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S.P.O.N. - Der Kritiker: Das Abendland wird im Wörthersee versenkt

Eine Kolumne von

Der ORF erwägt, den Bachmann-Preis einzusparen. Es wäre das Ende für ein Symbol der literarischen Durchschnittlichkeit - und doch nur ein erster Schritt: Es müssten noch viel mehr Literaturpreise abgeschafft werden, damit Raum für Neues entsteht.

Frei, frei, endlich frei! Es ist ein Tag des Jubels und der Freude: Der Bachmann-Preis, so heißt es in der "Kleinen Zeitung" aus Klagenfurt, ist am Ende.

Zerschlagen ist die Fessel der Angst: Was werden sie sagen, was werden sie tun, die Götter der Grausamkeit, Juroren nennen sie sich, antike Racheengel sind es, die über Texte urteilen wie über Verbrechen und Schriftsteller zu Angeklagten degradieren?

Zerfetzt ist das Korsett der Kompromisse: Wer schlägt wen vor, wer schläft mit wem, buchstäblich oder nicht, und man begegnet sich ja im kleinen Literaturdeutschland nicht zweimal im Leben, sondern zweimal in der Woche, heute in Marbach, morgen im LCB. Also lieber mal tuscheln und mauscheln und schön drauf achten, dass keiner der eigenen Karriere schadet?

Zerstört ist die Macht des Mythos: Wer glaubt noch daran, wen wundert es, dass die ewig gleiche "Mama, Papa, gefällt euch, was ich geschrieben habe?"-Literatur eine Art von metaphysischer Langeweile erzeugt, selbst bei denen, die sie schreiben?

Aber Moment mal, steht der Bachmann-Preis nicht unter Unesco-Universalfeuerschutz, so wie Martin Mosebach, die teure Suhrkamp-Villa und der Schnurrbart von Günter Grass?

Lahme Sprache

Ja, schon, doch was ist das Weltkulturerbe gegen den Sparwillen des ORF: 350.000 Euro weniger sollen ausgegeben werden, das ist natürlich ein lustiger Staatsfernsehen-Irrsinn, weil ja wahrscheinlich schon der Dienstwagen des Herrn Generaldirektors in etwa so viel kostet wie diese Butterfahrt für Betriebsnudeln.

Die Phalanx des Feuilletons wird sich auf jeden Fall sofort schließen: Denn es darf nicht sein, dass das Abendland im Wörthersee versenkt wird. Es darf nicht sein, dass die Literatur aus den Schubladen der Germanisten befreit wird. Es darf nicht sein, dass die Macht der Meinungsmacher gebrochen wird. Am Ende kracht noch das ganze System zusammen, und egal, ob es funktioniert oder nicht, hey, es ist das System!

Also lieber weiter mit der "Tatort"-Prosa aus den Leipziger Literaturseminaren, die die Realität in emotionale Happen verpackt? Weiter mit dem Schreiben für Stipendien, das Romane in Bewerbungsschreiben verwandelt? Weiter mit Texten, die die Wut, die Furcht, den Stolz, den Furor, das Selbstbewusstsein von einem Topf Basilikum haben, was immerhin den Vorteil hat, dass niemand seine eigenen Gewissheiten in Frage stellen muss?

Man kann ja mal feststellen, dass die Welt, wie sie uns die allermeisten deutschsprachigen Bücher darstellen, nicht größer wird, wenn man sie liest, sondern kleiner, sie schrumpft geradezu zusammen, bis man sie in eine Laudatio packen kann: Affirmationsexerzitien, verschlackt von zu viel lahmer Sprache, Abbildungsetüden ohne historischen, utopischen oder sonst einen Horizont, ein Automatismus des Immer-weiter-so, dessen Symbol eben der Bachmann-Preis ist - deshalb kann sein Ende auch nur der Anfang sein: Es gibt zu viele durchschnittliche Bücher, es gibt viele bedeutungslose Preise, es muss noch mehr abgeschafft werden, damit es Raum gibt für Neues.

Es geht dabei gegen das sich Einigen auf Literatur, es geht gegen die Verbürokratisierung der Kunst, es geht gegen das ewige Jurywesen, es geht gegen die Allmachtsphantasien von Leuten, die ihr eigenes Mittelmaß verwalten - und es geht darum, dass sich Schriftsteller von der Meinung der Nomenklatura emanzipieren und so schreiben, wie sie wollen und wie sie sich trauen, so schreiben, wie die Welt klingt, und nicht so, wie sie sich in einem Fernsehstudio in Klagenfurt oder am Berliner Wannsee am besten präsentieren lässt.

Damit stellt sich die Machtfrage - aber nicht zwischen der Literatur und dem ORF, sondern zwischen der Literatur und dem Literaturbetrieb, der so übermächtig geworden ist, dass er erdrückt, erstickt, erdrosselt: Selbsterhalt ist sein eigentliches Ziel, und sein Preis- und Stipendienwesen ist eine kleine Schule der Unterdrückung.

Wenn die Schriftsteller das erst einmal erkennen, wenn sie sich ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit klar werden, werden sie auch ein wenig freier sein; was schon mal der erste Schritt ist zu besseren Büchern.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 12 Beiträge
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1. Darf man das jetzt endlich schreiben?
yast2000 21.06.2013
"In der Stille des Saales gab ein fast unhörbares, matschiges Knacken, als der Autor mit einem entschlossenen Schwung den Baseballschläger von hinten auf den Schädel der Juryvorsitzenden schlug. Sie zuckte noch kurz zusammen, auf ihrem Gesicht zeigte sich kurz ein eher erstaunter Gesichtsausdruck, bevor aus ihren Fingern raschelnd das abgelehnte Manuskript zu Boden glitt. Es war der Beginn einer wunderbaren Feindschaft."
2. Zwei Dinge vermischt
derhelli 21.06.2013
Lieber Herr Diez, vermischen wir da nicht zwei Dinge? Sicher muss über den Modus der Auswahl, des Vorschlagsrechts und über eine Rotation der Jury nachgedacht werden. Da sind die immerselben Gesichter, die immerselben Verhaltensmuster, die immerselben Geschmäcker und deshalb auch vorhersehbar die immergleichen Geschichten und Gesichter. Da muss sicher etwas getan werden. Beispielsweise, wie es die Film-Festivals machen: Jedes Jahr einen Wechsel der Jury, die einladen und abstimmen darf. Statt gediegene und wackere Feuilleton-Journalisten auch mal einen Autor/Autorin dazwischen setzen. Gruppe 47 Feeling, Rockin' the Bachmann, back to the roots, you know? Und vor allen muss mit dem "lebt und arbeitet in Berlin"-Biografien Schluss gemacht werden, man meint ja schon, es entstünde nirgends sonst Literatur (dieses Jahr nicht ein Schweizer dabei!). Damit könnte endlich wieder mutige und bessere Literatur - die es ja durchaus gibt - auch wieder die breite Öffentlichkeit erreichen und die landauf, landab herrschende Bräsigkeit des Feuilleton aufbrechen. Endlich mal nicht der neueste Dan Brown, Ken Follet, Martin Walser oder [hier beliebigen Star-Autor einsetzen] in den Zeitungen, das müsste doch auch Ihnen gefallen. Was aber unbedingt bleiben muss, ist diese einzigartige Durchführung des Preises: Öffentlich und live im Fernsehen vorgetragene Texte, die Jury-Diskussionen, das für und wider, sowie die demokratische Abstimmung am Ende. Nirgendwo sonst kann man als literarisch interessierter Mensch so direkt teilnehmen wie beim "Bewerb" in Klagenfurt. Und das, das ist doch genau der Part den das ORF wegstreichen und einsparen will. mfg Peter Hellinger Verleger
3. extra neues passwort generiert...
rnft 21.06.2013
...sehr schön Herr Diez, bestens!
4. Literatur ist seltsam
hmm27 21.06.2013
Triviales Heile-Welt-Geschreibsel macht uns zu gesättigten Zombies, denen es nicht besser gehen könnte... Kritische Literatur beißt sich oft selbst in den Schwanz, wenn sie das Wissen kritisiert, worauf sie aufbaut... Darf man gar nicht tiefer nachdenken, darüber, das gibt einen multiplen Synapseninfarkt... Ich werde gleich alle Bücher verbrennen und Pogo-Anarchist... Haha... :-) Guter Artikel... :-)
5. Herr Diez, Literatur war immer auch Aufklärung.
mielforte 21.06.2013
Jetzt, nachdem die Aufklärung in der Literatur abgeschafft wurde, müssen Sie, Herr Diez, den Part übernehmen. Danke! Weg mit dem Denkkorsett, weg mit der Blutleere und Mutlosigkeit! Vor allem aber weg mit diesen Unmengen an schlechtem bedruckten Papier und ihren Verkaufshelfern.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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