S.P.O.N. - Der Kritiker: Bye-bye, BRD

Eine Kolumne von Georg Diez

Die einen wollen die Bundesrepublik abschaffen, die anderen würden sie am liebsten ins Museum verfrachten. Wir leben in einem Land, das ein Problem mit seiner Gegenwart hat. Wie soll man da vernünftig Politik gestalten?

Auf dem Plakat, das die Männer vor sich hertrugen, stand: "Die BRD abwickeln", und ich schaute das Fotos lange an, so wie ich diese Fotos immer lange anschaue. Ich schaue den Menschen auf diesen Fotos ins Gesicht und versuche etwas zu erkennen, das sie von mir unterscheidet, ich versuche zu verstehen, warum sie so sind, wie sie sind, und ich weiß natürlich auch, dass man da meistens nichts sehen kann. Es ist vielleicht einfach, die Welt in Freunde und Feinde zu unterteilen, aber es ist nicht leicht zu sagen, wer wer ist.

Die Männer auf dem Zeitungsfoto waren dabei im Grunde eher unwichtig, sie waren blass, Schemen, nur in Umrissen wahrzunehmen, Stereotypen des rechtsradikalen Pitbull-Menschen auf dieser NPD- oder NSU- oder sonst eine Deutsche-Idioten-Veranstaltung - aber die Frau, die etwas hinter ihnen ging, faszinierte mich: Sie hatte ein rotes T-Shirt an, einen dünnen, trainierten Körper, eine 9,90-Brille wie hunderttausend andere Fielmann-Frauen, sie hatte das blasse Gesicht einer Grundschullehrerin und Locken, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie müde herabhingen oder doch munter widerspenstig waren. Warum hasste diese Frau die BRD so sehr?

Dieses Land, das es ja schon eine ganze Weile nicht mehr gibt. Das Land von Fassbinder und Beuys, das Land von Vidal Sassoon und Michael Graeter, das Land von Luhmann, Goetz und Habermas, das Land, das Heinrich Böll so zart und traurig beschreiben konnte, in seinem vielleicht besten Roman "Ansichten eines Clowns", das Land, das Heinrich Böll so hart und wütend beschreiben konnte, in seinem vielleicht schlechtesten Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", das Land von Mutlangen, Wackersdorf und "Emma", das Land von Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser, das Land von "Tempo", Kraftwerk und Kippenberger, das schönste, beste Deutschland, das es bis dahin gegeben hatte.

Ein Versprechen von einem Land

Ein Kniefall-Land, ein Draußen-nur-Kännchen-Land, ein U-Bahn-Land, ein Ferien-im-Ausland-Land, ein schuldiges Land, ein unsicheres Land, ein Land, das sich kleiner machte, als es war, ein Gastarbeiter-Land, ein Asylbewerber-Land, ein Versprechen von einem Land, das auf einmal klar und elegant sein konnte wie ein Wecker von Braun und hell und licht wie das Münchner Olympiastadion - kein Ernst-Jünger-Land übrigens und auch im Grunde kein Gottfried-Benn-Land, das kam erst, als das Land verabschiedet wurde, von den Feuilletons, von der Restauration, spätestens vom WM-Sommermärchen: Aber im Grunde verschwand diese BRD schon irgendwann in den neunziger Jahren, vielleicht tatsächlich 1991 mit der Entscheidung, die Regierung von Bonn nach Berlin zu verlegen.

Seitdem wird dieses Land musealisiert, mit allen merkwürdigen Entscheidungen, mit allen politischen Konsequenzen. Das Widersprüchliche ist dabei, dass es die alte BRD zwar nicht mehr gibt, das neue Deutschland aber oft immer noch so tut, als sei es das alte Deutschland, die kleine BRD mit der "besten Verfassung der Welt", so wurde das Grundgesetz manchmal genannt. Aber so ganz sicher sind sich die Deutschen eben doch nicht, wie sie mit dem Erbe der BRD umgehen sollen, zuerst einmal mit dem ästhetischen Erbe, jener Modernität, mit der sich das Land selbst überraschte. Wie nun mit dieser Modernität umgegangen wird, wenn sie ins Museum der Geschichte soll, das unsere Gegenwart ist, sagt wiederum einiges über die Sehnsüchte und Unsicherheiten unseres neuen Landes.

In Düsseldorf zum Beispiel, dieser vielleicht immer noch BRDigsten aller deutschen Städte, mit seiner Boutiquen-Arroganz, seiner Autobrückenherrlichkeit, seiner Hochhaus-Eleganz, in Düsseldorf hat mir neulich ein Museumsleiter erzählt, wie versucht wird, das großartige Gebäude, in dem die Kunsthalle untergebracht ist, eine Art Kunstmonolith aus Beton, Beton, Beton und etwas Glas und Stahl, hübscher, erträglicher, kleiner zu machen, weniger fremd, weniger bedrohlich, weniger modern - die Deutschen hassen Beton, sagte er, und das ist dann eben doch die andere, antimoderne Seite dieser Mein-Dorf-soll-schöner-werden-Ideologie, wie sie etwa von einer so erfolgreichen Zeitschrift wie "Landlust" ganz unbedarft verbreitet wird.

Und in München, dieser immer noch so BRDigen, einst so stolzen Gegenhauptstadt, renovieren sie gerade das Untergeschoss der U-Bahn am Marienplatz, für die Olympischen Spiele 1972 gebaut, dieses Ereignis, das diese Stadt und mit ihr das Land in die Moderne gehievt hat, wabenförmig, orange, international war dieses Design, war diese U-Bahn - und das Problem ist in diesem Fall ja nicht, dass sie renovieren, das Problem ist, dass sie das Alte, das mal wahnsinnig modern war, durch etwas Neues ersetzen, das nie modern gewesen sein wird: Es ist eine idiotische Zeitlosigkeit, die Gegenwart nur simuliert.

Und da kommen nun diese Leute mit ihrem Plakat daher. Sie laufen durch deutsche Städte, sie laufen durch deutsche Zeitungen. Sie sind ein bürgerliches Angst- und Gruselbild. Sie wissen schon, warum sie sich die BRD als Feind aussuchen.

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insgesamt 71 Beiträge
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1. vernünftige Politik
regula2 20.07.2012
"Wie soll man da vernünftig Politik gestalten?" Herr Diez, das ist ganz einfach ! Alle Beamten, deren Anwesenheit nicht zwingend erforderlich ist, unverzüglich von allen ihren Posten in den Ruhestand versetzen und die Beamtenpensionen mit dem Rasenmäher um 30% und sämtliche nicht zwingend erforderlichen Subventionen unverzüglich um 50% kürzen. Die Staatsschulden wären in Kürze wieder im Lot, die Wirtschaft würde, von beamteter Bevormundung befreit, boomen und zehn-, wahrscheinlich hunderttausende neuer Jobs schaffen.
2. ;-) ..was ist hier eigentlich zum Problem geworden?
HäretikerX 20.07.2012
..ich glaube die allermeisten Menschen haben grundsätzlich Schwierigkeiten mit der allgegenwärtigen Veränderung und der brutalen Demonstration von Vergänglichkeit! Die ideologische Orientierung spielt dabei eher keine große Rolle. Eher die weiter und weiter wachsende Vielfalt der Möglichkeiten und die dadurch notwendigen Entscheidungen.. Menschen suchen Orientierung und Halt, und finden immer komplexere Systeme mit immer schnelleren Aktualisierungen.. Angst und Ruhelosigkeit sind das Produkt.. wen wundert da extremes Denken?!
3. optional
spon-facebook-10000128981 20.07.2012
jtatsache es gibt ja auch keine BRD mehr! die brd hat sich 1990 mit der ddr zum staat deutschland vereint! dieses deutschland ist aber nicht die BRD und dennoch haben wir BRD personalausweise!! sogar bei der UN spricht man nur noch von germany und nicht von der federel republic of germany! es gibt keine BRD mehr aber ihr alle zahlt steuern an ein etwas das es nicht mehr gibt! es gibt nur noch die BRD GmbH!!! dessen personal seid ihr! diese brd gmbh hat nichtmals steuergesetze da es eine firma ist und ihr zahlt steuern! nicht die da oben in berlin sind das übel! IHR DIE MASSE SEID AN ALLEM SCHULD!!! ihr unterstützt mit eurer arbeit und eurem geld diesen unrechtsstaat!!! hinterfragt mal mehr! schaut die bundesbereinigungsgesetze an! schaut euch an das immer noch besatzungsrecht gilt! ihr könnt alles nachprüfen aber ihr wollt nicht da ihr lieber in einer lüge lebt die ihr kennt anstelle euch der wahrheit zu stellen die euch neu wäre! aber hauptsache auf berlin schimpfen .... aber tun sollen ja andere! diese kann man dann schön in eine schublade stecken und verurteilen! danke
4. BRDigung … geben Sie Ihrer Zukunft ein Zuhause!
Dr.pol.Emik 20.07.2012
Tja, die ewige, unmündige Büßergemeinde mit der Erbschuld an der Backe. Jahrzehnte wurde dieser Komplex eingeimpft, dass man sich als Deutscher zu schämen hat und fertig. Nationalstolz ist verboten, so etwas können allenfalls noch Länder wie Frankreich oder Amerika. Gut, der mag auch überflüssig sein, es reicht ja wenn die Menschen hier ihre antrainierten Minderwertigkeitskomplexe pflegen. Alle Regierungen nach 1945 haben sich stetes darin überboten die Landsleute weisungsgemäß unmündig zu halten und Schäuble sinniert offen darüber, dass Deutschland seit dem 8.5.1945 nie wieder souverän war, ohne allerdings zu sagen wer hier der Souverän ist (kann man bei YouTube finden). Und solange wir diese staatliche Schräglage haben, wird sich da wohl auch nichts bessern, bis die Menschen gänzlich wieder mit dem Gesicht im Dreck liegen. Wenn sie dazu noch eine BRDigungsanzeige suchen, bitte hier: Volkstrauertag jetzt EU einheitlich auf 29. Juni verlegt (http://qpress.de/2012/06/29/volkstrauertag-jetzt-eu-einheitlich-auf-29-juni-verlegt/) … der Tag dürfte einer der größeren Sargnägel für Deutschland gewesen sein und natürlich alles nur zum Wohle des deutschen Volkes, welches, wie man jetzt sieht, endgültig entnationalisiert werden muss, was besonders gut über den Geldbeutel geht. Und wenn auch in Europa alles kahlgefressen ist, der Deutsche als gerade Europäer geworden ist, dann bekommt er auch noch seine „Eine Welt Regierung“, damit er sich zutreffend als Erdling definieren kann. Dann nennt man die Kriege auch nicht mehr Kriege, sondern nur noch Aufstand, weil man dann ja nur noch gegen Unwillige und Terroristen vorgehen muss, Feinde gibt ja dann nicht mehr … (°!°)
5. Zu hoch
paix 20.07.2012
Ich glaube der Artikel ist zu hoch für mich. Die Überschrift ist nett reißerisch, also geh ich mal lesen. Aber statt aktuellem Politikbezug, den man vielleicht darunter hätte verstehen können, wie ESM-Vertrag, Religion vor Menschenrechte und Staat bei der Vorhautdebatte (Abschaffung der Sekularität ?) oder ähnliches, folgt lediglich langes sinnieren über Fotos. Fotos von Nazis, wie man dann erfährt. Eine Minimalrandgruppe. Laut, gewallttätig, zumeist "Unterschicht", aber kleine Randgruppe. Hm, was hat das mit "Die BRD schafft sich ab" zu tun denke ich und lese weiter. Dann unvermittelt ein Schwenk, irgendwer will irgendwie was ins Museum stecken. Ah, wir wollen uns sozusagen konservieren, sind fortschrittsfeindlich oder so ähnlich interpretiere ich für mich diese Museumsanspielung. Allerdings folgt wiederum keine klare Aussage mit Bezug auf die Überschrift des Artikels, was mich und meine Interpretation wieder ins unklare stürzt. Ja und nackter Beton ist hässlich. Dem kann man nur zustimmen. Aber wo oder mit was oder wer schafft jetzt die BRD oder vielmehr Deutschland ab ? Der Sinn des Artikels bzw. eine passige Aussage erschließt sich mir auch nach zweimaligem Lesen und drüber Nachdenken leider nicht.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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