S.P.O.N. - Der Kritiker: Schlechte Fiktion, dieser Kandidat

Eine Kolumne von Georg Diez

Was die Republikaner uns zur Zeit im Wahlkampf vorführen, ist die Fiktionalisierung der Politik - und so ist das Mittel der Literaturkritik am besten geeignet, diese amerikanische Komödie zu bewerten. Mitt Romney ist demnach nicht mehr als der Held eines ziemlich miesen Romans.

US-Präsidentschaftskandidat Romney: Held eines ziemlich miesen Romans Zur Großansicht
AFP

US-Präsidentschaftskandidat Romney: Held eines ziemlich miesen Romans

Was ist Amerika für uns? Früher war das leichter zu sagen, da war es wahlweise das radikale Böse oder das leuchtende Gute, da gab es ein Versprechen von Freiheit, vielleicht auch von Wohlstand, das für manche wie ein Fluch wirkte, weshalb sie dann Bomben warfen: Zwei von denen, die damals gegen den Kapitalismus kämpften, stehen von heute an vor Gericht, Christian Gauger ist 71, Sonja Suder ist 79, sie sollen Waffen für den Sprengstoffanschlag auf die Opec in Wien transportiert haben, 1975 war das, und die Bilder der beiden führen zurück in eine Zeit, als das Hassen auch nicht geholfen hat.

Aber diese Zeiten sind ja längst vorbei, und ich glaube auch nicht, dass der Kollege Fleischhauer recht hat, der am Donnerstag schrieb, der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf etwa werde in Deutschland mit einem "heiligen Ernst" verfolgt - schon allein deshalb, weil die Position Amerikas in der Welt sich so deutlich verändert hat, weil der Schatten oder das Licht, je nach politischer Haltung, nicht mehr so klar zu erkennen ist, weil es gerade eher die Chinesen sind, bei denen sich die EU anbiedert, das war ja das Schauspiel am Donnerstag beim Besuch von Premier Wen Jiabao in Brüssel, der es schaffte, die Pressefreiheit und damit die Demokratie in der europäischen Hauptstadt für eine Weile zu suspendieren.

Der "heilige Ernst" ist heute eher für die Wirtschaftsberichterstattung reserviert als für den Politikteil, und da darf man dann auch seinen alten antiamerikanischen Reflex ausleben, der vor allem darauf abzielt, sich selbst, als Deutscher, als Europäer, gut zu fühlen, meistens vollkommen ohne Grund. "Apple-Manager handeln wie in einer Diktatur", posaunte etwa die "Süddeutsche Zeitung" mit dem Stolz eines Fahrkartenkontrolleurs, der gerade ein paar Schwarzfahrer erwischt hat: "Alles bestimmt die Zentrale" (Diktatur!), "bis hin zu den Sprüchen der Verkäufer" (Diktatur!!), und "um Ethik wird sich nicht groß gekümmert" (anders als bei BMW und Siemens!). "Diese Weltmacht definiert Gesellschaft als Ansammlung von Käufern, nicht als Gruppe von Menschen mit vielen Interessen und Rechten" (genau, rufen Georg Simmel und alle dumpfen Anti-Kapitalisten seither!). Und dann kommt's: "Der Lorbeer von Apple ist schmutzig."

Mitt Romney - schlechte Mathematik?

Das ist natürlich Feelgood-Journalismus. Was aber Mitt Romney angeht, da haben sich die meisten angelsächsischen Beobachter längst in Humor geflüchtet, zu Recht oder zu Unrecht - aber was will man auch machen mit Romney, diesem Holzgesicht, dem schon das eigene Lächeln Schmerzen bereitet: Er sieht aus wie ein Mann, "der sich mit einer Schulterverletzung in einen engen Smoking zwängt", findet der Schriftsteller Martin Amis, der für "Newsweek" den Parteitag der Republikaner besucht hat - und die Frage, die sich alle dort stellten, war, ob "Mitt der Kerl ist, mit dem du gern ein Glas Wasser trinken gehen würdest?!"

Auch das politische Programm der Republikaner kann Amis nur mit der Brille des Humoristen sehen. "Uncle Sam", schreibt er, "hat eine höchst eigenwillige, sogar exotische, fast abergläubische Verehrung für Geld. In jedem anderen Land der Welt würde die eine Idee, die die Republikaner in diesem Jahrhundert hatten, nicht noch einmal hervorgekramt, bejubelt und mit einer zweiten Chance belohnt werden. Steuererleichterungen...für die Reichen?" Wenn sie schon keine Kompromisse mit den Demokraten eingehen wollen, schreibt Amis weiter, vielleicht wollen die Republikaner dann wenigstens einen Kompromiss mit der Wirklichkeit eingehen?

Was die Republikaner da vorführen, ist, mit anderen Worten, die Fiktionalisierung der Politik - und so ist vielleicht das Mittel der Literaturkritik am besten geeignet, diese amerikanische Komödie zu verstehen. "Fifty Shades of Gray", so hieß etwa das Romney-Porträt in "Harper's", die Geschichte eines Mannes, der "alle Haltungen geändert hat, die er jemals hatte, der sich ein falsches Lächeln zugelegt hat und für seine Autos einen Aufzug bauen ließ". Es ist das gleiche Amerika, es ist die gleiche Geisteshaltung, es ist die gleiche Schlichtheit, die in dem Über-Bestseller vorgeführt wird - das "Gosh" und "Gee" von Romney könnte auch von Anastasia Steele kommen. Der Untertitel der "Harper's"-Geschichte war: "Mitt Romney as bad fiction".

Bleibt die Frage, ob Mitt Romney nicht auch "bad math" ist. Auch der Kollege Fleischhauer etwa rechnet ja vor, dass die Staatsschulden unter Obama gestiegen sind, und zwar ordentlich, seit 2008.

2008? War da nicht was? Ach ja, der Bailout für die Banken! Die ganzen Konjunkturprogramme, die nötig waren, weil die Spekulanten die Wirtschaft lahmgelegt hatten auf eine Art und Weise, wie es selbst die größten Streiks in den dunklen siebziger Jahren nie geschafft haben. Womit wir wieder bei den "Revolutionären Zellen" wären, dem Prozess gegen die alten Terroristen und einer Vergangenheit, die traurig und lachhaft zugleich wirkt. Und sehr, sehr lang her.

Für ihren Putsch jedenfalls brauchen die Republikaner keine Bomben. Sie senken einfach die Steuern.

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
im-wilke 21.09.2012
Zitat von sysopWas die Republikaner uns zur Zeit im Wahlkampf vorführen, ist die Fiktionalisierung der Politik - und so ist das Mittel der Literaturkritik am besten geeignet, diese amerikanische Komödie zu bewerten. Mitt Romney ist demnach nicht mehr als der Held eines ziemlich miesen Romans. Georg Diez über Mitt Romney und den Wahlkampf der Republikaner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,857152,00.html)
Vor nicht allzulanger Zeit ist ein mieser drittklassiger Schauspieler zum Präsidenten der USA gewählt worden, obwohl es auch damals dem deutschen Feuilleton sehr mißfiel, welches natürlich sehr viel besser wusste, wer für die US-Amerikaner der richtige und bessere Präsident gewesen wäre. Allerdings wurde Ronald Reagan dann zu einem sehr guten und bis heute geschätzten und beliebten Präsidenten. Schon richtig doof diese Amis..
2. Sie machen es schon wieder, Herr Diez,
doubtful 21.09.2012
Sie schreiben drei Seiten und sagen damit: .... NICHTS ....
3. Natürlich
pfälza 21.09.2012
wird dieser US-Wahlkampf mit einem heiligen Ernst geführt und zwar z.B von SPON. Schauen Sie sich doch mal hier die ganzen Sonderseiten bei jeder Rede und Vorwahl und Parteitag undundund an. Man kommt doch als normaler Leser gar nicht mehr an dem Romney-Hype, der hier völlig überzogen wird, vorbei.
4. Immer Ärger Mitt Romney
thomas-b 21.09.2012
Zitat von sysopWas die Republikaner uns zur Zeit im Wahlkampf vorführen, ist die Fiktionalisierung der Politik - und so ist das Mittel der Literaturkritik am besten geeignet, diese amerikanische Komödie zu bewerten. Mitt Romney ist demnach nicht mehr als der Held eines ziemlich miesen Romans. Georg Diez über Mitt Romney und den Wahlkampf der Republikaner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,857152,00.html)
Den meisten Deutschen scheint entgangen zu sein, dass Herr Romney in den Umfragen nur um einige Prozent hinter Obama liegt. Zwar glaube ich, dass Obama eine gute Chance hat, aber von einer sicheren Wiederwahl würde ich nicht sprechen. Nebenbei bemerkt ist Romney der mit Abstand wählbarste GOP Kandidat von allen - so traurig es auch klingen mag.
5.
think_tank 21.09.2012
Zitat von im-wilkeVor nicht allzulanger Zeit ist ein mieser drittklassiger Schauspieler zum Präsidenten der USA gewählt worden, obwohl es auch damals dem deutschen Feuilleton sehr mißfiel, welches natürlich sehr viel besser wusste, wer für die US-Amerikaner der richtige und bessere Präsident gewesen wäre. Allerdings wurde Ronald Reagan dann zu einem sehr guten und bis heute geschätzten und beliebten Präsidenten. Schon richtig doof diese Amis..
Was Reagans Außenpolitik angeht: das hätte auch nach hinten losgehen können. Die Staatsverschuldung der USA stieg unter Reagan jedenfalls um 180%, die Zinsen dafür werden die Amis bis zum Staatsbankrott zahlen. Was Romney angeht, verglichen mit Bush junior finde ich den fast seriös. Und der Mann würde im Amt ja auch wachsen, Westerwelle arbeitet ja inzwischen auch fast professionell.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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