "Nachrichten" die gebracht werden) locken könnte. Immer die gleichen Bilder, immer die gleichen Berichte. Seit Wochen werden jeden Tag die Türme der spanischen "Bankia" gezeigt. Inszenierte Bilder, Händeschütteln, freundlich in die Kamera lächeln... Selbst die Kriegsberichterstattung ist immer gleich. Wen interessiert die fünfhundertfüntzigste Friedenskonferenz zwischen Israel und Palästina, wenn man weiß, dass es fruchtlos ist und in ein paar Wochen die fünfhunderteinundfünfzigste folgt? Wenn über Jahre jeden Tag eine Autobombe im Irak gezündet wird, ist das dann noch eine Nachricht? Leider stumpft man ab wenn man die Tagesschau sieht und verzehrt nebenbei gelangweilt sein Abendbrot. Da sehe ich lieber den Weltspiegel. Da berühren einen noch die Schicksale, weil die empathischer aufbereitet sind. Bei den normalen Nachrichten sieht man die üblichen Bilder (ein zerstörtes Gebäude und nimmt die Zahl der Toten nur als Zahl wahr). Leider ist das so. Also ja! Die Tagesschau-Macher sollten sich endlich mal bemühen und interessanter werden (ohne an Niveau und Objektivität zu verlieren).
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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