S.P.O.N. - Der Kritiker Warum Literaturpreise sinnlos sind

Eine schöne Summe Geld für Rainald Goetz? Wunderbar! Aber das macht den Georg-Büchner-Preis nicht weniger willkürlich und selbstgerecht. Wie das ist mit solchen Jurys, ließ sich beim Bachmann-Preis beobachten: grauenvoll.

Büchner-Preis für Rainald Goetz: Mit schrecklicher Liebe begraben
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Büchner-Preis für Rainald Goetz: Mit schrecklicher Liebe begraben


Der Büchner-Preis für Rainald Goetz ist eher eine Frage als eine Antwort.

Die Frage zum Beispiel nach dem Sinn von Preisen, die in ihrer offensichtlichen Willkürlichkeit und Zufälligkeit okay wären, weil ja alles mehr oder weniger willkürlich und zufällig ist - wenn sie nicht die Aura der Objektivität hätten, verbunden mit der Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit derer, die den Preis verleihen und Literaturgeschichte spielen.

Preise reduzieren und domestizieren das, was in der Literatur lebt, sie sind vor allem pragmatisch, sie geben dem Schriftsteller Geld, das er braucht, aber dieses Geld verwandelt sich wie von selbst in symbolisches Kapital, und der Popanz, den man dann damit betreiben kann, ist ungeheuerlich.

Im Fall von Goetz ist das Ganze besonders lächerlich, weil all die Literatursimulateure ihn nun mit ihrer schrecklichen Liebe und ihrem Unverständnis unter einer Grabplatte begraben, die den Namen Büchner trägt - als ob einer von denen wüsste, wie es ist, um sieben Uhr früh aus dem Babalu zu torkeln, und die Sonne steht schon hoch über der Leopoldstraße, und die Müllabfuhr räumt all die Gedanken weg, die einen sofort wieder anrempeln, weil nur im Tanzen die Leere zu haben ist und die Maschine sofort wieder funktioniert, also los, ab in den Englischen Garten, wo der Tau aus dem Gras steigt und die Romantik ihr wüstes Geschäft betreibt.

In so einem Preis offenbart sich, mit anderen Worten, das fundamentale Missverständnis, das die Clowns und Animateure in den Jurys immer wieder befeuern, weil sie sonst ja nackt und traurig da stehen würden - das Missverständnis also, dass man sie braucht, dass sie etwas zu sagen hätten über Literatur, das über das hinausgeht, was auf Wikipedia nachzulesen ist.

Beim Bachmann-Preis zum Beispiel kann man das, wenn man will, jedes Jahr aufs Neue erleben - Rainald Goetz, dessen Rasierklingen-Auftritt von 1983 jetzt in den Lobeshymnen immer wieder beschworen wird, hat diesen Preis übrigens natürlich genauso wenig gewonnen wie Jörg Fauser oder Antonia Baum, um nur zwei zu nennen, die unter dem Irrtum zu leiden hatten, dass alle das Gleiche meinen, wenn sie von Literatur sprechen.

Vergangenes Wochenende war es mal wieder so weit in Klagenfurt (what a name), das System der Preise und Stipendien zeigte sich in seiner ganzen lächerlichen Unerschütterlichkeit - obwohl es immerhin einen Moment der Wahrheit gab, und das war der Auftritt von Ronja von Rönne (hier nachzuverfolgen).

Da war auf einmal die ganze Angst zu spüren, dass der Spuk auffliegt, der das Metier der Literatursimulateure ist, da war äußerster Alarm und Verunsicherung, die natürlich sofort wieder bekämpft werden musste mit harschen Urteilen und Sätzen weit über den Rand der Selbstgefälligkeit hinaus.

Ronja von Rönne selbst hatte mehr Fragen als Antworten dabei - und wenn man gewollt hätte, hätte man über ihren Text herrlich reden und streiten können: Stattdessen taten die Gegenwartsfeinde in der Jury so, als hätten sie irgendeine Ahnung, wovon Ronja von Rönne erzählte, und bürsteten sie so lustlos ab, dass man erstaunt war, mit welch schön anzusehender Würde sie das ertrug.

So tun, als könne es nichts Neues mehr geben

Da war zum Beispiel die eine Jurorin, die ihren - schon tausendmal gehörten - Hauptvorwurf hervor kramte, dass sie das alles schon tausendmal gehört habe, was Ronja von Rönne beschrieb: junge Wut, Hass, Verzweiflung vielleicht auch, der Versuch, die Welt zu durchbrechen und etwas zu finden, das andere Liebe nennen oder Ich.

Das ist aber, das kann man mal festhalten, eine der Grundaufgaben der Literatur, und, klar, das wird es immer und immer wieder geben, so lange es Menschen gibt, die schreiben - und genauso klar ist es auch, dass die kokett kalkulierte Leblosigkeitsliteratur tausendmal eher einen Preis gewinnt, weil sie der Leblosigkeit des Literaturbetriebs entspricht und ihn bestärkt und beschützt, so war es auch dieses Mal.

Wenn die laut vor sich hergetragene Verzweiflung also als Vorwurf gegen einen Text wie den von Ronja von Rönne benutzt wird und als Pose bezeichnet wird von Leuten, die selbst in ihrer Juryhaftigkeit vor allem Pose sind - was soll man dann sagen?

Wenn Leute, die eigentlich davon leben, genau zu lesen und mit Lust und Genauigkeit die Welt zu betrachten und darüber zu diskutieren, genau diesen Job verweigern und lieber eine in ihren Augen und damit wie jede nachkommende, immer: missratene Generation symbolisch prügeln?

Wenn eine Jurorin, die den wettbewerbsverzerrenden Vorteil hat, dass sie den Text vorher kennt, ihre Kritik mit einem inhaltlich falschen Verweis auf den Beginn von Christian Krachts Faserland eröffnet und sich damit schon alles, was sie weiter zu sagen hat, erübrigt?

Wenn ein Juror den sonnigen, verschatteten, wunderbaren J. D. Salinger gegen die Gegenwart anführt, der nie, nie, nie einen Preis gewonnen hätte bei diesem Narkotisierungswettbewerb?

Falsch, falsch, alles falsch, kann man den Trotteln da nur zurufen - womit wir wieder bei Rainald Goetz wären, der ja Worte wie "Lallmaschine" liebt.

Der Büchner-Preis für ihn ist so schön wie sinnlos, weil er nur die Vergeblichkeit dessen zeigt, worum es Goetz eigentlich immer ging, Nähe und Abstand, Raserei und Analyse, Terror, Angst und Schönheit, Versenkung, Verzweiflung, Erlösung am Morgen.

Nur das mit dem Geld, das ist schon richtig so.

50.000 Euro.

Sind die eigentlich steuerfrei?

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
KV491 10.07.2015
1. Alles ... außer Georg
Wieder mal die bösen Kollegen. Egal welches Thema - immer "was erlauben ...?". Könnte Herr Diez vielleicht mal erwägen, dass es Kollegen mit anderen Meinungen und Verhaltensweisen gibt und wir hier draußen durchaus in der Lage sind, darunter das herauszusuchen, was uns gefällt? Das wir dafür vielleicht sogar Begründungen haben? Was er in den letzten Wochen so schreibt, lässt drei Lösungsmöglichkeiten aufscheinen: 1. Es schreibt keiner mehr außer Herrn Diez. Wäre ich jetzt nicht so dafür (er bestimmt), aber ist sowieso unrealistisch. 2. Herr Diez klinkt sich aus. Wäre ich für, obwohl - ich will ja nicht genau so sein wie er. 3. Keiner schreibt mehr irgendwas. Zumindest für viele Feuilletons eine verlockende Vorstellung - auf Dauer aber auch keine Lösung. Vielleicht schreibt Herr Diez einfach mal wieder was darüber, was er so denkt und für richtig hält (mit Begründung vielleicht sogar) und nicht darüber, was die anderen unverschämterweise alle falsch denken.
Untertan 2.0 10.07.2015
2. Und jetzt nochmal auf deutsch
Nach dem Lesen dieser Kolumne bewegt mich eigentlich nur eine Frage: Worum ging der Text?
hubertrudnick1 10.07.2015
3. Preisverleihung
Man sollte vielmehr zu andere Preisverleihungen sich kritisch äußern, so zum Beispiel über den Karlspreis, da werden aus politischen Gründen, also Personen, die man wohlgesinnt sein möchte ein Preis verliehen, die imgrunde kaum würdig wären. Aber jede Preisverleihung sollte zu erst den Geehrten an einem binden und weniger für seine Leistungen darstellen. Man hat schon immer gesagt, es war nicht derjenige, der es verdient hatte, aber das kommt wohl überall und zu jeder Zeit so vor.
Das Grauen 10.07.2015
4. @Untertan2.0 Das war durchaus verständlich.
Zitat von Untertan 2.0Nach dem Lesen dieser Kolumne bewegt mich eigentlich nur eine Frage: Worum ging der Text?
Es ging offensichtlich allgemein um die Frage der Sinnhaftigkeit von Literaturpreise, insbesondere darum, ob die Juroren eigentlich für diese Aufgabe geeignet sind, und im speziellen um die Presiverleihung an Rainald Goetz. Ich fand, Diez hat seine Meinung dazu gut zu Papier gebracht. Vergleichen Sie die doch mal mit dem Bericht bei der Zeit! Da fallen Sie vom Glauben ab. Dort hat ein Herr Hugendick den Anlaß mißbraucht, um seine eigene literarischen Ambitionen auszuleben. Das Ergebnis ist beinahe unlesbar, ein entsetzlicher Schwulst, ganz ohne Selbstironie vorgebracht. Da fühlt sich der Leser, der Informationen erwartet hatte, völlig vera.....!
ecki in mexico 10.07.2015
5. Der Buechner Preis ist in der Tat unnoetig....
aber ansonsten sind Literaturpreise wie MAN Booker und Pulitzer und Nobelpreis und deren Short und Longlists sofern veroeffentlicht fuer diejenigen, die anspruchsvolle Literatur ihr Hobby nennen, eine gute Orientierung.
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