S.P.O.N. - Der Kritiker Hundstage der Demokratie

Sie lassen Deutschland ob seines Opferstatus' weinen, sie lassen Deutschland ob seiner Helden stolz sein: Jonathan Meese, Karl Heinz Bohrer und Nico Hofmann versorgen uns mit reaktionären Sommermärchen, die auch ohne Hitze unerträglich wären.

Eine Kolumne von


Es sind die Tage der Opportunisten und der Machtanbeter, es sind die Tage der Hitler-Beschwörer und der Hitler-Austreiber, es sind die Tage der heiligen Adelsverschwörung, es sind die Tage der ruchlosen Festspiele von Bayreuth, es sind die heißen deutschen Juli-Tage.

Es sind die Hundstage der Demokratie.

Jonathan Meese zum Beispiel, einfallslosester Künstler seiner Generation, der mal wieder in seiner Parade-, in seiner einzigen Rolle auftritt, als analfixierter, autoritärer, antiautoritärer, untertanenhafter, herrischer Demokratiefeind, schwarze Mähne, schwarze Kleidung, schwarze Gedanken - die Frage ist aber doch nicht, ob ein Hitlergruß von der Freiheit der Kunst gedeckt wird, klar, gern, die Frage ist, was an einer Kunst interessant sein soll, die wie von Sinnen gegen die "furzdemokratische Pupsmacht" anrennt, gegen die "Weltdiktatur der Demokratie", die die "Basisideologie der Ich-Pest" ist, "obszönste Nabelbeschau", "die Lehre des optimierten Mittelmaßes": Seit Jahren schon will Meese Hitler mit Hitler bannen, aber er beschwört ihn nur, immer und immer wieder, in seiner Eigenschaft als Nico Hofmann der deutschen Gegenwartskunst, aber dazu gleich mehr.

Der Sieg der Küchenpsychologie über die Weltgeschichte

Oder Karl Heinz Bohrer, Herrenreiter des Geistes, der dieses Mal zum 20. Juli sprechen durfte und dabei die Größe der preußisch-adeligen Hitler-Attentäter vor allem aus einem Grund beschwor - um zu zeigen, was für demokratische Moralzwerge wir doch sind: Angesichts dieser "Demonstration einer uns beschämenden Charakterstärke", warum eigentlich?, angesichts einer "so gefahrlosen, aber auch den Konformismus begünstigenden Gesellschaft wie der unseren", schon richtig, aber was hat das genau mit dem 20. Juli zu tun?, angesichts dieser "tragisch zu nennenden Konflikte, die inzwischen völlig jenseits unserer Erfahrung liegen", genau, und deshalb dürfen wir auch nicht urteilen über Helden, Mitläufer, Mistkerle, aber dazu gleich mehr.

Oder Nico Hofmann, der Mann, der Deutschland weinen lässt, der mit dem Geld von ARD und ZDF sein Umerziehungsprogramm vorantreibt und noch aus jedem Täter ein Opfer macht und mit jedem seiner scheußlichen Melodramen den Sumpf der Ambivalenz füttert - dieses Mal war es Heinrich George, so grob, so feist, so unsympathisch, dieser Aufschneider, dieser Volksschauspieler, dieser großspurige Feigling, der Hitlers Propaganda diente und seine Freunde ins Exil oder ins Lager verschwinden sah und nie verstehen wollte, was seine Schuld war: Hofmann und sein Regisseur Joachim Lang zwingen den Zuschauer auch in diesem Fall in die Überidentifikation mit dem Opportunisten, indem sie filmisch und gedanklich alle Grenzen von Dokument und Fiktion verwischen, indem sie die Wahrheit der Geschichte ihrer eigenen Erzählung unterwerfen oder der Erinnerung des Sohnes Götz George, es ist der Sieg der Küchenpsychologie über die Weltgeschichte.

Hofmann, dieser Monopolist des Dritten Reiches, ist besessen von Deutschland, er macht immer weiter mit dem achtteiligen Hitler, mit der schönen Frau Riefenstahl, mit den Nibelungenfestspielen in Worms - Meese, diese Karikatur eines deutschen Künstlers, ist genauso besessen von Deutschland, er macht immer weiter, mit dem Hitlergruß, mit seiner "Diktatur der Kunst", mit Wagner in Bayreuth 2016: Hofmann und Meese sind damit die beiden Extreme einer kulturellen Gegenaufklärung, die sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und auch Läppischkeit etabliert hat.

Es braucht keinen symbolischen Ehrenkodex

Und Karl Heinz Bohrer, diese Exil-Stimme des feuilletonistischen Selbsthasses, wendet seine Verachtung des deutschen Provinzialismus in feudalistische Fasziniertheit. "Je länger die Zeit wird", schreibt er, "in der wir uns von dem Tag, der als 20. Juli 1944 auf unserem historischen Kalender steht, zeitlich entfernen, desto mehr ist das Beispielhafte der Verschwörer jenes Tages zu begründen und zu erinnern. Sie selbst verstanden ihr Beispiel noch im Sinne eines symbolischen Ehrenkodex - sei er christlich-humanistisch oder preußisch-aristokratisch gewesen."

Aber gerade hier liegt ja der Fehler.

Es braucht keinen symbolischen Ehrenkodex, wie ihn Bohrer beschwört, um zu handeln, die Demokratie und die Menschenrechte halten eigentlich genug Argumente bereit. Es braucht keinen symbolischen Exorzismus, wie ihn Meese betreibt, seine Kunst besteht aus toten Klischees, und die wirklichen Feinde der Demokratie sind sehr viel mehr und sehr viel mächtiger. Es braucht keine symbolische Einschmeichelei, wie sie Hofmann produziert, die wesentlichen Fragen von deutscher Machtanbetung und deutschem Morden sind geklärt, wir müssen sie nicht wieder und wieder durchspielen, als sei der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens die dauernde Familienaufstellung.

Zu all dem passt natürlich, dass Frank Castorf, dessen "Ring des Nibelungen" am Freitag in Bayreuth Premiere hat, von sich sagt, er sei "ja auch kein lupenreiner Demokrat".

Hundstage.

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insgesamt 51 Beiträge
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WernerS 26.07.2013
1. und dazu steht im strahlenden kontrast
der bescheidene, intellektuell hervorragende, gebildete und moralisch jederzeit saubere Georg Diez.
Akka 26.07.2013
2. Georg Diez
schrieb, wie zu lesen ist, in seinen Kolumnen über alles. Wenn das so ist, dann kann man, wie oben nach zu lesen ist, auch nicht viel erwarten.
testthewest 26.07.2013
3.
Wieso alles? Er spricht doch nur von 3 Personen. Und die eine ist wirklich einfach nur ein Idiot mit seinen Phrasen. Was soll eigentlich überhaupt die permanente Rückwärtsgewandheit? Gibt's außer Hitler nichts mehr, was einen deutschen Künstler beschäftigen kann? Das sind da doch die Wagner Festspiele und nicht die Hitler Festspiele, oder?
BimsBamsRummelBommel 26.07.2013
4. An Meese wird die deutsche Welt genesen
"Jonathan Meese (...),einfallslosester Künstler seiner Generation(...)" Ja, seine Bilder sind scheusslich, seine Aktionen Krawallmacherei, seine "Kunst" somit unfokussiert. Mehr muss er nicht tun, weil er auf den blinden Fleck der westlichen Kultur verweist "Die Kunst darf alles". Daraus ergibt sich die Spannung: Erhält er ein Freispruch für den Hitlergruss? Was ist dann mit all den Rechtsradikalen? Kann eine Demokratie rechtsradikale Künstler (der er nicht ist), die gestalterisch mit dem Faschismus umgehen, verkraften? Umgekehrt: Wieviel möglichen Faschismus muss oder soll eine Demokratie in der Kunst verhindern, ohne zensorisch zu agieren? Der Meese ist wie ein Kind, er spürt, welche unlösbare Spannung in Deutschland im Umgang mit der Nazi-Vergangenheit herrscht, in Politik, Moral, Kultur. Und dann zeigt er den Hitlergruss und sagt: Guckt mal, freihändig! Was macht ihr euch in die Hose?
lullylover 26.07.2013
5.
Zitat von sysopSie lassen Deutschland ob seines Opferstatus' weinen, sie lassen Deutschland ob seiner Helden stolz sein: Jonathan Meese, Karl Heinz Bohrer und Nico Hofmann versorgen uns mit reaktionären Sommermärchen, die auch ohne Hitze unerträglich wären. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-jonathan-meese-karl-heinz-bohrer-nico-hofmann-a-913313.html
Die genannten Sommermärchen sind in der Tat unerträglich wegen ihrer nicht auszuhaltenden Plattheit. Gut, daß man als Nicht-Rezensent diesen Mist nicht bis zum Ende anschauen muß.
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