S.P.O.N. - Der Kritiker: Sinnfreie Verherrlichung

Eine Kolumne von Georg Diez

Über Jeff Bezos jammern die Feuilletons, den juristischen Suhrkamp-Trick bejubeln sie - dabei wäre eigentlich gerade die Entrechtung des Suhrkamp-Mitgesellschafters Barlach zu bemängeln. Aber nicht in Deutschland: Hier ist die Kultur ein rechtsfreier Raum.

Es war die Woche, in der Jeff Bezos die "Washington Post" kaufte, ein "Händler", ein "Internetmonopolist", eine neue Art NSA-Kapitalist - und es war die Woche, in der ein Gericht den Suhrkamp-Verlag rettete, so sahen es die Feuilletons, mit einem neukapitalistischen Coup, der die gute alte Kultur vor dem gierigen Kapitalisten schützen sollte.

Seltsam war nur, wie das eine bejammert wurde, das Amazon-Krokodil Bezos, und das andere bejubelt wurde, der juristische Taschenspielertrick, der den Suhrkamp-Verlag in eine Aktiengesellschaft verwandeln soll und den Mitgesellschafter Barlach, das war ja das Ziel, einen Teil seiner Rechte kostete.

Aber Recht und Kultur, das sagte ein Suhrkamp-Autor, sind eh nicht kompatibel - die Kultur wäre demnach ein rechtsfreier Raum, und, wenn man die Demokratie als Herrschaft des Rechts definiert, auch demokratiebefreit.

Es geht eben einiges durcheinander bei dieser großen nationalen Aufgabe: Die Kultur war in der BRD immer die Rettung der Deutschen vor sich selbst, die Literatur war ein Beweis, dass wir nicht nur Holocaust können - deshalb ist auch mindestens das Abendland in Gefahr, wenn Suhrkamp untergeht, obwohl man das Abendland, siehe oben, durch Worte und Taten gerade manchmal selbst dementiert.

Wie kann eine Seifenoper zur Staatsaffäre werden?

Und so hat der Streit, der seit ein paar Jahren schon auf seinen Showdown wartet, eine sehr deutsche Seite: Wo sonst ist das Ende des Regenbogens wieder und wieder Stoff für die Seite 1 der Tageszeitungen, wo sonst berichten die Abendnachrichten über die Insolvenz eines Verlags - man kann sagen: Klar, wir sind halt eine gottverdammte Kulturnation, ein Volk von Gymnasiallehrern; man kann aber auch sagen: Merkwürdig, wie kann eine Seifenoper zur Staatsaffäre werden?

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Suhrkamp: Umwandlung in Aktiengesellschaft geplant
Das liegt natürlich daran, dass das ganze Literaturmetier eine übertriebene Nähe zum Staat hat, in der Gestalt von Institutionen, Preisen, Jurys, Stipendien - was zu einem Konformismus führt, der das Wesen der Literatur mehr und mehr beeinflusst: Es ist in der Krise, die Verlage wie Zeitungen durchlaufen, die freie Art zu schreiben und zu denken, die das erste und tragischste Opfer ist.

Die Suhrkamp-Soap zeigt jedenfalls, mehr als alles andere, wie gehorsam gedacht wird, wie gleichgeschaltet berichtet wird, wie bereitwillig Feuilletonisten und Schriftsteller die Geschichte kauften, dass hier Kunst (die ätherische Witwe) gegen Kapital (der geschniegelte Investor) steht - obwohl ein Verlag ja immer am Ende ein Unternehmen ist, das, anders geht es nicht, Geld verdienen muss.

Es wird ignoriert, dass ihre eigene Prämisse durch das Vorgehen von Suhrkamp ad absurdum geführt wird. Es wird so getan, als hätten nicht unternehmerische Entscheidungen und selbstverschuldete vertragliche Fehler zu dem Schlamassel geführt. Es wird weggelächelt, dass das Abendland gerettet wird durch einen Schachzug, den sich auch die Jungs von Lehman Brothers hätten ausdenken können.

Ewige Wiederholung eines geschickten Marketing-Moves

Nun hat sich im Feuilleton seit einer Weile eine dumpfe, konservative Art des Antikapitalismus breit gemacht, die nichts gemein hat mit der hellen, weltverändernden Art etwa von Occupy Wall Street - im Fall von Suhrkamp zeigt sich dabei die Verlogenheit speziell dieses rückwärtsgewandten Denkens, weil ganz offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es nur den eigenen Interessen dient.

Dazu kommt eine recht sinnfreie Verherrlichung der Vergangenheit - denn das Gebrüll von der "Suhrkamp-Kultur" ist ja kein Argument, es ist die ewige Wiederholung eines geschickten Marketing-Moves, mit dem dieser Verlag sein eigenes Programm als quasi identisch mit der schönen, modernen BRD setzt: Ich bin aber zum Beispiel auch in einer Rowohlt-Kultur aufgewachsen mit Hemingway und Camus, ich bin in einer Kiwi-Kultur aufgewachsen mit Don DeLillo und Bret Easton Ellis.

Suhrkamp, das zeigt sich immer wieder, ist vor allem ein Verlag der Avantgarden von gestern und der Backlist - seine Bedeutung heute wirkt bestenfalls wie eine Behauptung. Und wenn dieser Verlag überlebt, dann muss er sich den heute geliehenen Ruhm, auf dem morgen seine Rettung beruhte, in Zukunft verdienen.

Denn erst in der Krise wurde Suhrkamp wieder groß. Erst im Untergang erschien seine Bedeutung. Ein deutsches Drama.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Erklären...
Binideppert? 09.08.2013
...Sie mir bitte mal, was ein "geschickter Marketing-Move" ist. Hat das irgendwas mit Ihrer gepriesenen Hochkultur zu tun?
2. Überlebt
harryklein 09.08.2013
Suhrkamp ist eine Institution des "Nachkriegsdeutschland", ganz klar. Die Frage ist, ob man den Verlag deshalb unbedingt noch braucht. Heute gibt es eine ganze Reihe kleiner Verlage, die das machen, was Suhrkamp früher gemacht hat, zum Beispiel Kadmos, Diaphanes, Transcript usw.
3. Ich traue meinen Augen nicht ...
sonntagsbrötchen 09.08.2013
... der Artikel hätte auch von Fleischhauer kommen können.
4. ...ad definitorum:
yast2000 09.08.2013
Zitat von Binideppert?...Sie mir bitte mal, was ein "geschickter Marketing-Move" ist. Hat das irgendwas mit Ihrer gepriesenen Hochkultur zu tun?
Ein 'geschickter Marketing-Move' ist, wenn ein linksgerichteter Kultur-Verlag sich kapitalistischer Regeln bedient, um einen Investor auszubooten und weiter Literatur zu produzieren, die für nationalsozialistisch gesinnte Leser geschrieben wird, damit diese wie bisher kritikfrei auf der antifaschistischen/antistalinistischen Welle ihre Karriere voranbringen können, und sich nicht mit dem Makel ihrer intellektuellen Lebenslüge auseinandersetzen müssen.
5. ............
lupenrein 09.08.2013
'Marketing-Move' , egal ob mehr oder weniger geschickt - ist eine der vielen kulturellen Errungenschaften des Landes mit den unendlichen Möglichkeiten.....
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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