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S.P.O.N. - Der Kritiker: Facebook wird sterben

Eine Kolumne von

Facebook war ein Weltzugang, man hatte und wusste mehr, wenn man hineinschaute. Doch jetzt wirkt das Netzwerk wie ein Dinosaurier, der nur darauf wartet, dass ein Komet einschlägt und seine Existenz vernichtet: Es hat seine Schuldigkeit getan, die Neugier ist weg.

Ich weiß nicht, wie Facebook sterben wird. Ob es immer größer wird, wie ein gigantischer blauer Luftballon, dem irgendwann die Luft ausgeht und der dann langsam zusammenfällt und riesig und tot im Wind herum treibt. Oder ob es sich einfach irgendwann in nichts auflöst und verschwindet, als habe es Facebookistan gar nicht gegeben, eine Art Sowjetunion des Informationszeitalters. Oder ob es wie eine endlose Wüste in unserer Imagination bleibt, vollgestellt mit Bildern und Chats und Posts, die wirken wie eine Fata Morgana, ein Leben, das wir gewesen sein sollen.

Ich weiß aber, dass Facebook sterben wird. Ja, das hat mit dem zu tun, was in den letzten Tagen passiert ist, seit der Börsengang von Facebook auf so atemberaubende und lächerliche Weise danebengegangen ist, dass man dem Hollywood-Regisseur, der da mal wieder Gott gespielt hat, zujubeln möchte. Es hat aber auch damit zu tun, dass Facebook schon länger wirkt wie ein Dinosaurier, der nur darauf wartet, dass ein Komet einschlägt und seine Existenz vernichtet: Es hat seine Schuldigkeit getan, es hat vieles von dem, was wir tun und wie wir denken, verändert - aber die Neugier ist schon lange weg, der Alltag war manchmal aufregend und manchmal nur angenehm, jetzt herrscht diese verklumpte Langeweile. Wir leben in ADS-Zeiten, wann kommt denn nun was Neues?

Was die letzte Woche erst einmal gezeigt hat, und dafür liebe ich diese Welt, dafür liebe ich sie in ihren Widersprüchen, war auf so spektakuläre und fast schon aufreizende Art, wie vielleicht überhaupt noch nie, das Scheitern von gleich drei Riesen im Spiel des symbolischen Kapitalismus, falls es überhaupt einen anderen gibt:

  • Da ist die Bank, Morgan Stanley, die als Triumph feierte, dass sie Goldman Sachs ausgestochen hatte, und dann erst erniedrigende Bedingungen von Facebook akzeptierte und dann Millionen vernichtete - und allein die Namen reichen schon wieder aus, Morgan Stanley, Goldman Sachs, und man fragt sich, dürfen die das eigentlich noch und schon wieder, so viel Geld in den Sand setzen, hat man denen nicht den Führerschein abgenommen?
  • Da ist die Börse, Nasdaq, die ich immer mit dem tödlichen Autorennen verwechsele, das Nascar heißt, aber die einen achten wenigstens darauf, dass die Motoren laufen und die Reifen aufgepumpt sind und sie genug Benzin haben, während die anderen einfach mal so einen Riesenbörsengang durchziehen, obwohl sie vorher wussten, dass ihre Technik das nicht hergibt - und so kam es dann ja auch, erst hatten sie es wiederum als großen Triumph gefeiert, dass sie sich gegen die New York Stock Exchange durchgesetzt hatten, dann haben sie die Schwächen und Tücken von Algorithmen und Computern, die Händler spielen, eindrucksvoller aufgezeigt, als dass jemand wie der Occupy-Anarchist David Graeber je kann.
  • Und da ist die Firma, Facebook, da ist Mark Zuckerberg, Herrscher über unser Privatleben, Neuerfinder des Sozialen, der Freundschaft, der Isolation, der Einsamkeit, da waren sich die Essayisten in den letzten Wochen nicht so einig: Es gab in amerikanischen Magazinen lange Geschichten über den Triumph von Zuckerberg als Firmenchef (zum Beispiel hier im "New York Magazine"), die das Aspergerhafte des Internetgenies etwas korrigierten. Es gab kulturkritische Etüden über die Einsamkeit auf Facebook (hier in "The Atlantic"), wo immerhin die schöne Definition zu finden war, dass "wir auf Facebook sozial sein können, ohne die peinliche soziale Realität aushalten zu müssen". Es gab interessante Gedanken über Meinungskonformismus und die Frage der Bürgerrechte auf Facebook (hier auf "New Yorker Online"), was natürlich auf das Unbehagen aufbaut, was den Umgang von Facebook mit der Privatsphäre der Benutzer angeht.

Facebook war nie eine Utopie, immer nur Realität

Und jetzt kommen also die ganzen Prozesse, jetzt kommt die Sache mit den nach unten korrigierten Wachstumsprognosen und den steigenden Firmenkosten, jetzt kommt die Frage, ob Facebook zu gierig war, ob es sich ändern wird, ob mehr Anzeigen die Seiten zukleben, was schon MySpace mitzerstört hat, ein Fehler, den Zuckerberg immer vermieden hat. Und das Schöne an Facebook war ja tatsächlich, dass man vergessen konnte, dass es eine Firma ist. Facebook war eher ein Zustand.

Facebook war nie eine Utopie, das war so angenehm, es war von Anfang an nichts als Realität, also mehr oder weniger real, wenn man berücksichtigt, dass die Leute sich hier tatsächlich geschickt inszenierten, mit anderen, vielleicht besseren Mitteln, als sie das in der sonstigen Realität zwischen Supermarkt, Bar und Hörsaal so tun. Es war ein performativer Ort, wo man nichts tun musste, wenn man nicht wollte, und doch reinhören konnte in all das, was andere machten. Es war im Grunde erst einmal reine Information, es war Weltzugang, man hatte und wusste mehr, wenn man reinschaute, als wenn man nicht reinschaute.

Ein steter Strom der Neuigkeit zog hier an einem vorbei, mal trivial, meistens eher nicht, fremde Menschen, die nicht Freunde waren, was auch gut so war, und einen doch interessierten, Menschen, die manchmal auf merkwürdige Weise für eine Weile ins Leben traten und dann wieder verschwanden, Kontakte, die es sonst nie gegeben hätte: Es ist wohl noch nicht ganz geklärt, wie sich Facebook auf das Flirt- und Liebesleben ausgewirkt hat, aber eine Mischung aus Verfügbarkeit, Verführbarkeit, Überintimität, angenehmer Grenzenlosigkeit und entspannter Unverbindlichkeit lässt sich schon mal feststellen.

Was sonst noch auf einen eintrudelte, war ein Nachrichtenstrom, der anders war als die Nachrichten draußen: Politik war hier direkt und wütend oder reflektiert durch kluge Texte, die jemand gelesen und gepostet hatte, Kultur war auch direkt und selten reflektiert, was auch gut war, es waren viele Schätze von YouTube, alte Aufnahmen, Liebhaberstücke von Liebhabern, über deren Liebhaberei zu Bowie oder Kleber man gar nichts wusste. Die Welt schrumpfte und dehnte sich dabei aus, das war ein angenehmes Gefühl - bis sich irgendwann etwas änderte, vor einem Jahr, vor sechs Monaten, schon länger vielleicht: Die Welt, die Facebook war, war gleichzeitig zu groß und zu eng geworden.

Der Algorithmus herrscht über uns

Ich sah plötzlich zu viele Echtfremde und nicht die Halbfremden, die als Freunde gut funktionierten, weil man irgendwelche Anknüpfungspunkte hatte, die aber sehr schwebend blieben. Irgendwie zäh wurde das, woran ich mich da herunterlas - natürlich ist im Grunde jede Aussage über Facebook fragwürdig, weil es so viele Facebooks geben wird, wie es Benutzer gibt, aber in meinem Fall war die Verklumpung und Verschiebung schon spürbar, bevor ich das von Eli Pariser in seinem Buch "Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden" erklärt bekam: Wie der Algorithmus auch auf Facebook über uns herrscht und das für uns sucht, was nach politischen, sozialen, ethnischen, konsumistischen Kriterien "das Beste" ist.

Es gibt, wenn fast jeder siebte Mensch auf der Welt Facebook benutzt, eine Zeit davor und eine Zeit danach. Aber manchmal erinnere ich mich an Second Life, das war eine Art Utopie aus den frühen Nullerjahren, man wollte hier anders sein, nicht mehr oder weniger echt, wie auf Facebook, man konnte hier die Freiheiten, die Inszenierungen ausloten, es war ein Spiel, es war bunt, es war lustig und starb dann, verödete, wie bei Madame Tussauds stehen jetzt die Avatare irgendwo im digitalen Nirwana herum und warten darauf, dass sie jemand erlöst.

Was mit Facebook passiert? Erst einmal haben sie festgestellt, dass man unter all den Freunden vielleicht doch eine eigene Art der Hierarchie aufbauen will, die frei ist vom Algorithmus. Dazu haben sie sich etwas ausgedacht, das zumindest in Deutschland ein bisschen merkwürdig wirkt: Ich soll jetzt meine "engen Freunde" mit einem gelben Stern markieren.

Bin ich da ein bisschen zu sensibel? Oder ziehen einfach sanfte Schleier des Vergessens durch Facebookistan?

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 84 Beiträge
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1. Ist das lustig?
sappelkopp 25.05.2012
Zitat von sysopFacebook war ein Weltzugang, man hatte und wusste mehr, wenn man hineinschaute. Doch jetzt wirkt das Netzwerk wie ein Dinosaurier, der nur darauf wartet, dass ein Komet einschlägt und seine Existenz vernichtet: Es hat seine Schuldigkeit getan, die Neugier ist weg. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,835230,00.html
Vor einigen Tagen bin ich am Flughafen einer europäischen Großstadt einer Reisegruppe begegnet, deren Mitglieder mit einem gelben Punkt gekennzeichnet waren. Damals habe ich gedacht, das sollte man bloß nicht in Deutschland machen. Und jetzt holt mich die Realität ein? Wenn Facebook noch nicht einmal in der Lage ist, auf Befindlichkeiten des größten europäischen Staates und eine der größten Weltreligionen Rücksicht zu nehmen, ist es wohl wirklich ein großer Dinosaurier der bald stirbt.
2. Unsere Schueler in Nepal...die gaehnen schon.
haha-baba 25.05.2012
Ja ...wirklich !. Wir haben eine der wenigen modernen Schulen in Nepal. Die Kinder und Jugendlichen unserer Mitarbeiter werden durch unsere Firma finanziert und haben Zugang zu Facebook, Twitter, YouTube usw. Allerdings hat das grosse Gaehnen schon laengst begonnene. Die Jungs? Sie spielen lieber Fussball und die jungen Damen machen lieber Sozial-Arbeit mit Naturschutz , Helfen mit Frauen- Emanzipations-Gruppen etc. Wer in der Wirklichkeit lebt braucht keinen Zeitvertreib im Internet.
3. Schwachsinn
belle76 25.05.2012
Dieser Artikel ist der größte Schwachsinn, den ich je gelesen habe. Vielleicht sollte der Autor sich mal mit Facebook befassen. Den normalen User interessiert es mal so gar nicht wie die Aktie steht. Und diese User halten Facebook am Leben, diese User machen es interessant für Werbung von Firmen etc. Dieser ganze Aktienkram ist doch nur ein Punkt im Finanzwahnsinn der "Reichen und Mächtigen". Diese Luftblase wird eh in kürze platzen....
4. Nascar tödlich
andrelei 25.05.2012
Nicht tödlicher als jede andere Motorsport-Art. Wenn man von etwas nichts versteht, sollte man sich nicht darauf beziehen.
5. 7 Mrd. USD
hhd58 25.05.2012
Mit dem zugegebener Maßen völlig überteuerten Preis hat Facebook selbst 7 Mrd. USD eingenommen. Das ist doch eine nette Kriegskasse, um uns noch besseren Service zu bieten. Also mal sehen, was da noch kommt...
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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