S.P.O.N. - Der Kritiker Heidegger ein Nazi? Meister Proper!

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger soll ein rechtsradikaler Platoniker sein? Ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit? Seine Tagebuchnotizen sprechen Bände - doch im deutschen Feuilleton reagiert man gerne mit der typischen deutschen Abwehrhaltung.


Martin Heidegger war ein Rassist, ein Antisemit, er feierte seinen Führer, er wusste, dass das deutsche Volk auserwählt war, die Welt zu retten, vor Kommunismus und Kapitalismus, vor der Moderne und den Massen, vor Liberalismus und Demokratie - aber was soll's, das ist doch öde, das ist doch bekannt, das ist doch so aufregend wie Claude Lanzmanns Film "Shoah", dieser Neun-Stunden-Stimmungskiller.

Es gibt doch viel geilere Sachen: Das öffentlich-rechtliche Zwangsfernsehen etwa, finanziert mit Zwangsgebühren, mit all den dann auf Kommando gefeierten Drei-, Acht-, Elfteilern, die nochmal und nochmal davon erzählen, was für Schweine die Wehrmachtsdeutschen an der Ostfront waren und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass dieser Oberschurke "uns Deutsche" verführen konnte - aber Heideggers Wüten und Wahn, wenn er etwa schon 1929 vor der "wachsenden Verjudung im weiteren und engeren Sinne" warnte: "Phrasen", winkt gelangweilt Jürgen Kaube in der "Frankfurter Allgemeinen" ab.

Ihn kann es nicht interessieren, wenn im März Heideggers Tagebuchnotizen veröffentlicht werden, die nochmal die ganze Härte und den hässlichen Hintergrund des Heideggerschen Denkens beleuchten. Ihn kann es nicht überraschen, wenn jetzt schon vorab aus Frankreich einige besonders rassistische und antisemitische Details kolportiert werden, denn mit Kolportage macht er sich nicht gemein. Er ist schließlich Feuilletonist - und haut deshalb lieber auf den Kollegen Assheuer von der "Zeit" ein, der schreibt, dass Heidegger sich jetzt "nur noch schlecht verteidigen" lässt.

Aber so einfach ist es natürlich auch nicht. Wer Heidegger verteidigen will, muss ihn ja gar nicht verteidigen: Man kann auch erstmal abwinken, auf eine "Dokumentation der nationalsozialistischen Sprüche Heideggers" aus dem Jahr 1962 verweisen und etwas angewidert abwiegeln, dass das alles doch nichts Neues sei. Das ist die beliebteste Strategie im deutschen Geistesleben der vergangenen 70 Jahre. Damit kann noch jeder Vorwurf in der Substanz bestehen bleiben, und man entwertet die Kritik scheinbar und doch ohne jedes Argument.

Einen Denker verteidigen, ohne über sein Denken zu reden

So wurde schon 2009 Emmanuel Fayes Buch "Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie" abgetan. Nichts Neues, hieß es auch damals: philosophisch mangelhaft, oberflächlich und damit implizit auch irgendwie undeutsch sei das, was der Franzose Faye da über diesen so "einflussreichen" Denker schreibt. Auch das ein tautologisches Nicht-Argument, das den Einfluss eines Philosophen mit dessen Bedeutung gleichsetzt, womit sich jede Kritik performativ erstmal im Nebel seines Ruhms verliert.

Und es gibt noch weitere Strategien, wie man einen Denker verteidigt, ohne über sein Denken zu reden: Man verweist auf Freunde und Bewunderer, die über jeden Zweifel erhaben sind und im Fall von Heidegger am besten auch noch jüdisch - Hannah Arendt etwa wäre so ein Joker, obwohl es sogar antisemitisch sein kann, speziell auf jüdische Bewunderer zu verweisen, und sich übrigens auch Juden irren können.

Eine andere Strategie ist es, das Denken auf "Irrtümer" zu reduzieren, die in einer bestimmten Zeit passiert seien - in Heideggers Fall eben "nur" der fast fanatische Führerglaube der Jahre 1933 und 1934, kombiniert mit einem elitär ins Geistige übersteigerten, die Biologie noch übertrumpfenden Rassismus. Als sei das noch okay, weil ohne Judenmord, als sei diese Idee ganz überraschend und aus heiterem Himmel 1933 in Heideggers Kopf geraten und nicht schon, wie Faye zeigt, in seinem Werk der zwanziger Jahre vorbereitet. Als sei so ein höherer geistiger Antisemitismus besser als das, was die Schergen der SA und der SS mit den Juden trieben. Als sei solch ein Denken etwas, das man mit dem Wort "Irrtum" beschreiben könnte und das man einfach so ablegt, wenn man nur lang genug auf einer Hütte im Schwarzwald ausharrt.

Der oberste Glaubenssatz aber, schier unhinterfragbar in seiner Evidenz und sicher auch bald eine Strategie der Heidegger Nicht-Verteidiger, lautet: Leben und Werk von Schriftstellern und auch Denkern sind streng voneinander zu trennen - als seien Texte etwas, was direkt von Gott geschickt wird, eine Art unbefleckte Empfängnis der Gedanken, womit zugleich das eigene tempelhaft-kunstreligiöse Kunstverständnis zum Argument gemacht wird gegen seine Gegner.

Geistesaristokratische Arschlochmentalität

Kunst hat ein besonderes Verhältnis zum Leben, Kunst ist etwas anderes als das Leben. Aber Kunst vom Leben trennen zu wollen - so rigoros und Meister-Proper-haft - wirkt wie eine Ideologie, die dazu erdacht wurde, Menschen von ihrer Biografie zu trennen, um bei all den Scheußlichkeiten, die sie gemacht haben, wenigstens ihre scheußlichen Werke zu retten. Eine speziell deutsche Denkweise, geboren genau aus jenem herrisch-aggressiven Universitätsmilieu, das in Martin Heidegger seine vielleicht böseste Schnabeltasse hatte.

Wenn man nun wieder über die hässlichen Seiten seines Lebens redet, sollte man deshalb endlich auch wieder über die hässlichen Seiten seines Denkens reden, über das Raunende, Sektenhafte, Vernunft- und Menschenfeindliche, über die Sprachklumpen, den so dumpfen wie verführerischen, weil so einfach wie schwer verständlichen Technologie-Ekel, seinen Hölderlin-Kult auch und überhaupt die immer noch herumgeisternde Art von geistesaristokratischer Arschlochmentalität.

War das also, was Heidegger mindestens in den zwanziger und dreißiger Jahren vertrat, wollte und formulierte, Nationalsozialismus oder "rechtsradikaler Platonismus", wie es ein Kritiker nannte? Es gibt doch noch ein paar Fragen zu klären im März, wenn Heideggers Schwarze Hefte veröffentlicht werden - und vor allem gilt es zu verstehen, wie sich Heideggers Denken so tief in 20. Jahrhundert bohren konnte, bis weit hinein in die Postmoderne, und was das genau bedeutet.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
derdichter 03.01.2014
1.
ein fantastisch geschriebener artikel! applaus an den autor! bravo!
nvdh. 03.01.2014
2. Mehr davon, bitte!
Mehr von solchen gedanklichen Ausflügen. Sehr viel ersprießlicher als manch andere Artikel bei spon...
Krasputin 03.01.2014
3.
Super Artikel! Habe (als nicht-Philosoph zwar) auch haeufig den Eindruck gehabt, dass die deutsche Heidegger-Forschung die unappetitlichen biographischen Details gerne uebergeht, was Herr Diez ja auch anspricht: Trennung zwischen Biographie und Werk. Die eigentlich interessante Frage waere ja aber: wie kann es sein, dass Heidegger, als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, in seinen persoenlichen Ansichten den abgruendigsten rassistischen und antisemitischen Klischees verfallen ist? Und was sagt es ueber sein Werk, dass der selbe Mann, der die Philosophie nachhaltig gepraegt hat, gleichzeitig die stumpfsinnigste nationalsozialistische Propaganda problemlos schluckt? Und was sagt das ueber sein Werk aus? Und natuerlich: die Tendenz, H.s Biographie auszublenden, ist ja nun nichts neues. Das macht das Feuilleton seit 1945.
manten75 03.01.2014
4. Langweilig
ist es Menschen auf einzelne Aussagen zu reduzieren. Auch wenn jemand mal die Falsche Meinung hatte, wird dadurch ja nicht sein ganzes Leben und Wirken entwertet. Aber die Journallie hat ja nix ausser Gesinnungsjournalismus druff und deswegen ist eine Antisemitismus/Nazi/Sexistenssau etc. immer willkommen um durch das mediale Dorf getrieben zu werden.
2idane 03.01.2014
5. So richtig echte
Schön, wie Diez die perfiden Mechanismen des argumentlosen Abwertens bloßlegt. Doch leider hat auch er selbst wenig mehr zu bieten. Die Unterscheidung von Werk und Biographie ist nicht tempelhafte "Kunstreligion", sondern der Tatsache geschuldet, dass ein bedeutendes Werk immer "größer" und "klüger" ist als sein Verfasser - genau genommen liegt die Bedeutung des Werkes sogar genau in diesem Überschuss. Und so kommt es, dass sogar menschliche "Arschlöcher" in Kunst, Literatur oder Philosophie Bedeutendes hervorbringen können. Das macht sie "als Menschen" nicht akzeptabler. Aber ihr Werk auch nicht kleiner.
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