S.P.O.N. - Der Kritiker: Wann die Gegenwart begann

Eine Kolumne von Georg Diez

Einst besprach man in der Bundesrepublik pflichtbewusst jedes Buch, aus dem ein jüdischer Gebetsschal heraushing - heute heißt es: Kein Interesse an jüdischen Themen! Was nur zu gut zu einer Medienwelt passt, die am Jahrestag des Solingen-Anschlags betalken lässt "wie gefährlich Muslime sind".

Wann also begann die Gegenwart? Und wie und wann endet sie? Das sind so die Fragen. Ein Leser hatte immerhin diese Antwort für mich: "Das große Beschwichtigen begann nach den ersten Zuckungen im Jahr 1993 (SPD-Selbstauflösung und anschließender Asyl-Kompromiss parallel zu den Ereignissen in Südosteuropa), dann endgültig im Jahr 1998 kurz nach der Bundestagswahl mit einem Artikel in der 'Zeit'. Abgebildet war ein Porträtfoto von Wolfgang Schäuble, die Überschrift fragte "Was ist konservativ?". Direkt im Anschluss kamen dann die sogenannte Walser-Bubis-Debatte und der CDU-Spendenskandal. Ach so... und natürlich der Nato-Einsatz in Ex-Jugoslawien."

Die Gegenwart wird, mit anderen Worten, 20 Jahre alt. Vor 20 Jahren zum Beispiel war der Brandanschlag in Solingen, bei dem fünf Menschen starben, Saime Genc, Hülya Genc, Gülüstan Öztürk, Hatice Genc, Gürsün Ince - und was macht das öffentlich-rechtliche Fernsehen: Genau am Tag des Anschlags, am 29. Mai, wird bei "Anne Will" die Frage diskutiert, "wie gefährlich Muslime sind". Tut mir leid, aber ich weiß gerade nicht genau, wie ich das nennen soll: Dummheit, Dreistigkeit, Engherzigkeit, Redakteursverblödung, Skandal?

Dann gibt es ja gerade auch einen interessanten Prozess in Dresden, es geht dabei um den Jugendpfarrer Lothar König, der wegen schweren Landfriedensbruchs angeklagt ist, weil er angeblich bei einer Anti-Nazi-Demonstration zu Gewalt gegen Polizeibeamte aufgerufen habe - nach allem, was meine Kollegin Julia Jüttner von dem Prozess berichtet, ist das nicht nur Unsinn: Pfarrer, und selbst rauschebärtige Pfarrer wie Lothar König, sind ja auch nicht bekannt für Gewalt, im Gegensatz übrigens zu Nazis. Auch hier stellt sich die Frage, was für ein Wort besser passt: Zumutung, Maßlosigkeit, Mutwilligkeit, Frechheit, Parteilichkeit, Polizeiwillkür, Justizautismus?

"Ihr habt zum Glück nicht mehr die Deutungshoheit"

Und wie das so geht, saß ich just in dieser Woche mit einem Freund beim Tee, der Musiker ist und irgendwie auch Jude, und er erzählte mir von den Aufnahmen, die er gerade gemacht hat, und von den Stücken, die er gerade spielt, und irgendwann erzählte er von einem Abendessen im gepflegten, bürgerlichen Umfeld, es ging dabei um den ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter", er wurde immer stiller und stiller, mein Freund, weil er sich immer fremder und ungebetener fühlte, und irgendwann wurde natürlich diese laute, diese sehr laute Stille bemerkt, und einer der Anwesenden stellte ganz kühl fest: "Ihr habt ja jetzt zum Glück nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Geschichte."

Wie das wiederum zu zwei Ausstellungen passt, die vor ein paar Wochen eröffnet wurden? Die eine läuft im Jüdischen Museum Berlin und lautet "Die ganze Wahrheit... was Sie schon immer über Juden wissen wollten", in der ganzen Stadt sind Plakate zu sehen, auf denen steht in grell hingewischten Strichen: "Die Juden sind an allem schuld" oder "Die Juden sind auserwählt", darüber klebt dann ein gelber Zettel mit dem vielleicht provokanten, vielleicht doch verletzenden, vielleicht selbstbewusst ironisch gemeinten und letztlich doch sehr defensiven Titel der Ausstellung - "Die ganze Wahrheit" lässt jedenfalls das Vorurteil an seinem Platz und damit auch die halbe Wahrheit und strahlt eher ein Gefühl des Gefährdetseins aus als eines der Offenheit.

Und auch die zweite große Ausstellung eines Jüdischen Museums, dieses Mal in Frankfurt, geht direkt auf ein zentrales Vorurteil ein, neben der Weltverschwörung/Weltherrschaft ist das natürlich das Geld - und wieder ist es seltsam ernüchternd, wenn dem Publikum offensichtlich erst mal erklärt werden muss, woher das Vorurteil stammt (Mittelalter), das dann aber nicht wirklich zerstört werden kann (Gegenwart), wie denn auch, wenn zwischen Lessings Kitsch (Nathan) und Shakespeares Grausamkeit (Shylock) kaum Raum ist für jenes jüdische Selbstvertrauen und Selbstverständnis, das in den Schalmeiengesängen vom 9. November immer wieder beschworen wird.

Angst vor dem Antisemitismusvorwurf

Aber was soll und kann man auch erwarten, wenn zum Beispiel vor kurzem zwei herausragende Bücher in den Feuilletons, die doch sonst noch jeden Schmarren zu Tode rezensieren, einfach ignoriert werden: Nathan Englanders Story-Sammlung "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden" und Shalom Auslanders furioser Anne-Frank-Roman "Hoffnung. Eine Tragödie" - der Grund fürs Desinteresse an rasanten Gedanken, gefährlicher Komik, offensiver Selbsterforschung? Keine Ahnung. Es scheint mir jedenfalls nicht so lange her zu sein, dass noch jedes Buch, aus dem auch nur ein jüdischer Gebetsschal heraushing, bundesrepublikanisch pflichtbewusst besprochen wurde.

Maxim Biller (Full disclosure: Nur weil wir öfter zusammen Mittagessen gehen, denken selbst einige meiner Kollegen, dass ich auch Jude bin), der Schriftsteller Maxim Biller zum Beispiel versucht seit Jahren, dass irgendjemand im deutschen Theater sein Stück "Kanalratten" spielt, eine kluge, böse, irgendwie auch liebevolle Innen-Außen-Ansicht jüdisch-deutschen Geisteslebens und -hassens in den Nullerjahren - erst hört er von intelligenten Theaterregisseuren, sie hätten Angst vor dem Antisemitismusvorwurf, wenn sie das Stück inszenierten, heute hört er, dass es kein Interesse an jüdischen Themen gibt.

Das alles wiederum vor dem Kunst-Skandal der letzten Wochen, der In-flagranti-Absetzung der Tannhäuser-Inszenierung von Burkhard C. Kosminski durch den Düsseldorfer Opernintendanten Christoph Meyer, eine Art Zensur auf Krankenschein, weil, so die Begründung Meyers, durch die Inszenierung eine "gesundheitliche Gefährdung für das Publikum" ausgehen könne - Kosminski hatte gleich zu Beginn eine Gaskammer-Szene gezeigt und später dann, wie Tannhäuser eine jüdische Familie erschießt: Vorsicht, zu viel Hitler ist schlecht für ihre Verdauung.

Und Wagner ein Antisemit? "Ihr habt ja jetzt zum Glück nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Geschichte." So kann man das auch sehen.

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insgesamt 72 Beiträge
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1. Wohlfeil
karamzin 31.05.2013
Bei allem Respekt, aber diese Kolumne ist doch sehr wohlfeil. Da werden Verbindungen hergestellt, wie es gerade passt. Warum darf Anne Will angesichts der Anschläge von London und Boston nicht über Amok laufende Islamisten talken? Richtig, wegen des Solingen-Jahrestages, wurde ja auch nicht auf allen Kanälen drüber rauf und runter berichtet. Auch die Morde der NSU werden ja journalistisch unter den Teppich gekehrt, überhaupt keine kritische Berichterstattung. Und überhaupt erfährt das Dritte Reich viel zu wenig Aufmerksamkeit in den Medien. Blödsinn! Dass die Tannhäuser-Inszenierung abgesetzt wurde finde ich auch nicht gut (wobei ich Wagner in SS-Uniform schon ein wenig platt finde, und vor allem: wer will das sehen?), das hat in der Tat ein Geschmäckle. Aber es hat auch ein Geschmäckle, wenn offenbar gewisse Strömungen eine kritische Auseinandersetzung über fanatisierte Moslems für falsch halten. Und mal ganz ehrlich, die Sendung von Anne Will hätte auch an jeden anderen Tag laufen können, Georg Diez hätte sie immer für falsch gehalten. Oder nicht?
2. naja, man sollte
sitiwati 31.05.2013
das Thema einfach ein bischen ruhen lassen-in Israel tut mans-da läuft nicht jeder Israeli und Jude rum und schreit :IHR NAZIS ! also, einfach den Ball mal flachhalten !
3. Erwartung erfüllt
Schäfer 31.05.2013
Zitat von sysopAli KepenekEinst besprach man in der Bundesrepublik pflichtbewusst jedes Buch, aus dem ein jüdischer Gebetsschal heraushing - heute heißt es: Kein Interesse an jüdischen Themen! Was nur zu gut zu einer Medienwelt passt, die am Jahrestag des Solingen-Anschlags betalken lässt "wie gefährlich Muslime sind". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-juedische-themen-heute-a-903048.html
Dazu passt wie Faust aufs Auge, dass im Mainstream nach Kirchweyhe und Woolwich die Befürchtung betalkt wird, die Muslimablehnung könne sich verstärken. Dass Ereignisse durch Verdrehen in ihr Gegenteil instrumentalisiert werden, ist der Medienkonsument schon gewohnt. Das ist der Grund für den Verlust der Meinungsführerschaft.
4.
TC Matic 31.05.2013
Zitat von sysopAli KepenekEinst besprach man in der Bundesrepublik pflichtbewusst jedes Buch, aus dem ein jüdischer Gebetsschal heraushing - heute heißt es: Kein Interesse an jüdischen Themen! Was nur zu gut zu einer Medienwelt passt, die am Jahrestag des Solingen-Anschlags betalken lässt "wie gefährlich Muslime sind". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-juedische-themen-heute-a-903048.html
Mir war gar nicht bekannt, daß der fürchterliche Anschlag in Solingen vor 20 Jahren ein Anschlag auf den Islam war. Wenn das sooo ist, dann durfte Anne Will selbstverständlich nicht über die Gefährlichkeit des Islam "talken".
5. optional
mmk749 31.05.2013
Der Verfasser dieser Kolumne muß in irgendeiner Parellelwelt leben. Was und worüber er redet weiß wohl nur er selbst.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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