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S.P.O.N. - Der Kritiker: Til Schweiger, der Held

Eine Kolumne von

"Tatort" mit Til Schweiger: Stirb langsam an der Waterkant Fotos
NDR

Der neue "Tatort" pfeift auf all das, was dieses Krimiformat so unerträglich macht. Er macht Schluss mit dem Regionalkitsch, mit der depressiven Volkspädagogik und hoffentlich auch mit dem "Tatort"-Kult in Kneipen und Bars. Bedanken wir uns bei Til Schweiger, er ist ein Held der Aufklärung.

Das ist der "Tatort", der den "Tatort" beendet. The "Tatort" to end all "Tatort", wie man bei uns in Hollywood sagt, dort also, wo Til Schweiger herkommt oder wo er hin will oder das er im Kopf trägt oder im Herzen, wenn er so um sich schießt, auf alles, was sich bewegt: Kriminelle, Kritiker, Klischees, in diesem sehr amerikanisch angeheizten Thriller, an dessen Ende das, was ein "Tatort" ist oder sein sollte, in Fetzen hängt. Endlich.

Schluss also mit all dem Geschauspielere, als sei der "Tatort" eine Außenstelle der deutschen Stadttheaterkantinen. Schluss damit, dass in unserer hypertrophen Fernsehdemokratie mit dem Ernst eines Einparteienstaats vermeldet wird, welcher Großdarsteller gerade wieder sein Talent damit verschleudert oder sein Gartenhaus damit renoviert, dass er einen mürrischen, depressiven oder lustigen "Tatort"-Kommissar spielt. Der mediale Til-Schweiger-Tsunami lässt all das Vermelden nun lächerlich wirken, die lustige Til-Schweiger-Action lässt sein verbeultes, verhauenes Gesicht wie die einsame Trophäe des spätmodernen "Tatort"-Kults erscheinen.

Schluss auch mit dem ewigen Herumgestapfe durch morgendliche Wiesen auf dem Weg zu irgendeinem Mordopfer, am Bodensee, an der Autobahn, im Wald. Schluss überhaupt mit Gerichtsmedizinern, die sich in einem amüsanten Dialog mit den übermüdeten Kommissaren verhaken. Schluss mit Kommissaren, die sich mit dem Wagen abholen und dann auf dem Weg zum Dienst über ihre Probleme quatschen. Schluss mit Absperrbändern und Männern in weißen Schutzoveralls. Til Schweiger ist im Gegensatz zu seinen verbeamteten Kollegen ein echter Held der Do-it-yourself-Gegenwart. Er wartet nicht auf die Menschen, dass sie morden und er seinen Job machen kann. Er schafft sich seine Tatorte am liebsten selbst, indem er einfach mal draufhält mit seiner Pistole.

Erst "Tatort", dann Jauch? Nicht mehr.

Schluss bitte außerdem mit "gesellschaftlich relevant" gezwirbelten Drehbüchern, die noch jedes "wichtige" Thema in eine Krimilogik pressen und damit indirekt die Kriminalisierung der Lebensverhältnisse vorantreiben, weil anscheinend das Nachdenken über unsere Gesellschaft vor allem im Modus Täter-Opfer funktioniert. Was den Zuschauer vielleicht beruhigt, er hat zwar Chips gegessen und Bier getrunken, aber immerhin hat er Deutschland wieder ein wenig sicherer und besser gemacht. Der Schweiger-"Tatort" dagegen erzählt von einem der klassischen bösen Abnick-Themen: Mädchenhandel und Zwangsprostitution, so Comic-haft und lustlos, dass der Zuschauer davon für die nächsten Monate wenigstens verschont sein sollte.

Schluss weiterhin mit diesem Schlechte-Laune- und Schlechtes-Gewissen-Fernsehen, wo immer wieder ein Kommissar dafür sorgen muss, dass das Böse seinen Platz findet, im Gefängnis, und das Gute seinen Platz, im Wohnzimmer. Schluss auch mit dem Themenwochendenken, das das Fernsehen zur Erziehungsanstalt umfunktioniert und am liebsten aus jedem "Tatort"-Problem eine Jauch-Runde formen will. Schweiger ist mit seinem gut gelaunten Geballer so fern von jeder Diskurs-Seligkeit, man kann ganz beruhigt sein, dass es nach diesem Film keinen Talk zum Thema "Burnout bei Polizisten" geben wird.

"Tatort" war deutsche Depression

Schluss auch mit dem ganzen Föderalismus-Firlefanz, mit dem Regionalkitsch, immer steht ganz groß KÖLN oder BERLIN oder MÜNCHEN auf dem "Tatort", als sei das hier die Bundesliga, aber selten ist das selbstverständlich Teil der Handlung, oft wird einfach und besonders gern nachts die Stadt von oben abgefilmt, das wirkt meistens wie ein ästhetischer Länderfinanzausgleich, das Saarland als televisionäre Krisenregion. Der Schweiger-"Tatort" ist auch hier vorbildlich, weil das große Finale vor und in der Ruine der Hamburger Elbphilharmonie so bestellt und nicht abgeholt wirkt, dass man die Außenaufnahmen von wichtigen Sehenswürdigkeiten der Region einfach mal sein lassen kann.

Schluss auch mit der Selbsttäuschung all der Leute, die gar nicht merken, wie sie aus Mangel an Alternativen die einzige regelmäßige Sendung, die halbwegs ambitioniert ist, zum sogenannten Kult erklären. Schluss also mit dem gemeinsamen "Tatort"-Gucken in Bars und Clubs. Schluss mit diesem Placebofernsehen für Besserverdiener, die unter der Woche von ARD und ZDF so oft verramscht werden. Der Schweiger-Popcorn-"Tatort" ist so sehr singuläres Event, dass er sich dem Automatismus des Wochenrhythmus entwindet. Statt der volkstherapeutisch notwendigen Ration Sonntagsschwermut werden hier vor allem von Schweigers Partner Fahri Yardim mit großer Lust Pointen aufs Publikum gefeuert, bis nichts mehr von der sonstigen Depression übrig ist.

Und das war ja bisher der Markenkern: "Tatort" war Depression. "Tatort" war Schuld. "Tatort" war Sühnefernsehen. "Tatort" war das deutsche Drama auf 90 Minuten, Sonntagabend, heilige Zeit, Familie und ein Fernseher, den man sich auf Raten leisten kann, sonst hilft einem sicher der Herr Zwegat von der Schuldnerberatung.

Til Schweiger hat diesen deutschen Determinismus enthüllt.

Er ist ein Held der Aufklärung.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 183 Beiträge
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1. ?
sjensx 08.03.2013
Kann mir einer sagen, was dieser Artikel soll? Darf ich dies Geschreibsel als Ironie auffassen? Bin ich schwer von Begriff? Was soll der Unsinn?
2. Eigentlich fehlt noch ein BKA-Tatort...
PH-sauer 08.03.2013
... aber gut, wenn Herr Schweiger der Deutsche Action-Bulle Deutschlands wird. Wieso schießt er nur mit einer kleinen Pistole ? Und nicht mit dem neuesten HuK Sturmgewehr, das wäre viel zeitgemäßer und cooler.
3.
Trollvottel 08.03.2013
Til Schweiger ist top! Aber nur solange er nichts sagt, weil sonst kommt der Kretin ungeschminkt zum Vorschein.
4. Nein!!!!
MPS 08.03.2013
Zitat von sysopNDRDer neue "Tatort" pfeift auf all das, was dieses Krimiformat so unerträglich macht. Er macht Schluss mit dem Regional-Kitsch, mit der depressiven Volkspädagogik und hoffentlich auch mit dem "Tatort"-Kult in Kneipen und Bars. Bedanken wir uns bei Til Schweiger, er ist ein Held der Aufklärung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-den-ard-tatort-mit-til-schweiger-a-887694.html
Ich will nicht, dass Schluß ist! Amerikanisches Gedöns gibt es genug. Lasst wenigstens mir meinen Sonntagabend.
5.
schwarzes_lamm 08.03.2013
Zitat von sysopNDRDer neue "Tatort" pfeift auf all das, was dieses Krimiformat so unerträglich macht. Er macht Schluss mit dem Regional-Kitsch, mit der depressiven Volkspädagogik und hoffentlich auch mit dem "Tatort"-Kult in Kneipen und Bars. Bedanken wir uns bei Til Schweiger, er ist ein Held der Aufklärung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-den-ard-tatort-mit-til-schweiger-a-887694.html
Der Begriff "depressive Volkspädagogik" trifft es punktgenau. Ebenso könnte man erste Wort, welches Götz George in seiner allerersten Szene als Horst Schimanski in die Kamera fluchte, als Kurzfassung für die Tatortkrimis verwenden .
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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