Von Georg Diez
Mein Lieblingssatz zu der ganzen Sache stammt von meinem Freund Nick aus Amerika, und in seiner Sprache klingt dieser Satz gleichzeitig charmanter und brutaler als auf Deutsch: "Kann ihm nicht jemand einfach einen großen, unhandlichen Gegenstand in den Mund schieben, damit endlich Ruhe ist."
Günter Grass also. Nick war so sauer, weil ihm diese ewige deutsche Selbstbespiegelung wahnsinnig auf die Nerven geht. Dieses Gejammer, dieses Besserwissen, auch dieses In-der-Vergangenheit-Hängen-und-Herumpulen. Er war auch sauer, dass Grass Israel mit der DDR verglichen hatte. Am meisten aber war er sauer darüber, dass Grass erst mal allen eine Lektion erteilt hat in Sachen Weltfrieden, Wahrheit und Gerechtigkeit und dann denen, die ihn kritisieren, im "SZ"-Interview unterstellt, sein Verhalten im Krieg nicht beurteilen zu können, da sie selbst ja nicht mal 40 Jahre alt seien .
Grass nimmt damit das dumme, folgenreiche Wort Helmut Kohls von der "Gnade der späten Geburt" und dreht es für sich um - das eine war Relativismus von rechts, das andere ist Relativismus von, na ja, links. Er suggeriert, es gebe keinen höheren moralischen Standpunkt, nach dem man persönliches Verhalten beurteilen kann, es gebe im Grunde auch keine abstrakten Regeln, keine Maßstäbe, die dem historischen Kontext enthoben sind.
Und doch tut er genau das, wenn er über Israel redet: Er urteilt, ohne sich einzufühlen oder hineinzudenken, er ignoriert die Umstände der Gründung Israels genauso wie die aktuellen Sorgen und Ängste vieler Israelis, er sagt, er bleibe dem Land "unkündbar verbunden", aber das klingt bei ihm wie eine Drohung.
Graben zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung
Es ist dieser gerade für einen Romanautor überraschende Mangel an Emphase, der so frustrierend ist - Durs Grünbein hat in der "FAZ" klug und ruhig dargelegt, dass das immer schon das Problem von Grass war. Grünbein beschreibt den Dichter Paul Celan, Jude und Holocaust-Überlebender, der bei einem Auftritt vor der Gruppe 47 auf eine kalte Wand der Ablehnung stieß: "Verblüfft war ich", schreibt Grünbein, dass Grass "auch fünfzig Jahre danach noch immer keinen Funken Verständnis für Celans Kälteschock unter den rechtschaffenen deutschen Schriftstellern aufbringen konnte."
Damit aber ist Grass nicht allein, gerade fünfzig, sechzig, siebzig Jahre nach dem Krieg - es bleibt eine Grobschlächtigkeit, eine Gemeinheit, eine Gereiztheit, eine Rechthaberei in dem Reden über Israel, die eigentlich nur mit andauerndem deutschen Unbehagen zu erklären ist. Wann sonst interessieren sich die Deutschen so sehr für Innenpolitik und Ungerechtigkeit eines anderen Landes? Wann sonst stürzen sie sich mit solcher Verve und Meinungsfreude auf Konflikte, von denen sie nicht sonderlich viel verstehen?
Es war dieser Ton, der die Diskussion über das Gedicht von Grass im Internet und auf den Leserbriefseiten prägte - die fast überwiegend ablehnenden Reaktionen in der Presse lesen sich nachträglich ein wenig wie der mühsame Versuch, diesen populistischen Ärger einzudämmen, aufzufangen, zu verdrängen. Aber die Spaltung, die sich hier aufgezeigt hat, ist das eigentliche Ereignis dieser Grass-Tage: Ein Graben zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung - und wer sich, wie Jakob Augstein in seiner Kolumne, auf die Seite der Grass-Freunde schlug, der wurde mit vielen Klicks belohnt.
Es ist eine merkwürdige Trotzigkeit, die sich bei all dem zeigt, eine Trotzigkeit, die Grass mit seinem Pathos, seinem Gestus, seinem so hohlen Moralismus in die Diskussion eingeführt hat. Er hat genau das Gegenteil dessen bewirkt, was er, sagt er, wollte: Er hat das Reden über Israel eben nicht geöffnet, sondern vergiftet. Erst mit dem Gedicht, dann mit dem Interview, in dem er sagte, Entschuldigung, ich habe ja gar nicht Israel gemeint, obwohl ich Israel gesagt habe, ich habe doch nur die aktuelle Regierung gemeint - aber da hatte der Dichter, der nicht auf seine Worte achtet, schon genug Schaden angerichtet.
Den Zionismus als Zionist kritisieren
Was bleibt, ist die ernsthafte Frage nach der Zukunft Israels. Und wer sich dafür wirklich interessiert, wer über die Sinnkrise dieses Landes etwas erfahren will, wer das existentielle Dilemma verstehen will, in das sich das Land durch die Besetzung von Gaza und dem Westjordanland selbst gebracht hat, wer die Verwandlung Israels unter innerem und äußeren Druck von jemand erklärt bekommen will, der nicht Richter ist, wie Grass, sondern Beteiligter, Betroffener, der sollte "The Crisis of Zionism" von Peter Beinart lesen.
Beinart kritisiert den Zionismus als Zionist, er legt Schicht für Schicht die demokratischen Wurzeln der Ideen Theodor Herzls frei, er ist extrem skeptisch, was die Art und Weise angeht, wie Israel mit Siegen, mit Macht, mit Überlegenheit umgeht, er bleibt bei all dem klar und klug und selbstkritisch, weil er weiß: "Dieser Konflikt zwischen einem jüdischen Staat, der auf demokratischen Prinzipien gebaut ist, und der Frage der Sicherheit und der Macht, die diesen Prinzipien widerspricht, prägt das ganze zionistische Projekt. Es ist eine Schlacht, die jede zionistische Generation mit sich selbst austrägt."
Beinart redet von Krieg und Frieden, er spricht sich für einen Palästinenserstaat aus wie all die Israelis auch, die ich kenne, er widerlegt auf jeder Seite das angebliche Schweigegebot, das Grass formuliert, und bleibt so fundamental an dem interessiert, was Menschen brauchen, um zusammen zu leben, egal, wie schwierig ihre Geschichte ist.
Es kommt eben immer darauf an, wer spricht und wie er spricht. Und was er mit seinen Worten wirklich erzählt: Grass redet nur von sich, er redet nicht von seinen Ängsten, seinem Schweigen, seiner Geschichte. Das macht sein Gedicht so dumm.
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