S.P.O.N. - Der Kritiker: Bloß nicht die Hände schmutzig machen!

Eine Kolumne von Georg Diez

Künstler Beuys: Eine "zutiefst deutsche Figur"? Zur Großansicht
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Künstler Beuys: Eine "zutiefst deutsche Figur"?

Mit Müdigkeit und Mutlosigkeit wird in den deutschen Kulturteilen Leben und Werk des Joseph Beuys verhandelt. Eigentlich wäre es an der Zeit, Beuys neu anzuschauen und frühere Urteile zu überprüfen - doch lieber werden die Augen verschlossen. Denn alles soll so bleiben, wie es ist.

Wann hat das eigentlich begonnen, das große Beschwichtigen, das Glattbügeln, das Zudecken, dieses gesamtgesellschaftliche Ach-was-ach-wirklich-ist-mir-doch-egal?!

Wer ist daran schuld, wer hat daran ein Interesse? Und wie noch mal genau wurde das Feuilleton zur Konsensmaschine?

Ist denn nicht Wachheit die Grundtugend des Geistes? Ist denn nicht Streit das Wesen des Intellekts? Ist denn nicht ein Argument das Schönste, was man sich denken kann, man kann es drehen und wenden, man kann es auf den Boden werfen und schauen, ob es bricht oder hält, man kann es auffangen und zurückwerfen, man kann es von hinten schleudern oder dem Gegenüber direkt ins Gesicht, all das sagt ja eine Menge aus über den Charakter.

Aber: Da herrscht Müdigkeit und Mutlosigkeit, da soll alles bleiben, wie es ist, da will jeder seine Ruhe, da hat das Ressentiment das Argument ersetzt. Es ist die ästhetische Fortsetzung des Merkelianismus, es ist das geistige Pendant zur politischen Lethargie. Die Abschaffung des Streits.

Beuys anschauen und ein paar Urteile überprüfen

Da erscheint zum Beispiel eine Biografie über Joseph Beuys, Held ohne Grund, einfach erst mal Held durch Anwesenheit, der Name bekannter als das Werk, das Werk bekannt nur in Klischees, die Klischees beliebig in diese oder jene Richtung zu drehen: Schamane, Okkultist, Großkünstler, Politonkel, Spaßmacher, Ernstmacher, Opernstar der deutschen Gegenwart und Geschichte, Verflüssiger, Verfestiger, Bastler der eigenen Legenden, Lügner, Hutträger, Grünen-Macher, Warhol-Kumpel, Steiner-Depp - einfach mal Zeit, Beuys anzuschauen und ein paar Urteile zu überprüfen.

Und was passiert? Die Rezensenten schütteln sich wie nasse Hunde, die aus dem Wasser kommen. Beuys der Esoteriker mit den rechten Gönnern, der Kriegsromantiker, der ewige Frontkämpfer? Das sind nur "ein paar Fakten oder Betrachtungen", so nennt das die Kunstkritikerin der "Süddeutschen Zeitung", "die von der Kunstgeschichte", dieser alten Tante, "bestenfalls als Fußnoten notiert werden müssen" - was so hochmütig wie abfällig wie läppisch ist: Die Biografie wird unter Phrasen begraben - und Beuys gleich mit.

Oder die "Zeit", wo der Autor die "ultimative Attacke" des Beuys-Biografen HP Riegel darin sieht, dass er Beuys als "zutiefst deutsche Figur" zeichnet, die "allzu gerne mit alten Nazis zusammenarbeitete und von ihnen gefördert wurde": "Hier ergibt die Kompilation aus Altbekanntem und neuen Einsichten in der Tat Beklemmendes", schreibt der Autor, belässt es aber dabei, weigert sich, eine Verbindung zum Werk herzustellen, weigert sich das Werk darauf zu überprüfen, das sei ein "grotesk eindimensionales Verständnis von Kunst".

Oder die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", wo der Literaturchef den SPIEGEL, der den kritischen Ton der Biografie übernommen hatte, erst mal als "Redaktion der Früherkennung für schlimme Wörter" beschimpft, ohne dass irgendwie klar wird, was damit gemeint sein soll - und der sich dann daran macht, mit grünspießiger Gewissenhaftigkeit die "Wunde", die Beuys selbst sein wollte, wieder zuzunähen, und sich im Anekdotischen verplempert.

Exzesse der Erkenntnislosigkeit

Aber das kann doch nicht Sinn der Sache sein. Einerseits immer mal wieder diese Exzesse der Erkenntnislosigkeit: Wow, echt, die deutschen Soldaten an der Ostfront waren Mörder und Schweine? Und anderseits dieses Schulterzucken: Geh weider mit dem alten Nazi-Schmäh, wir haben das schon so oft gehört, der Beuys jetzt auch, ach was? So holt man sicher keine Leser hinter dem digitalen Ofen hervor. Der Holocaust als notwendiges Opfer zur Weiterentwicklung der Menschheit? "Auch diese in der Tat unerträgliche Lesart des Holocaust hat nicht erst Riegel entdeckt", heißt es in der "Zeit", "er übernimmt sie aus älteren Quellen".

Ach so? Ja und? Das ist der beliebte Was-ist-daran-neu-Trick, mit dem gerade auch 200 Jahre Richard Wagner passend gemacht wurden. Bruder Wagner, sind wir nicht alle dunkel in unserem Herzen, wer frei ist von Schund, der werfe den ersten Speer: Kunst der Überwältigung, der Auslöschung und der Selbstaufgabe, Kunst als Sekte oder Kunst als Offenheit, Kunst als eigenes Reich oder Kunst als Welt - sie feiern fast automatisch den Todes-Komponisten wie den Wagner-Kumpel Beuys.

Dabei könnten sie es machen wie Beuys selbst. Man nimmt den einen Beuys-Satz, auf den alles hinausläuft: "Wer den Tod nicht kennt, weiß nicht, was Denken ist!" Und schneidet damit den Beuys-Hasen auf. Wühlt mit den Händen in den Eingeweiden, das ist schmutzig, das ist nicht schön, da ist das Herz, vielleicht schlägt es noch, da ist die Galle, weg damit, da ist viel Blut und die Hände sind rot davon, aber so ist das, wenn man sich für die Gedärme von Hasen interessiert.

Beuys, der sich freiwillig zur "Hitlerarmee" gemeldet hat, aus einem "Gefühl der Zugehörigkeit und Solidarität mit meinen Altersgenossen"? Beuys, der Hamsun-Verehrer? Beuys, für den Auschwitz eine Metapher war. Beuys, der die Riesenkluft, die sich im Nachkriegsdeutschland zwischen Aufklärung und Untergang auftat, ausfüllen wollte - und sich dabei immer für den Untergang entschieden hätte? Alles nur "Mutmaßungen", wie die "Zeit" meint?

Ich hätte es gern gehabt, wenn sich jemand die Hände schmutzig gemacht hätte. Wenn jemand erklärt hätte, was die Missverständnisse des grünen Denkens waren, wie die Dissonanzen ins ökologische Gedudel kamen, was der Unterschied ist zwischen fernöstlicher Spiritualität und dem groben Waberkult, in den sich Beuys hüllte, warum jetzt plötzlich Bienenvölker der letzte Schrei sind, warum Gegenwelten aus Filz besonders faszinierend sind für Leute, die sich sonst eher für die Marke ihrer Turnschuhe interessieren, was das Moderne, Postmoderne, Metamoderne, das Wahre und Weise, das Gegenwärtige oder Gestrige ist, was, ganz schlicht, die Faszination, die Ambivalenz, das eigene Unbehagen ausmacht an diesem Werk.

Es geht ja nicht darum, keine Sorge, liebe Apologeten, Beuys gleich hinzuhängen. Es geht erst mal darum, Beuys anzuschauen. So viel Streit muss sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Rieger + Vergangenheit
stapsiponti 24.05.2013
Mein Eindruck ist eher der, dass es Rieger um Rieger geht, weil mit Kunstwerken konnte, kann er nicht in die Welt der "Unsterblichen" aufsteigen. Nur: was immer eine Qualifikation des Menschen Josef Beuys hervorbringt, an dessen Werken ändert es nichts. Und die Interpretation des Werkes ist Sache des Betrachters, nicht die des Herrn Rieger. Daher: alles viel Wind um ein Nichts.
2. DLF-Interview
Emil Peisker 24.05.2013
Zitat von stapsipontiMein Eindruck ist eher der, dass es Rieger um Rieger geht, weil mit Kunstwerken konnte, kann er nicht in die Welt der "Unsterblichen" aufsteigen. Nur: was immer eine Qualifikation des Menschen Josef Beuys hervorbringt, an dessen Werken ändert es nichts. Und die Interpretation des Werkes ist Sache des Betrachters, nicht die des Herrn Rieger. Daher: alles viel Wind um ein Nichts.
Klaus Staeck war mit Beuys befreundet. Er kannte ihn gut und war auch mit ihm häufig auf Reisen. Im DLF-Interview sagte er zu den Vorwürfen, Beuys hätte eine rechtsradikale Tendenz und Nähe zu rehten Kreisen gehabt, dass dies von Medien hochgejazzt wurde, weil Beuys ohne Berührungsängste mit jedem sprach. Er hatte allerdings in 10 Jahren mit mir, nie nur ein Anzeichen von rechter Gesinnung gezeigt. Danke Klaus Staeck.
3. Irrtum
stapsiponti 24.05.2013
Sorry, er heisst Riegel, nicht aaders, hab' mich vertippt.
4.
P.Delalande 24.05.2013
Zitat von sysopAFPMit Müdigkeit und Mutlosigkeit wird in den deutschen Kulturteilen Leben und Werk des Joseph Beuys verhandelt. Eigentlich wäre es an der Zeit, Beuys neu anzuschauen und frühere Urteile zu überprüfen - doch lieber werden die Augen verschlossen. Denn alles soll so bleiben, wie es ist. Georg Diez über Joseph Beuys - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-joseph-beuys-a-901713.html)
Und was wollte der Kommentator nun eigentlich genau zum Ausdruck bringen? Das ist Ihm wohl während des Schreibens selbst abhanden gekommen, oder war wie so oft gar nicht erst vorhanden. Und so reiht er sich, ebenso mutlos, ein in die Gruppe derjenigen die er eigentlich kritisieren möchte. So bleibt also, wie meist bei Herrn Diez, wieder mal nur das hohle Geschwätz als Essenz.
5. Bienenvölker der letzte Schrei
chuckal 24.05.2013
Wenn Sie diese Formulierung mit linguistischem Bedacht gewählt haben, gebührt Ihnen Respekt. leider beschleicht mich die Ahnung, dass Sie das ebenso hingeschwurbelt haben, wie den Rest Ihres Artikels. Spiegel Online hat sich dankenswerterweise des Themas Bienen und der Gefahren, die das Bienensterben mit sich bringt immer wieder angenommen...Warum einen das jetzt einer rechten Gesinnung verdächtig machen soll, wenn man Bienen hält müssen Sie bitte erklären. Bienen sind so der "letzte Schrei", wie die Atomenergie seit Fukushima im Bewusstsein der Menschen endlich als Problem angekommen ist. Das Bienensterben ist ein Riesenproblem und sich mit Bienen zu beschäftigen, macht einen nicht zum Rechten. Oder liegt es daran, dass das Wort VOLK den Imkern flüssig über die Lippe kommt? So heissts nun mal... Und jetzt wieder ran an die Honigpumpe
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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