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S.P.O.N. - Der Kritiker: Der Schädelbohrer

Eine Kolumne von

Das Projekt von George Saunders heißt Verstörung. Vier Bände mit Kurzgeschichten hat der Amerikaner sich bislang abgerungen. Jetzt erscheint "Zehnter Dezember". In den USA gefeiert als eines der besten Bücher des Jahres - böse White-Trash-Schlaflieder, Visionen einer Glücksdiktatur.

Mein ganz persönlicher Buchpreis in der Kategorie Belletristik wie Sachbuch geht in diesem Jahr an George Saunders. Sollen sich die anderen doch streiten, ob das noch Realismus ist oder schon Anachronismus, wenn der katholizistische Tweedsakkoträger Martin Mosebach ein backsteingroßes Handy in seinem Roman versenkt, sollen sich die anderen doch fragen, warum und wann genau Monika Maron eigentlich zu einer islamophoben Sarrazinistin geworden ist: Ich will hier mal ganz kurz erklären, zu was Literatur heute eigentlich in der Lage ist.

George Saunders lesen: Das ist, als ob du in einem Garten mit frisch gemähtem Rasen einen Stein anhebst und darunter liegt ein totes Tier, eine Ratte vielleicht oder ein Eichhörnchen, so genau kannst du das nicht sagen, weil es schon ziemlich zerfressen wurde von den vielen tausend Maden, die da hin und her kriechen, was für ein hypnotisches Spiel, du kannst ja gar nicht wegschauen, es wirkt so friedlich, die Natur macht, was sie will, es wirkt so beruhigend - da schaut dich das Tier an, und es hat das Gesicht deiner Mutter.

George Saunders lesen: Das ist, als ob du in einer Ödnis läufst, wo vor der großen Katastrophe möglicherweise Menschen gelebt haben, was für eine Funktion sollten diese hohen Dinger aus Beton sonst gehabt haben, mit eckigen Löchern leer wie tote Augen, und auf einmal siehst du etwas im Dreck liegen, du weißt, dass es das früher gab, sie nannten es Bücher, du nimmst es mit nach Hause auf deine Station und fängst an mit dem, was sie einmal Lesen nannten. Es geht erst mühsam, du hattest es vergessen, aber ganz weg war es nie, im Gegenteil eigentlich, es war immer da. Wie eine Sehnsucht danach, wie Worte brennen können, flirren, sich verändern, während du sie anschaust - und langsam, langsam verstehst du, was mit dir passiert ist und wer du warst.

Fast perfekte Schädelbohrungen

George Saunders lesen: Das ist eine neue Welt mit fast jedem Satz, das ist der Abgrund des Sagbaren mit fast jedem Wort, das ist ein Witz, der wahr ist und wehtut, das ist eine Zugewandtheit zu den Menschen und zu dem, was es bedeutet, Mensch zu sein. Das ist ein Humanismus, der an Verzweiflung grenzt, das ist eine Grausamkeit, die einen Sinn hat, das ist eine Moral, die jede Entscheidung übersteigt, das ist ein Mut, sich so weit vorzuwagen, dass die Sprache klingt, wie sie noch nie geklungen hat; wenn Proust das Uhrwerk seiner Erinnerung beschrieben hat und Joyce die Kakophonie seiner Gegenwart, dann gelingt Saunders eine Ahnung unserer Zukunft als im Heute gewebter Klangteppich - sie ist so fremd, diese Welt, und sie besteht doch aus all den Dingen, Sätzen, Gefühlen, die wir kennen.

Das Projekt von George Saunders heißt Verstörung. Vier Bände mit Kurzgeschichten hat er sich bislang abgerungen, der Amerikaner, der älter aussieht, als er ist, "BürgerKriegsLand fast am Ende" (1997), "Pastoralien" (2002), "I can speak!" (2012) und jetzt eben, in den USA gefeiert als eines der besten Bücher des Jahres, sein Geschichtenband "Zehnter Dezember" - böse White-Trash-Schlaflieder, Visionen einer medikamentös-dementen Glücksdiktatur. Ein Menschenpark ohne Sloterdijksche schlechte Laune, lauter Erniedrigte und Beleidigte, die vor sich den Zauber einer besseren Welt sehen und wie verzückt in den Untergang rennen, innere Monologe wie Hundegerippe am Wegesrand, Zwiegespräche unter Gestörten, denen Saunders alle Würde gibt, die ihnen zusteht oder die er ihnen zutraut: Wie gesagt, wenn seine Prosa einen Feind hat, dann ist es die Sicherheit.

Und so war und ist "Zehnter Dezember": Kaufempfehlung, erscheint auf Deutsch am 10. Februar, der ziemlich überraschende Triumph eines Außenseiters: Von Kollegen wie Zadie Smith und Jonathan Franzen bewundert, weil sie klug genug sind zu sehen, was er kann und was sie nicht können. Und "Leser, die David Foster Wallace, Denis Johnson und Miranda July mögen, mögen auch George Saunders" - wo andere Schriftsteller nach außen schreiben, um eine Welt zu erschaffen, schreibt Saunders nach innen, in die Worte, in die Figuren, in die Ängste und den Wahn hinein. Er zeigt uns in seinem schizoiden Realismus die Reste dessen, was übrig bleibt, wenn wir das Copyright auf unsere Gedanken und Gefühle abgeben.

Die Geschichten von George Saunders sind damit eminent politisch. Sie sind hell und aufklärerisch, weil sie letztlich nach dem Guten streben. Sie sind dunkel und so dystopisch, wie ich es gerade noch ertragen kann. Sie sind fast perfekte Schädelbohrungen, und die Sprache ist das Werkzeug.

Gefährlich.

Es gibt dann eigentlich kein Zurück mehr.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 5 Beiträge
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1. Warum soviel Hass?
Alfalfa 07.02.2014
Ich habe "Tenth of December" bereits gelesen, ein gutes Buch (bis auf die letzte Geschichte, wenn ich mich recht entsinne), dass ich gerne weiterempfohlen habe. So weit also: Einverstanden. Aber, Herr Diez, warum können Sie sich nicht einfach an einem guten Buch erfreuen, ohne gleich vollkommen zusammenhanglosen Hass gegen Autoren zu versprühen, die anders schreiben? Ein gutes Buch ist doch nicht deshalb gut, weil es andere Bücher und Autoren schlecht aussehen lässt. Und übrigens: Sakko kommt nicht von Sack.
2.
mauvaisreveur 07.02.2014
Wunderbare Empfehlung, Her Diez. Wer es wie Saunders in der Erzählung "Sea Oak" schafft, so komisch und bewegend von einem Stripper, dessen nichtsnutzigen Schwestern und ihrer Oma zu erzählen, dass das Ergebnis sowohl im New Yorker als auch in einer Sammlung von Zombieliteratur erscheint, hat uns wirklich etwas zu sagen. Oder wie es der Herausgeber der Sammlung „Zombies“, John Skipp, in seinem Lob auf Saunders formuliert: „The written word isn't dead. It just smells funny.“
3. Der Schädelbohrer?
yast2000 07.02.2014
Ist es schon so weit? Alles, was intellektuell ist oder sich dafür hält, soll sich beim Neurologen anmelden? "... was übrig bleibt, wenn wir das Copyright auf unsere Gedanken und Gefühle abgeben", ist, als ebenso schräge Metapher, der Gesichtsverlust. Um "sein Gesicht zu verlieren", muss man allerdings erst mal eines gehabt haben.
4. Danke
heisenberg18, 08.02.2014
Sie haben es geschafft mir einen Hauch Ihres Berührtseins, Ihrer Verwicklung, Ihrer hoffnungsvollen Erschütterung zu vermitteln. Also, folgerichtig: bestelle ich das Buch, JETZT. Es muss nicht annähernd dem entsprechen, was Sie beschrieben haben. Ich freue mich trotzdem jetzt schon drauf! Danke. Leute wie Sie und ihr Artikel und sein Anliegen machen einem das Überleben ein wenig leichter ...
5. Zur rechten Zeit
Maria-Galeria 08.02.2014
im neuen Jahrtausend wühlt scheint`s dieser Literat die Gemüter auf, wie anno dazumal das Buch Neunzehnundertvierundachzig von Orwell, zu dessen Verfilmung wir als Schulkinder hin gekarrt wurden. Ein Grund es nicht zu lesen, da es wohl die Vision von einer Zukunft beinhaltet vor der jeder Angst hat, nämlich einer " glücklichen Diktatur " möglichst weltweit, natürlich mit den heutigen Möglichkeiten und darüber hinaus. Der Mensch als Manipulationsobjekt und obendrein auch noch glücklich, aber wie heißt es so schon "es kommt manchmal anders als man denkt", aber wenn das Kollektiv sich so einig ist in seinen Befürchtungen, kommt"s bestimmt, auf der Basis der gemeinschaftlichen Gedankenlage. Darum Finger weg, nur eine geistige Blähung mehr auf dem Markt. Eine glückliche Diktatur gibt es nicht und wird es nie geben, es ist und bleibt Unterdrückung.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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