S.P.O.N. - Der Kritiker: Eine Botschaft aus der Zukunft

Eine Kolumne von Georg Diez

Wie sieht unser Leben übermorgen aus? Wie unser politisches Engagement? Wer einen Vorgeschmack auf das Kommende haben will, sollte nach Neu-Delhi reisen. Dort denkt das Kunstkollektiv Cybermohalla die Konzepte der Politik, der Demokratie und der Repräsentation radikal neu.

Die erkältete Kommunistin Anita Cherian, die ich im United Coffee House am Connaught Place traf, bestellte sich etwas zu essen, das aussah wie zwei halbe Hamburger mit einem Berg grüner Linsen. Sie entschuldigte sich, dass sie erkältet war, und erzählte dann von ihrer Arbeit und ihrem Aktivismus - die Kulturpolitik, die ihr fast wichtiger ist als ihre Stelle als Professorin für Literatur und Theater, aber sie ist ja auch eine Kommunistin.

"Es geht dabei", sagte sie, "um Gestaltung, um Beteiligung, um Demokratie. Um den Glauben daran, dass der Staat für die Bürger da ist. Dieser Glaube hat es zurzeit sehr schwer in Indien. Alle reden nur von Notwendigkeiten, von Automatismen, von den Dingen, die man nicht beeinflussen kann. Indien, sagen sie, ist zu groß, um es zu gestalten. In Indien, sagen sie, geschieht, was geschieht. Es ist eine neue Form von Gesellschaft, und ich fürchte, es ist die Zukunft: die funktionelle Demokratie, die im Grunde keine Demokratie mehr ist."

So ist das in Neu-Delhi. Das Goethe Institut hatte Christopher Roth und mich hierhin eingeladen, eine Konferenz zum Thema "What happened 2081?" zu veranstalten, und dauernd überfällt einen dann die Zukunft an unerwarteten Orten, beim Abendessen im touristischen Herzen der Riesenstadt, in der Metro auf Betonstelzen hoch über den Müllkippen und den mit Stacheldraht geschützten Gärten der Reichen hinweg, in der Auto-Rikscha, in der man den Straßenverkehr als vernunftfreie Zone erleben kann, die man nur heil durchquert, wenn man alles ganz buddhistisch geschehen lässt: totale Aufmerksamkeit bei totaler Gelassenheit.

Vergessen wir langsam alles?

Links und rechts sind hier ebenso fließende Kategorien wie richtig oder falsch, wie heil oder kaputt, wie hell oder dunkel, wie drinnen oder draußen. Die schöne Fiktion des dualistischen Weltbildes wird zerrieben, übrig bleibt ein Gefühl von Zerstörung, in der auch wieder Freiheit liegen kann - davon erzählt zum Beispiel das Kunstkollektiv Cybermohalla, dessen Name schon die neue Realität unseres jungen, wirren Jahrhunderts ausdrückt: Zum Cyber kommt immer auch das Mohalla, was auf Hindi und Urdu Gegend, Viertel, Kiez bedeutet.

Ganz fern und ganz nah also, intim und abwesend, fremd und vertraut, alles gleichzeitig - wer ist der neue Mensch dieser Zeit, wie wird er leben, wie wird er arbeiten, wie wird er denken?

Wird er sich von Ort und Zeit befreien, wird er die Stadt anders lesen, wird das Imaginäre real, wird Spekulation Wirklichkeit? Das sind einige der Fragen, die Cybermohalla an die Zukunft hat: Vergessen wir langsam alles? Wann hast du das Gefühl, dass es unzählige Versionen von dir gibt, die durch die Stadt laufen? Wann fühlst du dich in der Stadt allein? Wann würdest du dich gern verlieren? Wenn du eine Gruppe gründen solltest, was für eine Gruppe wäre das?

Es gibt von Cybermohalla ein sehr schönes, kluges Buch, das auf Englisch bei Sternberg Press erschienen ist. Es gibt ihr Architekturdenkgebäude, das Cybermohalla Hub, das gerade in der Devi Art Foundation aufgebaut ist, draußen, am Rande der Stadt, eine offene, dreistöckige Holzkonstruktion, in der Wohnen und Arbeiten, Archiv und Gegenwart, Drinnen und Draußen eins wird. Es gibt auch schon einen Ausdruck für diese intellektuell-spirituell-spekulative Sicht auf die Welt, wie sie sein könnte, nicht wie sie ist: die Neu-Delhi-Transzendentalisten, die ihre Stadt lesen wie eine Botschaft aus der Zukunft, die wir nur entschlüsseln müssen, durch Unschärfe, Fiktion, Verwirrung, Fälschung, Inkohärenz.

Die Schemen der Zukunft sind erkennbar

Anita, die erkältete Kommunistin, die den Staat nicht stürzen will, sondern ihn verändern, hat eine im Grunde sehr europäische Sicht auf die Fragen von Politik, Demokratie und Repräsentation - was sie als indische Realität beschreibt, klingt wie eine Mischung aus der Technokratendemokratie, die in Teilen von Europa installiert wurde, und dem demokratiefreien Kapitalismus, wie er in China praktiziert wird.

Cybermohalla sind da schon einen Schritt weiter. Sie haben sich unabhängig gemacht von Vorstellungen aus dem 20. Jahrhundert und von Realitäten, die ihnen entzogen sind - und so entwerfen und bauen und basteln sie selbst an den Lebensmodellen und Denkweisen, die ihnen eine Organisation von Alltag und Arbeit und Aktivismus ermöglichen, so wie sie sich Freiheit und Glück vorstellen. Die Schemen dieser Zukunft sind erkennbar, aber eher in Neu-Delhi, Johannesburg oder São Paulo als in Berlin, Moskau oder Miami.

Vor der Tür des United Coffee House, auf dem wüsten Connaught Place, sieht es aus, als habe gerade eine Rakete eingeschlagen, und nun müssten die Trümmer weggeräumt werden. Es ist immer noch unklar, ob das alles hier, die Stadt und ihre Menschen, ein Werk der Zerstörung ist oder eine Gesellschaft im Aufbau.

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1. Zerstörung oder Aufbau ?
harte2 01.03.2013
ein Staat im dauernden Umbau. "Die schöne Fiktion des dualistischen Weltbildes " existiert schon lange nicht mehr, gerade in Indien, das sich nie so festgelegt hat wie der Westen auf duale Konstruktionen. es gibt nicht " entweder / oder " - alles fließt, alles ist im Wandel.
2. ""What happened 2081?"
biggerB 01.03.2013
Zitat von sysopWie sieht unser Leben übermorgen aus? Wie unser politisches Engagement? Wer einen Vorgeschmack auf das Kommende haben will, sollte nach Neu-Delhi reisen. Dort denkt das Kunstkollektiv Cybermohalla die Konzepte der Politik, der Demokratie und der Repräsentation radikal neu. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-das-kunstkollektiv-cybermohalla-in-indien-a-886308.html
Nun, Merkel wird zum 19ten mal Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Die sPD erklärt, vertreten durch den permanenten Anwaltspool von Peer Steinbrück, warum diese Form "unsoziale" Politik bei den nächsten Wahlen "abgewählt" werden muß, Rainer Brüderle stänkert weiter gegen den neuen Bundesvorsitzenden der Liberalen, Hans- Dietrich Genscher wegen dessen mehrheitlich "Die Linke" wählenden Herkunftsort Halle an der Saale, und Gregor Gysi und Oskar Lafontaine gründen, zusammen mit Sarah Wagenknecht eine Wohngemeinschaft und proklamieren das Recht auf freie Liebe bei bedingungslosem Grundeinkommen. Die Grünen, inzwischen angeführt von einem Konsortium aus Energiekrisenprofiteuren, segeln inzwischen zusammen mit den Piraten, auf einer künstlichen Insel namens "Claudia Roth", der finalen Energiewende entgegen, ernähren sich nur noch durch Seetang und Seemöwen und haben aus religiösen Gründen jede Verbindungsaufnahme per Funk oder anderen modernen Kommunikationsmitteln wie Brieftauben und Rauchzeichen eine Absage erteilt. Ach ja, und der Bürger? Da hat sich nicht viel getan - Er wählt alle vier Jahre Merkel und "denkt", er könne dadurch etwas, "hin zum Besseren" ändern! MfG biggerB
3.
agua 01.03.2013
Zitat von harte2ein Staat im dauernden Umbau. "Die schöne Fiktion des dualistischen Weltbildes " existiert schon lange nicht mehr, gerade in Indien, das sich nie so festgelegt hat wie der Westen auf duale Konstruktionen. es gibt nicht " entweder / oder " - alles fließt, alles ist im Wandel.
Dem letzten Satz schliesse ich mich an.Im Leben geht es immer um Zerstoerung und Aufbau,es findet ein staendiger Wandel statt und eigentlich sollte man aus Fehlern lernen.Schon Kinder bauen einen Turm aus Holzkloetzen,um ihn zu zerstoeren und wieder aufzubauen...
4. Die Europäer müssen selber aktiv werden
Spiegelkritikus 01.03.2013
Zitat von sysopWie sieht unser Leben übermorgen aus? Wie unser politisches Engagement? Wer einen Vorgeschmack auf das Kommende haben will, sollte nach Neu-Delhi reisen. Dort denkt das Kunstkollektiv Cybermohalla die Konzepte der Politik, der Demokratie und der Repräsentation radikal neu. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-das-kunstkollektiv-cybermohalla-in-indien-a-886308.html
Es ist ja durchaus erfreulich, wenn sich Menschen in anderen Nationen Gedanken über Politik, Demokratie und Partizipation machen, aber deswegen entwerfen sie nicht die politische Zukunft generell. Wenn in Indien die "Demokratie" kritischen Leuten als nur funktionell und technokratisch erscheint, so sei daran erinnert, dass schon vor etwa einem halben Jahrhundert in Deutschland eine Technokratiedebatte geführt wurde - unter Intellektuellen, versteht sich. In anderen Ländern, die mit relativ jungen Demokratien ähnliche Probleme haben, lohnt sich also die Beschäftigung mit Europa und den USA. Die politischen Kategorien "links" und "rechts" sind übrigens auch in Indien nicht obsolet, auch dort haben wir eine extreme Spaltung der Gesellschaft in sehr reiche Minoritäten und arme Majoritäten, wobei dei linken Kräfte das zugunsten einer Bevölkerungsmehrheit ändern wollen, währen die rechten Kräfte den (ungerechten) aktuellen Zustand beibehalten wollen. Die Europäer haben die grösste Erfahrung mit Demokratie und ihren Degenerationen, deshalb müssen sie selber an zukunftsfähigen Modellen arbeiten!
5. Inder glauben, dass das ganze Leben nurein Spiel (Leela) und eine Illusion (Maya) ist
IsaDellaBaviera 01.03.2013
Zitat von sysopWie sieht unser Leben übermorgen aus? Wie unser politisches Engagement? Wer einen Vorgeschmack auf das Kommende haben will, sollte nach Neu-Delhi reisen. Dort denkt das Kunstkollektiv Cybermohalla die Konzepte der Politik, der Demokratie und der Repräsentation radikal neu. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-das-kunstkollektiv-cybermohalla-in-indien-a-886308.html
Darum ertragen sie ihr ungerechtes und grausames Kastensystem auch so stoisch und so ergeben. Sie glauben, dass sie im nächsten Spiel bzw. im nächsten Leben (durch Wiedergeburt) die karmatische Chance haben, innerhalb dieses Kastensystems aufzusteigen und ein besseres Leben zu führen. Und deswegen auch ihre totale Gelassenheit --- wenn auch nicht in buddhistischer Version, sondern in der hinduistischen. Denn die Mehrheit der Inder sind Hindus...
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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