S.P.O.N. - Der Kritiker Im totalitären Luxus-Zoo

Schokoladentafeln in Übergröße. Cremeliköre im Dreierpack. Louis Vuitton, Prada, Boss. Flughäfen mutieren zu Tempeln des Kapitalismus. Wer sitzen will, muss bei Starbucks einen Kaffee trinken.

Corbis

Ich habe nichts gegen Konsum, ich mag das sogar ganz gern: hier mal ein paar Schuhe, da mal ein Hemd, ab und zu ein Buch.

Ich gehe dazu meistens in eines der Geschäfte, in denen es Schuhe gibt oder Hemden oder Bücher, und manchmal kaufe ich die Sachen auch im Internet.

Selten fliege ich dafür nach Kopenhagen. Noch seltener fliege ich dafür nach Abu Dhabi. Am allerseltensten fliege ich dafür nach Singapur. Im Grunde so gut wie nie.

Die Flughäfen sehen aber genauso aus, als seien sie nur dafür gebaut: Fliegen ist hier ein Vorwand, es sind tatsächlich gar keine Flughäfen mehr, sondern große Einkaufszentren, wo die Passagiere im Jetlag-Taumel zwischen den Läden hindurchwanken, gefangen im Luxus-Zoo, Prada, Boss, Louis Vuitton, es ist die Exotik des Unerreichbaren.

Wer einfach reisen will, wird als störend empfunden. Die Schalter für Pass- und Passagierkontrollen werden immer weniger, verschwinden fast zwischen den Geschäften und Restaurants, das Eigentliche wird zum Nebensächlichen, die Dynamik, die ein Flughafen haben sollte, verliert sich in der totalen Bewegungslosigkeit.

Statik ist die Realität des heutigen Reisens. Alles dauert immer länger, zwei Stunden, drei Stunden früher da sein, eine Mischung aus Sicherheitsregime, Paranoia und Konsumzwang regelt die Abläufe, es ist so offensichtlich, dass es schon fast wieder lustig ist.

Konsumieren zur Überbrückung

Man findet sich in einem klimatisierten Zwischenreich, das wie eine postmoderne Vorhölle funktioniert. Alle warten, alle beobachten sich, Konsum ist da wie ein Reflex, um die Zeit, die an diesem einstigen Ort der Eile mittlerweile im Überfluss vorhanden ist, zu vernichten.

Alles ist so arrangiert, dass der im Zweifel verwirrte Passagier hier noch eine Riesen-Toblerone grapscht, da noch eine Dreier-Packung Bailey's, es ist fast Notwehr, die Sachen sind so in seinen Weg gebaut, dass er die Tische entweder umrennt oder das Zeug kauft.

Der ganze Rhythmus des Fliegens ist darauf abgestimmt, dass gekauft werden kann, gekauft werden muss - die Stühle etwa zum Warten verschwinden nach und nach, wer sitzen will, muss bei Starbucks einen Kaffee trinken.

Es ist eine einzige Messe für die Ersatzreligion des frühen 21. Jahrhunderts, es ist ein Regime der Zumutungen, das auf den Flughäfen regiert, und allein der Konsum bringt Linderung.

Und so traben in Abu Dhabi die Transitpassagiere wie in Trance immer und immer wieder durch die kreisförmige Wartehalle, keine Bank, kein Ruheort stört dort die Kauflust um fünf Uhr morgens.

Stresslevel beim Einchecken

Die Logik des Konsums wird dabei umgedreht: Hier ist man nicht mehr frei zu wählen, hier ist die Auswahl der Waren schon Manipulation, ein globalisierter Mainstream-Geschmack, auf den sich irgendwelche Leute mit Ferragamo-Krawatten geeinigt haben.

Seit jeher galt ja, dass man sich von wesentlichen Freiheitsrechten verabschieden muss, wenn man einen Flughafen betritt - es ist ein öffentlicher Raum, der nach Regeln funktioniert, die Wahlen oder anderen demokratischen Kontrollen entzogen sind.

Der Sicherheitsfuror der Behörden - speziell nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und jüngst erst wieder verschärft - ist dabei ein größerer Eingriff als fast alles, was man sonst im Alltag erlebt: Forscher haben herausgefunden, dass das Stresslevel von Passagieren auf dem Flughafen Heathrow in London ähnlich hoch ist wie bei Polizisten, die während Straßenschlachten für Ordnung sorgen müssen.

Neu ist bei alldem, dass sich auch die scheinbar heitere Warenwelt mit diesem Wahnsystem verbindet. Das Angstsystem verbunden mit dem Zwangskonsum zeigt damit das Gesicht des Kapitalismus in seiner postdemokratischen Form: Er greift ein in das Leben, den Zeitablauf, den Willen der Menschen, unhinterfragbar, alternativlos. Er ist zu einem allumfassenden Phänomen geworden.

Es ist der totalitäre Hedonismus, der auf den Flughäfen dieser Welt praktiziert wird.

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insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
raber 15.08.2014
1. Luxus-Flughafen vrs Service-Wüste
Ich frage mch ob sich Herr Diez sich auf ein paar wenige Flughäfen bezieht und leider verallgemeinert. Frankfurt wird zu Stosszeiten oft eng, Berlin Tegel erst recht. Buenos Aires und Sao Paulo haben völlig ungenügend Platzangebot und Mexiko genauso. Im Konsumtempel USA gibt es aber viele Flughäfen wo mehr als ausreichend Sitzgelegenheiten vorhanden sind: Chicago, Hosuton, Miami, usw. Als Vielflieger kann ich nur sagen, dass ich lieber einen Luxus-Zoo als Aufenthaltsplatz habe als eine Service-Wüste. Dabei kaufe ich praktisch nichts in diesen Flughäfen, nutze es aber aus, um mich umzusehen und oft viele Neugkeiten zu "entdecken". Von Konsumzwang zu reden, halte ich für stark übertrieben. Allerdings geben viele Leute dort Geld aus, da sonst all diese Geschäfte nicht überleben würden.
alfredjosef 15.08.2014
2. so isses
ja, genau!
glen13 15.08.2014
3.
Zitat von sysopCorbisSchokoladentafeln in Übergröße. Cremeliköre im Dreierpack. Louis Vuitton, Prada, Boss. Flughäfen mutieren zu Tempeln des Kapitalismus. Wer sitzen will, muss bei Starbucks einen Kaffee trinken. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-flughaefen-architektur-und-konsum-a-986278.html
Entspann Dich Georg. Nur labile Menschen belastet das Konsumangebot. Die Anderen genießen die Möglichkeiten. Also, nach dem nächsten Jetlag ausschlafen und nicht meckern.
ein-berliner 15.08.2014
4. Einfach mal in der Spiegel schauen
Da gibt es doch einige Vielflieger die sich im Terminal auch noch wichtig nehmen und wichtig tun.
Canosir 15.08.2014
5. Schon so, auch in Sao Paulo
In Sao Paulo (und auch anderen) ist der Duty free shop so angeordnet, dass man dort nach der Sicherheitskontrolle unmittelbar drinsteht. Man muss durch, bevor man in den Wartebereich kommt. In Madrid T4 ist das immerhin nur so fuer die Businesspassagiere, deren Lounge Eingang im Duty-free shop liegt. Das wurde letztes Jahr extra so umgebaut. Dass Flughaefen in den USA da nicht fuehrend sind, liegt nur an deren Alter. Kaum ein neues Terminalgebaeaude verzichtet auf diese "Supermarkttricks".
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