S.P.O.N. - Der Kritiker: Und wenn es doch Absicht war?

Eine Kolumne von Georg Diez

Chaos und Willkür - oder doch eher gezielte Vertuschung? Im Fall der Aktenvernichtung beim Verfassungsschutz sollten wir uns nicht mit der schwer widerlegbaren Erklärung zufrieden geben, diese Panne sei aus reinem Dilettantismus entstanden. Wir müssen weiter Fragen stellen.

Es gibt Fragen, auf die will man eine Antwort finden: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wann ist der Ball im Tor?

Und es gibt Fragen, auf die will man, so scheint es, lieber keine Antwort finden: Wie kommt zum Beispiel ein Beamter des Verfassungsschutzes dazu, genau an dem Tag ein paar wichtige Akten zu vernichten, an dem Deutschland entdeckt, dass es militanten, mordenden rechten Terror gibt?

Bei den ersten Fragen sind wir diese Woche ein Stück weitergekommen, dank Vernunft und Technik, mit dem Higgs-Teilchen und der Torlinienkamera. Bei der zweiten Frage begnügen wir uns weiter mit Nebel und Trivialpsychologie.

Es sei wirklich ein "Rätsel", sagte der CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss des Bundestages, Clemens Binninger. Es werde immer "mysteriöser", sagte der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland. Er habe "keine überzeugende Erklärung", sagte der scheidende Chef, Heinz Fromm. Und Hans Leyendecker nannte den Vorgang in der "Süddeutschen Zeitung" schlicht "dumm und unsensibel".

Das ist natürlich erstmal viel leichter und viel angenehmer, so zu denken: in Anweisungen, Abläufen, Amtswegen, mit Worten wie Verjährungsfristen zu argumentieren, vom "schwerwiegenden Ansehensverlust" (Fromm) zu sprechen, und festzustellen, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz kein "Hort des Datenschutzes" sei, wie es der Vorsitzende des Untersuchungsausschuss, Sebastian Edathy von der SPD, ausdrückte.

Aber trifft das die Sache? Ist es wirklich so ein Rätsel, ist es wirklich mysteriös, wenn in einem Umfeld, das verseucht ist von V-Leuten, die ihre Honorare schon mal dazu nutzen, die Strukturen aufzubauen, die sie eigentlich ausforschen sollten - wenn in so einer Behörde ein Beamter etwas tut, das total Sinn macht: Wenn man ein Motiv hat, wenn man es mit Absicht tut?

"Chaos und Willkür", so lautet die eine Antwort - aber was wäre denn, wenn es nicht falsche Abläufe, sondern falsche Überzeugungen wären, wenn es nicht Chaos wäre, sondern System: Warum wird diese im Grunde nahe liegende Frage so wenig gestellt, wir reden hier ja nicht von einem Kindergarten, sondern von einer Behörde, bei der 2600 Menschen arbeiten und die aus dem Bundeshaushalt immerhin 189 Millionen Euro bekommt, da kann man etwas Rationalität schon mal unterstellen?

Kann es sein, dass man sich scheut, zum möglichen Kern dieser Affäre vorzudringen? Was wäre, wenn es nicht Inkompetenz war, sondern Absicht? Und warum wird dieser Punkt so sehr vermieden, von den Politikern, aber auch von den meisten Medien? Heinrich Wefing hat in der "Zeit" gerade noch mal daran erinnert, dass sich gleich nachdem die so genannte "Zwickauer Zelle" aufgeflogen war, die Frage aufdrängte, ob es "ein klammheimliches Zusammenwirken, eine ideologische Sympathie, eine hilfreiche Nähe von Rechtsextremisten und Verfassungsschützern" gebe - die Polizei ging ihre Ermittlungen ja auch erstmal mit dem Stichwort von den "Döner-Morden" an, eine rassistische Weltsicht, die auch so benannt wurde. Inzwischen hat sich das wieder etwas verändert. Hans Leyendecker lässt dieses Nachdenken über einen möglichen ideologischen Hintergrund im Versagen des Verfassungsschutzes weg, redet nur noch davon, dass die Polizisten "ein Jahrzehnt lang ein Phantom aus dem weiten Reich der Organisierten Kriminalität" jagten - und schließt daraus: "Was bei der Fehleranalyse, die erst begonnen hat, Angst machen muss, ist das handwerkliche Dilettieren so vieler Behörden."

Ist das wirklich das Problem, das uns Angst machen muss? Ist das überhaupt der Fall? Chaos ist ja eine fast perfekte Tarnung, Willkür ist etwas, das man erstmal behaupten kann und schwer widerlegen. Ideologie ist manchmal flüchtig. Wir sollten einfach weiter Fragen stellen. Denn logisch, sinnvoll oder nur nachvollziehbar sind die Antworten bislang nicht. Und der Verdacht wiegt damit, bis er ausgeräumt ist, schwerer als nur Dilettantismus.

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"Und wenn es doch Absicht war? Bei aller Liebe zur Chaos-Theorie und Murphy's Law: wer glaubt denn in dieser Geschichte und dem Hintergrund noch ernsthaft an ein Versehen?
"Und wenn es doch Absicht war? Bei aller Liebe zur Chaos-Theorie und Murphy's Law: wer glaubt denn in dieser Geschichte und dem Hintergrund noch ernsthaft an ein Versehen?
südd. 06.07.2012
Der Vorwurf, dass der Verfassungsschutz an den Morden beteiligt war entspricht doch mehr der Weltsicht des Autors als der Realität. Nach dem alten linken Motto der Staat und seine Organe sind Böse. Es ist eigentlich eine [...]
Der Vorwurf, dass der Verfassungsschutz an den Morden beteiligt war entspricht doch mehr der Weltsicht des Autors als der Realität. Nach dem alten linken Motto der Staat und seine Organe sind Böse. Es ist eigentlich eine Frechheit, normalerweise muss der Ankläger die Schuld beweisen nicht der Angeklagte seine Unschuld. Nicht so wie in diesem Fall bei moralische höheren Personen. Weiter ist die Bezeichnung „Döner-Morde“ eine Erfindung der Medien. Organisierte Kriminalität ist nur unter Deutschen ohne Migrationshintergrund zu finden, deshalb ist es schon ein Zeichen des Rassisten sollte er dieses nicht ausschließen, so einfach kann die Welt sein.
detlevwalther 06.07.2012
Hans Leyendecker hat doch Recht! Sie sind nicht einmal in der Lage, Unterlagen so zu vernichten, dass niemand bemerkt, dass es mal Unterlagen gegeben hat. Das ist der gleiche Dienst, der Deutschland vor Terroristen schützen soll, [...]
Hans Leyendecker hat doch Recht! Sie sind nicht einmal in der Lage, Unterlagen so zu vernichten, dass niemand bemerkt, dass es mal Unterlagen gegeben hat. Das ist der gleiche Dienst, der Deutschland vor Terroristen schützen soll, der - wie der Name sagt - die Verfassung schützen soll. Die Aktion ist doch kaum an Albernheit zu überbieten. Und ausgerechnet dieser Untersuchungsausschuss soll Licht ins Dunkel bringen? Ich versuche mich gerade zu erinnern, wann ein Untersuchungsausschuß jemals etwas zur Erhellung eines Falls beigetragen hat.
merkur-berlin 06.07.2012
Gute Fragen Herr Diez! Was könnte denn geschehen sein? Vielleicht hat da "Irgendjemand" einen riesen Schreck bekommen? Vielleicht standen einige oder sogar alle Beteiligten dieser Terrorzelle auf den Gehaltslisten des [...]
Gute Fragen Herr Diez! Was könnte denn geschehen sein? Vielleicht hat da "Irgendjemand" einen riesen Schreck bekommen? Vielleicht standen einige oder sogar alle Beteiligten dieser Terrorzelle auf den Gehaltslisten des Verfassungsschutzes? Und darum dann das... Mit Geheimdiensten haben wir im Osten Deutschlands so unsere (unseligen) Erfahrungen. Warum soll es uns da in einem geeinten Deutschland besser gehen? Was unterscheidet denn nun noch diesen Verfassungsschutz von der ostdeutschen Stasi? Ein paar Tote? Versuchte flächendeckende Überwachung? Inoffizielle Mitarbeiter? Verdeckte dreckige Operationen? Keine oder kaum parlamentarische Kontrolle? Kommt alles iregndwie bekannt vor, nicht war?
berliner2011 06.07.2012
Weil Sie nach dem Unterschied fragen: Im Augenblick habe ich das Gefühl, dass die Stasi schon etwas "professioneller" gearbeitet hat, bei der Durchführung ideologischer Machenschaften...
Zitat von merkur-berlinen Mit Geheimdiensten haben wir im Osten Deutschlands so unsere (unseligen) Erfahrungen. Warum soll es uns da in einem geeinten Deutschland besser gehen? Was unterscheidet denn nun noch diesen Verfassungsschutz von der ostdeutschen Stasi?
Weil Sie nach dem Unterschied fragen: Im Augenblick habe ich das Gefühl, dass die Stasi schon etwas "professioneller" gearbeitet hat, bei der Durchführung ideologischer Machenschaften...
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  • Freitag, 06.07.2012 – 17:02 Uhr
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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