21. Dezember 2012, 14:47 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Politik der Angst

Eine Kolumne von Georg Diez

Merkel macht auf Maya, Schirrmacher beschwört einen bösartig egoistischen Menschentyp, Suhrkamp-Autoren schreiben den Untergang herbei. Überall werden apokalyptische Szenarien bemüht, um Ideen und Interessen umzusetzen. Demokratie geht anders.

Jetzt, wo die Welt doch nicht unterzugehen scheint, können wir uns ja mal fragen, wem das eigentlich genützt hat, das Reden vom Ende, das auch das Reden von einer möglichen Rettung impliziert und wie alles Reden nicht frei von Interessen ist.

"Wer die Katastrophe in den politischen Diskurs einführt, der gibt damit den Horizont des Möglichen auf zugunsten einer einfachen Alternative: Untergang oder Rettung", sagt der französische Philosoph Michael Foessel. "Die Katastrophe ist kein Argument in einem demokratischen Diskurs."

Foessel meint nicht die Maya, er meint Angela Merkel, er meint die Politiker und die Journalisten, die sich immer selbstverständlicher im endzeitlichen Blublub verlieren. "Ich bin erstaunt über dieses dauernde Heils-Gerede", sagt Foessel, der das kluge, kühle Buch "Après la fin du monde" geschrieben hat, eine, so der Untertitel: "Kritik der apokalyptischen Vernunft".

Sie reden von der Rettung des Planeten, von der Rettung Europas, von der Rettung des Euro, von der Rettung der Renten - es ist ein merkwürdig manichäisches Vokabular, das gut in unsere gegenaufklärerischen Zeiten passt: Für den Aberglauben wie für die Apokalypse brauchen wir die Maya nicht, wir schaffen das schon selbst.

Ein medialer, fast metaphysischer Dauerdruck

Das Ergebnis ist der permanente Ausnahmezustand, den schon Giorgio Agamben beschrieben hat, das Ergebnis ist ein medialer, fast metaphysischer Dauerdruck, der die Demokratie zerreibt, die von der Freiheit lebt, die Welt als etwas zu sehen, das erst durch unsere Entscheidungen geschaffen wird - das ist das Erbe der Aufklärung, das ist Denken, das sich gegen die herrschende Macht wendet, die ja als einzige profitiert, wenn die Angst regiert.

"Lange Zeit war die apokalyptische Phantasie eine Sache der Linken", sagt Foessel, "denn sie war revolutionär: Das Ende des Ancien Régime, das Ende des Kapitalismus, das war auf die Ankunft einer wahrhaft freien und gleichen Gesellschaft gerichtet. Es war eine Art angewandte Fortschrittstheologie. Heute hat die Katastrophe den Glauben an ein besseres Morgen abgelöst - das Katastrophendenken ist damit konservativ geworden."

Der Weltuntergang ist heute rechts. Und auch der Marxismus, so scheint es, ist heute rechts. Oder, wie es in der Ankündigung von Frank Schirrmachers neuem Buch "Ego" heißt, das im Januar erscheint: "Vor sechzig Jahren wurde von Militärs und Ökonomen das theoretische Modell eines Menschen entwickelt. Ein egoistisches Wesen, das nur auf das Erreichen seiner Ziele, auf seinen Vorteil und auf das Austricksen der anderen bedacht war: ein moderner Homo oeconomicus. Nach seiner Karriere im Kalten Krieg wurde er nicht ausgemustert, sondern eroberte den Alltag des 21. Jahrhunderts. Aktienmärkte werden heute durch ihn gesteuert, Menschen ebenso. Er will in die Köpfe der Menschen eindringen, um Waren und Politik zu verkaufen. Das Modell ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Es wächst ein neues soziales Monster heran, das aus Egoismus, Misstrauen und Angst zusammengesetzt ist".

Das ist die Politik der Angst, im Ton und im Gestus, auch wenn Schirrmachers Buch, so heißt es, gerade das Gegenteil will: die Demokratie retten. Aber das radikal Böse, das in diesen Sätzen beschworen wird, das ganz Andere, das in der Sprache anklingt, ist eben schon selbst Teil des apokalyptischen Denkens und lässt sich nicht mit der Aufklärung verbinden, aus der ja erst die Demokratie in der heutigen Form, mit allen Rechten, Gesetzen, Pflichten und Freiheiten, entstanden ist.

Der Antikapitalismus als Freizeitsport der gebildeten Schichten

Der Antikapitalismus wiederum, der einen hier so unerwartet von rechts anfährt, ist so etwas wie der Freizeitsport der gebildeten Schichten geworden - zu beobachten zuletzt in den Stellungnahmen der Schriftsteller beim Streit um das Haus Suhrkamp, der ja selbst schon im Ton einer kleinen Apokalypse geführt wird. Es scheint, dass alles Denken gerade das Ende sucht.

"Lieber Leser", so spricht Durs Grünbein den "FAZ"-Leser an. "Der Rechtsstreit im Hause Suhrkamp ist keine 'Soap Opera' und kein Gerichts-TV, er ist ein sehr reales Ringen um Wirtschaftskonzepte, die so grundverschieden sind, dass sie einander ausschließen. Er ist, in letzter Konsequenz, ein Kampf um Leben und Tod".

Ach wirklich? Was wäre denn dieses "Ringen um Wirtschaftskonzepte"? Auf der einen Seite, sagt Grünbein, steht der "aggressive Neo-Kapitalismus", der, pauschal gesagt, "einige der westlichen Gesellschaften erst jüngst in die Krise stürzte und Investitionsruinen in Form von Tourismusanlagen und Wohnungsbauprojekten, versenkte Flaggschiffe des Journalismus, uniformierte Fußgängerzonen in den Innenstädten hinterließ" - und auf der anderen Seite?

Auf der anderen Seite, so scheint mir, steht eine Verlegerin, die sich um das Gesellschaftsrecht nicht schert und von ihrem Anwalt schlecht beraten wurde - ein "Wirtschaftskonzept" würde ich das noch nicht nennen. Aber egal: Wenn es um den "bedeutendsten Verlag der westlichen Welt" (Friederike Mayröcker) geht, ist Weltuntergang Bürgerpflicht.

Das zauselige Gerede von der "Suhrkamp-Kultur"

Das schon immer etwas zauselige Gerede von der "Suhrkamp-Kultur" wurde dabei in den letzten Tagen immer zauseliger, so dass man sich schon fragen konnte, wer dieser Kultur nun mehr schadet, der Rendite-Freund Barlach mit seinen hohlen Sätzen oder Super-Schwurbler wie Peter Handke.

"Eigentlich sollte einem, vielleicht nicht allein meinem, Zorn Luft verschafft und im Niederschreiben Form, oder wenigstens der Anschein davon, verliehen werden", so stammelte er los, und da hätte man schon Schlimmes vermuten können - aber dass er dann gleich noch die Grundlagen unseres Staates lächerlich machte und sich als der elitäre Depp zeigte, der er leider ist, das überraschte dann doch: das sogenannte Recht, das knechtende Recht, dieser "ewige, andersewige Rechtsstreit" also.

Genau, "andersewig", aber anders als "andersgelb" ist das dieses Mal nicht positiv gemeint: Handkes schulterklopfende Riesenglosse in der "Zeit" ist voll von diesem Hi-Hi-Humor - der traurige Kern allerdings ist eine Rechtsverachtung, die so viel Schaden anrichtet, weil sie sich wieder mal so tief in diesen traurigen deutschen Topos hineinbohrt: der Gegensatz von Geist und Geld.

Aber das ist der geistige Gleichschritt, mit dem sich die Suhrkamp-Autoren in diesen Tagen vorwärts bewegen, das ist die bedrückende Konsequenz aus jedem apokalyptischen Dualismus, aus diesem drohenden, dräuenden Entweder-Oder, das ist das Problem mit einem schlichten, neobürgerlichen Antikapitalismus, der den Antikapitalismus selbst desavouiert: Wenn man vom Ende her denkt, ist das oft das Ende des Denkens.


URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH