S.P.O.N. - Der Kritiker: Es gibt kein Entrinnen, Pofalla wird dich finden
Der politische Journalismus in Deutschland ist dem Stockholm-Syndrom erlegen. Im Bann der Macht ersetzen Journalisten ihr eigenes Urteil durch Spekulationen über Koalitionen und Karrieren und werfen nur noch mit Tortendiagrammen um sich. Und die Parteien machen munter dabei mit.
Haben es also doch die Medien verbockt? Giovanni di Lorenzo schien das sagen zu wollen, am Donnerstagabend bei Maybrit Illner, aber so ganz traute er sich wohl nicht.
Aber ja, "die Medien" haben es verbockt. Also vor allem: "die Printmedien" und "das Fernsehen".
Dieser Donnerstagabend war so ein Beispiel. Bei Maybrit Illner saßen erst fünf, dann sechs Journalisten und sprachen über Politik, als ob sie nicht alles sagen wollten, was sie wissen, und wenn jemand angefangen hätte zu rauchen, dann wäre sicher auch Werner Höfer noch vorbeigekommen: Es war irgendwie 1980, bloß ohne Rampensäue.
Davor aber war es viel, viel schlimmer. Davor war die "Berliner Runde", und wer sich bislang fragte, warum so vieles im Reden und Denken der Politiker, aber auch der Journalisten so gleichgeschaltet wirkt - hier war der performative Beweis: Reden und Denken sind gleichgeschaltet.
Eine knappe Sekunde versetzt sendeten ARD und ZDF diese ewig vergebliche Zahlenkreiselei, diesen Statistikplausch, dieses automatisierte Schlafwandlergerede, inszeniert als nationale Aufgabe, denn warum sonst sollten die beiden Volkssender, gefüttert von unserer Hand, genährt von unserem Geld, ihren Abend damit zubetonieren, dass sich Ursula von der Leyen und Katrin Göring-Eckart anlächeln.
Medien und Parteien haben die Politik gekapert
Ist das also Politik? Ein Spiel, in dem die übermächtig geworden sind, die eigentlich nur Dienstleister sind, Vermittler, Verdichter, Zuspitzer, Einpeitscher, Ermöglicher - die Medien und die Parteien haben die Politik gekapert und teilen die Beute nun unter sich auf.
Es gibt kein Entrinnen, das war die mediale Botschaft dieses Donnerstagabends, es gibt kein Entrinnen vor der Langeweile, vor dem Totquatschen, vor der anämischen Propaganda - bei der die Welt unter den Worten der Parteipolitiker zerfällt in 100.000 Wenn-danns.
Es gibt kein Entrinnen: Pofalla wird dich finden. Der war zwar gar nicht im Studio, aber natürlich ist er überall in Berlin, wo über Politik gesprochen wird.
Denn Pofalla "ist kein Einzelfall": Jemand, der mit dem Wegducken groß geworden ist. Ein Kofferträger der Politik. Ein rhetorischer Aktenschredderer. Jeder Satz sein eigenes Dementi. Jedes Wort sein eigenes Gegenteil. Atemlosigkeit als Ratlosigkeit. Ein ständiges Tut-mir-leid-ich-muss-weiter.
Gebückt, gebückt, unter der Last der Dinge, die er nicht sagen will - es geht ja um das Wohl des Staates: Und in dieser klebrigen Nähe, in dieser Dauerpräsenz lichtaktiver Floskeltiere, in dieser Sprachlosigkeit haben sich auch "die Medien" verloren, die das Denken und das Taktieren der Parteien übernommen haben.
Der ewige Messdiener
Das ist das Stockholm-Syndrom des politischen Journalismus. Die Rationalität der Macht ersetzt das eigene Urteil. Koalitionen, Posten, Karrieren, Prozente, Aufstieg, Abstieg, Tortendiagramme: Ist das schon alles?
Die Folgen sehen so aus: Jürgen Trittin, die Grünen - und natürlich das P-Wort, ein medialer Staubsauger, der alles aufsaugt. Die Partei strauchelt in den Umfragen, und das nicht zuletzt wegen eines Vorwurfs, der nichts damit zu tun hat, was bei dieser Wahl zu entscheiden ist.
Geschichte wird eingeschmolzen, Zusammenhänge werden verzerrt, die Grünen und Jürgen Trittin stellvertretend für einen Moralismus bestraft, der viele nervt. Es ist wichtig und richtig, auch diesen Teil der Geschichte zu verstehen und womöglich kritisch zu beschreiben: Er taugt aber nicht als Argument in der aktuellen politischen Auseinandersetzung.
Was auch Roland Tichy weiß, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche" und Typ ewiger Messdiener, der am Donnerstagabend bei Maybrit Illner saß und den Kopf beugte, als ob er betete, als ob er gleich weinen würde, er konnte nicht anders, es ist so schlimm, was Jürgen Trittin getan hat.
"Die Medien" halt.
Pinot Grigio, Stinkefinger, Tränen-Peer, das Schwarz-Rot-Gold-Kettchen, die Frau mit den tausend Sakkos, the Queen of Hackfleisch.
So richtig haben wir den Punkt nicht gemacht.
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Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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Volker Hage:
Marcel Reich-Ranicki
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