S.P.O.N. - Der Kritiker: Und nun die Scheinnachrichten

Eine Kolumne von Georg Diez

Drohnen, Merkel, Krise: Die deutschen TV-Nachrichten tun so, als würden sie uns Zuschauer informieren. Tatsächlich stampfen sie uns in die Passivität, sie machen uns dümmer und letztlich uninformierter. Wie es besser ginge, zeigt die BBC.

Die Sklerose unserer Tage hat ein ideales Medium gefunden, und wir zahlen auch noch dafür. Abend für Abend sitzen wir da, in dieser zeittypischen Mischung aus Selbsthass und Apathie, und lassen uns die Welt glattbügeln, auf ARD-Art.

Aber kapiert irgendjemand irgendetwas über Mario Draghi und die Zinssenkung der EZB, wenn er die "Tagesschau" schaut?

Kapiert irgendjemand irgendetwas über die Gewerkschaften, die Arbeit und den 1. Mai, wenn er die "Tagesschau" schaut?

Kapiert irgendjemand irgendetwas über Syrien, Drohnen, Erdogan, die Rente mit 67, Rösler, Steinbrück, Merkel, wenn er die "Tagesschau" schaut?

Wohl kaum. All das sind Scheinnachrichten, weil so getan wird, als wäre das nun der amtliche Ausschnitt der Welt - dabei ist es doch nur staatsnahes Parteien-TV, die üblichen Vertreter der Macht, der Reichstag im Abendlicht plus das eine oder andere Erdbeben: Das eben, was Journalisten für wichtig halten, die selbst nicht wissen, warum das so ist.

Sie machen Schlafwandlerfernsehen, sie nehmen die Pappworte der Parteienroboter und machen daraus ihre eigenen Pappsätze, sie vertrauen ganz der Rationalität der Macht und der Märkte, sie stellen sich vor Regierungsgebäude und wiederholen, was gerade schon in der Anmoderation und im Beitrag gesagt wurde, sie reduzieren die Veränderung der Welt zum Ritual und entziehen die Welt gerade dadurch der Veränderbarkeit: Bürokratie und Katastrophen, das ist das, was sie uns zeigen, das ist eine Strategie von "shock and awe", das stampft den Zuschauer in die Passivität, das ist die mediale Hab-Acht-Haltung und das Gegenteil von Aufklärung, wie es früher hieß, oder Empowerment, wie es heute heißt.

Wozu brauchen wir überhaupt Nachrichten?

Wozu brauchen wir dann überhaupt Nachrichten? Und was sind Nachrichten? Der kluge Schweizer Rolf Dobelli hat vor kurzem das Konzept von Nachrichten ganz grundsätzlich kritisiert, in seinem Manifest "News is bad for you" erklärt er unter anderem, warum diese Art von Nachrichten uns früher sterben lassen, warum diese Art von Nachrichten uns zu falschen Entscheidungen verleiten, warum diese Art von Nachrichten uns dümmer und letztlich uninformierter macht - all das hat mit der Frage zu tun, was eine Nachricht ist.

Oder was News sind. Das ist ja schon ein wesentlicher Unterschied: Ob man nur das berichtet, was war - oder ob man das reflektiert, was kommt. Das Alte oder das Neue. Das Gesicherte oder das Ungesicherte. Ritual oder Herausforderung. Nacherzähltes Mittagessen oder Geschichten aus der nahen Zukunft.

Es ist ein wenig 20. Jahrhundert versus 21. Jahrhundert, die amtliche, angeblich objektive Wirklichkeit, die doch nur, danke: Dekonstruktion, Interessen in Sprache kleidet, versus die offene, eher subjektive Wahrnehmung, die sich ein Problem anschaut und nach Lösungen fragt. Vermelden versus Forschen. Es scheint, dass der neue Journalismus noch stärker Orientierung bieten, Sicherheiten testen, Haltungen hinterfragen, Lösungen suchen muss - bis an die Grenze des Aktivismus.

BBC macht das immer mal wieder vor, wie intelligenter, diskursiver Fernsehjournalismus geht: mal emotional und nah, wenn etwa ein Reporter in das Zimmer führt, in dem sich ein altes italienisches Ehepaar erhängt hat, weil es seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte, und man sich als Zuschauer mehr mit der Euro-Krise beschäftigt als nach hundert Rolf-Dieter-Krause-Kommentaren aus Brüssel; und mal informiert und hintergründig, wenn sich die Redakteurin drei erstaunlich freihändige Experten eingeladen hat, um über Mexiko, die Drogen, die Waffen, den Wahnsinn zu reden, aber auch über Wege aus dem Wahnsinn, Legalisierung von Drogen etwa, ein Diskurs, der wirklich offen ist und überraschend und nicht bloß das Weltbild des Zuschauers oder des Redakteurs bestätigt.

Dem klassischen Journalismus das Selbstvertrauen wiedergeben

Das ist durchaus ethischer Journalismus, der sich nicht scheut, Position zu beziehen - und zwar eine Position jenseits der Parteien, die ja im Grunde auch nur eine Form sind, die Wirklichkeit in ihrer Komplexität zurechtzustutzen, auf drei, vier oder fünf mögliche Meinungen zu einem Thema, das die Parteien wiederum selbst auf den Plan gesetzt haben. Ein bisschen wirkt das immer wie die Reise nach Jerusalem, für die parlamentarische Demokratie ganz nützlich, für den Journalismus, den Zuschauer oder sogar die Wahrheit aber ziemlich fatal.

Es geht also darum, dem klassischen und damit auch dem Fernsehjournalismus das Selbstvertrauen wiederzugeben, das er verloren hat, durch digitale Demütigungen, durch inhaltliche Selbstkastration, durch finanzielle Verengungen, die langsam an die Substanz gehen: Wie soll man heute als freier Journalist leben, wenn man drei, vier, fünf Tage an einem Text arbeitet und dann 200 Euro kassiert?

Ich saß neulich mit ein paar Leuten aus der Berliner Senatsverwaltung im Café Einstein, sehr Old Media, sehr Alte Macht - aber sie beklagten sich, es ging um den leidigen Berliner Architekturdiskurs, dass immer noch die gleichen Meinungsmacher wie vor 20 Jahren die Diskussion bestimmen: Die Jungen hätten dagegen keinen Zugang zu den Zeitungen und Feuilletons, weil da mittlerweile eine gläserne Decke nach unten existiert, die verhindert, dass Neues gesagt oder gedacht wird.

Anita Blasberg hat das neulich in der "Zeit" sehr gut beschrieben, wie sehr es nervt und lähmt, dass die immergleichen 50- bis 60-Jährigen die Debatten prägen - was weit mehr als ein mediales Problem ist, sondern eine echte Herausforderung für die Legitimität dieser Demokratie: Wer keine Stimme hat, kommt nicht vor.

Die "Tagesschau" ist damit nur Symbol einer tieferen Krise. Aber sie bekommt immerhin unser Zwangsgeld dafür, die Demokratie lebendig und transparent zu halten und nicht in Gedankenzwängen und Wortautomatismen ersterben zu lassen.

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insgesamt 185 Beiträge
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1. Nicht wir alle tun uns das jeden Abend an.
mischer1448 10.05.2013
Ich verzichte schon lange darauf, diese regierungsamtlich ausgesuchten und aufbereiteten "Nachrichten" im Staatsfernsehen von einem blonden Mädchen vorgelesen zu bekommen.
2. P
prolet20.4 10.05.2013
Diez, Sie und ihr "Magazin" stehen doch mit in der Schlange der verblöder.
3.
epic_fail 10.05.2013
Zitat von sysopDrohnen, Merkel, Krise: Die deutschen TV-Nachrichten tun so, als würden sie uns Zuschauer informieren. Tatsächlich stampfen sie uns in die Passivität, sie machen uns dümmer und letztlich uninformierter. Wie es besser ginge, zeigt die BBC. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-nachrichten-und-die-krise-des-journalismus-a-899091.html
Danke für den guten Artikel, Herr Dietz! Das Problem ist leider nur, dass diese Art von Nachrichten, wie sie die Tagesschau, oder zum Bleistift auch die RTL Nachrichten, vor 10 -15 Jahren schon gemacht haben , zeigt Wirkung. Sehen Sie sich diese Gesellschaft doch an. Sagt einer was, gibt´s von der Toastbrot-IQ Fraktion einen Shitstorm, wie er nicht mal auf dem Nordpol des Saturns wütet. Fernsehen, so wie es die Deutschen machen, macht dumm! Ein Grund, warum ich seit 15 Jahren keinen einzigen Abend vor dem TV verbracht habe.
4. wäre eine möglichkeit
lesen_und_denken 10.05.2013
Er sitzt in der Zelle, die er nicht als solche begriffen hat, Seine Stunden ticken ab auf dem Ziffernblatt, Er blickt durch einen kleinen Schlitz in die Welt hinaus, Der Schlitz ist von Samsung, ein Flatscreen, Der Gefangene klebt an seim' Sitz, Die Folter gefällt ihm auch, nichts kann ihn wegziehn, Eine Welt die verblödet ist, Sollt' ich jemals anzeichen zeigen so zu werden dann tötet mich! In seiner Höhle wähnt er sich als einen König, Klischeehafte Bilder bringen bei was schön ist, Und Nachrichten, die zusammenfassen, Was andere zusammenfassten, was vorher andre zennsierten, Halten ihm in den Glauben, dem teuer erkauften, Er gehöre zum Kreis der gut informierten Homosapiens-Full-HD-Ensis, Er kam aus dem Meer, die Couch ist sein Ende. Prinz Pi - Höhlenmensch
5. Wo ist die fünfte Gewalt?
cato-der-ältere 10.05.2013
Meinungen machen Politik und bestimmen somit über unser Leben. Meinungen werden gemacht von Profit-orientierten Medien, ängstlichen (nur keine Trend verpassen!) und bequemen (schreiben was die anderen schreiben und die Politiker sagen!) Medienmachern. Dieses fragwürdige System soll also die Legislative usw. kontrollieren? Dazu müsste es erstmal ordentlich funktionieren, was - wie man hier lesen kann, nicht funktioniert. Und wer kontrolliert das? Niemand! Was noch gar nicht erwähnt wurde, warum auch immer, ist dass die Medien letztlich und überwiegend, wenn es drauf ankommt, auf Seiten von Macht und Geld stehen. Das wird ein bisschen mit "Ausgewogenheit" kaschiert, aber man muss sich nur ansehen wie die Steuerreform von Rot/Grün ausschließlich als "Steuererhöhung" tituliert wird. Obwohl eine Erhöhung nur vielleicht 20% nennenswert betrifft. Wie kann man etwas was also für ca. 80% keine Erhöhung ist als solche definieren? Weil die 80% für diejenigen die Einfluss haben was man liest, hört und sieht, bei weitem nicht so viel zählen wie die 20%.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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