S.P.O.N. - Der Kritiker: Kalt nach Vorschrift

Eine Kolumne von Georg Diez

Verpasste Chance: Die Debatte um die Platzvergabe für Medien beim NSU-Prozess lässt tief in die deutsche Seele blicken. Wo Mitgefühl angebracht wäre, werden Paragrafen zitiert, statt Menschlichkeit regiert die Bürokratie.

Warum tun wir das eigentlich immer wieder? Warum sind wir so kalt, wenn wir einfach mal das Richtige machen könnten, einen Schritt zurücktreten, durchatmen, ein wenig Demut zeigen, ein wenig an den anderen denken?

Aber nein. Da fängt gleich wieder das Politikseminar an. Da wird gleich wieder doziert und erklärt, wie der Rechtsstaat funktioniert, warum die Justiz bitte unabhängig und neutral sein muss, warum wir, es tut uns wirklich leid, aber bitte verstehen Sie, die Anträge in der Reihenfolge bearbeiten müssen, in der sie eingegangen sind, Ausnahmen gefährden die Demokratie, das sollten die türkischen Journalisten doch wissen, denen wir leider keinen Platz beim NSU-Prozess garantieren können.

Geht's denn noch? In einer Harakiri-Kolumne der Herzlosigkeit heißt es etwa in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", "das gefühlte Sonderberichterstattungsinteresse türkischer Medien soll eine Sonderbehandlung tragen, zum Nachteil aller anderen Medien" - was nicht nur eine Verdrehung der Tatsachen ist: Ich finde, dass solche Monsterworte auch den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen.

Denn es geht ja um Sprache, es geht um Worte, es geht darum, wie wir miteinander und übereinander reden, was wir für Bilder im Kopf tragen, was für Geschichten da entstehen - Geschichten wie die vom angeblichen Drogenhändler Enver Simsek, der entweder von seinen Brüdern oder seiner eigenen Frau oder einem Konkurrenten erschossen worden sein soll, jahrelang wollten es die Polizisten nicht anders sehen, gegen alle Beweise, gegen jede Wahrscheinlichkeit, sie trieben seine Frau in die Depression, seine Familie an den Abgrund, seine Tochter für eine Zeit aus dem Land.

Enver Simsek war das erste Opfer der NSU, und wer verstehen will, was Rassismus ist in diesem Land, was mit dem Wort Integration gemeint sein könnte, wie Menschen leben, die davon träumen, voranzukommen im Leben und anzukommen in diesem Land und einfach sein zu dürfen, wie und wer sie wollen - der sollte das Buch von Semiya Simsek lesen, der Tochter von Enver Simsek, es heißt "Schmerzliche Heimat" und macht einen sehr traurig.

Systematisch wurden die Opfer zu Tätern gemacht

Denn das, was immer hilflos oder fast beschützend "Panne" genannt wird, "Ermittlungspanne", "Fahndungspanne", ist tatsächlich System gewesen. Systematisch wurden das Umfeld und die Familie des erfolgreichen Blumenhändlers Simsek kriminalisiert, weil er Türke war; systematisch wurden alle anderen Spuren ignoriert, weil ja auch zum Beispiel Otto Schily noch am Tag des Nagelbombenattentats der NSU 2004 sicher sein konnte, dass es keinen terroristischen Hintergrund gebe; systematisch wurden damit die Opfer zu Tätern gemacht. Wie voreingenommen bis rassistisch die Ermittler auch bei einigen der anderen NSU-Morde vorgingen, zeigt eindrucksvoll der NDR-Film "Blutspur durch Deutschland".

Der Film zeigt aber noch etwas anderes mit den Bildern aus dem Milieu, in dem sich das NSU-Trio versteckte, ein Milieu von vom Leben oder von Männern verprügelten Frauen, von Likörchen, Zigaretten und Selbstzerstörung, ein Milieu, das von nun an zum deutschen Terrorinventar gehört wie früher mal der bildungsbürgerliche Lehrer zum RAF-Milieu: Es ist ein Klassenkampf, den die NSU stellvertretend ausgetragen hat, zwischen den sozial Deklassierten, den Säufern, den Sofahockern auf der einen Seite und den Frühaufstehern, den Selbständigen, den Ehrgeizigen auf der anderen Seite - fast alle NSU-Opfer waren Kleinunternehmer mit eigenem Laden, Kiosk, Betrieb.

Sie wollten es schaffen in diesem Land, das ihnen Hoffnung gab und Heimat - es geht also in dem NSU-Prozess mal wieder um viel mehr als um die Frage nach Schuld: Es geht um die Frage, wer wir sind und wer wir sein wollen, es geht um die Frage, wie wir übereinander reden und wie wir uns für die Geschichten und das Leben der anderen interessieren, es geht auf ganz andere Art und Weise als bei Nico Hofmann um die Frage, wer "unsere Mütter, unsere Väter" sind.

Insofern wäre der NSU-Prozess natürlich eine Chance, einen anderen Blick auf die ewige Frage zu werfen, was es heißt, deutsch zu sein, und ein paar neue Antworten zu finden - wenn nicht die alten Muster so rasch wieder hoch kämen, wenn nicht etwa das Münchner Gericht so engstirnig, stur, borniert und amateurhaft agieren würde, wenn nicht so ein eisiger Abwehrkampf geführt würde gegen das allzu Offensichtliche: Die Platzvergabe war fehlerhaft und unfair, es hilft nichts, von der Neutralität des Gerichts oder den Prinzipien des Rechtsstaats zu schwadronieren. Vor allem nicht angesichts der Opfer und ihrer Familien, die jahrelang erlebt haben, wie wenig neutral die deutsche Justiz arbeitet.

Und das wäre dann das andere Bild, das von diesem Prozess bleiben könnte. Das eines rechthaberischen, thilosarrazinhaften "Man wird doch noch sagen dürfen"-Landes, das sich weigert, seiner Wirklichkeit ins Auge zu schauen.

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insgesamt 115 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wie war das noch?
BettyB. 12.04.2013
Die Profis wußten nicht, dass sie sich anmelden mußten? Na toll. ben Profis! Und dann noch solche die jammern...
2. Danke!
jurc.l.e. 12.04.2013
Lieber Georg Diez, Sie bringen mich zum Weinen! Selten sind so viele richtige und zugleich anrührend gerechte Dinge in einem Artikel gesagt worden! Fast hätte ich dabei übersehen, dass so ein "Nous nous accusons"-Artikel nicht nur ebenfalls urdeutsch, sondern vor allem eitler, selbstgerechter und genau darum undifferenzierter Journalismus ist. Danke dafür allenthalben!
3. Nein,
PARANRW 12.04.2013
es ist nicht Ignoranz. Es ist fehlende Empathie gepaart mit schlichter Feigheit und Obrigkeitsdevotismus! Lieber gesetzestreu etwas moralisch falsches tun oder nicht tun, als dem gesunden Menschenverstand folgend Sinn stiften. Aber das hatten wir alles schon, seit Jahrhunderten, gelle. Wer erinnert sich nicht gern an die schöne deutsche Beschaulichkeit bei Biedermeiers oder volkstümelei bei den Radikalen. Waren nicht die fünfziger, sechziger Jahre wunderschön, da durfte man noch ungestraft Kanake und Neger rufen und es waren eine Menge, natürlich unbelasteter Gutmenschen aus NS-Zeiten in Amt und Würden bei Politik und Justiz. Für dieses bayerische Possenspiel bleibt nur abgrundtiefe Scham!
4. Geschwurbel
Bondurant 12.04.2013
Zitat von sysopWo Mitgefühl angebracht wäre, werden Paragrafen zitiert, statt Menschlichkeit regiert die Bürokratie.
Der Autor sollte froh sein, in einem Land zu leben, in dem "Paragrafen" das Verhalten der offiziellen Stellen bestimmen und nicht diffuses Gefühlswabern.
5. ...
vhe 12.04.2013
Zitat von sysopWarum sind wir so kalt, wenn wir einfach mal das Richtige machen könnten
Machen wir doch, wo ist also das Problem?
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).