S.P.O.N. - Der Kritiker: Facebooks ferngesteuerte Affen
Facebook war mal ein Newsticker für Überraschendes - jetzt ist es eine blaue Wüste, in der Algorithmen die Herrschaft übernommen haben. Ein Schallschutzraum für unfreie Geister. Es wird Zeit, die Höhle zu verlassen.
Wann bin ich Facebook eigentlich verlorengegangen? War es, als sie anfingen, meine Daten zu verkaufen? War es, als sie mich zwangen, immer neuen Sachen zuzustimmen - ich weiß schon gar nicht mehr welchen? War es, als sie billige und bescheuerte Werbung auf die Seite stellten? Oder war es, als der Algorithmus, der alte Depp, die Herrschaft übernahm?
Facebook, fand ich, war mal lustig und interessant, so wie es lustig ist und interessant zum Beispiel Schülern auf dem Pausenhof dabei zuzusehen, wie sie sich in Pose werfen und sich inszenieren, wie sie cool sein wollen und dazugehören, wie sie sich anrempeln und ankumpeln und wie sie alles tun, damit sie gesehen werden, nicht wie sie sind, sondern wie sie sein wollen - es war ein pubertärer Spaß mit potentiell weltverändernden Konsequenzen, und die emanzipatorische Offenheit und die Möglichkeit der stumpfen Entropie hielten sich irgendwie die Waage.
Nun ist es eine blaue Wüste und nicht mehr ein Newsticker fürs frühe 21. Jahrhundert, eine Agentur des Überraschenden, das Nachrichtenmedium, das einem das lieferte, was man sonst nicht fand, weil es tatsächlich Menschen hier und dort gab, die anders dachten und Anderes lasen, Menschen, die in der Menge dann wirklich auf eine Art klüger waren als man selbst. Das war ja das schon wieder vergessene Versprechen des frühen Jahrhunderts - ich glaube auch immer noch, dass es im Prinzip richtig ist - the wisdom of crowds. Aber die Gier, Mark Zuckerberg und vor allem der Algorithmus haben es versaut.
Der Algorithmus frisst sich selbst auf
Eine Weile war es irgendwie faszinierend, ihm dabei zuzusehen, wie er so tat, als würde er einen kennen, ein Freund, ein Spion, man wusste es nicht recht. Und seit Big Data ein Angstwort geworden ist und die drei Buchstaben NSA den gleichen Schrecken verbreiten wie die vier Ziffern 1984, weiß man auch, was der Algorithmus alles anstellen kann, wenn man ihn denn effizient einsetzt. An Facebook allerdings kann man auch erkennen, wie der Algorithmus sich selbst auffrisst, und das ist schon wieder ein Schauspiel von ungewollter Aufklärungskraft.
Die eigenartige Dynamik von Facebook ist ja seit einer Weile: Je mehr Freunde man dort hat, desto enger wird die Welt, die man sieht, was an sich widersinnig ist. Schuld ist aber eben diese Mechanik, die mehr und mehr unser Leben reguliert, der Like-Button, der dem vorwitzigen Algorithmus suggeriert, er wisse, was wir wollen. In Wirklichkeit verzerrt sich aber erst seine eigene Wahrnehmung und dann unsere Wahrnehmung, und weil wir nicht so Deppen sind wie der Algorithmus, das wäre jetzt meine optimistische These, werden wir uns nach und nach aus dieser Wüste verabschieden und neue Orte suchen, mit kleineren Gruppen, anderen Zusammenhängen, neuen technischen Mitteln. Es ist der ganz normale Kreislauf von Neugier, Routine, Verfall und Aufbruch, der die Zivilisation seit jeher angetrieben hat.
Raus aus der Höhle
Ich glaube nicht daran, dass die Menschen sich gern und lange täuschen lassen, das ist zwar auch ein Teil der Menschheitsgeschichte, aber nicht der ganze. Irgendwann kam immer ein Platon vorbei, ein Descartes oder ein Quentin Meillassoux und hat sie rausgeführt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ich glaube auch nicht, dass die Menschen gern länger in der Höhle sitzen, zu der Facebook gerade die Welt wieder macht, weil sich einem nur zeigt, was man eh schon weiß, weil sich dort nur abbildet, was und wen man eh schon kennt: Es treibt die Menschen immer hinaus aus diesen Höhlen, fast zwangsläufig, und sei es aus Langeweile.
Die Langeweile ist eines der stärksten Mittel, die wir haben, unterschätzt in ihrer revolutionären Kraft, ein großer Feind von diktatorischen Systemen aller Art und eben auch von Facebook. Die Langeweile führt nicht zu Stagnation, sondern zu Veränderung. Die Langeweile markiert die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen einem offenen System und einem geschlossenen, zwischen dem Kalkül der Macher und der Selbstbestimmung der Menschen. Wenn wir uns langweilen, stehen wir auf und gehen.
In einer Zeit, in der wir nichts mehr brauchen als Welt, Welt, Welt, als Erklärungen, Analysen, Zusammenhänge, ist Facebook ein Schallschutzraum geworden für ferngesteuerte Affen.
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Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

Volker Hage:
Marcel Reich-Ranicki
(1920-2013)Der Kritiker der Deutschen.
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