S.P.O.N. - Der Kritiker Durch Gefühle ändert sich nichts

Es droht ein schrecklicher Herbst: Das gefühlsduselige Palaver zur Flüchtlingsfrage hat Überhand gewonnen. Dabei brauchen wir vor allem eine Neugründung Deutschlands aus dem Geist eines ernsthaften Multikulturalismus.


Die Ergriffenheit der Menschen von sich selbst macht auch und gerade vor Journalisten nicht halt. Aber was sollen diese Emotionen überhaupt, diese rhetorischen Wärmedecken unserer Zeit?

Ist die Reaktion der Deutschen auf die Flüchtlingskrise wirklich ein Zeichen für "Die Macht der Gefühle", wie die aktuelle Ausgabe der "Zeit" meint - oder war das nicht eher die Zeile fürs nächste Frühjahr und das neue Verliebtsein?

Ist die "Verteddybärisierung der Flüchtlinge" durch Kerner und das Fernsehen generell, wie Arno Frank es nennt, wirklich unausweichlich - oder finden die Öffentlich-Rechtlichen doch wieder zu etwas passenderer Rationalität zurück?

Aber andererseits: Was kann man von Sendern überhaupt erwarten, die schon Talkshows über Genderfragen wiederholen, weil sie da irgendwelche Befindlichkeiten verletzt haben, was doch auch irgendwie der Zweck des Ganzen war?

Anders gefragt: Ist dieses Land intellektuell reif und erwachsen, bereit für die Fragen, die die Flüchtlinge mit sich bringen?

Auf den Thilo Sarrazin etwa sollte man dabei auf jeden Fall verzichten, den biologistischen Springteufel, den man zur Flüchtlingsfrage nun wirklich nicht hätte interviewen müssen. In der "Zeit" darf er aber auf einer ganzen Seite giften, als spiele es außer für AfD-Wähler und rechte Rabauken eine Rolle, was er sagt; es war hoffentlich für lange Zeit das letzte Mal.

Denn was bringt es, wenn sich der Lego-Stratege Sarrazin vorstellt, er würde jedes Flüchtlingsschiff auf dem Mittelmeer "aufbringen" und "die Insassen an exakt dem Punkt an der afrikanischen Küste absetzen, wo sie gestartet sind, und das Boot zerstören. Sie können sicher sein: Nach sechs Wochen bricht keiner mehr auf, und es wird auch keine toten Bootsflüchtlinge mehr geben."

Äh, genau, Käpt'n Blaubart. Außerdem würde er gern die Chinesische Mauer an der EU-Außengrenze neu aufbauen.

Palavern statt Pragmatismus

Was ungefähr so hilfreich ist wie das, was von der CSU zu hören ist, den Grobmechanikern der Flüchtlingskrise, für die Abschieben nach Action klingt oder nach ADAC, jedenfalls nach Anpacken, frei nach dem Motto: Fort, die tun was! Da kann man auch gleich Kim Jong Un zu den Vorteilen der Reisefreiheit befragen.

Es droht, mit anderen Worten, ein schrecklicher Herbst, wenn der Pragmatismus wieder dem Palavern weichen sollte - dabei ist tatsächlich ein großes gesellschaftliches Gespräch darüber nötig, wer wir sein wollen, 2015 ff., eine Art Neugründung dieses Landes aus dem Geist der Flüchtlingsfrage.

Slavoj Zizek, der Schein-Stalinist und Überraschungspragmatiker dieser Tage, hat damit schon mal angefangen. Er hat ein paar Prämissen für einen erwachsenen, ernsthaften Multikulturalismus formuliert - denn es werden Wertediskussionen auf uns zukommen, die nicht mehr auf dem Kasperl-Niveau etwa der "Neger"-Debatte der vergangenen Jahre funktionieren.

"Keine Tolerenz für religiöse, sexistische oder ethnische Gewalt auf irgendeiner Seite", schreibt Zizek, "kein Recht, anderen die eigene Lebensweise oder Religion aufzuzwingen, Respekt für die Freiheit jeder Person, die Gebräuche ihrer Gemeinschaft abzulegen. Wenn eine Frau sich entscheidet, ihr Gesicht zu verhüllen, muss diese Entscheidung respektiert werden; wenn sie sich entscheidet, ihr Gesicht nicht zu verhüllen, muss auch diese Freiheit garantiert werden."

Gefühle, die Probleme vernebeln

Es ist eben gerade nicht die Stunde der Emotionen - Gefühle sind das Gegenteil von Politik, Gefühle vernebeln Probleme und Ursachen, Gefühle sind der Brei einer Gegenwart, die in sich selbst versinkt.

Und auch das immer noch und immer wieder erstaunliche Engagement so vieler Menschen lässt sich nicht auf "Gefühle" reduzieren. Auf Gefühlen kann man nichts bauen, mit Gefühlen kann man keine Zivilgesellschaft neu denken, durch Gefühle ändert sich nichts.

Aber es wird sich viel ändern, das steht fest, im Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat, der Bürger untereinander, es werden die Grundlagen der liberalen Demokratie nicht neu bewertet, aber klar benannt werden - die Werte eben, aus denen erst die Freiheit entsteht, die die Flüchtlinge kommen lässt.

Und es wird sich schon auch, da ist Zizek entschieden, wieder und wieder die Frage danach stellen, wie geeignet oder "alternativlos" tatsächlich der real-existierende Kapitalismus ist, mit den Problemen dieser Zeit umzugehen.

Das ist mehr als ein Gefühl.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 341 Beiträge
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Seite 1
Eduschu 11.09.2015
1.
Der Artikel behandelt die provokanten Thesen, die in der Einleitung standen, zwar nur am Rande: Trotzdem - Deutschland muss sich nicht neu erfinden - Deutschland hat, als es sogar noch weit konservativer war als heute, bereits mehrere Wellen von Zuwanderungen beispielhaft gemeistert. Deutschland ist wahrscheinlich gerade darum, weil es ist wie es ist, Ziel so vieler Menschen, die auf der Flucht sind. Im Übrigen frage ich mich, wie ernsthaft ein Multikulturalismus sein muss, um Gnade in Herrn Diez' Augen zu finden. In einigen Großstädten Deutschlands leben bereits mehr Personen mit einer Migrationsgeschichte als solche ohne. Zu nennen wären da insbesondere Darmstadt, Pforzheim und Heilbronn. Es ist nicht überliefert, dass in diesen Städten Menschen wegen der Beibehaltung von Sitten und Gebräuchen aus der alten Heimat stärker angefeindet wurden als z.B. konservative Bayern, die sich in diesem Forum als solche zu erkennen geben.
jojack 11.09.2015
2. Na hoffentlich!
Nach den hektischen Entscheidungen der letzten Wochen, wo Deutschland debattenbefreit zum Einwanderungsland mutiert ist, tut die demokratische Aufarbeitung des aktuellen Geschehens aber auch dringend Not! Das fängt schon bei der Frage an, ob eine freiheitlich-demokratische Leitkultur nicht die bessere Antwort für die gemeinsame Zukunft ist, als ein unerprobtes Sammelsurium aus gescheiterten Fremdkulturen. Und dann stellt sich die Frage, wie eine erfolgreiche Integration dieses Mal gelingt. Damit dereinst eben kein zweiter Thilo Sarazzin über Parallelgesellschaften schreiben muss. Und zu guter Letzt muss trotz aller Abwiegelungsversuche der Kanzlerin auch über die Frage der inneren Sicherheit gesprochen werden, wenn vorwiegend junge Männer im wehrfähigen Alter einwandern.
ficino 11.09.2015
3. Gefühle sind das Gegenteil von Politik?
Da haben Sie aber bisher nicht viel von Politik kapiert oder noch nie welche gemacht, Herr Dietz. In kaum einem anderen Bereich wird so sehr mit Gefühlen operiert wie in der Politik! Sie sollten Politik nicht mit Bürokratie verwechseln. Das ganze Gefühls-Spielchen fängt im Wahlkampf an, die überzeugendsten Redner in Parlament und Regierung operieren mit und appellieren an Gefühle. Der Stammtisch - oder ersatzweise der Wähler oder das Volk - also die Zielscheibe von Politik, hören in der Regel auf ihren Bauch (physisch wie psychisch) statt auf rationale Argumente. Und fast ausschließlich jeder durch die Politik angezettelte Krieg funktioniert nur mit dem Entfesseln von Emotionen. Verehrter Herr Dietz, sorry, aber DAS ist Politik ....
labjmh 11.09.2015
4. Schade, ein selbstgerechter Monolog!
Der Autor braucht nur einen Blick in ZON-Leserforen zu werfen und wird schon wissen, dass ein derartige Monolog der ganzen Thematik nicht würdig ist.
hypervasquez 11.09.2015
5. Auch wenn das ein Kommentar ist...
... so muss auch Herr Diez - der von seiner Meinung lebt - die Meinung anderer akzeptieren. Er muss die Äusserungen eines Herrn Sarrazin nicht mögen aber zumindest anerkennen das es noch ganz andere Weltbilder gibt als das eigene. Das nennt man Meinungsfreiheit. Und die ist Teil unserer Demokratie. Wann kommt in den Köpfen der Journalisten endlich an das sie eben nicht die Deutungshoheit über die tatsächliche Stimmung im Lande haben? Zum Thema: Willkommenskultur hin oder her - am Ende entscheiden die Fakten und Zahlen. Wir werden sehen wo die Wärme und Fürsorge der Deutschen bleibt wenn von einem gleichbleibenden oder schrumpfenden Stück Kuchen eine stetig wachsende Zahl an Menschen (gleich welcher Religion oder Herkunft) ihren Teil abhaben will.
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